wiki:1873_fontane_modernes_reisen
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| + | ====== Essay 1873 Theodor Fontane Modernes Reisen ====== | ||
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| + | //Quelle: Fontane, Theodor: Von vor und nach der Reise. 2. Aufl. Berlin, 1894, S. 24. In: Deutsches Textarchiv [[https:// | ||
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| + | → [[1893 Essay Grunow Allerlei vom Reisen|Essay 1893 Grunow Allerlei vom Reisen]] | ||
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| + | Modernes Reisen. Eine Plauderei. (1873.) | ||
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| + | Zu den Eigentümlichkeiten unserer Zeit gehört das Massenreisen. Sonst reisten bevorzugte [[einzelne|Individuen]], | ||
| + | Alle [[welt|Welt]] reist. So gewiß in alten Tagen eine Wetter-Unterhaltung war, so gewiß ist jetzt eine Reise-Unterhaltung. „Wo waren Sie in diesem Sommer,“ heißt es von Oktober bis Weihnachten; | ||
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| + | wenden?“ heißt es von Weihnachten bis Ostern; viele Menschen betrachten elf Monate des Jahres nur als eine Vorbereitung auf den zwölften, nur als die Leiter, die auf die Höhe des Daseins führt. Um dieses Zwölftels willen wird gelebt, für dieses Zwölftel wird gedacht und gedarbt; die Wohnung wird immer enger und die Herrschaft des Schlafsofas immer souverainer, | ||
| + | Die Mode und die Eitelkeit haben ihren starken Anteil an dieser Erscheinung, | ||
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| + | Der moderne Mensch, angestrengter wie er wird, bedarf auch größerer Erholung. Findet er sie? Findet er das erhoffte Glück? | ||
| + | Ja und nein, je nachdem wir das eine oder andere unter reisen verstehen. Heißt reisen „einen Sommeraufenthalt nehmen,“ so ist das Glück nicht nur möglich, sondern bei leidlich normaler Charakterbeschaffenheit sogar wahrscheinlich; | ||
| + | In der That, es dreht sich alles um den Gegensatz von [[sommerfrische|Sommerfrischler]] und Sommerreisenden. \\ | ||
| + | Betrachten wir zunächst den Sommerfrischler, | ||
| + | Der kleine Beamte, der Oberlehrer, der Stadtrichter, | ||
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| + | führen. Sie werden, eh die Biederherzigkeit der alten Teerjacke, die erfahrungsmäßig höchstens drei Sommer aushält, in Gewinnsucht untergeht, für ein Billiges leben und die unvermeidlichen Ausgaben der eigentlichen Reise, der Locomotion als solcher, durch andauernden Blaubeeren- und Flundergenuß wieder balancieren können; die Kinder werden primitive Hafenanlagen im Sande machen, und die erwachsenen Töchter Muscheln und Bernstein suchen; unsagbar alte Garderobenstücke werden aufgetragen, | ||
| + | So oder ähnlich wird es vieler Orten heißen und | ||
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| + | wenn ich Umschau halte, will es mir erscheinen, daß sich solche, in der Bescheidenheit ihrer Ansprüche Befriedigten immer noch zu Tausenden finden müssen, nicht blos an der Ostseeküste hin, auch in Schlesien, am Oberharz, und in den Thälern und Bergkesseln des Thüringer Waldes. Aber alle freilich, wie ich wiederholen muß, werden dieses ungetrübten Glückes nur teilhaftig geworden sein, wenn sie während ihrer Reisezeit sich damit begnügten, in gewissem Sinne zu den Halb-[[nomaden|Nomaden]] zu zählen, mit anderen Worten, wenn sie vier Wochen lang auf ein und derselben Gebirgs- oder Strand-Oase aushielten.\\ | ||
| + | So viel über den Sommer-Frischler, | ||
| + | Aber sehr anders, wie schon angedeutet, liegt es bei dem Sommer-[[reisende|Reisenden]], | ||
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| + | wie nur je ein Wüstenfahrer. Immer neue Hotel-Schlösser tauchen verheißungsvoll am [[horizont|Horizonte]] vor ihm auf, aber der Moment der Erreichung ist auch jedesmal ein Moment der Enttäuschung für ihn. Er findet Kühle, nicht Kühlung.\\ | ||
| + | Ist das alles ein Unvermeidliches? | ||
| + | Nein. Nichts davon, daß man es nicht anders gewollt, daß man ja das Recht gehabt habe ruhig zu Hause zu bleiben, und daß jeder, der sich leichtsinnig in Gefahr begäbe, nicht erstaunt sein dürfe, darin umzukommen. Dies alles ist nicht nur falsch, es ist auch hart und grausam, denn die Reise-Benötigung, | ||
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| + | ===== 9 ===== | ||
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| + | geworden ist, hat nicht Willfährigkeit und Entgegenkommen, | ||
| + | War es immer so? Mit nichten. Wie ganz anders erwiesen sich die Wirte vergangener Tage! Nur noch Einzel-Exemplare kommen vor, an denen sich die Tugenden eines ausgestorbenen Geschlechts studieren lassen. Wer sie voll erkennen will, der lese die englischen Romane des vorigen Jahrhunderts. Auch noch in W. Scott finden sich solche Gestalten. Es gab nichts Liebenswürdigeres als solchen englischen Landlord, der in heiterer Würde seine [[gast|Gäste]] auf dem Vorflur begrüßte und mit der Miene eines fürstlichen Menschenfreundes seine Weisungen gab. Er vertrat jeden Augenblick die Ehre seines Standes. Er war nicht dazu da, um in den drei Reisemonaten reich zu werden, still und allmählich sah er sein Vermögen wachsen und gab dem Sohne ein Eigentum, das er selbst einst vom Vater empfangen hatte. Er waltete seines Amts aus gutem Herzen | ||
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| + | und guter Gewohnheit. Er war wie ein Patriarch; sein [[herberge|Gasthaus]] eine Zufluchtsstätte, | ||
| + | Auch in Deutschland gab es solche Gestalten, wenn auch vereinzelter, | ||
| + | Wie sind jetzt die Hotel-Erlebnisse des kleinen Reisenden! Ich antworte mit einer Schilderung, | ||
| + | Der Zug hält. Es ist sieben Uhr abends. Jenseits des Schienenstranges steht die übliche Wagen- | ||
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| + | burg von Omnibussen, Kremsern und Fiakern; Hotelkommissionäre, | ||
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| + | und ich stieg wieder in meine nach dem Hof zu gelegene Stube hinauf, an deren niedriger Decke sich ein überklebter Balken hinzog. Oben angekommen, war mein Erstes eins der beiden Fenster zu öffnen, da mich die eigentümliche Stubenatmosphäre mehr und mehr zu bedrücken begann. Es schien auch zu helfen. Und nun schob ich mich, müde wie ich war, unter das Betttuch.\\ | ||
| + | Ich mochte eine Viertelstunde geschlafen haben, als das Hinausfliegen mehrerer Stiefelpaare auf den Corridor und das Angespanntwerden eines Hotel-Omnibus (gleich nach 1 Uhr kam ein neuer Zug) mich aus tiefem Schlafe weckte. Zugleich empfand ich einen dumpfen Kopfschmerz, | ||
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