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wiki:bote

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Bote

»Er vermacht, ehe er nach fremden Ländern geht, 
sein Vermögen seinen Kindern, 
aus Furcht vor den Asiaten und den wilden Tieren ... 
Kaum nach Hause gekommen, muss er wieder fort; 
wenn er abreist, liegt Zentnerlast auf ihm.«

Aus einem ägyptischen Papyrus der XII. Dynastie 
(24. Jahrhundert v.Chr.), worin unter anderem 
der Beruf des Boten beschrieben wird.
Gaston Maspero:   Du genre épistolaire chez 
les anciens Egyptiens de l'époque pharaonique.
Paris: Franck 1873.

Boten scheinen formal lediglich ein Werkzeug für das Überbringen einer Sendung zu sein. Ursprünglich sind sie jedoch von der Sendung nicht zu trennen und daher Teil der Botschaft mit unterschiedlichen Aufgaben und Kompetenzen - im Unterschied zum Träger - und tragen daher eine »Zentnerlast« an Verantwortung.

  • Die ersten Boten waren Läufer, die etwa 6 bis 10 Kilometer pro Stunde zurücklegten; Reittiere wurden erst später genutzt.
  • Die frühen Boten lernten ihre Botschaft auswendig.
  • Da ihre Botschaft für beide Seiten wichtig ist, genießen sie besondere Rechte und weisen äußere Merkmale auf, die sie als Boten ausweisen, etwa den (Herold-)stab, oder das Horn des https://www.rijksmuseum.nl/nl/collectie/BI-1933-996-20cursor germanus von 1558.
  • Ihre Geleitpapiere und Schutzbriefe waren Vorläufer des Reisepasses.
  • Boten bewegen sich in der Welt des Absenders und in der Welt des Empfänger sowie im Zwischenraum (Wildnis), bedürfen also entsprechender Eigenschaften als Grenzgänger.
  • Boten müssen zuverlässig sein und schnell.

Die Läufer (ruts) der Bibel

Die Bibeltexte 1) erwähnen des öfteren Läufer (Hebr. ruts, `rennen´; lat. cursores regis, gr. ἀπεστάλη), etwa um Einladungen von Stadt zu Stadt zu schicken 2), königliche 3)) Erlasse zu überbringen: »zogen auf das Wort des Königs unverzüglich aus« 4), »und die Schreiben wurden gesandt durch die Läufer in alle Länder des Königs….« 5) Nachrichten mittels einer Kette von Läufern zu zu überbringen 6).

Boten im antiken Griechenland

angelós, ἄγγελος (Bote) erscheint bereits im Altgriechischen mit fremder, also älterer sprachlicher Wurzel, auch ángaros, ein persischer Kurier, 7), apostellō, ἀποστέλλω (Gesandte) sich von `senden´ (στέλλω stéllō < indogermanisch *stel-) ableitet. Im antiken Griechenland war der der Angelos heilig, weil er Nachrichten und Botschaften von außen brachte; später wurde differenziert zwischen Engel und Gast, zwischen dem Helden auf der Suche nach dem Heiligen Abenteuer und dem Reisenden.

Im antiken Griechenland wurde der Eilbote Hemerodromos genannt, weil er Nachrichten über große Distanzen innerhalb eines Tages transportierte. Das altgriechische ἡμεροδρόμος setzt sich aus `Tag´ (ἡμέρα heméra) und `Lauf´ (δρόμος drómos) zusammen, Mehrzahl Hemerodromoi. Noch heutige Wettbewerbe (Marathon, Spartathlon) beziehen sich auf Hemerodromoi wie Pheidippides 490 vor Christus, als er 247 Kilometer in zwei Tagen von Marathon nach Sparta lief, Hilfe erbittend 8) oder Thersippos/Eukles 9), der nach dem Sieg der Athener über die Perser 42 Kilometer von Marathon nach Athen lief, die Nachricht vom Sieg überbringend.
Hemerodromoi sind kaum erwachsen und »nehmen auf ihrem Laufe nichts als Bogen, Pfeile, Wurfspieß und Feuersteine mit; denn diese Dinge sind ihnen auf der Reise ungemein nützlich.« 10)
Eine Inschrift auf dem Sockel einer Siegerstatue des Philonides in Olympia lautet: »König Alexanders Eilbote und Ausschreiter Asiens Philonides des Zoitos Sohn aus Chersonaos in Kreta hat Dies dem olympischen Zeus geweiht« 11), dabei wird Bematistes mit `Ausschreiter´ übersetzt, gemeint ist jedoch eine Art Vermesser. Der Bote ist also nicht nur Sportler und Vermesser, sondern gehört auch zur sozialen Elite. Über denselben 12) sagt Plinius 13): »Philonides, der Läufer Alexanders des Grossen, legte den 1200 Stadien [ca. 240 km] langen Weg von Sicyon nach Elis in neun Stunden am Tage zurück«.

Der Bote (tabellarius) im Römischen Reich

Im römischen Reich waren Boten einfache Dienstleister, weder Helden noch Sportler, sondern Freigelassene oder Sklaven. Die tabellarii (tabellarius) transportierten schriftliche Mitteilungen (tabellae); größere Distanzen übernahmen (berittene) Kuriere stratores (sternere àufsatteln´), später auch speculatores. Dagegen war der einfache Läufer als Bote ein corisator oder cursor, als Träger ein gerulus 14). Veredarius beschreibt die griechischen und römischen Boten sehr ausführlich und betrachtet sie als nachrichtendienstliche Voraussetzung für den Weltverkehr, neudeutsch Globalisierung.
So korrespondiert der griechische Götterbote Hermes mit dem angesehenen Hemerodromos, der die Welt vermisst; der römische Gott Merkur dagegen mit dem dienstleistenden tabellarius und dem Markt (lat. merx).

Der Post-Pothe der Neuzeit

  • Albrecht​ Dürer: Der große Bote
    1494–1495 Kupferstich 10×11,3 cm
    Dresden, Kupferstichkabinett​
  • Albrecht​ Dürer: Der kleine Bote
    um 1496 Kupferstich 10,8×7,7 cm
    New York, Metropolitan, Museum of Art, Department of Drawings
  • Erhard Schoen: Deutscher Fürst und türkischer Bote
    um 1550 Holzschnitt & Dialog 34,4×26,3 cm, Gotha Herzogliches Museum (Landesmuseum)
  • Guler-Schule: Die junge Frau und der Bote (Indien)
    1765 London: Viktoria & Albert Museum

Ein recht lebenslustiges Bild des »neuen allamodischen Postpoten« bietet die Beschriftung eines Druckes aus Nürnberg 15), Mitte des 16. Jahrhunderts, der »mit Botenspiess und Tasche ausgerüstet … unbekümmert um Regen und Sonnenschein, von seinem treuen Hunde begleitet, kräftigen Schrittes fürbass« schreitet 16).

Ich bin die Post zu Fuss, ich bringe diess und dass; 
Denck an den kühlen Wein, so bald ich werde nass. 
Geh ich durch einen Thal, und höre Vögel singen, 
So denck ich zu dem Tisch, da die Schalmeyen klingen. 
Ich gehe durch den Wald und mancher Dörner Strauss 
Und traure, dass noch weit ist zu dess Wirthes hauss. 

Geh ich auf einen Weg, da fleusst ein Wässerlein, 
So denck ich Morgens gleich an den gebranden wein, 
So bald ich angelangt, will jeder Zeitung fragen; 
Da kan ich unverschnauft zwölf Dutzent Lügen sagen. 
Frau wirthin traget auf, und setzt das beste zu, 
Es zahlen diese Zech dess Botten neue Schuh. 

Realistischer beschrieben wird der Fußbote mit Botenschild und Botenspieß 1609 17):

Durch Windt und Schnee ich armer Held
Bey Tag bey Nacht lauff durch das Feld
Kein Hitz des Sommers mich auff helt 
Des Winters scheu ich keine Kelt 
Nach dem ich einem Bottschafft bring 
Empfaht man mich wol oder gring
Viel Newes und der Zeitung vil 
Ein iedere von mir wissen wil 
Was soll dan thun ich armer knecht 
Damit man mich nicht halt für schlecht 
Mus ich also fein warm und heiß 
Schmiden auch das so ich nicht weiß 
Kan mich auch wol accomodieren 
Vnd sagen was man gern thut hören 
Das Trinckgeld offt im Würtshauß bleibt
Des Weib und Kindt sich wenig frewt
Wen ich dan schon lang hab grunnen 
So ist nichts dan blosse Kost gwunnen

Weitere Nachrichten über Boten

Hier und da - in China, Japan, Rom - werden besondere Ansprüche an Boten geäußert:

  • genügsam: »Durch Boten wird der Wolf nicht fett« 18)
  • nicht abergläubisch, also mentale Stärke
  • körperlich belastbar, stark, wehrhaft
  • vertraulich und zuverlässig
  • besondere Kleidung oder Kennzeichen
  • Botenstab, auch als Waffe

Das Wesen des Boten erscheint vielschichtig in seinen Bezeichnungen und Funktionen als

  • Läufer
  • Botschafter und Gesandter
  • Gerichtsbote, Büttel, bevollmächtigter Stellvertreter des Gerichts- oder Grundherrn
    »Der Bote steht für zwei« 19)
  • Fürsprecher, Vertreter, Vormund
  • Zeuge und Bürge
  • Dienstbote und Laufbursche
  • Klosterbote und Universitätsbote

Veredarius, O.:
Das Buch von der Weltpost: Entwicklung und Wirken der Post und Telegraphie im Weltverkehr.
J. Meidinger Berlin 1885, Nachdruck 1986 transpress VEB Verl. für Verkehrswesen.

Hermann Glaser & Thomas Werner
Die Post in ihrer Zeit: Eine Kulturgeschichte menschlicher Kommunikation.
Heidelberg v. Decker 1990

2)
2. Chr 30,6-10
3)
(1. Kön 14,27.28; 2. Kön 10,25; 11,4-19; 2. Chr 12,10.11
4)
Est 3,13.15; 8,10.14
5)
Esther 3, 13
6)
Jer 51,31
7)
Robert Beekes: Etymological Dictionary of Greek. 1. Auflage. Band 1: Α–Λ, Brill, Leiden, Boston 2010, ISBN 978-90-04-17420-7 (Band 10/1 der Leiden Indo-European Etymological Dictionary Series) Seite 9
Band 2: Μ–Ω στέλλω Seite 139
Diskutiert werden Ableitungen über das mykenische a-ke-ro aus dem Semitischen 𐡀𐡍‬𐡂𐡓𐡕‬𐡀‎ ’engirtā `Brief, Vertrag´, Akkadischen ܐܓܪܬܐ‎(ˀeggarṯā `Brief, Dokument´) letter, document”), dem Sanskrit अजिरा ajirā `schnell, beweglich´
8)
Herodot 6, 105–106
9)
Plutarch, Vom Ruhm der Athener 347 n. Chr., dessen Quelle war Herakleides Pontikos
10)
Veredarius 1885, S. 45
11)
Veredarius 1885, S. 45; Pausanias, Beschreibung Griechenlands 6.16.5
12)
Jacoby, Felix, “Philonides von Kreta (121)”, in: Die Fragmente der Griechischen Historiker Part I-III, General Editor: Felix Jacoby. Consulted online on 24 March 2021 <http://dx.doi.org/10.1163/1873-5363_boj_a121>
13)
Naturalis historia Band 2, Kap. 73
14)
Kolb, Anne, “Tabellarius”, in: Der Neue Pauly, Herausgegeben von: Hubert Cancik,, Helmuth Schneider (Antike), Manfred Landfester (Rezeptions- und Wissenschaftsgeschichte). Consulted online on 24 March 2021 <http://dx.doi.org/10.1163/1574-9347_dnp_e1127900> First published online: 2006
15)
Katalog des Reichspostmuseums. J. Springer, 1897, S. 111
16)
Fischer, P. D. (1879). Post und Telegraphie im Weltverkehr. Berlin: Dümmler S. 2
17)
Gerhard Altzenbach, Stecher: Theodor Holtmann, Kupferstich, Berlin, Museum für Kommunikation, Inv.-Nr. 4.2001.314
18)
K.F.W. Wander : Deutsches Sprichwörter-Lexicon 1, S. 442, Nr. 34
19)
K.F.W. Wander : Deutsches Sprichwörter-Lexicon 1, S. 442, Nr. 30
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