Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


wiki:trickster

Trickster

Von allen Geistern die verneinen,
Ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.
Des Menschen Tätigkeit kann allzuleicht erschlaffen,
Er liebt sich bald die unbedingte Ruh;
Drum geb ich gern ihm den Gesellen zu.
Johann Wolfgang Goethe, Faust, 338-343

Im allgemeinen Sprachgebrauch jemand, der Tricks gezielt zu seinem Vorteil einsetzt, also ein Schwindler, Illusionist, Intrigant, Täuscher, Gauner, Betrüger, also Kniffe verwendet, Humbug 1) treibt und Ammenmärchen erzählt.
Darüber hinaus jemand, der die Gepflogenheiten aufseite schiebt, daher ein Grenzgänger und insofern ohne Arglist, jedoch ein Springinsfeld, Kiekindiewelt, Wagehals, Luginsland, Schauinsland, also aus Sicht der Zurückbleibenden ein Taugenichts, Tunnichtgut, Gernegroß, Nimmersatt.
Im Besonderen auch jemand, der die Grenzen zwischen dem So-Sein und dem Gewünschten auflöst, also ein Schelm, ein Narr:

  • Heidenreich, Helmut (Hrsg.)
    Pikarische Welt.
    Schriften zum Europäischen Schelmenroman. Darmstadt 1969.
  • Rötzer, Hans Gerd
    Der Schelmenroman und seine Nachfolge.
    In: Helmut Koopmann (Hrsg.): Handbuch des deutschen Romans. Düsseldorf 1983, S. 131–150.
  • Košenina, Alexander: Der gelehrte Narr.
    Gelehrtensatire seit der Aufklärung.
    Göttingen 2003.

Der Trickster als Denkfigur zwischen chthonischer Gottheit und cultural hero

Fachsprachlich ist der Trickster eine relativ neue Denkfigur für einen immer wieder aufscheinenden Charakter in Mythen, Erzählungen und in der Literatur. Am Anfang steht im Mythos meist eine »chthonische Gottheit«, also ein Gott der sowohl im Reich der Lebenden als auch der Toten zuhause ist, daher vielfach eine Schwellengottheit für Übergänge, also ein Reisegott und Psychopompos. Darin ist bereits seine Doppelgesichtigkeit, seine Ambivalenz angelegt. Danach wird die Gestalt zum »cultural hero« und damit zur literarischen Figur 2).

Nach 1868 3) hat sich Trickster als Fachbegriff für Gestalten mit bestimmten, ambivalenten Merkmalen in literarischen, psychologischen und ethnologischen Zusammenhängen etabliert (französisch fripon, farceur). Trickster gab es also schon immer, aber erst seit 1868 finden sich Lucifer und Eulenspiegel, Pan und Papageno, Prometheus, Loki und Syrdon unter derselben Überschrift. Eindeutig ist nur, was kein Trickster ist: der Untertan, der brave Bürger oder das Heimchen am Herd. Die äußere Gestalt des Trickster ist weder auf Mann-Frau noch auch Mensch-Tier festgelegt, jedoch symbolisieren insbesondere Tiergestalten (Affe, Fuchs, Hase, Kojote, Rabe, Spinne) einzelne Eigenschaften.

Der Trickster als Archetyp des Unbewussten

Weil solche Trickster zu allen Zeiten in den Vorstellungswelten der Menschen zu finden sind, spiegeln sie etwas zutiefst Menschliches und geraten damit zum Archetypen 4).
Der Trickster ist schwer fassbar, für ihn gilt immer ein `sowohl-als-auch´,

  • weil das Spiel mit der Täuschung Teil seines Wesens ist; also ein Narr;
  • weil er hüben und drüben zuhause ist, also ein Grenzgänger;
  • weil er zwar die Gemeinschaft sucht, sich aber nicht an Regeln hält, also ein Einzelner oder gar ein Outlaw;
  • weil er immer widerspricht: `Ich nicht´, also der Geist, der stets verneint;
  • weil er eine Maske trägt (`persona´), also ein Schauspieler;
  • weil er zwei Gesichter hat wie Janus, also auch zwei Weltanschauungen;
  • weil er zweigeschlechtig ist, also ein Hermaphrodit;
  • weil er die Ordnung stört und zerstört, also ein Schöpfer, der Neues ermöglicht;
  • weil er nicht meint, was er sagt, also ein Schelm ist, der seinen nächsten Streich ausheckt;
  • weil er ein Wegbegleiter in zwei Welten ist, also ein Reisegott oder Sterbebegleiter.

Sehr zugespitzt lässt sich sagen: Eine Persönlichkeit, die sich jeder Einordnung durch ein Sowohl-Als-auch widersetzt, ist ziemlich sicher ein Trickster. Und C.G. Jung meinte, dass überall, wo ein »Affentheater« zu beobachten ist, der Trickster am Werk sei. Psychologen würden ihn wohl als Psychopathen einordnen, mit einer liebenswerten Seite 5). Differenziertere Ansätze zitiert Knorr, etwa von Wolfgang Stein 6), der in den indianischen Trickstergeschichten wiederkehrende Phasen findet:

  • Zeugung und Geburt
  • Prozess des Erwachsenwerdens
  • Die heroischen Taten
  • Die Stifter-Taten
  • Die erotischen Abenteuer
  • Tod und Unsterblichkeit

Dagegen kategorisiert William J. Hynes 7) die Merkmale des Tricksters als

  • Zweideutig und Anomal
  • Täuscher und Streichespieler
  • Gestaltwandler
  • Situations-Umkehrer
  • Botschafter und Imitator der Götter
  • Heiliger und unzüchtiger Bastler

Der Trickster als Abenteurer und Reisender

Reisende werden einige Trickstereigenschaften sehr hilfreich finden, etwa:

Reisende Trickster Disposition
Die Fähigkeit sich anzupassen Meister der Verwandlung Assimilation, Metamorphose
kreative Lösungen Meister der List Gaukelei
Geschicklichkeit Meister der Improvisation Bricolage, Autarkie
Durchsetzungsvermögen Meister des Umbruchs Gewaltbereitschaft
Möglichkeitssinn Meister des Sowohl-Als-auch Ambiguität, Anomalie, Polyvalenz
Zielstrebigkeit Bote Effizienz, Fokus

Die für den Reisenden wichtigen Eigenschaften werden dem Trickster als Reisegott zugeschrieben. Im Zwischenraum gehen Trickster und Reisende denselben Weg. Dass es eine enge Verbindung zwischen Reisenden und der Figur des Trickster gibt, zeigt die Dissertation 8) von Alexander Knorr, der die Biographien von sechs »historischen« Persönlichkeiten systematisch als Trickster identifizierte. Mir scheint, dass die Tricksterfigur mit dem ebenfalls schwer greifbaren Begriff des Abenteuers zusammenhängt, denn die Literatur über Abenteuerpersönlichkeiten führt auffallend häufig eben nicht nur zu Reisenden, sondern auch zu Schwindlern, während der Tricksterbegriff auffallend häufig zu den Kategorien von Heros/Held führt.

Der Trickster als der Dritte

Auffallend oft ist der Trickster der Dritte im Dazwischen als Beobachter, Bote, Fremder, Hermaphrodit, Intrigant, Mittler, Rivale, Sündenbock. In den Mythen schlägt er als Halbgott die Brücke zu den Menschen: Hermes, Lemminkäinen (finn.), Loki, Pan, Prometheus, Syrdon (Kaukasus). Er brachte den Menschen Feuer und Technik (Stab und Hammer) und damit zwar Macht über die Natur auf Kosten der Entfremdung von der Natur. Der Trickster steht am Ursprung technischen Handelns, weil er als Erster in natürlich zuhandenen Dingen die Möglichkeit erkannt hat (Vorstellung) ein Ziel zu erreichen, denn er plant die Schritte dorthin und setzt dafür geeignete Mittel ein, beispielsweise den Ast, der als Stock zu Werkzeug und Waffe wird. Das altgriechische mechane bezeichnete dementsprechend zunächst eine kluge Handlungsweise, dann die Mechanik, und später eine Maschine.

Archaisch ist der Trickster als »der Dritte« 9) Teil der Trinität, die im menschlichen Bewusstsein tief verankert ist und in eine Zeit zurückführt, in der Zählen bedeutete: Eins, Zwei, Andere, Viele:

1 2 3
Ich Du Andere
Das Eine Das Zweite Das Andere
Dies Das (Gegenteil) Sowohl-Als auch
Männlich Weiblich Zwitter
Hier Dort Das Verbindende
Erde Himmel Weltenbaum, Achse
Erschaffen Bewahren Zerstören
Vorstellung Wille Tat
Götter Menschen Helden

Road Movie

  • Bassil-Morozow, Helena
    The Trickster in Contemporary Film
    Routledge 2011
  • Baron, James R.
    Tricksters and typists: 9 to 5 as Aristophanic comedy
    In: Classical myth & culture in the cinema.
    Martin M. Winkler (Hg.). Oxford University Press 2001, S. 172-192.
  • Eliot, Alexander
    Myths New York: McGraw-Hill 1976
    Neuauflage als: The universal myths: heroes, gods, tricksters, and others
    With contributions by Joseph Campbell and Mircea Eliade.
    New York/London: Meridian 1990.
  • Elling, Elmar
    Das Motiv „Trick“ im Spielfilm
    In: 1. Film- und Fernsehwissenschaftliches Kolloquium Münster 1988.
    Münster: MAkS Publikationen 1995, S. 60-65.
  • Harris, Alan C.
    Trickster in American pop culture: a semio-discursive analysis of Batman and the Joker in the Hollywood Batman film
    In: American Journal of Semiotics 14, 1998, S. 57-78
  • Landay, Lori
    Madcaps, screwballs, and con women: the female trickster in American culture
    University of Pennsylvania Press 1998 (Feminist Cultural Studies, the Media, and Political Culture.).
  • Christopher Vogler
    Die Odyssee des Drehbuchschreibers über die mythologischen Grundmuster des amerikanischen Erfolgskinos
    Frankfurt am Main Zweitausendeins Affoltern a.A. Buch 2000/ 2004
  • Waddell, Terrie
    Wild/lives: Trickster, Place and Liminality on Screen
    Hoboken 2014: Taylor and Francis. Digitalisat
    Mythos, Popkultur und analytische Psychologie bilden die Perspektive auf sechs Filme/Serien, die stellvertretend herangezogen werden für die Trickster-Figur als Grenzgänger: Deadwood, Grizzly Man (Werner Herzog), Lost, Solaris (Steven Soderbergh/Stanislaw Lem), The Biggest Loser, Amores Perro (Alejandro González Iñárritu).

Literatur

Johannes Klopf, Manfred Gabriel, Monika Frass (Hrsg.)
Trickster – Troll – Trug
Salzburger Kulturwissenschaftliche Dialoge Band 4 Paracelsus-Verlag Salzburg 2016, ISBN: 3902776218
Das Editorial von Johannes Klopf als Digitalisat
Vom Trickster als Archetyp zur Sozialfigur des erfolgreichen Psychopathen.
Strukturprinzipien und polymorphe Erscheinungsformen

  • Bal, Mieke
    Tricky themes
    in: EXUM & BOS 1988: S. 133 - 155
  • Douheihi, Anne
    Trickster: On inhabiting the space between discourse and story
    In: Soundings: An Inter-disciplinary Journal, Vol. 67, Nr. 3, 1984: S. 283 - 311
  • Exum, Jo Cheryl; BOS, Johanna W.H. (Hrsg.)
    Reasoning with the foxes : Female wit in a world of male power
    Semeia, An Experimental Journal for Biblical Criticism, Nr. 42, Atlanta 1988 (Scholars Press) ISSN 0095-571 X
  • Feit, Kenneth
    The priestly fool
    In: The American Theological Review, Supplement Series, Nr. 5, 1975:S. 97 - 108
  • Chaz Gormley
    Marriage of the Puer Aeternus and Trickster Archetypes
    Psychological Rebirth for the Puer Personality
    in: Porterfield, Sally F. u.a. (Hg.)
    Perpetual adolescence: Jungian analyses of American media, literature, and pop culture.
    Albany 2009: SUNY Press.
  • Hubbard, Patrick
    Trickster, renewal and survival
    In: American Indian Culture and Research Journal, Nr. 4, 1982
  • William J. Hynes
    Trickster Myths: Cosmic Counterbalance to the Sacred
    New York 1979
  • Koepping, Klaus-Peter
    Absurdity and Hidden Truth: Cunning Intelligence and Grotesque Body Images as Manifestations of the Trickster
    History of Religions. 24 (3) 1985: 191–214
  • Lewis Hyde
    Trickster Makes This World: Mischief, Myth and Art
    Canongate Books, UK 2008
  • Hynes, William James
    Beyond Sacred and Profane: Tricksters as Cosmic Dissembling Others
    Dallas 1980
  • Hynes, William James
    Beyond Sacred and Profane: Tricksters as Cosmic Dissembling Others
    Dallas 1980
  • Hynes, William James; Doty, William Guy
    Mythical TricksterFigures: Contours, Contexts and Criticisms; Tuscaloosa 1993, darin:
    • Mapping the Characteristics of Mythic Tricksters: A Heuristic Guide
    • Inconclusive Conclusions: Tricksters – Metaplayers and Revealers
    • Introducing the fascinating and perplexing Trickster Figure
  • C.G. Jung
    Zur Psychologie der Schelmenfigur
    in: Der göttliche Schelm, Hg. Radin, Zürich: Rhein-Verlag 1954.
  • McNeely, Deldon Anne
    Mercury rising: women, evil, and the trickster gods
    2011 Hamilton, Ontario: Fisher King Press
  • Paul Radin
    The Trickster. A Study in American Indian Mythology
    Kommentare von Karl Kerényi und C. G. Jung. Bell, New York 1956
  • Selstad, Leif
    The Social Anthropology of the Tourist Experience. Exploring the „Middle Role“.
    Scandinavian Journal of Hospitality and Tourism 2007. 7 (1): 19-33.
  • Ward, Donald
    The divine twins: an indo-european myth in germanic tradition
    Berkeley 1968: University of California Press.
  • Welsford, Enid Elder Hancock
    The fool: His social and literary history
    London 1935/Garden City 1961
  • Wesselski, Albert Friedrich Maria (Hrsg.)
    Narren, Gaukler und Volkslieblinge (Reihentitel)
    Weimar: Duncker, mehrbändig ab 1910.
  • Williams, Paul V.A. (Hrsg.)
    The fool and the Trickster
    Studies in honour of Enid Welsford
    Cambridge 1979 (D.S. Brewer) ISBN 0-85991-050-4
1)
Johannes Ebers
Vollständiges Wörterbuch der Englischen Sprache für die Deutschen
Leipzig 1793, Band 1, S. 794
2)
Eloeva F., Sausverde E.
Culture Hero’s Intrepid Past (Prometheus, Loki, Syrdon… Coyote…)
Literatūra, 57(3) 2016, pp. 98-115. doi: 10.15388/Litera.2015.3.9880
3)
Daniel Brinton, The Myths of the New World. New York 1868, 2015
4)
Carl Gustav Jung
Ueber die Archetypen des kollektiven Unbewussten
Zürich 1935: Rhein-Verlag, darin: Zur Psychologie der Tricksterfigur
5)
Rolling Stones: Sympathy for the Devil, Album: Beggar's Banquet. London Records. 1968
6)
Wolfgang Stein
Der Kulturheros-Trickster der Winnebago und seine Stellung zu vergleichbaren Gestalten in den oralen Traditionen nordamerikanischer Indianer
Eine Kritik an der Kulturheros-Trickster-Konzeption Paul Radins; Bonn 1993; Holos Verlag; Dissertation, München 1990, S. 317 bis 322
7)
William J. Hynes
Mythical Trickster Figures: Contours, Contexts and Criticisms
Tuscaloosa u.a. 1993, S. 34 bis 42
8)
Alexander Knorr
Metatrickster: Burton, Taxil, Gurdjieff, Backhouse, Crowley, Castaneda: Eine Interpretation von Leben, Werk und Wirken ausgesuchter historischer Persönlichkeiten, deren Wohlgelingen der Hilfe des Diskurses zur mythologischen Trickstergestalt bedurfte
Alteritas, Münchner ethnologische Impressionen, Vol. 3. Pondicherry, München 2004: Vasa. ISBN: 3-9809131-6-3, Dissertation München 2002
umfangreiche Bibliographie
9)
Erhard Schüttpelz
Der Trickster
In: Die Figur des Dritten. Ein kulturwissenschaftliches Paradigma. Hrsg. von Eva Eßlinger, Tobias Schlechtriemen, Doris Schweitzer, Alexander Zons
Suhrkamp, Berlin 2010, S. 208–224.183-0
wiki/trickster.txt · Zuletzt geändert: 2021/09/10 07:06 von norbert