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wiki:autobahn

Autobahn

Der Name Autobahn enthält vier Grundgedanken, nämlich

  1. dass diese Art von Straße für Automobile gebaut wurde, also ein Produkt des 20. Jahrhunderts und eine Folge der Entwicklung des Automobils sowie
  2. dass ein Weg als „Bahn“ gewaltsam durch natürliche Widerstände gebahnt wurde (eine Idee, die bereits die Römer erstmals mit der via appia umsetzten) und
  3. dass dem Einzelnen mit seinem Fahrzeug „freie Fahrt“ eingeräumt wird und schließlich
  4. dass die Fortbewegung nicht behindert werden darf, weil „Zeit“ ein knappes Gut ist.

Daher unterscheiden sich Autobahnen bautechnisch und planerisch von anderen Straßen durch

  • eine weitgehend kompromisslose Trassenführung;
  • eine glatte und befestigte Bahn als Fahruntergrund, also keine Piste und kein Gelände
  • getrennte Bahnen, daher mit einem Mittelstreifen 1)
  • die ständige Möglichkeit zu Überholen, also mindestens zwei Fahrstreifen pro Richtung
  • hohe Geschwindigkeit, also keine Kreuzungen sondern zusätzliche Brems- und Beschleunigungsspuren
  • möglichst gleichmäßige Geschwindigkeit, also angepasste Steigungen und Kurvenradien
  • Fernverkehr, also außerörtliche Trassenführung, siehe Europa, Routen

Darauf beziehen sich auch die Begriffe anderer Sprachen, wenngleich sie manchmal andere Eigenschaften hervorheben: auf dem Freeway gibt es keine Hindernisse, der Expressway ermöglicht schnellstes Fahren, die Interstate zeichnet sich durch Fernverkehr aus und auf dem Controlled-access highway darf nicht jeder fahren. Jedoch ist ein Highway keine Autobahn.
Auf deutschen Autobahnen dürfen nur Kraftfahrzeuge benutzt werden, deren bauartbedingte Höchstgeschwindigkeit mehr als 60 km/h beträgt. Außerdem dürfen Fahrzeuge und Ladung zusammen nicht höher als 400 cm und nicht breiter als 255 cm sein.

Entwicklung der Verkehrstechnik

Solche Forderungen wurden erst schrittweise möglich und sinnvoll durch eine vielschichtige Entwicklung der Verkehrstechnik, unter anderem:

  • ab 1886, nach dem Bau des ersten selbstfahrenden, lenk- und bremsbaren vollständigen Automobils, dem Benz Patent-Motorwagen Nummer 1;
  • ab 1888, nach der ersten Langstreckenfahrt über rund 200 km von Mannheim nach Pforzheim und zurück, unternommen von Bertha Benz im Benz Patent-Motorwagen Nummer 3;
  • ab 1894, nach der ersten Serienfertigung von Automobilen: Benz baute 1894 67 Automobile und war damit weltweit der größte Hersteller von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor; Peugeot baute 40 Fahrzeuge und Daimler begann gerade mit dem ersten Fahrzeug;
  • ab 1894, nachdem die Brüder Michelin den ersten pneumatischen, also luftgefüllten Gummireifen für Automobile entwickelt hatten.
  • ab 1896, nach der ersten Langstreckenrallye von London nach Brighton mit den Siegern Léon Bollée (1 + 2), Duryea (3) und Panhard & Levassor (4 + 5).

Entwicklung des Straßenbaus

  • 1901 entstand die erste für den motorisierten Verkehr gebaute Straße. Sie führte von Antananarivo nach Tomasina, 200 Kilometer durchs Hochland von Madagaskar. Damals gehörte das einzige Auto auf der rund 2.000 Kilometer langen Insel dem französischen Gouverneur, General Joseph-Simon Galliéni.
  • 1904 sprach sich Kaiser Wilhelm II. für den Bau einer »Nur-Kraftwagen-Straße« aus 2).
  • 1908 entstand der Long Island Motor Parkway LIMP in den USA. Einer der damals reichsten Männer der Welt, William Kissam Vanderbilt II, ließ sich eine private Rennstrecke von Queens in New York City bis zum Lake Ronkonkoma bauen: glatte Betonbahn, kreuzungsfrei mit Unterführungen und Brücken, 45 Meilen lang. Später wurde sie zur öffentlichen, aber mautpflichtigen Strecke 3).
  • 1909 wurde in Berlin die AVUS gegründet, eine Gesellschaft mit dem Ziel, eine »Automobil-Verkehrs- und Uebungs-Straße« zu bauen.
  • 1914 bis 1918 gab der Erste Weltkrieg andere Prioritäten vor.
  • 1916 wurde der erste Mittelstreifen der Neuzeit im Ersten Weltkrieg organisiert, denn es gab vorher keinen massenhaften motorisierten Verkehr zu steuern. Im Februar 1916 mussten in Frankreich auf der route nationale 109 einerseits die Verwundeten aus der Schlacht um Verdun ins Hinterland gebracht werden, andererseits durfte der Nachschub an die Front nicht behindert werden. Dazu wurde ein provisorischer Mittelstreifen aufgebaut, der die Verkehrsströme trennte. Die Idee war so überzeugend, dass die Strecke in den Kriegsmedien zur voie sacrée – via sacra glorifiziert wurde und aus heutiger Sicht tatsächlich einen Baustein zur Idee der Autobahn lieferte.
  • 1921 wurde die AVUS fertiggestellt. 8,3 Kilometer lang diente sie als Renn- und Teststrecke, die kostenpflichtig genutzt werden konnte. Heute ist sie ein Teil der A115.
  • 1924 entstand die Autostrada dei Laghi als erste öffentliche, reine Kraftfahrstraße nur für Automobile, jedoch mautpflichtig, nicht kreuzungsfrei, ohne Überholspur und ohne getrennte Richtungsbahnen. Sie führte von Mailand zum Comer See, zum Lago di Varese und zum Lago Maggiore und ist heute ein Teil der A8 und A9.
  • 1926 führte Robert Otzen deutsche Straßenbaufirmen in einem Verein zum Bau einer Straße für den Kraftwagen-Schnellverkehr von Hamburg über Frankfurt a. M. nach Basel zusammen, später kurz HaFraBa e.V. Von Robert Otzen stammt ab 1929 auch der Kurzname Autobahn 4).
  • 1932 verband die erste Autobahn auf 20 Kilometern Köln und Bonn, Auftraggeber war Kölns Oberbürgermeister Konrad Adenauer. Heute ist dies die A555.
  • 1933 übernahmen die Nationalsozialisten den HaFraBa e.V. und benannten ihn um in Gezuvor (Gesellschaft zur Vorbereitung der Reichsautobahnen e. V.“).
  • Für 1937/1938 liegt ein Briefwechsel vor 5) zwischen dem Geschäftsführer des Vereins, Willy Hof, dem Generalinspekteur für das deutsche Straßenwesen, Fritz Todt, und Piero Puricelli (1883 - 1951), Tiefbauingenieur und Senator des italienischen Königreichs. Puricelli war 1924 am Bau der Autostrada dei Laghi beteiligt, unter Förderung Mussolinis. Puricelli war auch 1926 an der Gründung der HaFraBa in Rom beteiligt und schreibt: »Mit der Unterstützung Mussolinis habe ich die erste Autostraße erdacht, studiert und ausgeführt - und zwar im Jahre 1922« [28.10.1922] . Fritz Todt setzt jedoch durch: »Die Reichsautobahnen, wie wir sie jetzt bauen, haben nicht als von der 'HAFRABA' vorbereitet zu gelten, sondern einzig und allein als 'Die Straßen Adolf Hitlers'« 6).

Literatur

  • Kurt Kaftan
    Der Kampf um die Autobahnen.
    Geschichte und Entwicklung des Autobahngedankens in Deutschland von 1907-1935 unter Berücksichtigung ähnlicher Pläne und Bestrebungen im übrigen Europa.
    Berlin: Wigankow (1955). 192 S. mit Abb.
  • Thomas Zeller
    Driving Germany.
    The Landscape of the German Autobahn 1930–1970.
    New York/Oxford 2007
  • Erhard Schütz/Eckhard Gruber
    Mythos Reichsautobahn.
    Bau und Inszenierung der „Straßen des Führers“ 1933–1941.
    Berlin 1996.

"Autobahn" in anderen Sprachen

  • Aftokinitodromos (Griechenland)
  • Autoestrada (Portugal)
  • Autópálya (Ungarn)
  • Autopista (Spanien)
  • Autoput, Autocesta (Bosnien-Herzegovina, Kroatien, Serbien)
  • Autoroute (Frankreich, Marokko)
  • Autostrada (Ägypten, Polen, Rumänien, Italien)
  • Avtocesta (Slovenien)
  • Avtomagistrala (Bulgarien, Ukraine)
  • Avtopat (Mazedonien)
  • Dálnice (Tschechien)
  • Expressway (China)
  • Freeway (Canada, Taiwan)
  • U.S./Interstate Highway (Vereinigte Staaten)
  • Kosokudoro (Japan)
  • Lebuhraya (Malaysia)
  • Motorväg (Schweden)
  • Motorvei (Norwegen)
  • Motorway (Irland)
  • Rodovia (Brasilien)

Road Music & Road Movie

  • 1955 Banditen der Autobahn
    Deutschland 101/95 Minuten Regie: Géza von Cziffra
  • 1971 Duel
    USA 90 Minuten Universal Picture, Regie: Steven Spielberg
  • 1974 Autobahn
    (Kraftwerk : Autobahn )
  • 1980 Theo gegen den Rest der Welt
    Deutschland Regie: Peter F. Bringmann, mit Marius Müller-Westernhagen
  • 1991 Superstau
    Deutschland 77 Minuten Regie: Manfred Stelzer
  • 1996 Julio Cortázar, Carol Dunlop
    Die Autonauten auf der Kosmobahn. Eine zeitlose Reise Paris - Marseille.
    Suhrkamp Frankfurt am Main
  • 2014 Autobahn
    Deutschland Regie: Eran Creevy
  • siehe auch Road Music & Road Movie
1)
Bereits in der römischen Antike wurde die Via Portuensis zwischen Rom und dem Hafen Ostia mit einem steinernen Streifen in der Mitte versehen, der den Fussgängern vorbehalten war.
2)
König, Wolfgang
Wilhelm II. und die Moderne.
Der Kaiser und die technisch-industrielle Welt

Paderborn 2007. ISBN 978-3-506-75738-8
3)
Howard Kroplick, Al Velocchi
The Long Island Motor Parkway
Acadia Publ., Charleston SC 2008, ISBN 0-7385-5793-5
4)
Richard Vahrenkamp
The German Autobahn 1920–1945: Hafraba Visions and Mega Projects
Josef Eul Verlag, Lohmar/Köln 2010, ISBN 978-3-89936-940-3
5)
BArch, R 4601/1107, Bl. 184-191
6)
Vgl.BArch, R 4602/729, Bl. 79, Aufzeichnungen von Theodor Krebs
wiki/autobahn.txt · Zuletzt geändert: 2022/02/09 21:04 von norbert