Die nordischen Völva oder Vala waren wandernde Seherinnen, die wegen ihrer außergewöhnlichen Stäbe als `Stabträgerin´ bezeichnet wurden und bereits in der Antike über Europa hinaus bekannt waren. Ihr Eisenstab verband sie mit dem Schmied, wie sie ein Außenseiter in der Wildnis.
Sebastian Schaffner
Veleda wird von Tacitus als eine germanische Seherin Völva 1) bezeichnet, weitere namentlich bekannte `Seherinnen´ sind Albruna, langobardisch Gambara, Gambaruc 2), Ganna, Hyndla, gotisch Waluburg; letztere findet sich auf einer Liste im alten Ägypten 3). Solche Völva erscheinen auch in norwegischen und griechischen Quellen 4), für die ein skythischer Ursprung angenommen werden kann. Völva waren geachtet, gefürchtet wurde das Praktizieren von Seiðr/Sejd durch `ränkekundige Frauen ´ (skollvis kona, sejdkona) oder Männer seiðmaðr, während Spákona das Hellsehen und Heiður die Heilkraft betont 5).
Kunstmann, ChristinaFrog, M.Das entspricht auch einer etymologischen Untersuchung, die dem Sinnbereich Zauber und Magie die ambivalenten Begriffsfelder heilen & vergiften, binden & bannen, sprechen, schreien & singen zuweist:
Essler, MichaelaDiese Ambivalenz eignet auch den Walküren, sie konnten Schutzengel sein und dem Kampfbereiten Waffen bringen oder Todesengel, die ihn zur Walhalla begleiteten, also als Psychopompos Begleiter ins Jenseits wie die Reisegötter. Daraufhin deutet ein Hinweis auf gotische Priesterinnen, die von Jordanes Aliorumnas genannt werden, eine latinisierte Verzerrung von halju-runnos (Hel-løbere `Läufer ins Totenreich´). In der slawischen Mythologie erscheinen die Vila/Wila als unbekleidete, blonde Wassernymphen, als weibliche Naturgeister 6) die dem Menschen wohlgesonnen waren, jedoch auch unbeherrrscht und rachsüchtig sein konnten.
Die irdischen Völva und die mythischen Walküren sind gleichermaßen »Jungfrauen des Waldes«, virgines silvestres 7). Das ist nicht romantisch, da der Wald bis zum Ende des Mittelalters als weithin herrenlose Wildnis auch Niemandsland war, in der sich nur Outlaws und Waldläufer begegneten. Altnordisches völlr `Feld, Wiese, Boden´ bezeichnet den gerodeten Raum umgeben von Wald, befriedetes Land umgrenzt vom haag, dem Zuständigkeitsbereich der hagazussa, Zaunreiterin, Hexe 8).
Egeler, Matthias
Als Stabträger bezeichnet werden die Völva, aber auch die mythische Walküre Göndul/Gandull und selbst Odin erhält den Beinamen Göndlir `Zauberstab, Phallus´ 9).
In der Edda und anderen Schriften findet sich wiederholt der Begriff `gandr´ für `Zauberkraft´. Ob diese an den Stab gebunden ist, dieser also zum magischen Werkzeug wird, ist umstritten 10). Die heutige Fachwelt nennt ihn Seiðr-Stab oder staff of sorcery und macht ihn damit zum Ritualstab.
Heide, EldarLeszek GardełaLeszek GardełaAls Werkzeug war der vǫlr eine massive Stange und der gandr ein dünner Stab. Beide konnten zur tödlichen Waffe werden 11). Nur der wand erscheint weder als Werkzeug noch als Waffe, sondern ausschließlich als ein Zauberstab. Die magischen Rituale Seiðr der Völva umfassten Runenzauber, die Weissagung Spádom und mitternächtliches útiseta an Kreuzwegen im Wald, dabei bleibt die Rolle des Stabes im Dunklen. In der Ikonographie von `seer´ und `seeress´ spielen neben dem Zauberstab und dem Ast auch Trinkhorn und Daumen eine Rolle 12). In Hyndlulióð 33 heißt es, dass alle vǫlur von Viðólfr `Waldwolf´ abstammen, eine Metapher, die die Wildnis als natürliche Umgebung der Seherin betont.
Besondere Eisenstangen aus Grabfunden → Wanderschmied
Das (!) Vǫlsi erscheint im übertragenen Sinne als `Bindeglied´ zwischen männlichem und weiblichem Prinzip, daher sächlich – es ist das Andere, das Dritte 13). Es verbindet die Seherin Vǫlva 14) mit dem Schmied Vǫlundr. Dieser ist der Vater von Sigmundr und Signy. Im Beowulf (l. 897) heißt Sigmunds Vater Wæls, daher wird von seinen Nachfahren als den Völsungen oder Wälsungen gesprochen (Völsungasaga).
Völsi ist auch Beiname Odins `Sohn der Pferdevulva´ und darüber vergleichbar mit dem russischen/slawischen Pferdegott Volos, dem walisischen Waelsi. Die Bezüge zwischen den Begriffen sind dunkel: vǫllr ‘Feld, Weide, Wiese…’, vǫlr `Stab´, griech phallos φαλλός, Wurzel ghla 15). Die sprachlichen Wurzeln führen zu vǫlr `Stab, Stange´, zum Adjektiv `rund´ und zu verschiedenen Tätigkeiten des kraftübertragenden Bewegens wie stoßen, rollen, spalten, drehen, winden, wälzen.
Davon abgeleitet ist die Bezeichnung vǫlsi 16) für den Pferdepenis, der in derselben Quelle, dem Vǫlsa þáttr 17), auch bezeichnet wird als beytill (4, 1, Stößel). Sowohl die runde Form als auch die stoßende Bewegung lassen sich von vǫlr auf vǫlsi übertragen. Eichel und Hodensack als Spezifika des Geschlechtsteiles verformen jedoch die Stange zur Hantel mit verdickten Enden. Im Völsa-þáttr wird der Völsi dem Gott (?) Mornir `Zerschmetterer, Zerkleinerer´ angeboten. Dieselbe Funktion haben das indische vajra, die Mörserkeule (pilum) als Blitzsymbol des Jupiter (`Der Zerschmetterer´) und für den Blitzgott Pistor (`Der Zerstampfer´) bei römischen Geburtsriten 18). Das synonym genutzte beytil bedeutet im Dänischen ein Locheisen, im Niederdeutschen ist der bötel ein Schlegel, im Hochdeutschen ist der Beitel ebenfalls ein Werkzeug zur Holzbearbeitung `Stechbeitel´, aber auch ein Beutel mit der Nebenbedeutung Hodensack.
Heusler, AndreasDüwel, KlausDüwel, KlausMerrill KaplanRetsch, ChristopherVǫlu-SteinnÞuríðr sundafyllir ‘Filler of Waterways’.Arnulf KrauseStefan Schaffner 2004Cleasby, Richard, William A. Craigie, Gudbrand VigfussonHelga KressReiter, NorbertSaxo, Gesta Danorum III, ii, 4Alwin KloekhorstMatthias EgelerThomas SteerJohannes HoopsJan de Vries Rudolf SimekWikström af Edholm, KlasDüwel, Klaus 1971/1985Hoops, JohannesThomas Köves-ZulaufFinnur Jónsson