»Itinerar(ium)« wurzelt im lateinischen ire 'gehen', daraus abgeleitet itinerarius 'die Reise', itinerari (Plural: 'Reisen'), iter 'Weg', ebenfalls im Sinne von reisen. Das war nicht immer so.
Die ältesten schriftlichen Belege für Itinerarium finden sich spätrömisch im Ausgang des 4. Jahrhunderts n. Chr.
Flavius Vegetius Renatus in Epitoma rei militaris (Veg. Mil. 3, 6) 1) und umfasst das 'itineraria provinciarum' deutlich mehr als nur eine Liste von Ortsnamen, sondern so ziemlich alles, was man auch heute von einem Reiseführer erwartet.Ammianus Marcellinus ist »itinerarium sonare« 2) der Ton des Lituus zum morgendllichen Aufbruch bei einem Feldzug und der Abschluss aller Vorbereitungen dazu. Das Itinerarium erscheint hier als Phase und Organisationssystem mit der Funktion, den Feldzug während der Reise zum Ziel abzusichern. 3) Es ist daher vor Antritt der Reise abgeschlossen. Dies deckt sich mit der Beschreibung in Historia Augusta, 18. Severus Alexander, LCL 140: 268-269 4)
Später wird der Begriff für Dokumente verwendet, die aus demselben Jahrhundert stammen wie die obigen Zitate. Der Begriff 'Itinerarium' wird also irgendwann ab dem 4. Jahrhundert aus dem militärischen Bereich übertragen auf Dokumente, welche als gemeinsames Kennzeichen eine Liste von Ortsnamen enthalten, die eine Route bilden:
Das Itinerarium (plural: Itineraria) erscheint heute als ein Artefakt (Sachsystem) mit dem Zweck, mit dem geringstmöglichen Aufwand eine Route von A nach B reisepraktisch zu erschließen.
Notwendig, aber nicht hinreichend für ein Itinerar ist eine Ortsnamenliste. Hinzu kommt erstens, dass diese Liste räumlich geordnet sein muss, also eine entsprechende Raumvorstellung widerspiegelt. Zweitens muss diese Ordnung sich in der Wirklichkeit durch einen gangbaren Weg bewähren, setzt also Erfahrung voraus.
Szabó (2003) wies darauf hin, dass die Anfangs- und/oder Endpunkte mancher (Pilger-)Itinerare nicht am Wohnsitz des Autors beginnen oder enden, sondern an einem zentraleren Ort (Einsiedeln: 1495 Künig, Lübeck: Hausbok, Avignon: 1350 Bonis …), der vielleicht als Sammelplatz für Pilger diente, zu dem hin ein Itinerar überflüssig war.John Ogilby 1675) zum RechteckThomas Butler ergänzt um 1550 die Gough Map (=Bodleian Map, um 1300) durch 9 Routen in Form von Itineraren. Bis heute werden viele Karten mit Entfernungstabellen und Ortslisten ergänzt, so dass die individuelle Reiseplanung zu einem Itinerar führt. Gerlach Adolf von Münchhausen 1748).Egerias Briefbericht ein Itinerar rekonstruiert werden;
Handgeschriebene Itinerare sind in einer überschaubaren Anzahl überliefert. Die von Wolkenhauer 1907 beschriebene Itinerarrolle (datiert um 1520) ist bis heute ein singulärer Fund (Pablo-Martí 2023), technisch ein Rotulus (Miedema 2020) und wird informationstechnisch ergänzt durch einen Kalender mit Mondphasen und Feiertagen, durch Stoffmaße.
Mit der Vervielfältigung durch den Druck (insbesondere als Einblattdrucke) ab dem 16. Jahrhundert gehen einher:
| Funktion | Form | Informationsgehalt | Titel |
|---|---|---|---|
| Wegweiser | Liste | Ortsfolge als Route | Weg-Weiser |
| Entfernung | Liste | Länge oder Reisetage linear zwischen zwei Orten eindimensional | Meilenzeiger |
| Tabelle | systematische Distanzen zwischen allen Orten zweidimensional | Tabula Poliometrica | |
| Ortsnamen | Liste | Toponyme alphabetisch geordnet | Städte-Weiser |
| Ortskategorien | Signaturen | Städte, Burgen, Märkte, Dörfer, Flecken, Klöster | |
| Raumvorstellung | Schema | Routen als Strahlen von einem Zentrum aus in Himmelsrichtungen vor 1521 Straßburg 1560 Nürnberg 1639 Augsburg | »in einem Cirkel gesetzte Scalae« |
| Liste | Posten (posta stationes) | Kursbuch | |
| Karte | Blick von oben, Maßstab, genordet, Straßen mit Entfernungsangaben | ||
| Hilfsmittel | Tabelle | Quadratzahlen | Tabula Pythagorae |
| Anschauung | Bild | Allegorien, Ansichten | |
| Sprache | Kartusche | Übersetzung | |
| Herrschaft | Kartusche | Wappen, Widmung | |
| Impressum | Kartusche | Zeichner, Stecher, Verleger, Ort, Jahr |
Titelvarianten:
Astygnomon, Burattino (ital.), Columnam Milliariam, »Künstliche anzaygung«, Landtafel, Meilenzeiger, Namen-Weiser, Raißbüchlin, Städte-Weiser, Stadiasmus, Tabula Pythagorae, Tabula Poliometrica, Viatorium, Warhaffte Beschreibung (Accvrrata Descriptio), Wegzeiger u.a.m.
Diese Begriffsvielfalt spiegelt sich nicht in anderen Sprachen.
Alle Entferungsangaben im römischen Reich bezogen sich auf das Milliarium Aureum, die unter Kaiser Augustus errichtete Säule im Herzen des antiken Roms beim Tempel des Saturn. In der Antike war es die Aufgabe von Bematisten (griechisch) und Agrimensoren (römisch) das Heer zu begleiten, dabei den Weg und die Landschaft zu vermessen und Itinerare zu erstellen. Alexander der Große gründete die Bibliothek in Alexandria auch mit dem Ziel, das geographische Wissen seiner Zeit zu sammeln, indem die Itinerare seiner Bematisten und die Periploi der anlegenden Schiffe gesammelt wurden.
→ Ausstellung mit Begleitband: 2020 Auf Achse mit den Römern: Reisen in römischer Zeit
Das mittelalterliche Wegenetz ging aus dem römischen Straßennetz hervor. Nicht nur Städte, sondern auch manche Orte zeigen eine alte Wegeverbindung an, die oft noch in Flurnamen erhalten ist, etwa:
Eine Vorgehensweise, römische Itinerarien praktisch zu deuten, findet sich in:
Günther Jannach| Kasus | Singular | Plural | Frage? |
|---|---|---|---|
| Nominativ | iter | itinera | wer? was? |
| Genitiv | itineris | itinerum | wessen? |
| Dativ | itineri | itineribus | wem? für wen? |
| Akkusativ | iter | itinera | wen? |
| Ablativ | itinere | itineribus | wann? wo? wodurch? womit? |
| Kasus | Singular | Plural | Frage? |
|---|---|---|---|
| Nominativ | itinerārium | itinerāria | wer? was? |
| Genitiv | itinerāriī | itinerāriōrum | wessen? |
| Dativ | itinerāriō | itinerāriīs | wem? für wen? |
| Akkusativ | itinerārium | itinerāria | wen? |
| Ablativ | itinerāriō | itinerāriīs | wann? wo? wodurch? womit? |
→ Literaturliste Itinerare
→ Literaturliste zur Kunst des Reisens
→ Zeitleiste der Itinerare und Periploi mit Quellen und Synopse mehrerer Zeitleisten im Vergleich
Michael RathmannNikúlas Bergsson, 1155 Abt des Klosters MunkaÞerá, der 1149 bis 1154 nach Rom und Jerusalem pilgerte. Zitiert nach Wassenhoven, Dominik