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Imaginäre Reisen

Imaginäre Reisebeschreibungen (frz. voyage imaginaire) sind eine beliebte literarische Methode. Sie imitieren »authentische« Reisebeschreibungen und sie bedürfen eines besonderen Ortes als Reiseziel, also entweder ein phantastischer Ort oder ein realer Ort, der Phantasien auslöst. Darüber hinaus lassen sich Varianten erkennen.

Versuch einer Typologie

  1. Eine angeblich echte Reisebeschreibung nutzt Weiße Flecken auf der Landkarte, die schwer erreichbar sind (die unbekannte Insel, das versteckte Tal) und über die man wenig weiß im Unterschied zum Autor mit seinem exclusiven Wissen, also sind diese Beschreibungen nicht zu verifizieren und erscheinen als denkbar und möglich. Im 17. und 18. Jahrhundert gab es noch viele Möglichkeitsräume, zugleich stand der Sinn nach Entdeckungsfahrten. Besonders beliebt waren dabei die »Antipoden«, also Inseln und Kontinente am anderen Ende der Welt, dort, wo heute die Südsee-Inseln, Neuseeland, Australien und Antarktis auf der Karte zu finden sind. Fiktion und Fakten verschmelzen bei dieser Methode, werden zu fake news. Die Leser ahnen es, genießen jedoch die Illusion an der Grenze von Phantasie und Wirklichkeit.
    • Mandeville, John
      Die Wunder der Erde: die Reisen des Ritters Jean de Mandeville
      Originalgetreue Faksimile-Edition der Bildhandschrift Fr. 2810 („Livre des merveilles“), Folios 141-225, aus der Bibliotheque nationale de France in Paris (engl.: The marvels of the world: the travels of Jean de Mandeville)
      1 , 141-225 Bl., Folioformat 44 cm und Kommentarband 302 S. Simbach: Verlag Müller und Schindler; Madrid: Eikon Editores, 2017
      Die Vorlage wurde in Paris zwischen 1410 und 1412 gedruckt. Mittelfranzösischer Text ins Englische übersetzt von Siegbert Himmelsbach und kommentiert von Eberhard König, Dieter Röschel, Gabriele Bartz.
  2. Eine fiktive Reisebeschreibung dagegen wird als solche gekennzeichnet und dient als Roman, Erzählung, Märchen den versteckten Intentionen des Autors etwa als Kritik oder Gesellschaftsentwurf. Perspektivwechsel verfremdet die Welt und die Reisenden mit satirischer Absicht.
    1. Für den Perspektivwechsel wird eine Kunstfigur geschaffen und auf die Reise geschickt. Diese bedient Stereotype und verfremdet den Reisenden, wie etwa:
      1. Ludwig Wagehals
      2. Schlemihl
      3. Gargantua und Pantagruel
      4. Robinson
    2. Das Reiseziel wird verfremdet, indem klischeehafte Vorstellungen der Welt bedient werden, etwa Bild Afrikas oder die Vorstellungen vom Orient.
    • Um 150 BC Reise zum Mond von Lucianus Samosatensis
      Zum Mond und darüber hinaus: Ikaromenippos.
      Übersetzt von Christoph Martin Wieland Zürich 1967: Artemis.
    • Schönlau, Rolf
      Mondreisen von Lukian bis Wikitravel.
      Holzminden Verlag Jörg Mitzkat 2015, darin:
      1516 Astolfo auf dem Mond; 1609 Keplers Traum-Astronomie; 1638 Der fliegende Wandersmann nach dem Mond; 1657 Cyranos Mondstaaten; 1705 Defoes Bericht über allerlei Vorgänge auf dem Mond; 1791 Reisen mit dem Finger auf Schröders Mondkarten; 1835 Hans Pfaalls Mondfahrt; 1870 Jules Vernes Reise um den Mond; 1901 Die ersten Menschen auf dem Mond.
    • Georg Friedrich Rebmann (1768 - 1824)
      Kreuzzüge durch einen Teil Deutschlands
      (=Klassische Reisen) Hg.: Heinz Weise (Nachwort) Leipzig. 208p 1 Titelbild, Textzeichn. Glossar, Leseband
      VEB F.A. Brockhaus 1990
      Eines der respektlosesten Reiseberichte des Protagonisten deutscher Aufklärungsideale und französischer Revolutionsziele in süd- und mitteldeutschen Ländern als Ausdruck seiner Reisen 1792-1794. Rebmann reist in der Romantik sehr unromantisch, nämlich scharfsinnig und scharfzüngig Missstände aufspießend auf seinen Wegen durch Süd- und Mitteldeutschland. Unter anderem schrieb er »Kosmopolitische Wanderungen durch einen Teil Deutschlands« und die Satire »Hans KiekindieWelts Reisen in alle vier Erdteile und den Mond«
  3. Die Beschreibung eines fiktiven Ortes als Utopie nutzt diesen dagegen als Projektionsfläche eigener Vorstellungen für eine (bessere) Gesellschaft. Elemente der Reisebeschreibung können als Stilmittel genutzt werden.
    • 5. Jhdt. BC Atlantis von Platonin: Timaios und Kritias
    • Oliver Kohns, Ourania Sideri
      Mythos Atlantis. Texte von Platon bis J. R. R. Tolkien.
      Stuttgart 2009: Reclam, ISBN 978-3-15-020178-7.
    • 1516 Utopia von Thomas Morus (auch: More), (1478 - 1535)
    • Die älteste Karte von Utopia zeichnete Abraham Ortelius (1527 bis 1598) um 1596 1) und nutzte dazu Dutzende von Ortsnamen aus dem Werk Utopia von Thomas Morus.
    • 1627 Nova Atlantis von Francis Bacon (1561 - 1626)
  4. Eine vielleicht sogar reale Reise führt zu zwar realen Zielen (»Formosa«, »Grönland«, »Labrador«, »Spanien«), jedoch wird die Reisebeschreibung zur Fiktion mit realen Elementen, etwa durch surreale Reiseerlebnisse oder Perspektivwechsel, und kann so alles werden, auch Komödie, Parodie, Satire, Horror- oder Kindergeschichte.
    • Grigorʹev, Sergej T.
      Die Weltreise.
      Ill. von Werner Reifarth. Dt. von Alice Wagner. 160 S.Berlin Verl. Kultur u. Fortschritt 1949
      Eine dreitägige Bootsfahrt auf dem Wolgabogen, die durch Perspektivwechsel als kühne Expedition erlebt wird.
    • Serres, Michel
      Hermes V. Le passage du Nord-Ouest.
      Paris 1968-1980: Les Éditions de Minuit.
      Aus dem Französischen von Michael Bischofff: Die Nordwest-Passage. Berlin: Merve 1994.
      Die für die Schifffahrt komplizierte Nordwest-Passage mit ihrer klimatisch unberechenbaren Befahrbarkeit dient als Vehikel für den Erkenntnisfortschritt.
  5. Der Autor beschreibt eine Reise ins Selbst, die für ihn selbst real erscheint, den Außenstehenden jedoch surreal, also Kunst ist und/oder auf Erlebnissen unter Drogeneinfluss, Traumreise, Psychose, Wahnvorstellung beruht.
    • Castaneda, Carlos
      Reise nach Ixtlan. Die Lehre des Don Juan.
      Aus d. Amerikan. von Nils Lindquist. 252 S. Frankfurt am Main Fischer 1976
    • Wölfli, Adolf
      Geographisches Heft No. 11.
      Bearbeitet von Elka Spoerri und Max Wechsler. Herausgegeben von der Adolf-Wölfli-Stiftung, Kunstmuseum Bern. 275 S. Stuttgart 1991: Hatje.
  6. Mit dem Road Movie entstand eine neue Ausdrucksform imaginärer Reisen:
    • Le Voyage Imaginaire, Stummfilm Frankreich 1925, Regie: Rene Clair.
      Der Filmpionier Georges Méliès 2) drehte die Stummfilme:
    • 1902: Le voyage dans la lune Die Reise zum Mond (Nr. 399–411)
    • 1902: Le voyage de Gulliver à Lilliput et chez les géants (Nr. 426–429)
    • 1902: Les aventures de Robinson Crusoé (Nr. 430–443)
    • 1904: Le voyage à travers l’impossible Die Reise durch das Unmögliche (Nr. 641–659)
  7. Im Unterschied zu Imaginären Reisen (engl. imaginary voyage) führt virtuelles Reisen (engl. virtual voyage) ohne physische Ortsveränderung in eine künstliche Welt, die entweder als wirklich erlebt wird oder aber ein wirklichkeitsnahes Abbild der Welt ist, dokumentarisch oder ethnographisch beschreibend.

Der so geschaffene Phantasieort ist Utopie im eigentlich Wortsinne als Ort, den es nicht gibt. Darüber hinaus kann er Utopie im Sinne eines gesellschaftlichen Gegenentwrfs sein, aber auch illusionistische Unterhaltung über abenteuerlich Reisende bieten, die man gerne und unhinterfragt genießt. Der Reisebericht als Chronik ist informativ, präzise, gehaltvoll - aber langweilig. Muss also, wer unterhalten möchte, einen fiktiven Reisebericht schreiben? Die reale Suche nach dem »great south land« zeitigte zahlreiche phantastische Visionen des Denkbaren (Reisen zum Mond) und Wünschbaren (Fliegender Teppich), die Träumen, Ängsten und Hoffnungen entsprangen und dadurch erkennen lassen, was man sich von der Welt erhoffte.

Literatur

  • Atkinson, Geoffroy
    Les relations de voyages du 17. siècle et l'évolution des idées
    contribution à l'étude de la formation de l'esprit du 18. siècle.
    VI, 220 S. Diss. Paris 1924. Reprints: Slatkine Genf 1972; B. Franklin New York 1979; E. Champion Paris 2010
  • Honoré de Balzac
    Traumreisen.
    China und die Chinesen, Reise von Paris nach Java.
    Friedenauer Presse, Berlin 2021. 173 S.
  • Gove, Philip Babcock
    The imaginary voyage in prose fiction
    XI, 445 S., Columbia Univ., Diss., 1940; New York 1975: Arno Press.
    Enthält unter anderem eine Liste von 215 imaginären Reisen 1700 bis 1800.
  • Arthur, Paul Longley
    Virtual Voyages: Travel Writing and the Antipodes 1605-1837.
    Ph. D. University of Western Australia 2001
  • Bloom, James J.
    The imaginary sea voyage
    sailing away in literature, legend and lore
    Jefferson, North Carolina 2013: McFarland, online
    Gegenstand des Buches sind imaginäre Seereisen durch »uncharted waters« mit wundersamen Sichtungen des Unbekannten hinterm Horizont. Inhalt u.a.:
    • Cataloguing Travels to Neverland: Attempts to Define the Genre;
    • Hear-Say and Heresy: Ancient and Classical Cosmographies, 500 B.C.-A.D. 500;
    • Blarney and Barnacles: Seafaring Legends of Celtic Exploration;
    • Vikings Westward: Empirical and Non-Empirical Lore;
    • Geography as Art and Dogma: Medieval Tales of Atlantic Isles;
    • From Leif to Christopher: Apocryphal Voyages from the Norse Discoveries to Columbus;
    • Following the Codfish to Hy-Brasil: Speculative-but-Possible Explorations by the Portuguese and English.
    • The Age of Discovery and Its Legacy: The World According to Explorers and Mapmakers;
    • The Imaginary Voyage Genre as Literature, Allegory and Fairy Tale;
    • Chasing the Mirage: The Atlantis Theme and Its Progeny;
    • Lost Worlds and Hidden Civilizations: The Imaginary Island in Science Fiction and Fantasy, 1800-1950;
    • The Intergalactic Ocean: The Transference of Imaginary Sea Voyage Imagery to the Spaceship;
    • Posted Missing: Marooned in Wonderland?
    • By Magic Carpet from the Mundane to the Fabulous: Trans-Oceanic Zeppelins, Flying Boats and Staged Tropical Paradises
    • Through the Looking-Glass and Back Home Again: „World-Building“ and the Enduring Appeal of Imaginary Voyages and Realms;
    • Dreamships and Cockleshells: The Vessels of Illusion;
    • A Note on Spiritism, Fantasy, Credibility and Credulity;
    • Selectively Annotated Bibliography
  • Gewecke, Frauke
    Wie die neue Welt in die alte kam.
    Stuttgart 1986: Klett-Cotta.
  • Storch, Ursula
    Zauber der Ferne: imaginäre Reisen im 19. Jahrhundert.
    255 S., Weitra 2008: Bibliothek der Provinz.352. Ausstellung des Wien-Museums. Katalog zur Ausstellung im Wien Museum Karlsplatz 4.12.2008 bis 29.3.2009.
  • Storch, Ursula
    Imaginäre Reisen. Ein fast vergessenes Kulturphänomen des 19. Jahrhunderts.
    ICOMOS–Hefte des Deutschen Nationalkomitees 70 (2019): 49-60.
  • Dunn-Lardeau, Brenda
    Le voyage imaginaire dans le temps.
    Du récit médiéval au roman postmoderne.
    385 S. Grenoble 2009: Ellug. Inhalt u.a.: Siebenschläfer; Simone de Beauvoir; Robertson Davies; Carlos Fuentes; Washington Irving; Charles Louis de Secondat de Montesquieu; Virginia Woolf
  • Dietz, Bettina
    Utopien als mögliche Welten „voyages imaginaires“ der französischen Frühaufklärung, 1650-1720.
    Diss. Univ. München, 2000. Mainz P. von Zabern 2002
  • Bellemare, Alex
    Mundus est fabula
    L'imaginaire géographique dans la fiction utopique (XVIIe-XVIIIe siècles).
    PhD. [Montréal] : Université de Montréal, 2017.
  • Martels, Zweder von (Hg.)
    Travel Fact and Travel Fiction.
    Studies on Fiction, Literary Tradition, Scholarly Discovery and Observation in Travel Writing
    (Brill’s Studies in Intellectual History 55), Leiden / New York / Köln 1994
1)
380 x 475 mm, Plantin-Moretus Museum, Antwerpen:
»Ad Spectatorem.|En tibi delicias mundj:| regna ecce beata!|Queis melius, queis nil pulchrius orbis habet.|haec illa Vtopia est; arx pacis;nidus Amoris,|Justitiae, ac summi portus et ora bonj.|Lauda alias terras: istanc cole qui sapis. Isto|Vel nullo fixa est Vita beata loco.|I.M.W. à W.f.|Lustrauit Raphael: Descripsit Morus: Abrahamus
2)
Jacques Malthête, Laurent Mannoni (Hrsg.): Méliès. Magie et cinéma. Paris musées, Paris 2002, ISBN 2-87900-598-1, Katalog zu gleichnamigen Ausstellung, 26.04.-01.09.2002
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