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Inhaltsverzeichnis
Völva
Die nordischen Völva oder Vala waren wandernde Seherinnen, die wegen ihrer außergewöhnlichen Stäbe als `Stabträgerin´ bezeichnet wurden und bereits in der Antike über Europa hinaus bekannt waren.
Sebastian Schaffner
Zu Wortbildung und Etymologie von altisländisch vǫlva ’Seherin, Prophetin’.
S. 487-530 in: Rosemarie Lühr, Maria Kozianka, Susanne Zeilfelder (Hg.): Indogermanistik, Germanistik, Linguistik. Akten der Fachtagung der Indogermanischen Gesellschaft 18.-20.9. 2002 in Jena, Hamburg 2004
Veleda, Albruna, Gambara
Veleda wird von Tacitus als eine germanische Seherin Völva 1) bezeichnet, weitere namentlich bekannte `Seherinnen´ sind Albruna, langobardisch Gambara, Gambaruc 2), Ganna, Hyndla, gotisch Waluburg; letztere findet sich auf einer Liste im alten Ägypten 3). Solche Völva erscheinen auch in norwegischen und griechischen Quellen 4), für die ein skythischer Ursprung angenommen werden kann. Völva waren geachtet, gefürchtet wurde das Praktizieren von Seiðr/Sejd durch `ränkekundige Frauen ´ (skollvis kona, sejdkona) oder Männer seiðmaðr, während Spákona das Hellsehen und Heiður die Heilkraft betont 5).
Kunstmann, Christina
Magie und Liminalität.
›seiðr‹ in der altnordischen Überlieferung
Berlin, Boston: De Gruyter, 2020. DOI
U.a. zu deviant burials, also Sonderbestattungen von Individuen, die aufgrund der Grabbeigaben als seiðr-Ritualspezialisten interpretiert werden.Frog, M.
Rituelle Autoritäten und narrativer Diskurs : Vormoderne finno-karelische Sagenüberlieferungen als analoges Modell für die Annäherung an mittelalterliche Quellen .
S. 153–207 in: A. Hammer , W. Heizmann, N. Kössinger (Hg.): Magie und Literatur : Erzählkulturelle Funktionalisierung magischer Praktiken in Mittelalter und Früher Neuzeit . (= Philologische Studien und Quellen, 280) Berlin 2022: Erich Schmidt.
Das entspricht auch einer etymologischen Untersuchung, die dem Sinnbereich Zauber und Magie die ambivalenten Begriffsfelder heilen & vergiften, binden & bannen, sprechen, schreien & singen zuweist:
Essler, Michaela
Zauber, Magie und Hexerei
Eine etymologische und wortgeschichtliche Untersuchung sprachlicher Ausdrücke des Sinnbezirks Zauber und Magie in indogermanischen Sprachen.
283 S., Diss. Universität Münster 2017
Abschnitt 7.3: Priester, Seher, Dichter - die Wortprofessionisten
Valkyren/Walküren, Vila/Wila, Aliorumnas/Hel-løbere
Diese Ambivalenz eignet auch den Walküren, sie konnten Schutzengel sein und dem Kampfbereiten Waffen bringen oder Todesengel, die ihn zur Walhalla begleiteten, also als Psychopompos Begleiter ins Jenseits wie die Reisegötter. Daraufhin deutet ein Hinweis auf gotische Priesterinnen, die von Jordanes Aliorumnas genannt werden, eine latinisierte Verzerrung von halju-runnos (Hel-løbere `Läufer ins Totenreich´). In der slawischen Mythologie erscheinen die Vila/Wila als unbekleidete, blonde Wassernymphen, als weibliche Naturgeister 6) die dem Menschen wohlgesonnen waren, jedoch auch unbeherrrscht und rachsüchtig sein konnten.
Die irdischen Völva und die mythischen Walküren sind gleichermaßen »Jungfrauen des Waldes«, virgines silvestres 7). Das ist nicht romantisch, da der Wald bis zum Ende des Mittelalters als weithin herrenlose Wildnis auch Niemandsland war, in der sich nur Outlaws und Waldläufer begegneten. Altnordisches völlr `Feld, Wiese, Boden´ bezeichnet den gerodeten Raum umgeben von Wald, befriedetes Land umgrenzt vom haag, dem Zuständigkeitsbereich der hagazussa, Zaunreiterin, Hexe 8).
Egeler, Matthias
Walküren, Bodbs, Sirenen:
Gedanken zur religionsgeschichtlichen Anbindung Nordwesteuropas an den mediterranen Raum.
(= Reallexikon der Germanischen Altertumskunde - Ergänzungsbände, 71 ) 606 S. Berlin 2011: De Gruyter DOI. Inhalt u.a.:- Walküren, Irland: Die Bodb, Das ‚Ritual der Aussetzung‘ im keltischen Hispanien, Etrurien: Vanth, Furien, Erinyen, Harpyien und Keren im Mittelmeerraum, Sirenen, Island und ein Harpyiengrab.
Vǫlr, Gandr, Wand & Seiðr
Als Stabträger bezeichnet werden die Völva, aber auch die mythische Walküre Göndul/Gandull und selbst Odin erhält den Beinamen Göndlir `Zauberstab, Phallus´ 9).
In der Edda und anderen Schriften findet sich wiederholt der Begriff `gandr´ für `Zauberkraft´. Ob diese an den Stab gebunden ist, dieser also zum magischen Werkzeug wird, ist umstritten 10). Die heutige Fachwelt nennt ihn Seiðr-Stab oder staff of sorcery und macht ihn damit zum Ritualstab.
Heide, Eldar
Seid, gand og åndevind
Bergen 2006: Universitetet i BergenLeszek Gardeła
(Magic) Staffs in the Viking Age
(=Studia Medievalia Septentrionalia, 27) 347 S. Wien 2016: Fassbaender.Leszek Gardeła
A Biography of the Seiðr-Staffs. Towards an Archaeology of Emotions.
S. 190-219 in: L. P. Słupecki, J. Morawiec (Hg.): Between Paganism and Christianity in the North
Rzeszów 2009: Rzeszów University.
Als Werkzeug war der vǫlr eine massive Stange und der gandr ein dünner Stab. Beide konnten zur tödlichen Waffe werden 11). Nur der wand erscheint weder als Werkzeug noch als Waffe, sondern ausschließlich als ein Zauberstab. Die magischen Rituale Seiðr der Völva umfassten Runenzauber, die Weissagung Spádom und mitternächtliches útiseta an Kreuzwegen im Wald, dabei bleibt die Rolle des Stabes im Dunklen. In der Ikonographie von `seer´ und `seeress´ spielen neben dem Zauberstab und dem Ast auch Trinkhorn und Daumen eine Rolle 12). In Hyndlulióð 33 heißt es, dass alle vǫlur von Viðólfr `Waldwolf´ abstammen, eine Metapher, die die Wildnis als natürliche Umgebung der Seherin betont.
Besondere Eisenstangen aus Grabfunden → Wanderschmied
Vǫlsi, der Pferdephallus
Die sprachlichen Wurzeln führen zu vǫlr `Stab, Stange´, zum Adjektiv `rund´ und zu verschiedenen Tätigkeiten des kraftübertragenden Bewegens wie stoßen, rollen, spalten, drehen, winden, wälzen.
Davon abgeleitet ist die Bezeichnung vǫlsi 13) für den Pferdepenis, der in derselben Quelle, dem Vǫlsa þáttr 14), auch bezeichnet wird als beytill (4, 1, Stößel). Sowohl die runde Form als auch die stoßende Bewegung lassen sich von vǫlr auf vǫlsi übertragen. Eichel und Hodensack als Spezifika des Geschlechtsteiles verformen jedoch die Stange zur Hantel mit verdickten Enden. Im Völsa-þáttr wird der Völsi dem Gott (?) Mornir `Zerschmetterer, Zerkleinerer´ angeboten. Dieselbe Funktion haben das indische vajra, die Mörserkeule (pilum) als Blitzsymbol des Jupiter (`Der Zerschmetterer´) und für den Blitzgott Pistor (`Der Zerstampfer´) bei römischen Geburtsriten 15). Das synonym genutzte beytil bedeutet im Dänischen ein Locheisen, im Niederdeutschen ist der bötel ein Schlegel, im Hochdeutschen ist der Beitel ebenfalls ein Werkzeug zur Holzbearbeitung `Stechbeitel´, aber auch ein Beutel mit der Nebenbedeutung Hodensack.
Heusler, Andreas
Die Geschichte vom Völsi, eine altnordische Bekehrungsanekdote
Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 13 (1903) 24-39, Online. Reprint S. 372-387 in: Kleine Schriften (1865-1940) Band 2. Berlin 1969: de Gruyter, mit detaillierten QuellenangabenDüwel, Klaus
Das Opferfest von Lade und die Geschichte vom Völsi
Quellenkritische Untersuchungen zur germanischen Religionsgeschichte. Göttingen: Habilitationsschrift 1971; Wien 1985: K.M. Halosar.Düwel, Klaus
Völsi-Geschichten
Utzverlag 2021, 978-3-8316-4926-6Retsch, Christopher
Geflügelte Genitalien, Phallusbäume, kopulierende Paare.
Zur Motivik auf obszönsexuellen Tragezeichen.
Winged genitalia, phallus trees and copulating couples. On the motifs of obscene-sexual badges.
S. 210–269 in: Tragezeichen. Social media des Mittelalters/Badges. Social Media of the middle Ages. Begleit- und Ausstellungsband zur Sonderausstellung Pin it! Social Media des Mittelalters von 2017. Lübeck 2020: Europäisches Hansemuseum.
Das (!) Vǫlsi erscheint im übertragenen Sinne als `Bindeglied´ zwischen männlichem und weiblichem Prinzip, daher sächlich – es ist das Andere, das Dritte 16). Es verbindet die Seherin Vǫlva 17) mit dem Schmied Vǫlundr. Dieser ist der Vater von Sigmundr und Signy. Im Beowulf (l. 897) heißt Sigmunds Vater Wæls, daher wird von seinen Nachfahren als den Völsungen oder Wälsungen gesprochen (Völsungasaga).
Völsi ist auch Beiname Odins `Sohn der Pferdevulva´ und darüber vergleichbar mit dem russischen/slawischen Pferdegott Volos, dem walisischen Waelsi. Die Bezüge zwischen den Begriffen sind dunkel: vǫllr ‘Feld, Weide, Wiese…’, vǫlr `Stab´, griech phallos φαλλός, Wurzel ghla 18).
Verweise
Vǫlu-Steinn
lebte als Skalde um 960 19), sein Name verweist auf die magischen Fähigkeiten seiner MutterÞuríðr sundafyllir‘Filler of Waterways’.
Arnulf KrauseDie Götter und Mythen der Germanen
Der Name kann als gand-bera = Stabträgerin, gedeutet werden
Stefan Schaffner 2004Cleasby, Richard, William A. Craigie, Gudbrand VigfussonAn Icelandic-English dictionary
Reprint der Ausgabe 1957 Oxford 2006: Clarendon Pr., jedoch mit einer Ergänzung von Begriffen und Referenzen durch Sir William A. Craigie
Helga KressWhat a woman speaks.
Medieval Icelandic Literary History.
The history of nordic women's literature, 2012. KVINFO, Kopenhagen
Reiter, NorbertMythologie der alten Slaven
S. 163–208 in: Haussig, Hans Wilhelm (Hg.): Wörterbuch der Mythologie. Stuttgart: Klett-Cotta 1973.
Etymologisch zum Verb viti „to wind“ kirchenslavisch vichъrь „whirlwind“; Sanskrit: vāyú- „air“, PIE u̯ēi̯o- „wind“?
Saxo, Gesta Danorum III, ii, 4Alwin KloekhorstEtymological Dictionary of the Hittite Inherited Lexicon
Leiden, Boston 2008: Brill
Matthias Egeler2011;
Thomas SteerMorphologisch-etymologische Untersuchungen zu ai. methí- ‚Pfosten‚ Pflock‘, lat. mūtō ‚penis‘ und Verwandtem
Historische Sprachforschung / Historical Linguistics
120 (2007) 142-158; dort 2.3.2 S. 154-155
Johannes HoopsReallexikon der Germanischen Altertumskunde, Band 28
Walter de Gruyter, 2005
Jan de Vries Ginnungagap
in: Kleine Schriften, Walter de Gruyter, S. 113-132
Rudolf SimekLexikon der germanischen Mythologie
Alfred Kröner Stuttgart 1984
Wikström af Edholm, KlasMyth, materiality, and lived religion
in Merovingian and Viking Scandinavia. = Stockholm studies in comparative religion, 40. Stockholm University Press 2019, S. 198 ff.: “The Seer”, “The Seeress”; S. 33 und 277 Volur
Hoops, Johannes1995. Reallexikon der germanischen Altertumskunde. Neunter Band
Berlin: W. de Gruyter. Eintrag Flosand §4: Die Runeninschrift von F. und der Völsa Þáttr
Thomas Köves-ZulaufRömische Geburtsriten
C.H.Beck, München 1990
hier Kapitel II. Intercidona, Pilumnus, Deverra; insbesondere S. 108-109
Düwel, Klaus 1971/1985Finnur JónssonCarmina Norrœna: Rettet Tekst
167 S. Copenhagen 1893: Nielsen & Lydiche
