Inhaltsverzeichnis

Autonomie

Zusammengesetzt aus den altgriechischen Wörtern αὐτός autós »selbst« und νόμος nómos »Gesetz« erklärt sich der Begriff als die Fähigkeit des Menschen, sich als Person selbst zu bestimmen. Autonomie bildet gemeinsam mit *Autarkie und *Mündigkeit die Voraussetzung zur *Souveränität.

Frei entscheiden und handeln

»Der Handelnde ist immer gewissenlos; es hat niemand Gewissen als der Betrachtende.«
Johann Wolfgang Goethe, 1824 in: 
Aphorismen und Aufzeichnungen, Maximen und Reflexionen, Band 5, Heft 1, Einzelnes 508

Das setzt die Freiheit voraus, selbstbestimmt zu entscheiden und die Möglichkeit auch so zu handeln. Dazu muss der Mensch fähig sein, sich als freies Wesen zu erkennen und danach streben, durch Denken und Handeln den Raum seiner *Freiheit zu dehnen. Das erfordert es, seine eigene »Komfortzone« zu verlassen und etwas zu tun, dessen Ausgang ungewiss ist. Neu entdeckt und als »micro adventure« etikettiert, gibt es dafür natürlich auch Handlungsanleitungen 1).

Je kleiner der Raum fürs Denken und Handeln wird, desto geringer ist die Autonomie. Die Größe des Raums wird bestimmt durch innere Fähigkeiten und äußere Möglichkeiten, ist also teils selbstbestimmt, teils fremdbestimmt, jedoch variabel, und wird überwiegend zeitlich bestimmt durch

In diesen Räumen übt das Individuum seine Rechte aus, ist souverän. Reisende verwirklichen sich handelnd über folgende Felder:

Autonomiebeschränkend wirken von außen Konventionen, Gesetze und Normen. Die Grenze zwischen Wollen und Dürfen wird gesellschaftlich unentwegt neu verhandelt. Seit einigen Jahrzehnten gestatten verengte Konventionen weniger als die Normen zulassen. Dagegen wendet sich das Journal of Controversial Ideas wie die FAZ berichtete.

Handlungsleitende Imperative

Das »normale« Leben ist begrenzt durch Dürfen, Sollen und Wollen. Unauffällig bleibt, wer sich maßvoll in diesem Rahmen bewegt, gerne auf dem Boden der Bequemlichkeit und unter dem Deckel der Mutlosigkeit. Auch die Wirtschaftstheoretiker denken sich den Menschen als ein ökonomisch rational handelndes Wesen, das den Eigennutz zur Maxime hat. Dieses Konzept funktioniert außerhalb des Lehrbuchs jedoch nicht so recht.

Neben dem Erlaubten, Verbotenen und Gesollten finden Ethiker auch Handlungen, die weder Pflicht sind, die niemand von uns erwartet, die weder opportun sind noch belohnt werden oder deren Nicht-Tun bestraft würde; wir (manche) handeln (oft) auch, wenn wir es nicht müssten und wenn wir uns keinen Vorteil erhoffen. Auf diesem vierten Handlungsfeld tummeln sich (nicht nur) Heilige und Helden 2). Dafür hat sich der Begriff »supererogativ« eingebürgert 3).

Wer jedoch Faulheit und Feigheit überwindet - wird der nicht auch den Rahmen von Erlaubtem, Verbotenem und Gesolltem nicht nur dehnen, sondern neu bewerten und vielleicht aufbrechen? Im Denken folgt dies dem Geist der Aufklärung, im Handeln birgt es Aufbruch und Abenteuer, dem nicht nur Heilige und Helden huldigen sondern auch Reisende und Psychopathen. Wer so handelt, bedarf eines neuen Maßstabs, denn um Mensch zu sein müssen Fähigkeiten und Möglichkeiten, Denken und Handeln im Einklang stehen:

Der ästhethische Imperativ von Heinz von Foerster lautet daher:

»Willst Du erkennen, so lerne zu handeln.«

Ähnlich erkannte Erich Kästner nach dem Ende des Dritten Reiches

»Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.«

Der technische Imperativ von Hans Jonas 4) verfolgt alleine das Machbare:

»Handle so, dass keine der Dir zu Gebote stehenden 
technischen Möglichkeiten ungenutzt bleibt.«

Das Machbare wird damit ausgelotet ohne Rücksicht auf die Folgen, während Immanuel Kants kategorischer Imperativ die wünschbaren (sozialen) Folgen im Blick hat:

»Handle nur nach derjenigen Maxime, von der du wollen kannst, 
dass sie ein allgemeines Gesetz werde.«

Hans Jonas erweitert das Wünschbare auf die Welt als Ganzes, weil der Mensch auch Verantwortung für seine Umwelt und Nachwelt habe und formulierte den ökologischen Imperativ:

»Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind 
mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden«

Wer frei sein will, muss beides nutzen, die Grenzen des Denkbaren und Machbaren dehnen.

»Handle stets so, dass mehr Möglichkeiten entstehen!«

formulierte der Physiker Heinz von Foerster seinen ethischen Imperativ 5). Er antwortete in einem Interview mit dem Sonntagsblatt auf die Frage: »Das bedeutet, der Konstruktivismus - verstanden als eine Haltung - ist auch eine Art Medizin gegen den Dogmatismus, gegen ein eindimensionales Denken?«

»Ja, wunderbar! Das gefällt mir! Man könnte auch sagen, 
daß hier eine Art Tanz mit der Welt versucht wird, 
der einen zu immer neuen Betrachtungsweisen bringt. 
Die Beschränkungen und Verflachungen, die diese schreckliche Idee der Ontologie 
- die Lehre vom wirklich Vorhandenen -  mit sich bringt, werden aufgehoben.
Es ergeben sich diese und jene Schritte, 
dann dreht man sich, und plötzlich sieht man etwas Neues, gänzlich Unerwartetes.«

Autonomie bringt so die *Freiheit, die *Welt neu *wahrzunehmen, sie verändert die *Weltanschauung und erzeugt dasselbe *Staunen, das den *Reisenden bewegt. Das Maß an gelebter Autonomie bestimmt, für welche Welt wir uns entscheiden: *real life oder virtual reality. Eine gelebte Autonomie setzt einen *autarken Handlungsraum voraus und begibt sich an die Grenze des asozialen Handelns.

Asoziale Helden und dogmatische Systembewahrer

Der Anspruch ist hoch, der Alltag sieht anders aus und wird bei vielen von der Bequemlichkeit bestimmt, von Zynismus und Selbstsucht. Dadurch lassen sich holzschnittartig drei Gruppen erkennen:

Helden motivieren sich von innen über Selbstachtung (intrinsich), Systembewahrer werden von außen motiviert über Anerkennung (extrinsisch), Influencer motivieren sich über Machtgefühle.

Perspektive und Welt

Selbstbestimmung findet ihren Sinn, weil sie sich auf eine Perspektive richtet, auf die Position in der *Welt.

Mit einer solchen Perspektive übernehmen wir Verantwortung für die Welt, da sie ein Teil von uns wird. Hannah Arendt führte diesen Gedanken zu Ende (Vita activa oder Vom tätigen Leben, 1960) und meinte: Arbeiten, Herstellen und Handeln sind Tätigkeiten, die dem Menschen eignen und ihn in der Welt einzigartig machen. Also kann der Mensch nur in Ausübung dieser Tätigkeiten gemeinsam mit anderen Menschen seinem Leben einen Sinn geben. Dieser Sinn kann jedoch nicht darin bestehen, in der Routine zwischen Arbeit und Konsum gefangen zu bleiben, in stetiger Bestätigung des Gewohnten und Erwartbaren. Solches Nichts-wissen-Wollen von der Welt wäre ziellos, planlos, perspektivlos. Damit gäbe der Mensch seine Zukunft auf.

»Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge,
würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.«

Weder von Martin Luther noch eine chinesische Weisheit, jedoch passend 7).

1)
Alastair Humphreys
Micro adventures: Local discoveries for great escapes.
Harper Collins 2014
Christo Förster
Mikroabenteuer
Hamburg Harper Collins 2019
2)
J. Urmson Saints and Heroes Essay 1958
3)
Lukas 10, 25–37 »et quodcumque supererogaveris ego cum rediero reddam tibi«
Marie-Luise Raters
Einleitung: Jenseits der Pflicht? Einleitende Reflexionen zur Supererogation
Zeitschrift für Praktische Philosophie Band 4, Heft 2, 2017, S. 107–116
www.praktische-philosophie.org https:doi.org/10.22613/zfpp/4.2.5
4)
Hans Jonas
Das Prinzip Verantwortung: Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation
Frankfurt/M. 1979
5)
Sicht und Einsicht : Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie
Heinz von Foerster. Autoris. dt. Fassung von Wolfram K. Köck
Braunschweig: Vieweg 1985, XI, 233 S.
Über das Konstruieren von Möglichkeiten 1973
6)
Wolfram Eilenberger
Asozial, autonom, autark
Die Zeit 24. September 2018. Hier fokussiert auf »Gründer« und »Elite«.
7)
„Mit Luther hat der Spruch nichts zu tun“. Reinhard Bingener spricht mit dem Theologieprofessor Martin Schloemann FAZ 15.04.2017