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wiki:weg

Weg

Wo ein Wille ist, findet sich auch ein Weg.

Diese Redewendung ist weder deutsch noch sehr alt, sondern erscheint zuerst im Englischen 1822 als »Where there is a will, there is a way« 1). Im Kern bezeichnet der Weg eine unsichtbare Linie durch den Raum, die ein Körper beschreibt, von einem Punkt ausgehend und an einem anderen endend. Die gedachte Linie und die zielgerichtete Bewegung bilden das Wesen des Weges, während die hinterlassene Spur lediglich eine Folge davon ist und der Pfad wiederum aus wiederholten Spuren entsteht. Zur Straße wird der Weg erst durch Herrichten, durch Plan, Arbeit, Handwerk, Technik, also einer gemeinschaftlichen Anstrengung.

Unter allen 21 Nomina der Fortbewegung in den altgermanischen Sprachen sind nur *wega und *ganga in allen Einzelsprachen bezeugt, dabei führt das Weg-Wort mit 730 Belegstellen und wird zum Angelpunkt der Fortbewegung und der damit verbundenen Metaphern. Die Varianten des Wortes sind über die gesamte Zeit immun gegen Bedeutungswandel und lassen damit auf Wurzeln schließen, die bis in die gemeingermanische Zeit reichen 2). Als Metapher zeichnet sich der `Weg´ aus durch

  • Innere Kennzeichen
    • Ziel
    • Richtung
    • Zweck
  • Äußere Bedingungen
    • Landschaft
    • Passage
    • Transportmittel: zu Fuß, Pferd, Wagen …
  • Resultierende Form
    • Streckenführung
    • Länge
    • Tempo

Zehnder, Markus Philipp
Wegmetaphorik im Alten Testament.
Eine semantische Untersuchung der alttestamentlichen und altorientalischen Weg-Lexeme mit besonderer Berücksichtigung ihrer metaphorischen Verwendung. Zugl. Diss. Univ. Basel 1997. Berlin / New York 1999.

Etymologie

`Weg´ ebenso wie `bewegen´ wurzeln im indogermanischen u̯ai, das solch ein zielgerichtetes Bewegen ausdrückt, dabei jedoch Kraft und Willen ausdrücklich betonend in den Begriffsfeldern:

  • jagen (Waidwerk), verfolgen, verlangen, streben, sehnen, wollen > Kampf
  • Nahrung suchen (weiden), genießen > Speise, Wegzehrung
  • eilig, schnell, kräftig > Fahrt, Reise
  • leiten, lenken, führen > Spur, Weg, Pfad

Das mit Weg [u̯ai] sprachverwandte lateinische vir `Mann´ (igs. u̯ī̆ro, `der Kräftige´) betont die urwüchsige Kraft und findet sich auch in Werwolf und dem nordischen vargr 3).

Die Metapher vom Lebensweg könnte bereits in diesen sprachlichen Wurzeln angelegt sein, denn da solch kreatürliche Kraft Ausdruck von Leben (vita) ist - `jung, grün, lebendig´ - zeigen sich im Lateinischen `virgo´ (Jungfrau), `vir´ (Mann), `viridere´ (grün), `virga´ (junge Weidenrute), `verga´ `Hirtenstab´ 4).

Im Isidor Vuegh, im Ottfried Weg, bei Ulphilas Wigs, im Angels. Waeg, im Isl. Vegur, im Schwed. Väg, im Engl. Way, im Lat. Via, in den ältesten Zeiten Veha 5) und mhd. wec, gen. weges, mnd. wech, afries. wei, wi, anord. vegr (auch 'fahrt, reise, ausweg, verfahren, art und weise, richtung, seite, strecke') dän. vei 6).

Synonyme

Das griechische ὁδός

Das griechische Wort für Weg, ὁδός hodós (`Hodometer´) wurzelt im idg. *sed- gehen, bildet jedoch mit der Vorsilbe μετα metá `nach, mit, zwischen, über´ das heute vertraut erscheinende Wort `Methode´ und deutet damit auf den `Weg zu einem Ziel hin´ als Art und Weise dieses Ziel zu erreichen. Insofern sind ὁδός und Weg bedeutungsgleich.

Das nordische leið

In den nordischen Sprachen findet sich der Rómavegr und der Wegur til Róms, aber auch Wege im Sinne von Routen wie vestri leið, eystri leið 7). Während hier `Weg´ vorwiegend die Landreise mit dem Ortsziel bezeichnet, verweist leið eher auf eine Schiffahrtsroute und die Angabe der Himmelsrichtung; erkennbar auch an der etymologischen Wurzel zu *leiÞan im Sinne von `gleiten´ 8). Himmelsrichtungen werden aber nicht am Kompass festgemacht, sondern an variablen Orientierungssystemen: Man segelt nordwärts, weil die Küste rechts zu sehen ist, auch wenn der Küstenverlauf nach Osten oder Süden abknickt 9): Im Namen nor-way ist der Landesname Norwegen angelegt - das Land, wo der nor-way wieder nach Süden führt.

leið öffnet ein Begriffsfeld um den Weg, aber auch um das Leiden, gemeinsam ist beiden die zielgerichtete Bewegung, das Vorankommen. Diese Bewegung im physischen ebenso wie im übertragenen Sinne führt auf ein Ziel hin, sie bringt den Menschen weiter, befördert und entwickelt ihn. Ausgelöst wird die Bewegung durch einen inneren Antrieb, den Druck der Drangsal, das drängende Bedürfnis zu etwas hin 10).

Das australische wea

Die tradional pathways der australischen Ureinwohnerwaren verbanden die physische Wegbeschreibung mit einer mindmap aus Geschichten, ihre Vorfahren und die Natur betreffend zur wea, bei uns bekannt geworden als »Traumzeit« 11)


  • Schimmel, Annemarie
    Das Thema des Weges und der Reise im Islam.
    Opladen Westdt. Verl. 1994 Literaturverz. S. 25 - 27
  • Kufeld, Klaus
    Ars viatica als utopisches Paradigma: Sinn, Erkenntnis, Glück
    In: Die Reise als Utopie. Leiden, 2010: Brill doi: https://doi.org/10.30965/9783846749371_007
  • Straub J., Seitz H.
    Metaphernanalyse in der kulturpsychologischen Biographieforschung
    Theoretische Überlegungen und empirische Analysen am Beispiel des „Zusammenschlusses“ von Staaten.
    In: Bohnsack R., Marotzki W. (eds) Biographieforschung und Kulturanalyse. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 1998. https://doi.org/10.1007/978-3-663-09433-3_12
  • Wege, S.
    The way we think. Raumkohärenzbildung am Beispiel des Weg-Schemas. Eine kognitionslinguistische Perspektive.
    In: Die biologisch-kognitiven Grundlagen narrativer Motivierung. Leiden 2016: Brill | mentis. doi: https://doi.org/10.30965/9783897854642_006
  • Paul Michel (Hg.)
    Symbolik von Weg und Reise
    Wien Lang 1992, darin:
    • Zum Bild des Weges in der Literatur des antiken Griechenland
      THOMAS FLEISCHHAUER
    • Gott und Mensch auf dem Weg.
      Einige Hinweise zur hebräischen Bibel, ausgehend von Jes. 55,9
      FELIX MATHYS
    • Zum Motiv des Weges im Buddhismus
      KARL H. HENKING
    • Aufstieg und Abstieg.
      Zur Metapher des Weges bei Rudolf von Biberach, Meister Eckhart und Johannes Tauler
      NIKLAUS LARGIER
    • Die Wegmetapher in den Autobiographien von Johannes Butzbach und Ignatius von Loyola
      ANDREAS BERIGER
    • Unterwegs nach Jerusalem: Die Pilgerfahrt als Denkabenteuer
      URSULA GANZ-BLÄTTLER
    • John Bunyan, »Die Pilgerreise nach dem Berge Zion«
      MARIA HUTTER
    • Weg und Wandlung
      Ethnologische Feldforschung zur Spiritualität heutiger Jakobs-Pilger und Pilgerinnen

      BARBARA HAAB
    • Das Eigene und das Andere.
      Strategien der Fremddarstellung in Reiseberichten

      STEFAN DEEG
    • Ahasver. Studien zur Sage über den Ewigen Juden
      GÜNTHER KAPFHAMMER
    • Das Bild der Brücke in Märchen und Sage
      KATA LINHORN
    • Sightseeing, Shopping, Souvenirs und Spezialitäten.
      Symbole und Symbolkonsum in massentouristischer Sicht

      UELI GYR
    • The Way Inward; or, Swift's Knife
      ALLEN REDDICK
    • „Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg“: Zum Motiv des Weges bei Franz Kafka
      BERNARD FASSBIND
    • Weg und Fahrt im Traum
      PETER SEIDMANN
    • Way Symbolism in Personal Life
      Illustrated and Explained from a Taoist Perspective
      RENS J. P. VAN LO ON
  • Weg — Richtung — Gericht
    HERMANN LEVIN GOLDSCHMIDT
1)
Woher stammt die Redewendung »Wo ein Wille ist, (da) ist auch ein Weg«?
Der Sprachdienst 6/2017
Jennifer Speake
The Oxford Dictionary of Proverbs
5. Aufl., Oxford: Oxford University Press, 2008, S. 346
Sandreczki, C
Reise nach Mosul und durch Kurdistan nach Urumia
unternommen im Auftrage der Church Missionary Society in London 1850
In brieflichen Mittheilungen aus dem Tagebuche. Steinkopf, 1857, Zweiter Teil S. 45, Fussnote
2)
Winfried Breidbach: Reise - Fahrt - Gang. Nomina der Fortbewegung in den altgermanischen Sprachen. Peter Lang 1994 Diss. Köln
3)
N. L. Westergaard
Über die Verwandtschaft zwischen dem Sanskrit und Isländischen
Zeitschrift für die Wissenschaft der Sprache. G. Reimer, Berlin 1846
S. 124 und 137-139 über die sprachlichen Verbindungen zwischen Vargr (aisl.), Vrika (sk.) `Wolf´ zu ver (isl.), vira (sk.) `Mann´.
4)
sehr ausführlich diskutiert https://latin.stackexchange.com/questions/5455/are-vir-and-virgo-etymologically-relatedhier;
Romain Garnier
Sur l’étymologie du latin virgō « vierge «
Studia Etymologica Cracoviensia, 2014, 19, 2, S. 59-70
5)
„Wẽg“, Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart (Ausgabe letzter Hand, Leipzig 1793–1801), digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/21, <https://www.woerterbuchnetz.de/Adelung?lemid=W01120>, abgerufen am 23.05.2021
6)
„weg, m.“, Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/21, <https://www.woerterbuchnetz.de/DWB?lemid=W10890>, abgerufen am 23.05.2021; zu vegr s. Fritzner 3, 891
7)
Leiðarvisir einem Itinerar von Nikúlas Bergsson um 1155
8)
Breidbach, S. 260
9)
Simonsen, Povl
Ottar fra Hålogaland Ottar 14 (1957) 3, Anmerkung 11, S. 10 f.
Ottar, Populære småskrifter fra Tromsø Museum. Lofotpostens trykkeri
10)
Das Leiden: Der Weg, das Befördernde, das Entwickelnde, in:
Kühnhold, Christa
Der Begriff des Sprunges und der Weg des Sprachdenkens
eine Einführung in Kierkegaard
Berlin 1975: Walter de Gruyter
S. 112-115, dort auch ein anschauliches Begriffsfeld
11)
Spooner, P. G., M. Firman, Yalmambirra
Origins of Travelling Stock Routes. 1. Connections to Indigenous traditional pathways. The Rangeland Journal. 32 (3) 2010: 329-339.
wiki/weg.txt · Zuletzt geändert: 2021/07/27 07:48 von norbert