Die nordischen Völva oder Vala waren wandernde Seherinnen, die wegen ihrer außergewöhnlichen Stäbe als `Stabträgerin´ bezeichnet wurden und bereits in der Antike über Europa hinaus bekannt waren. Ihr Eisenstab verband sie mit dem Schmied, wie sie ein Außenseiter in der Wildnis.
Sebastian Schaffner
Veleda wird von Tacitus als eine germanische Seherin Völva 1) bezeichnet, weitere namentlich bekannte `Seherinnen´ sind Albruna, langobardischGambara, Gambaruc((nach Saxo, s. Arnulf Krause
//Die Götter und Mythen der Germanen
Der Name kann als gand-bera = Stabträgerin, gedeutet werden)), Ganna, Hyndla, gotischWaluburg; letztere findet sich auf einer Liste im alten Ägypten 2). Solche Völva erscheinen auch in norwegischen und griechischen Quellen ((Cleasby, Richard, William A. Craigie, Gudbrand Vigfusson
//An Icelandic-English dictionary
Reprint der Ausgabe 1957 Oxford 2006: Clarendon Pr., jedoch mit einer Ergänzung von Begriffen und Referenzen durch Sir William A. Craigie)), für die ein skythischer Ursprung angenommen werden kann. Völva waren geachtet, gefürchtet wurde das Praktizieren von Seiðr/Sejd durch `ränkekundige Frauen ´ (skollvis kona, sejdkona) oder Männer seiðmaðr, während Spákona das Hellsehen und Heiður die Heilkraft betont 3).
Kunstmann, ChristinaFrog, M.Das entspricht auch einer etymologischen Untersuchung, die dem Sinnbereich Zauber und Magie die ambivalenten Begriffsfelder heilen & vergiften, binden & bannen, sprechen, schreien & singen zuweist:
Essler, MichaelaDiese Ambivalenz eignet auch den Walküren, sie konnten Schutzengel sein und dem Kampfbereiten Waffen bringen oder Todesengel, die ihn zur Walhalla begleiteten, also als Psychopompos Begleiter ins Jenseits wie die Reisegötter. Daraufhin deutet ein Hinweis auf gotische Priesterinnen, die von Jordanes Aliorumnas genannt werden, eine latinisierte Verzerrung von halju-runnos (Hel-løbere `Läufer ins Totenreich´). In der slawischen Mythologie erscheinen die Vila/Wila als unbekleidete, blonde Wassernymphen, als weibliche Naturgeister 4) die dem Menschen wohlgesonnen waren, jedoch auch unbeherrrscht und rachsüchtig sein konnten.
Die irdischen Völva und die mythischen Walküren sind gleichermaßen »Jungfrauen des Waldes«, virgines silvestres 5). Das ist nicht romantisch, da der Wald bis zum Ende des Mittelalters als weithin herrenlose Wildnis auch Niemandsland war, in der sich nur Outlaws und Waldläufer begegneten. Altnordisches völlr `Feld, Wiese, Boden´ bezeichnet den gerodeten Raum umgeben von Wald, befriedetes Land umgrenzt vom haag, dem Zuständigkeitsbereich der hagazussa, Zaunreiterin, Hexe 6).
Egeler, Matthias
Als Stabträger bezeichnet werden die Völva, aber auch die mythische Walküre Göndul/Gandull und selbst Odin erhält den Beinamen Göndlir `Zauberstab, Phallus´ 7).
In der Edda und anderen Schriften findet sich wiederholt der Begriff `gandr´ für `Zauberkraft´. Ob diese an den Stab gebunden ist, dieser also zum magischen Werkzeug wird, ist umstritten 8). Die heutige Fachwelt nennt ihn Seiðr-Stab oder staff of sorcery und macht ihn damit zum Ritualstab.
Heide, EldarLeszek GardełaLeszek GardełaAls Werkzeug war der vǫlr eine massive Stange und der gandr ein dünner Stab. Beide konnten zur tödlichen Waffe werden 9). Nur der wand erscheint weder als Werkzeug noch als Waffe, sondern ausschließlich als ein Zauberstab. Die magischen Rituale Seiðr der Völva umfassten Runenzauber, die Weissagung Spádom und mitternächtliches útiseta an Kreuzwegen im Wald, dabei bleibt die Rolle des Stabes im Dunklen. In der Ikonographie von `seer´ und `seeress´ spielen neben dem Zauberstab und dem Ast auch Trinkhorn und Daumen eine Rolle 10). In Hyndlulióð 33 heißt es, dass alle vǫlur von Viðólfr `Waldwolf´ abstammen, eine Metapher, die die Wildnis als natürliche Umgebung der Seherin betont.
Besondere Eisenstangen aus Grabfunden → Wanderschmied
Das (!) Vǫlsi erscheint im übertragenen Sinne als `Bindeglied´ zwischen männlichem und weiblichem Prinzip, daher sächlich – es ist das Andere, das Dritte 11). Es verbindet die Seherin Vǫlva 12) mit dem Schmied Vǫlundr. Dieser ist der Vater von Sigmundr und Signy. Im Beowulf (l. 897) heißt Sigmunds Vater Wæls, daher wird von seinen Nachfahren als den Völsungen oder Wälsungen gesprochen (Völsungasaga).
Völsi ist auch Beiname Odins `Sohn der Pferdevulva´ und darüber vergleichbar mit dem russischen/slawischen Pferdegott Volos, dem walisischen Waelsi. Die Bezüge zwischen den Begriffen sind dunkel: vǫllr ‘Feld, Weide, Wiese…’, vǫlr `Stab´, griech phallos φαλλός, Wurzel ghla 13). Die sprachlichen Wurzeln führen zu vǫlr `Stab, Stange´, zum Adjektiv `rund´ und zu verschiedenen Tätigkeiten des kraftübertragenden Bewegens wie stoßen, rollen, spalten, drehen, winden, wälzen.
Davon abgeleitet ist die Bezeichnung vǫlsi 14) für den Pferdepenis, der in derselben Quelle, demVǫlsa þáttr15), auch bezeichnet wird alsbeytill(4, 1, Stößel). Sowohl die runde Form als auch die stoßende Bewegung lassen sich vonvǫlraufvǫlsiübertragen. Eichel und Hodensack als Spezifika des Geschlechtsteiles verformen jedoch die Stange zur Hantel mit verdickten Enden. Im Völsa-þáttr wird der Völsi dem Gott (?) Mornir `Zerschmetterer, Zerkleinerer´ angeboten. Dieselbe Funktion haben das indische vajra, die Mörserkeule (pilum) als Blitzsymbol des Jupiter (`Der Zerschmetterer´) und für den Blitzgott Pistor (`Der Zerstampfer´) bei römischen Geburtsriten 16). Das synonym genutztebeytilbedeutet im Dänischen ein Locheisen, im Niederdeutschen ist derbötelein Schlegel, im Hochdeutschen ist derBeitelebenfalls ein Werkzeug zur Holzbearbeitung `Stechbeitel´, aber auch einBeutel mit der Nebenbedeutung Hodensack.
Heusler, AndreasDüwel, KlausDüwel, KlausMerrill KaplanRetsch, ChristopherVǫlu-SteinnÞuríðr sundafyllir ‘Filler of Waterways’.Stefan Schaffner 2004Helga KressReiter, NorbertSaxo, Gesta Danorum III, ii, 4Alwin KloekhorstMatthias EgelerThomas SteerJohannes HoopsJan de VriesRudolf SimekWikström af Edholm, KlasDüwel, Klaus 1971/1985Hoops, JohannesThomas Köves-ZulaufFinnur Jónsson