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Unterwegs ins Okavango-Delta

Von Simbabwe nach Botswana

Ein Reisebericht von Norbert Lüdtke (1985)

Rhodes Matopos National Park südlich von Bulawayo, Simbabwe

Es scheint, als hätte sich eine Elefantenherde in der Savanne verteilt und dann zum Schlafen hingelegt. Die Piste schlängelt sich elegant um die grau-schwarzen Buckel kleiner, großer und sehr großer Monolithen. Wer allerdings aus den verstreuten Elefantenbuckeln Türmchen gebaut hat, und dabei die größeren Buckel so auf die kleineren legte, daß sie kaum im Gleichgewicht zu sein scheinen – ja, das wissen vielleicht die Bewohner des Hügels Malindidzimu. Diesen »Ort der guten Ahnengeister« nannten die angelsächsischen Kolonisatoren »World’s view«, was ja stimmt, wenn man von oben über die Savanne blickt und den Horizont nur daran erkennt, daß dort der rote Ball langsam verschluckt wird, was aber dennoch ziemlich einfallslos ist. Ein guter Ort, begraben zu sein. Den Hügel krönt ein weiterer Monolith, in dessen Mitte eine große, doch schlichte Stahlplatte eingelassen ist. Sir John Cecil Rhodes genießt (?) eine einmalige Aussicht. Was allerdings der Granitklotz im römischen Festungsbaustil hier soll, mit spitzer Säulenplatte gekrönt und mit umlaufendem Fries, das wissen wohl nur die Stifter.

1985, als ich dort stand, schien die Welt idyllisch und ich durfte bedauern, keine Farm in Afrika zu haben. Bedauern durfte ich am Abend desselben Tages auch, daß meine neue Fjällräven-Jacke künftig wohl andere Schultern zierte. Bulawayo schien mir damals eine schöne Stadt, eben nach englischem Geschmack für weiße Rhodesier gebaut: »sauber, leise, mit grünen Parks, großartigen Bäumen, wenig Verkehr und niedrigen Häusern«, meint mein Tagebuch. Hingerissen war ich von den Caravan-Parks, die aus kolonialistischer Zeit herübergerettet worden waren. Es gab Zeltmöglichkeiten, Chalets, Lodges, Lagerfeuerplätze, Grill, Kühlschrank, E-Herd, hervorragende Waschgelegenheiten … und immer in berauschend schöner Lage, integriert in die Landschaft, Felsen, Bäume, Bäche einbeziehend. Müll suchte man vergebens, 3 US$ pro Nacht. Auf einen solchen Platz fuhr abends fuhr ein alter VW-Bus auf den Platz, Bonner Kennzeichen. Darin zwei Bekannte, Gottfried und Christel, die eine Farm in Australien bewirtschafteten, dzg-Mitglieder.

Was mich hierher führte? Eine unvollendete Reise. Vor zwei Jahren hatte ich mich an der Trans-Afrika-Tour (TAT) beteiligt, die rückblicken dvon vielen auch Un-Tat genannt wurde. Wir wollten von Kairo nach Kapstadt, doch es kam alles anders. Mir fehlte nun das südliche Afrika, das wollte ich nachholen, ganz besonders inspiriert von einem beeindruckenden Bildband über das Okavango-Gebiet. Da wollte ich hin. Hier in Bulawayo traf ich mich mit Gerd, einem anderen dzg-Mitglied. Gemeinsam mieteten wir einen Ford, einen Fiesta glaube ich, und los ging’s. Ich konzentriere mich nun im Wesentlichen auf die Okavango-Tour.

Via Francistown nach Maun

Also fuhren wir mit dem Ford nach Botswana (was laut Mietwagenfirma verboten war). Bis Francistown eine Super Straße, danach eine super Piste, noch 200 Kilometer bis Maun, dem Ausgangsort für alle Touren ins Okavango-Delta. Nach 100 Kilometern platzte ein Reifen, der Wagen verließ die Straße nach links, dann platzte der zweite Reifen und wir landeten auf der rechten Straßenböschung, der Wagen lag auf der Seite, schöne Bescherung. Seit Francistown hatten wir keine Siedlung mehr gesehen und laut Karte gab es auch keine bis Maun. Nach und nach spuckte die Steppe am Rande der Kalahari neugierige Besucher aus. Nomaden, freundlich: »Ich nix botswanesisch sprechen – Du nix deutsch?«

Den Wagen wieder auf die Räder zu kippen war kein Problem, die platten Reifen aufzupumpen schon. Wir suchten den Reservereifen und hatten nun drei Platte. Was tun? Strohhalme ziehen: Einer blieb beim Wagen, einer mußte zur nächsten Werkstatt. Räder abschrauben ging, wir hatten ja nur das wenige Werkzeug, das sich im Mietwagen befand. Jetzt fehlte nur noch eine Transportmöglichkeit. Nach inoffiziellen Angaben verkehrten auf dieser Strecke etwa fünf Wagen täglich. Mehrere Stunden später schickte uns ein gnädiger Reisegott einen Wagen, der nicht nur hielt, der nicht nur willens war, mich und zwei Räder mitzunehmen, sondern auch Platz bot. Doch der Reisegott ist ein Schalk. Nach 130 Kilometern blieb der Range Rover liegen, Sprit alle. Also wieder Daumen raus, neben den Rädern hatte ich nun noch einen Spritkanister unterm Arm, und auf die nächste Mitfahrgelegenheit gewartet.

Als wir Maun abends erreichten, hatte die Werkstatt geschlossen. Ich deponierte die beiden Reifen im benachbarten Store, der ebenfalls gerade schloß. Die Nacht verbrachte ich im Crocodile Camp und traf dort einen Geologen, den ich bereits in Johannnisburg kennengelernt hatte, die Welt ist klein.

Am nächsten Morgen früh raus, 16 Kilometer vom Camp bis Maun getrampt, die Reifen in Rileys Garage abgegeben, Frühstück. Zurück in der Garage hörte ich, daß es keine passenden Schläuche in Maun gäbe. Also kamen größere rein. Um 13 Uhr war ich wieder beim Wagen in der Kalahari. Gerd erzählte von nächtlichen Löwenbesuchen und daß er aus dem Fenster gepinkelt habe. Den Weg zum Crocodile Camp kannte ich ja nun. Auf der schlimmen Sandpiste blieben wir noch einmal stecken. Ein Landcruiser zog uns raus. Den Fahrer hatte ich schon im Flugzeug von Amsterdam nach Johannisburg getroffen.

Flug auf Chief's Island

Anderntags bekamen wir einen Platz in einer sechssitzigen Cessna und flogen mit Air Karango ins Delta Camp. Dort, steht die Oddball’s Palm Island Lodge, nur 85 Kilometer von Maun entfernt, aber über Land nicht zu erreichen. Der Buschpilot kennt die Strecke, orientiert sich an Baumgruppen, denn die Landschaftändert ihr Gesicht je nach Wasserstand. Nach der Regenzeit erstrecken sich einzelne Wasserarme bis Maun, nun jedoch zernarbt die Trockenheit den Boden. Nach wenigen Flugminuten zeigen sich die ersten Wasserstellen, dann reiht sich Tümpel an Tümpel, wird bald zum Wasserweg, der sich durchs Land windet, und weitet sich schließlich zur endlosen Wasserfläche, die wie ein Streuselkuchen übersät ist von tausenden kleiner und kleinster Inselchen, mit Bäumen bestanden, die aus dem Wasser ragen.

Das »Land im Wasser« ist etwa so groß wie Schleswig-Holstein, es bildet das Mündungsdelta des Flusses Okavango, mündet jedoch in kein Meer, sondern verdunstet und versickert im Sand der Kalahari. 1.600 Kilometer transportiert der Fluß sein Wasser aus den Bergen Angolas durch Sambia und Namibia, sechs Monate dauert es, bis der Regen die Wüste erreicht: »Wo der Fluß im Wüstensand stirbt, wird ein Paradies geboren«, schwärmte ein Beschreiber des Deltas. Nur langsam wird aus dem sich verbreiternden Fluß ein Sumpf, dann überwuchert der Papyrus mehr und mehr den Flußarm, kaum noch ist die Strömung zu erkennen. Wenn die Flutwelle kommt, steigt das Wasser, läßt zu flache Inseln versinken schafft neue Wasserwege, zerschneidet die trockene Steppe und schafft endlose Wasserflächen für das Wild.

Ohne Flugzeug geht hier wenig. Nach 30 Minuten Flug landen wir auf Chief’s Island, eine holprieg Erdpiste empfängt uns, die von oben wie ein Bleistift die Insel teilt. Ein klappriger alter Jeep wartet und bringt uns ins sechs Kilometer entfernte Camp. Ein Engländer mit seiner Freundin, beide der Zivilisation überdrüssig, leiteten es seit zwei Jahren. Luftige Hütten aus Palmholz und mit Schilfrohrwänden beherbergen eine Funkstation, ein kleines Lebensmittellager und die Bar. Die Bar ist um eine mächtige alte Würgerfeige herum erbaut, mit einem Einbaum als Theke und dekoriert mit allem, was der Sumpf hergibt: der ausladenden Trophäe eines Kapbüffels, das spiralig gewundene Gehörn des Kudu, einen menschlichen Schädel, der Sonnenbrille und Golfmütze trägt. Im grünlichen Wasser eines Aquariums vertragen sich ein junges Krokodil und eine träge dümpelnde Wasserschildkröte.

Mit dem Einbaum durchs Delta

Wie das bei Bars so ist, halten gegenüber die Taxis. Hier sind das die Sumpftaxis, Einbäume. Mokoros nennen die Einheimischen sie, denn das Delta ist an den Rändern bewohnt, ursprünglich und noch im Norden leben hier vorwiegend Buschmänner, San: »In ihren Booten brennt ständig ein Feuer und sie schlafen lieber im Kanu, als die Nacht an Land zu verbringen,« schrieb Livingstone Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Bootsbauer vererben mit ihrem Handwerk auch den Baumbestand, den vielleicht schon der Großvater mit gekennzeichnet hat: Bis zu 200 Jahre muß der Mokutshumo wachsen, dann formen ihn Äxte in sechs Wochen zum bananenförmigen Boot. Nur fünf Jahre braucht der Sumpf, bis er das Boot zernagt hat.

»Fachmänisch« suchen wir uns ein Boot aus, wir wollen einige Tage den Sumpf erkunden. Ein voll beladenes Mokoro liegt nur wenige Zentimeter über dem Wasserspiegel, immer wieder muß Wasser geschöpft werden. Also sitzt man auf Kissen aus Schilf, der Hosenboden ist dennoch naß, und lehnen an den Rucksäcken. Satumo, unser Führer, steht aufrecht im Heck und treibt mit einer vier Meter langen Stange das Boot vorn. Selten ist das Wasser tiefer als einen Meter und oft ist es so flach, daß ich aussteige und schiebe. Lautlos gleiten wir dahin, über offene Wasserflächen und durch dichtes Schilf. Ein oder zwei Mal am Tag begegnet uns ein anderes Mokoro, sonst gibt es keine Spuren anderer Menschen. Hin und zieht ein durchdringender Schrei den Blick nach oben: Fischadler ziehen ihre Kreise, suchen nach Beute. Auch in den etwas tieferen Wasserläufen ist der Grund in vier Metern Tiefe noch deutlich zu erkennen, allerdings sehen wir kaum einen Fisch. Ohne weiteres trinken wir dieses Wasser, etwas anderes gibt es ohnehin nicht.

Am Rande stehen oft Impalas. Kommen wir näher, trabt die Herde ohne Hast durch den nächsten flachen Wasserlauf zur nächsten Insel. Wir vagabundieren durch das mäandernde System der Wasserläufe, legen an immer wieder anderen Inseln an, und versuchen uns in stundenlangen Märschen an das Wild heranzupirschen. Satumo führt uns zu Lichtungen und Tränken, zu Kudus und Giraffen, Zebras, Büffeln und Warzenschweinen, zu Löwen und immer wieder zu Antilopen. Gegen den Wind, verdeckt im meterhohen Gras arbeiten wir uns langsam und leise an die Tiere heran. Selten gelingt es uns, näher als 100 Meter an sie heranzukommen, immer vereitelt der tierische Instinkt unser Bemühen. Schuld daran ist auch der »Go-away-Vogel«, dessen Warnruf die Tiere alarmiert. Nur an die Büffel kommen wir näher heran, sie donnern erst später davon. Lustig und dennoch elegant erscheint die trabende Giraffe. Während die dünnen Beine im hohen Gras verschwinden, schlackert der lange Hals rhythmisch vor und zurück. Aggressiv oder »wild« erscheinen uns die Tiere nie.

Frühzeitig suchen wir uns einen Platz für die Nacht, ein Inselchen mit Lagerplatz für Zelte, Gepäck und Feuer. Nächtlichen Schutz bietet alleine das Feuer, der Rauch signalisiert den Tieren einen Buschbrand. Dennoch: Wenige Monate zuvor wurde eine junge Frau aus Niedersachsen hier nachts von Löwen aus dem Zelt geholt und gefressen. (Kein Gerücht: Ein damaliges dzg-Vorstandsmitglied, Sozialarbeiter in Hannover, kannte die Gruppe und das Mädchen). Die anderen sollen es erst am nächsten Morgen gemerkt haben. Das motiviert zu vorausschauender Brennholzlagerung und vor allem dazu, alle zwei Stunden nachzulegen.

Nicht abschreckbar sind die Affen: neugierig, vorwitzig, klauen sie wie die Raben (das ist beleidigend für die Raben). Ärgerlich, wenn sie mit der Dose Kaffee im Baum sitzen und sich totlachen. Manchmal hilft ein gezielter Wurf, aber sie werfen auch gerne zurück und von oben nach unten haben sie die besseren Karten. Abends verwünscht man die Tierschützer und ihren erfolgreichen Kampf gegen Froschschenkel auf Speisekarten, denn das Getöse der Ochsenfrösche läßt sich kaum aushalten. Ein gebrülltes »Ruhe« hilft tatsächlich, wenn auch nur kurz. Das dumpfe Brüllen der Löwen und Büffel übertönen sie mühelos, lediglich das keckernde Lachen der Hyänen ist durchdringend. Kurz vor Sonnenaufgang fangen dann schon wieder die Affen an zu ärgern und werden ihre Essensreste aufs Zelt. Vorbei ist es mit Schlafen. Crocs und Hippos sahen wir allerdings während der gesamten Einbaumtour nicht. Es gibt sie nicht überall im Okavango und die kundigen Führer meiden sorgsam ihre Gebiete.

Obwohl uns die Landschaft überall zum Verwechseln ähnlich scheint, findet sich der Führer scheinbar mühelos zurecht, jedenfalls bringt er uns ohne tagelange Verzögerungen zurück ins Camp. Als Orientierungshilfe dient der urwüchsige Baobab in seinen vielfältigen Wuchsformen, oder der Leberwurstbaum, unter dem sich das Campen nicht empfiehlt. Mit traumwandlerischer Sicherheit treibt unser Führer den Einbaum in ein Schilfdickicht, das undurchdringlich erscheint: Halme knicken, Spinnenetze überziehen das Boot, hunderte von Insekten fallen in den Einbaum, dann, manchmal erst nach 100 Metern, öffnet sich der Blick, und unvermittelt finden wir uns in Sichtweite der Bar. Pünktlich sind wir zurück, doch der Flug fällt aus, die Cessna hatte einen Crash, ein Ersatzflugzeug muß beschafft werden. Uns ist es recht.

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