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Übergang & Schwelle

Fortbewegung: In der Wildnis unterwegs

Erwachen und Einschlafen bilden die Schwellen zwischen Bewußtsein und Traum; Geburt und Tod bilden die Schwellen (engl. threshold) zwischen Sein und Nicht-Sein, da aktive Hinüberschreiten unterwegs bildet den Übergang zwischen Räumen und bestimmt die Raumvorstellungen.
Die Fortbewegung in der Natur folgt Pfaden, führt über Berge und Flüsse, durch Wald, in Höhlen. Dabei werden die natürlichen Schwellen der Wildnis besonders wahrgenommen, etwa als:

Schwellen ermöglichen den Übergang und gliedern so den Zwischenraum - ein Unterwegs-sein ohne diese drei Komponenten ist nicht möglich und wiederholt daher immer wieder drei Schritte:

  1. das Verlassen einer (vertrauten) Zone, eines Raumes, einer Landschaft;
  2. den Aufenthalt im Zwischenraum;
  3. den Eintritt in eine (unbekannte) Zone, einen Raum, eine Landschaft.

Schwellen hemmen den Übergang, weil besonders dort dem Antrieb das Bedürfnis nach Sicherheit entgegensteht. Diesem wird durch Orientierung und den richtigen Weg entsprochen. Im Unterwegs-sein wiederholen sich daher unentwegt drei Phasen:

  1. Fortbewegung auf ein Ziel hin
  2. Innehalten (Hemmung) an der Schwelle
  3. Hoffnung im Übergang oder Umschwung zur Rückkehr

Die indischen Tirtha (Sanskrit तीर्थ `Furt, Übergang´) haben eine geographische und eine spirituelle Bedeutung und sind zudem Pilgerorte. Solche Schwellen sind als Übergangsbereiche (liminal zones) oft gekennzeichnet durch liminal points wie Steinmännchen, Wegekreuz, Gebetsfahne, Altar, Inschrift und erfordern dort bestimmte Handlungen (Übergangsriten) wie etwa einen Stein auflegen, ein Kreuzzeichen, ein Speise- oder Trankopfer für die zuständigen Reisegötter. Ein kurzer Aufenthalt an diesen Stellen ist daher nötig, der dauernde Aufenthalt macht den Wanderer jedoch selbst zum suspekten Grenzgänger: im besten Fall als Fährmann (z.B. Charon) oder Führer (z.B. Christophorus), im schlechtesten Fall als Trickster, Wilder Jäger oder Werwolf. Die nordischen Seherinnen praktizierten an solchen Orten das útiseta.

Das Eigene und das Andere

Seitdem der Mensch die Natur technisch gestaltet, schafft er sich neue Übergänge, oft mit Wächtern:

Erst dadurch entsteht der befriedete Raum als Heim für das Eigene mit einer Grenze zum Anderen, wobei der Eindringling ein Fremder ist, zum Gast oder zum Feind werden kann. Sprachlich werden alle Übergänge fruchtbar als Metapher, also als Ausdruck der inneren Bewegtheit, man spricht von Schwellenangst, -erfahrung, -zauber, für die die Hüter der Schwelle oder deren genius loci beansprucht werden wie etwa der doppelgesichtige Janus oder der Genius Cucullatus.

Der Übergang im Bild

Literatur

französisch L'Envers et l'endroit Vorderseite und Rückseite
englisch Betwixt and Between Dazwischen und Zwischen
englisch Wrong Side and Right Side Falsche und richtige Seite
deutsch Licht und Schatten Licht und Schatten
deutsch Innen und außen Innen und außen
niederländisch Keer en tegenkeer Kehr und Widerkehr:
Wende und Gegenwende
italienisch Il rovescio e il diritto Die Kehrseite und das Recht
spanisch El revés y el derecho Rückseite und Recht
russisch Изнанка и лицо
Iznanka i litso
Der Rücken und das Gesicht
griechisch Απ' την καλή κι απ' την ανάποδη Vom Guten und vom Gegenteil