Inhaltsverzeichnis

Reiseliteraturformen

Die Formen der Reiseliteratur treten ihrer Zeit entsprechend mehr oder weniger in den Vordergrund und werden zeittypisch geformt:
Synopse der Zeitleisten und Literaturlisten
Literaturliste zur Reiseliteratur
Printing and the Mind of Man PMM
Inwieweit Reisestile und Formen der Reiseliteratur einander beeinflussen, scheint kaum untersucht worden zu sein.

Audivi

Wenn jemand eine Reise tut,
So kann er was erzählen;
Drum nahm ich meinen Stock und Hut
Und tät das Reisen wählen.
Matthias Claudius 1740-1815
Urians Reise um die Welt

»Ich habe gehört« - Damit beginnen viele mittelalterliche Texte in Chroniken oder anderen Aufschriften. Die Reiseliteratur entstand, als jemand begann die Geschichten aufzuschreiben, die man sich abends am Feuer erzählte. Geschichten zu erzählen und zu hören ist bis heute eines der Hauptmotive, dass sich Reisende treffen, unterwegs sowieso, aber auch zwischen den Reisen. In solchen Runden ist der fiktive Gehalt von Geschichten minimal, weil alle einen ähnlichen Erfahrungshorizont besitzen und weil man nie wissen kann, wer eine eigene Erfahrung zum Erzählten beitragen kann.

Umgekehrt bildet Reiseliteratur heute eine wesentliche Quelle für mündliche Erzählungen 1).

Periëgetes

Der altgriechische Begriff περιηγητής bezeichnet den `Herumführer´, der dem Fremden etwas zeigt und erklärt. Verschriftlicht entstand daraus ab dem 3. Jahrhundert BC die literarische Gattung der Periegesis, aus heutiger Sicht eine Beschreibung der Kultur eines Ortes, einer Region oder eines Landes wie etwa Pausanias `Griechenland´ 2).

Periplus und Itinerar

Itinerare und deren Zeitleiste
z. B. Itinerarium Hierosolymitanum

Die wahrhaftigste Form der Reiseliteratur entbehrt jeder persönlichen Note, weil sie in ihrer einfachsten Form nichts anderes bietet als eine Liste von Orten: als Periplus auf dem Wasser, als Itinerar auf dem Land. Diese Reihenfolge bestimmt die Reiseroute. Darin liegt jedoch bereits eine Auswahl, deren Kriterien nicht offen dargelegt sind: Warum diese Route und keine andere? In ein über Jahrhunderte gewachsenes Itinerar sind immerhin die Erfahrungen zahlreicher Reisender eingeflossen, so dass man annehmen kann, dass die Kriterien praktischer Reiseerfahrung entsprechen, also mit Tagesetappen, Versorgungsmöglichkeiten, Unterkünfte, sicherer Wegführung sowohl Orientierung bieten als auch eine Reiseplanung vorgeben.

Hodoeporicon

Literaturliste über Hodoeporica

Viele Jahrhunderte überwog der Versuch objektiv-nützliche und wertvolle Informationen schriftlich zu speichern, die Reise also als Werkzeug des Wissenstransfers (Translatio studii) zu nutzen. Im Mittelalter wird in den Hodoeporica erstmals der Reisende als Individuum erkennbar, mit seinen Erlebnissen, Empfindungen und seiner persönlichen Schilderung. Die Gattung der Lebensreise-Autobiographien findet hier ihre Wurzeln. Hodoeporica ergänzen das routenorientierte Itinerar durch ein interessegeleitetes Ziel, denn das altgriechische ὁδοιπόρικος hodoipórikos besteht aus ὁδός hodos `Weg´ und πορεύομαι poreuomai `Hingehen´, setzt also ein Ziel voraus.

Ego-orientierte Quellen

Liste biographischer Reiseliteratur

Die Ego-Perspektive ermöglicht es, die Zuhörer zu fesseln. Dies zu verschriftlichen und damit zu verbreiten, wie es ab dem 14. Jahrhundert zögerlich zu beobachten ist (154 Reiseberichte zwischen 1334 und 1531, s. Werner Paravicini), erweitert also den Kreis der Adressaten und erhöht damit die Bedeutung des Einzelnen ihnen gegenüber, lässt also einen zunehmenden persönlichen Vorteil vermuten 3).

Reisetagebuch

Ein Reisetagebuch gibt frisch notierte Erlebnisse wieder, wäre also noch (fast) aus der Reisesituation niedergeschrieben - aber ist das wirklich so? Die Apodemik kennt Aufschreibsysteme, die für diesen Zweck geschaffen wurden.

Ein Tagebuch ist die intimste Form Erlebtes wiederzugeben. Vor der Publikation wird jedoch das gestrichen, was nicht ins Bild passt. Kurze Skizzen werden ausgemalt und die Recherche gibt den Sachverhalten Tiefe, wo der Augenschein zu flach gewesen wäre.

Reisebriefe

Reisebriefe sind vielleicht am authentischsten, weil sie einen persönlichen Adressaten haben, sind aus demselben Grund jedoch auch selektiv. Sie stellen einen Rückblick dar, der den Zeitraum seit dem letzten Brief umfasst.

Stammbücher

Stammbücher (lat. album amicorum 'Freundesalben', =Philotheken) dokumentieren das Unterwegs-Sein indirekt und nebensächlich. Entweder reiste jemand mit seinem Stammbuch, dann hinterließen seine Begegnungen Spuren im Stammbuch, mindestens Ort, Zeit und Namen und ermöglicht damit das Erstellen eines Itinerars. Oder jemand wurde besucht, dann finden sich die Spuren der Besucher darin.

Ich bin nicht Ich 
Am 29. Dezember 1951 bricht Ernesto Che Guevara mit seinem Freund Alberto Granado 
und dem Hund »Comeback« zu einer Motorradreise durch Südamerika auf.
Sie starten in Buenos Aires, fahren nach Süden, durchqueren den Kontinent und 
erreichen die berühmte Straße »Latinoamericana«.
Im Sommer des nächsten Jahres sind sie wieder zu Hause.
Der dreiundzwanzigjährige Che Guevara hat seine Erlebnisse, Begegnungen
und Eindrücke in einem Tagebuch festgehalten und später ergänzt: 
  »Die Person, die diese Notizen schrieb, starb, 
  als sie ihren Fuß wieder auf argentinischen Boden setzte, 
  und der sie ordnet und an ihnen feilt, >ich<, bin nicht ich; 
  zumindest bin ich nicht mehr dasselbe innere Ich. 
  Dieses ziellose Streifen durch unser riesiges Amerika hat mich stärker verändert, 
  als ich glaubte«, schreibt er.

Apodemik

Reiseanleitungen, → Literaturliste über apodemische Literatur

Ein Ziel mit anderen zu teilen setzt ähnliche Werte und Interessen voraus. »Richtig reisen« bedeutet dann nicht nur die richtige Route zu wählen, sondern in bestimmter Art und Weise unterwegs zu sein. Ab dem 16. Jahrhundert versuchen Apodemiken zum »richtigen« Reisen anzuleiten. An diesem Wertemuster wurden Reiseberichte gemessen.

»Dergestalt kann man den ganzen Zirkel von Reisenden
unter folgende wenige Rubriken bringen:
  Müßige Reisende,
  Neugierige Reisende,
  Lügende Reisende,
  Aufgeblasene Reisende,
  Eitle Reisende,
  Milzsüchtige Reisende.
Dann folgen die Reisenden aus Notwendigkeit:
  Der seiner Sündenschuld wegen Reisende,
  Der unglückliche und unschuldige Reisende,
  Der simple Reisende.
Und ganz zuletzt - wenn Sie’s nicht übelnehmen wollen!
  Der empfindsame Reisende, - womit ich mich selbst meine - 
  der ich gereist bin und nun mich hinsetze, um Rechenschaft davon abzulegen«.

Reisebericht

Literaturliste Reiseberichte - Travel accounts - récit de voyage
Zeitleiste der Pilgerfahrten

Als Reisebericht gilt eine subjektive Schilderung des Autors in der ICH-Form mit dem Anspruch: Das habe ich erlebt! Meist nicht überprüfbare authentische Erlebnisse sind in geographischen Räumen und Routen (Reisewege, Ziel) lokalisierbar, meist chronologisch angeordnet, oft basierend auf einem Tagebuch. Begleiter, Fotos, Landkarten und Souvenirs belegen den Wahrheitsgehalt.

Zielgruppenspezifische Reiseberichte

Zielgruppenspezifische Reiseberichte bedienen bestimmte Erwartungen wie etwa

Reise-Notizbuch

Reiseberichte als Datenkompendien für eine Gelehrtenrepublik, gesammelt von Gelehrten, Naturforschern (naturalists), Geografen, Wissenschaftlern … Das Reise-Notizbuch organisiert im Unterschied zum Tagebuch das systematische und schematische Sammeln von Beobachtungen oder Messungen unter bestimmter Perspektive, chronologisch und/oder nach Kategorien geordnet, auch tabellarisch.

Übergangsformen zur Travel-Fiction

Eine Reiseskizze oder ein Reise-Essay deuten an, dass sie die reisetypische, chronologische Ordnung verlassen und einem Thema unterordnen. Betrachtungen stehen über Erfahrungen.

Der Reisende wird zum Autor und Erzähler, indem er die ER-Form wählt. Damit distanziert er sich einerseits vom Erlebten, erhöht andererseits jedoch die Glaubwürdigkeit durch seine Position als Beobachter des Reisenden.

Nicht der Reisende, sondern jemand anders beschreibt dessen Erlebnisse, folgt der Erzählung oder dem Tagebuch des Reisenden. Authentizität geht verloren, die Phantasie des Autors füllt Lücken.

Fiktive Reisen

Reisesammlungen

Reisesammlungen und deren Zeitleisten des 16., 17., 18. und 19. Jahrhunderts

Übergangsformen zur Länder- oder Völkerkunde bzw. zu Reiseführern

Der Reisende versteht sich selbst mehr oder weniger als Medium, das objektivierbare Informationen übermittelt. Dazu dient häufig eine MAN- oder ES-Form, die das Land, die Menschen oder ein Thema in den Vordergrund rückt. Eigene Erlebnisse dienen nur dazu, verallgemeinerte objektive Sachverhalte am erfahrenen Einzelbeispiel zu belegen. Weltanschaulich ist das in kommunistischen oder sozialisten Systemen zu beobachten: Individualistisches Reisen ist verpönt, der »wurzellose Kosmopolit« gilt als Abweichler 5) nur im Rahmen »internationaler Solidarität« wird Reisen wertvoll, siehe etwa die Reiseberichte in der DDR.

Länder- und Völkerkunden

Länder- und Völkerkunden generalisieren eine Vielzahl subjektiver Erfahrungen. Das führt im Idealfall zu naturwissenschaftlich exakten und dauerhaften Aussagen über Geologie, Geographie, Fauna, Flora … Meist wird jedoch ein schein-objektives Bild der Welt (Afrika, Orient), der Länder und Menschen entworfen: die ökonomischen und politischen Interessen einer Epoche formen das Bild, sie spiegeln ein zeittypisches Weltverständnis. Hier werden die Begriffe definiert, mit denen Menschen und Regionen zu erkennen und zu beschreiben sind: „So siehst Du die Welt richtig!“

Reiseführer

Literaturliste über Reiseführer

Den größten Marktanteil hat heute das beratende Reisebuch: der Reiseführer in allen seinen Formen mit Kartenwerken, als reisetechnischer Tipgeber, Sprachführer … Diesen objektivierten Reisebüchern ist das subjektive individuelle Erleben genremäßig ausgetrieben.

Reiseführer bieten dem Reisenden Sicherheit. Dazu enthalten sie objektivierte Angaben mit Anspruch auf relative Allgemeingültigkeit. Kriterium zur Bewertung von Inhalten ist deren Nützlichkeit (Preise, Adressen, Zeiten). Verallgemeinerungen sollen helfen, eine Beziehung zum Land herzustellen (Regeln, Verhaltenstips). Sie sind meist zielgruppenorientiert, also geschrieben für eine bestimmte Art der Aktivität (Skifahren, Tauchen, Bergsteigen …) oder für ein besonderes Verkehrsmittel (Auto, Fahrrad, Motorrad, zu Fuß …), für Männer, Frauen , Familien … Ihr Ziel ist die Minimierung von Geld und Zeit bei der Maximierung von Bedürfniserfüllung.

Neuere Formen

Kategorien und Übersetzung

Synopse der Zeitleisten und Literaturlisten

1.1 Travel-Fiction als imaginäre Erfahrung von Welt
1.2 Reiseberichte als experimentelle Erfahrung von Welt
1.3 Karten & Atlanten als empirische gesammelte und nützliche Sicht auf die Welt
1.4 Landes- & Völkerkunden als gesellschaftlich anerkannte Rekonstruktion von Welt
1.5 Reise- & Sprachführer als interessengeleiteter Vermittler zwischen eigener und fremder Welt
1.6 Autoreisebuch
Fachliteratur
Reisetechnik zum Optimieren von Sachsystemen
Deutsch Spanisch Italienisch Französisch Englisch
Apodemik
Reisekunst
Arte de viajar Trattato apodemico
Arte del viaggiare
Art de voyager Ars Apodemica
Art of Travel
Ego-Literatur Recuerdos
Memorias de viajeros
Memorie
Ricordi di viaggio
Souvenirs
Mémoires de voyage
Travel Memoirs
Reminiscences
Fiktive Reisen Libro de viajes ficticios
Utopías
Viaggio immaginario
Romanzo di viaggio
Voyage imaginaire
Roman d'aventures
Travel Fiction
Imaginary Voyage
Hodoeporicon Poesía odeporica Poesia odeporica
Letteratura odeporica
Poésie de voyage Travel Poetry
Odoporica
Länder- & Völkerkunde Corografía
Descripción
Corografia
Descrizione
Chorographie
Description
(Chorography)
Topography
Pilgerbericht Peregrinación
Peregrinaje
Peregrinazione
Cronaca di pellegrinaggio
Pèlerinage Pilgrimage Narrative
Reisebericht Relación
Viaje
Relazione di viaggio
Resoconto
Relation de voyage
Récit
Travel Account
Travelogue
Reiseführer Guía
Itinerario
Guida
Itinerario
Guide de voyage Guidebook
Itinerary
Reisesammlung Colección de viajes Raccolte di viaggi Recueil de voyages Travel Anthologies
Collections
Reisetagebuch Jornada
Diario de viaje
Diario di viaggio Journal de voyage Travel Diary
Reiseliteratur
als Gattung
Literatura de viajes letteratura di viaggio Récit de voyage travel literature
travelogue

Die schematische Darstellung überdeckt unterschiedliche Bedeutungen wie etwa:

Das Verhältnis von Schreiben & Reisen

Die rein menschliche Einstellung der Italiener ist irgendwie sofort erkennbar. 
Rein kulturpolitisch-geographisch ist die italienische Mentalität typisch südlich: 
der Staat verhält sich dort zur Kirche wie die Einsteinsche Relativitätsphilosophie 
zur Kunstauffassung der zweiten chinesischen Kung-Periode und etwa noch wie 
die Gotik des frühen Mittelalters zu den Fratellinis. 
Ein Symptom, das dem geschulten Reisenden sogleich in allen Straßen auffällt.

Berückend der menschliche Zauber der Landschaft, die man durchfährt: 
Pinien gaukeln im Morgensonnenscheine, Zypressen säuseln, Schmetterlinge ziehen 
fröhlich pfeifend ihre Bahn, die fein geschwungenen Nasen der Kinder laufen 
mit diesen um die Wette, und wenn es regnet, so fühlt auch der Wanderer 
aus dem Norden: so kann es nur im sonnigen Italien regnen! 

So macht sich Kurt Tucholsky 1930 lustig über die Kunst, Reise-Erfahrung in Reise-Ausdrücke zu gießen: Der Reisebericht 6), denn der Reisende bringt sich selbst in ein Dilemma beim Versuch Erlebtes für Andere niederzuschreiben ( → Travel Writing: Schreiben & Lügen ):

Ist das Geschilderte authentisch, weil es wahrhaftig ausgedrückt wurde, oder ist es authentisch, weil es wirklich erlebt wurde? Kann es überhaupt authentische Reiseerlebnisse geben, wenn vorher feststeht, dass diese veröffentlicht werden sollen? Und wäre dann nicht der Flaneur der ehrlichere Autor, weil er sich absichtslos der Welt öffnet, das Erleben uninteressiert in sich einströmen lässt und auf die Erfahrung pfeift?

Erzähltes Abenteuer

Richard Kapuscinski
Die Erde ist ein gewalttätiges Paradies
Reportagen, Essays, Interviews aus vierzig Jahren
Wolfgang Hörner (Hrsg.), Aus dem Polnischen von Martin Pollack
Berlin: Eichborn 2000. Pappband mit Umschlag: 315 S.

Richard Kapuscinski
Die Welt im Notizbuch
Aus dem Polnischen von Martin Pollack
Frankfurt am Main:Eichborn 2000. Pappband 12x21 cm: 335 S.

1999 wurde Richard Kapuscinski zum Pol­nischen Journalisten des Jahrhunderts gewählt; bei Eichborn erschienen zuvor bereits fünf Titel von ihm, dann noch einmal fünf Titel. Dem Verlag ist ein Erfolgsautor, dem Autor der Erfolg zu gönnen.

Jeder Journalist ist ein Vermittler zwischen der Realität (Was ist wahr?) und dem, was die Leute hören wollen (Anderes wird nicht verkauft). RK bringt dafür ganz besondere Qualitäten mit; auf dem Waschzettel von Eichborn steht »Die Quelle seiner Inspiration ist das Reisen.« 1957 fuhr RK zum ersten Mal nach Afrika, dann ließen ihn der Kontinent und seine Menschen nicht mehr los. Als Korrespon­dent der polnischen Nachrichtenagentur PAP machte er den Mangel an Geld durch Einfühlungsvermögen und Mut mehr als wett. Seine Nachrichten sind geprägt von persönlichen Erfahrungen und dadurch menschlich. Obwohl sein Beruf verlangt, Distanz zu wahren, sucht er die intensive Nähe, Bodenberührung, taucht ein in die örtlichen Verhältnisse, zuckt nicht zurück vor Krankheiten und Tieren, Elend und Schmutz, Entbehrung und Krieg.

Ich kenne keinen anderen Autor, der es geschafft hat, Afrika so richtig zu erfühlen und so genau zu beschreiben. Immer, wenn ich von meinen afrikanischen Begegnungen erzähle, gerate ich ins Stocken, finde keine passenden Begriffe, will auch nicht die alten Klischees wiederholen, auch wenn sie zu passen scheinen. RK hat es geschafft, die Worte zu finden, das Besondere der Menschen, Kulturen, Länder Afrikas liebevoll zu zeigen, ohne den Alltag zu beschönigen oder zu romantisieren. Afrikanisches Fieber ist genau das richtige Buch, eine Afrikareise vor- oder nachzubereiten.

»Die Erde ist ein gewalttätiges Paradies« zeigt RK nicht nur in Afrika, sondern auch in Polen, Lateinamerika, im Iran, Westeuropa, Amerika und in der Sowjetunion. Und er reflektiert über Heimkehr und Schreiben und Einsamkeit – weshalb eigentölich nicht über das Reisen? Denn hier schreibt wirklich einer, der das Reisen im Blut hat, vielleicht ist es ihm deshalb so selbstverständlich.

Das Metier RKs ist durch den verfügbaren Raum auf Zeitungsseiten geprägt. Ein Essay, ein Reportage mögen mal länger sein, doch seine Kunst ist nicht scheinbare Objektivität des Fotorealismus, sondern das Gestalten durch Weglassen. So füllt sich ein Notizbuch mit sprachlichen Pretiosen: kurzen Einfällen, einer gefälligen Formulierung, Umrissen, Schnappschüssen, … Für deren Schöpfer ist es Fundgrube. Doch damit ein Buch zu füllen? Keine Klammer verbindet diese vielen hundert Schnipsel thematisch, keine Chronologie zeigt Entwicklungen, kein Register erschließt es und so hüpft das Hirn mit verbundenen Augen von Absatz zu Absatz und tastet sich an deren Rändern entlang, planlos.
[Rezension von Norbert Lüdtke, DER TROTTER, 2000]

1)
Rudolf Schenda: Von Mund zu Ohr.
Bausteine zu einer Kulturgeschichte volkstümlichen Erzählens in Europa.
Vandenhoek und Ruprecht, Göttingen 1993
2)
Karl Müller
Fragmenta historicorum Graecorum.
Band 1-5, Paris 1841-70: Didot. https://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb11263757-7
3)
Gerhard Wolf, Die deutschsprachigen Reiseberichte des Spätmittelalters. In: Peter Brenner (Hrsg.), Der Reisebericht. Die Entwicklung einer Gattung in der deutschen Literatur, Frankfurt/Main 1989, S. 85 will »bei der Gebrauchsbindung der Texte anzusetzen, bei den Interessen, die der Autor in einer konkreten gesellschaftlichen Situation gegenüber einem bestimmten Adressatenkreis macht.“
4)
Laurence Sterne: Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien (Original: A Sentimental Journey Through France and Italy, London 1768
5)
»Kosmopolit« Prawda 28. Januar 1949
6)
[Pseud. Peter Panter] Der Reisebericht Vossische Zeitung, 01.01.1930, Nr. 1