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Der Wilde Mann

Menschen, die außerhalb der Gemeinschaft in der Wildnis - Wald, Busch oder Feld - leben, sind nicht geheuer und werden in der Vorstellung zum suspekten Waldbewohner, leicht zum Ungeheuer, zum Wilden Mann, den es seit dem Hochmittelalter in vielen Spachen gibt: lat. silvaticus, engl. woodwose, forest dweller, frz. homme sauvage, it. uomo selvatico, span. hombre salvaje o ser de los bosques, port. Homem selvagem, bask. Gizon Basatia, slavisch Leshy, lešij, russ. леший oder Дикий человек usw. 1). Unveränderlich durch alle Zeiten bleibt der Wilde Mann ein stark behaarter Einzelner.

Der Wilde Mann als mythische Figur in der Antike

Die Figur des Wilden Mannes ist weit älter als der Begriff und findet seine Wurzeln in Göttern, Vegetationsgeistern, Halbgöttern, Heroen. Als psychologischer Archetyp steht er für den Menschen, der sich aus der Natur entfernt hat, indem er den Apfel der Erkenntnis aß. Dennoch bleibt er seiner Abstammung nach ein Tier. Diese archetypische Figur ist erschreckend und furchteinflößend, jedoch nicht feindlich gesinnt. Es ist vielmehr die Furcht vor der eigenen Wildheit, die angesprochen wird, weil der Mensch ursprünglich Teil der Wildnis war.

Dort wird er durch seine Nähe zur Natur, durch Kraft und Stärke auch zur beschützenden Figur, seine Attribute sind Bart und Haare, Keule und einfachste Bekleidung (z.B. Blätter, Fell):

Den Zwischenraum außerhalb des befriedeten Raumes teilte der Wilde Mann mit mythischen Waldgeistern, die im Unterschied zum Wilden Mann jedoch Mischwesen sind wie der man-of-the-bush, Zwischenwesen wie ein Satyr mit Hörnern oder Bocksfüßen, über- oder unterirdisch hausend.

Der Wilde Mann als Friedloser und Ausgeworfener im Mittelalter

Als Waldgänger, Warger oder Vargr ist er ein Friedloser oder rumelant (homo qui per silvas vadit) 3), weil er nicht friedlich in und mit seiner Gemeinschaft leben kann, daraus verstoßen wurde und wieder zum Tier wird. Daraus begründet sich eine moralische Norm und ein Rechtsgrundsatz, der den Waldgänger als ehrlos, rechtlos und heimatlos kennzeichnet, einen Outlaw eben. Acht und Bann waren de jure keine Todesstrafe, liefen jedoch de facto darauf hinaus. Über viele Jahrhunderte bedeutete in Germanien zu siedeln mit der Großfamilie in einem einräumigen Langhaus mit Gesinde und Vieh zu leben. Wer dort ausgeschlossen wurde, fand keine neue Heimat in einer Welt, die kaum größere Dörfer und gar keine Städte kannte. Es blieb nur der Weg in den Wald. 4). Ursprünglich müssen diese Geächteten wohl Wolfsfelle getragen haben 5). Erst 1030 wurde ein Gesetz erlassen, das Waldgängern nach 20 Jahren in der Wildnis die Rückkehr in die Gemeinschaft erlaubte. 6)

Strafrechtlich erwuchsen die Friedlosen aus dem germanischen Rechtsverständnis des Mittelalters. Dieses wurde bis ins 13. Jahrhundert zunehmend institutionalisiert durch Kirche (Bann) und Herrscher (Acht).

Der Wilde Mann als Einzelner im Mittelalter

Die wohl älteste Darstellungen eines Wilden Mannes finden sich im französischen Raum um das Jahr 1.000 7); die Wilde Frau (lamia, holzmoia vel wildaz wip) wird in den Mondseer Fragmenten (des 10. Jahrhunderts genannt. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts bezeichnet sich ein geistlicher (!) Dichter selbst als Wilden Mann 8). Bis zum 14. Jahrhundert sind aus unheimlichen Kreaturen freundlichere Wesen geworden und erscheinen auf Spielkarten, Wandteppichen, Plastiken, Münzen und Wappen. Die Wilden Leute lassen sich auch deuten als Ausdruck einer Sozialkritik am städtischen Leben und Vision neuer Freiheiten 9).

Der Wilde Mann und die Wilde Frau wurden von der mythischen Figur zum Stereotyp von Außenseitern, die ein Leben Einzelner außerhalb der Gemeinschaft führten, also auch allgemeingültige Normen (Sitten, Gebräuche, Regeln) neu definierten: »homo agrestis corpore magnus et pilosus ut porcus« 10), von bäurischer Gestalt und behaart wie ein Schwein. Gegensätze zeigten sich in Natur/Kultur, Christentum/Heiden, befriedeter Bereich/Wildnis, Vertrautes/Fremdes, Heimat/Unterwegs-sein, Wildes/Zahmes, Trieb/Askese, bekleidet/nackt (→ Fahrende Händler), grob/fein usw.
Neu war jedoch, das sich die Bewertung dieser Gegensätze veränderte, dass ein Leben außerhalb nicht mehr nur ein Leben in Sünde und Verdammnis war, sondern als Lebensform mit neuen Möglichkeiten wahrgenommen wurde 11).

Der deutsche Prediger Johann Geiler von Kaysersberg (1445–1510) unterschied zwar fünf im Wald wohnende Menschentypen 12), jedoch wurden diese von ihm nicht als richtige Menschen angesehen, weil sie sich aus unterschiedlichen Gründen aus der Gemeinschaft gelöst hatten:

Dass wilde Leute aus dem Wald in die Städte kamen und dort blieben ist sicher, denn sprachübergreifend entstanden ab dem 13. Jahrhundert dementsprechende Bei- und Familiennanmen, die belegen, dass es ein Vorstellungsmuster 14) für diese Namenzuweisung gab:

Zusammenstellungen von Bild- und Textquellen

Edle Wilde und Einfaches Leben

Parallel dazu entsteht der Edle Wilde als eine Figur des Entdeckungszeitalters ab dem 15. Jahrhundert, die zunächst dazu diente über den Blick von außen Gesellschaftsutopien zu formulieren, im 18. Jahrhunderts dann romantisierend das Rousseausche Zurück zur Natur verklärend und im Deutschen als Waldeinsamkeit verklärend. Im Englischen war der sauvage `Wilder´ ursprünglich synonym zu Wilder Mann und wildem Tier und wurde erst im sentimentalen 17. Jahrhundert zum nature's gentleman.

Die zeitgenössische Fortsetzung zeigt sich in Lebensformen wie dem Traum vom einfachen Leben, Frugalismus, Autarkie auf dem Land.

Literatur

1)
siehe die Namensvielfalt im nördlichen Italien bei https://it.wikipedia.org/wiki/Uomo_selvatico#NomiWikipedia
2)
Mathias Winkler: Haare/Haartracht in: Bibellexikon
3)
Grimm: Rechtsaltertümer 2. Ausg. S. 733
4)
Oliver Berggötz: Rezension in: H-Soz-Kult 08.08.2022 zu: Steuer, Heiko: „Germanen“ aus Sicht der Archäologie. Neue Thesen zu einem alten Thema. Berlin 2021
5)
Wolf hoc est expulsus de eodem pagus; vargus esto, vargus habeatur; Wolfshaupt: quod anglice wulfes heved dicitur; ex tunc enim (uthlagati) gerunt caput lupinum …
6)
Grimm: Rechtsaltertümer. Leipzig 1922, Bd. 2, 335
7)
John Tchalenko
Earliest wild-man sculptures in France.
Journal Medieval Hist. 16 (1990) 217–234 DOI
8)
Larissa Schuler-Lang
Wildes Erzählen – Erzählen vom Wilden. „Parzival“, „Busant“ und „Wolfdietrich D“.
(=Literatur, Theorie, Geschichte, 7) Berlin 2014: De Gruyter. DOI S. 49-50
9)
Luciana Villas Bôas
Os selvagens de Nuremberg e o seu lamento pela imprensa de 1545. Letras, Santa Maria, 24.49 (2014) 131-151. DOI. Zum Holzschnitt von Hans Schäufelein und dem zugehörigen Gedicht von Hans Sachs
10)
Zingerle von Summersberg, Oswald
Die Quellen zum „Alexander“ des Rudolf von Ems.
Im Anhange: Die „Historia de preliis“. Breslau 1885: W. Koebner. Nachdruck Hildesheim 1977: Olms. S. 237, 104.15
11)
Yamamoto, Dorothy
The Boundaries of the Human in Medieval English Literature.
Oxford 2000. S. 150-151.
NN: The Wild Men of the Pyrenees. Perennialpyrenees January 16, 2018. Online
12)
Geiler von Kaysersberg, Johannes
Die Emeis
[ dis ist das Buch von der Omeissen, unnd auch Her der Künnig ich diente gern und sagen von Eigentschafft der Omeissen und gibt Underweisung von den Unholden und Hexen und von Gespenst der Geist unnd von dem wütenden Heer wunderbarlich und nützlich zuwissen,… ]
S. XL Straßburg : Grüninger, 1516 Online
13)
1494 teilt Papst Alexander VI. im Vertrag von Tordesillas die Welt zwischen Spanien und Portugal auf.
14)
wildemann, Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/21, abgerufen am 18.08.2022
15)
Alinei, Mario: Dizionario etimologico-semantico dei cognomi italiani. Varazze (Savona) 2017: PM.
16)
Reaney, Percy Hide, Richard Middlewood Wilson. A dictionary of British surnames. London 1979: Routledge & Paul.