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Itinerar

»Itinerar(ium)« wurzelt im lateinischen ire 'gehen', daraus abgeleitet itinerarius 'die Reise', itinerari (Plural: 'Reisen'), iter 'Weg', ebenfalls im Sinne von reisen. Das war nicht immer so.

Die ältesten schriftlichen Belege für Itinerarium finden sich spätrömisch im Ausgang des 4. Jahrhunderts n. Chr.

Das Itinerarium erscheint hier als Phase und Organisationssystem mit der Funktion, den Feldzug während der Reise zum Ziel abzusichern. 3) Es ist daher vor Antritt der Reise abgeschlossen. Dies deckt sich mit der Beschreibung in Historia Augusta, 18. Severus Alexander, LCL 140: 268-269 4)

Später wird der Begriff für Dokumente verwendet, die aus demselben Jahrhundert stammen wie die obigen Zitate. Der Begriff 'Itinerarium' wird also irgendwann ab dem 4. Jahrhundert aus dem militärischen Bereich übertragen auf Dokumente, welche als gemeinsames Kennzeichen eine Liste von Ortsnamen enthalten, die eine Route bilden:

Das Itinerarium (plural: Itineraria) erscheint heute als ein Artefakt (Sachsystem) mit dem Zweck, mit dem geringstmöglichen Aufwand eine Route von A nach B reisepraktisch zu erschließen.

Formen des Itinerars

Notwendig, aber nicht hinreichend für ein Itinerar ist eine Ortsnamenliste. Hinzu kommt erstens, dass diese Liste räumlich geordnet sein muss, also eine entsprechende Raumvorstellung widerspiegelt. Zweitens muss diese Ordnung sich in der Wirklichkeit durch einen gangbaren Weg bewähren, setzt also Erfahrung voraus.

Itinerare als Informationssystem

Handgeschriebene Itinerare sind in einer überschaubaren Anzahl überliefert. Die von Wolkenhauer 1907 beschriebene Itinerarrolle (datiert um 1520) ist bis heute ein singulärer Fund (Pablo-Martí 2023), technisch ein Rotulus (Miedema 2020) und wird informationstechnisch ergänzt durch einen Kalender mit Mondphasen und Feiertagen, durch Stoffmaße.
Mit der Vervielfältigung durch den Druck (insbesondere als Einblattdrucke) ab dem 16. Jahrhundert gehen einher:

Funktion Form Informationsgehalt Titel
Wegweiser Liste Ortsfolge als Route Weg-Weiser
Entfernung Liste Länge oder Reisetage
linear zwischen zwei Orten
eindimensional
Meilenzeiger
Tabelle systematische Distanzen
zwischen allen Orten
zweidimensional
Tabula Poliometrica
Ortsnamen Liste Toponyme alphabetisch geordnet Städte-Weiser
Ortskategorien Signaturen Städte, Burgen, Märkte,
Dörfer, Flecken, Klöster
Raumvorstellung Schema Routen als Strahlen von einem
Zentrum aus in Himmelsrichtungen
vor 1521 Straßburg
1560 Nürnberg
1639 Augsburg
»in einem Cirkel
gesetzte Scalae«
Liste Posten (posta stationes) Kursbuch
Karte Blick von oben, Maßstab, genordet,
Straßen mit Entfernungsangaben
Hilfsmittel Tabelle Quadratzahlen Tabula Pythagorae
Anschauung Bild Allegorien, Ansichten
Sprache Kartusche Übersetzung
Herrschaft Kartusche Wappen, Widmung
Impressum Kartusche Zeichner, Stecher, Verleger, Ort, Jahr

Titelvarianten:
Astygnomon, Burattino (ital.), Columnam Milliariam, »Künstliche anzaygung«, Landtafel, Meilenzeiger, Namen-Weiser, Raißbüchlin, Städte-Weiser, Stadiasmus, Tabula Pythagorae, Tabula Poliometrica, Viatorium, Warhaffte Beschreibung (Accvrrata Descriptio), Wegzeiger u.a.m.
Diese Begriffsvielfalt spiegelt sich nicht in anderen Sprachen.

Alle Entferungsangaben im römischen Reich bezogen sich auf das Milliarium Aureum, die unter Kaiser Augustus errichtete Säule im Herzen des antiken Roms beim Tempel des Saturn. In der Antike war es die Aufgabe von Bematisten (griechisch) und Agrimensoren (römisch) das Heer zu begleiten, dabei den Weg und die Landschaft zu vermessen und Itinerare zu erstellen. Alexander der Große gründete die Bibliothek in Alexandria auch mit dem Ziel, das geographische Wissen seiner Zeit zu sammeln, indem die Itinerare seiner Bematisten und die Periploi der anlegenden Schiffe gesammelt wurden.
→ Ausstellung mit Begleitband: 2020 Auf Achse mit den Römern: Reisen in römischer Zeit Das mittelalterliche Wegenetz ging aus dem römischen Straßennetz hervor. Nicht nur Städte, sondern auch manche Orte zeigen eine alte Wegeverbindung an, die oft noch in Flurnamen erhalten ist, etwa:

Eine Vorgehensweise, römische Itinerarien praktisch zu deuten, findet sich in:

Die Formentabelle der Fälle von iter und itinerārium im Lateinischen

Kasus Singular Plural Frage?
Nominativ iter itinera wer? was?
Genitiv itineris itinerum wessen?
Dativ itineri itineribus wem? für wen?
Akkusativ iter itinera wen?
Ablativ itinere itineribus wann? wo? wodurch? womit?
Kasus Singular Plural Frage?
Nominativ itinerārium itinerāria wer? was?
Genitiv itinerāriī itinerāriōrum wessen?
Dativ itinerāriō itinerāriīs wem? für wen?
Akkusativ itinerārium itinerāria wen?
Ablativ itinerāriō itinerāriīs wann? wo? wodurch? womit?

Verweise

Literaturliste Itinerare
Literaturliste zur Kunst des Reisens
Zeitleiste der Itinerare und Periploi mit Quellen und Synopse mehrerer Zeitleisten im Vergleich

1)
»qui rem militarem studiosius didicerunt adserunt plura in itineribus quam in ipsa acie pericula solere contingere … primum „itineraria omnium regionum' in quibus bellum geritur plenissime debet habere perscripta, ita ut locorum intervalla non solum passuum numero sed etiam viarum qualitate perdiscat, compendia deverticula montes flumina ad fidem descripta consideret usque eo ut sollertiores duces 'itineraria provinciarum' in quibus necessitas gerebatur non tantum adnotata sed etiam picta habuisse firmentur ut non solum consilio mentis verum aspectu oculorum viam profecturus eligeret«
2)
Post exploratam alacritatem exercitus, uno parique ardore impetrabilem principem superari non posse, deum usitato clamore testati, Iulianus summae rei finem imponendum maturius credens, restricta quiete nocturna, itinerarium sonare lituos iubet et praestructis omnibus quae difficultates arduae belli poscebant, candente iam luce, Assyrios fines ingressus, celso praeter alios spiritu obequitans ordinibus, aemulatione sui cunctos ad officia fortitudinis incendebat.
3)
Michael Rathmann
Orientierungshilfen für antike Reisende in Bild und Wort
S. 289– in: Olshausen, Eckart; Sauer, Vera (Hg.): Mobilität in den Kulturen der antiken Mittelmeerwelt (=Stuttgarter Kolloquium zur Historischen Geographie des Altertums 2011, 11) (= Geographica historica, 31) Franz Steiner Verlag, 2014
4)
»XLV. Expeditiones bellicas habuit, de quibus ordine suo edisseram. primum tamen eius consuetudinem dicam 2de rebus vel tacendis vel prodendis. tacebantur secreta bellorum, itinerum autem dies publice proponebantur, ita ut edictum penderet ante menses duos, in quo scriptum esset, “Illa die, illa hora ab urbe sum exiturus et, si di voluerint, in prima mansione mansurus,” deinde per ordinem mansiones, deinde stativae, deinde ubi annona esset accipienda, et id quidem eo 3usque quamdiu ad fines barbaricos veniretur.«
5)
Geschrieben von Nikúlas Bergsson, 1155 Abt des Klosters MunkaÞerá, der 1149 bis 1154 nach Rom und Jerusalem pilgerte. Zitiert nach Wassenhoven, Dominik
Skandinavier unterwegs in Europa (1000-1255)
Untersuchungen zu Mobilität und Kulturtransfer auf prosopographischer Grundlage. Berlin 2006: Akademie Verlag, S. 56 ff. und 74-85.
6)
März 2021