AGIR > Reisen

Lob und Fluch des Reisens

EINE LITERA-TOUR

mit weit über 200 Zitaten

von Philosophen und Reisenden, Schriftstellern und Dichtern

aus Tagebüchern und Liedern, Sprichwörtern und Katalogen

sowie einem  Autorenindex

 Teil 4 

Verwendung einzelner Zitate nur mit Quellenangabe AGIR. Belegexemplar erbeten.
Vervielfältigung, auch größerer Textteile, nur nach ausdrücklicher Genehmigung.
Copyright liegt auch auf der besonderen Zusammenstellung!
 
© 1996 by
Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens - AGIR

 
zurück zu Teil 1
 

Froh schlägt das Herz im Reisekittel
Vorausgesetzt, man hat die Mittel.

Wilhelm Busch 1832-1908
 

Viel zu spät begreifen viele
die versäumten Lebensziele:
Freude, Schönheit der Natur,
Gesundheit, Reisen und Kultur.
Darum, Mensch, sei zeitig weise!
Höchste Zeit ist´s! Reise, Reise!

Wilhelm Busch 1832-1908
 

Wenn einer eine Reise macht, muß er zuerst Liebe zu Land und Leuten mitbringen, mindestens keine Voreingenommenheit. Er muß versuchen, das Gute zu finden, anstatt es durch kritische Vergleiche kaputt zu machen.

Theodor Fontane 1819-1898
 

Spring, bevor du guckst.

Altes slawisches Sprichwort
 

Die Erfahrung, daß wir eines reinen Enthusiasmus fähig sind: dies ist der eigentlichste Gewinn der Reisen.

Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832
 

Zum Sehen geboren
Zum Schauen bestellt
Gefällt mir die Welt.

Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832
 

Rückkehr

Ohne tägliche Bewegung kann man nicht gesund bleiben: alle Lebensprozesse erfordern, um gehörig vollzogen zu werden, Bewegung sowohl der Teile, darin sie vorgehen, als des Ganzen. Das Leben besteht in der Bewegung und hat sein Wesen in ihr. Im ganzen Innern des Organismus herrscht unaufhörliche, rasche Bewegung: das Herz in seiner komnplizierten doppelte Systole und Diastole schlägt heftig und unermüdlich, mit achtundzwanbzig seiner Schläge hat es die gesamte Blutmasse durch den ganzen großen und kleinen Kreislauf hindurchgetrieben; die Lunge pumpt ohne Unterlaß wie eine Dampfmaschine; die Gedärme winden sich stets im motuis peristalticus; alle Drüsen saugen und sezernieren beständig; selbst das Gehirn hat eine doppelte Bewegung mit jedem Pulsschlag und jedem Atemzug. Wenn nun hierbei, wie es bei der ganz und gar sitzenden Lebensweise unzähliger Menschen der Fall ist, die äußere Bewegung so gut wie ganz fehlt, so entsteht ein schreiendes und verderbliches Mißverhältnis zwischen der äußeren Ruhe und dem inneren Tumult.

Arthur Schopenhauer 1788-1860
 

Luftveränderung

Fahre mit der Eisenbahn,
fahre, Junge, fahre!
Auf dem Deck vom Wasserkahn
wehen deine Haare.

Tauch in fremde Städte ein,
lauf in fremde Gassen;
höre fremde Menschen schrein,
trink aus fremden Tassen.

Flieh Betrieb und Telefon,
grab in alten Schmökern,
sieh am Seinekai, mein Sohn,
Weisheit still verhökern.

Lauf in Afrika umher,
reite durch Oasen;
lausche auf ein blaues Meer,
hör den Mistral blasen!

Wie du auch die Welt durchflitzt
ohne Rast und Ruh -:
Hinten auf dem Puffer sitzt
du.

Kurt Tucholsky 1890-1935
 

Ach Fremde, du bist wahrlich hart; du bist sehr schwer, das sage ich dir in Wahrheit. Mit Mühsal leben, die der Heimat entbehren. Ich habe es an mir erprobt: Ich fand nichts Liebes in dir, ich fand in dir nichts als Jammer und ein schmerzerfülltes Herz und vielfältige Trauer.

Otfrieds Evangelienbuch (Mittelalter)
 

Kennen Sie das Gefühl! "Déja vu" -?
Sie gehen zum Beispiel morgens früh,
auf der Reise, in einem fremden Ort,

von der kleinen Hotelterasse fort
wo die andern noch alle Zeitung lesen.
Sie sind niemals in dem Dorf gewesen,
Da gackert ein Huhn, da steht eine Leiter,

und Sie fragen - denn Sie wissen nicht weiter -
eine Bauersfrau mit riesiger Schute ...
Und plötzlich ist Ihnen so zumute
- wie Erinnerung, die leise entschwebt -:
Das habe ich alles schon einmal erlebt.

Kennen Sie das Hotelgefühl -?
Sie sitzen zu Hause. Das Zimmer ist kühl.
Der Tee ist warm. Die Reihen der Bücher
schimmern matt. Das sind Ihre Leinentücher ...
Sie wissen genau, das Sie hier wohnen,
Da sind Ihre Kinder, Ihre Alte, die gute -
Und plötzlich ist Ihnen so fremd zumute:
Das gehört ja alles gar nicht mir ...
Ich bin nur vorübergehend hier.

Hunger nicht. Aber ein tiefes Hungern
nach allem, was schön ist: nicht immer so lungern-
auch einmal ausschlafen - reisen können -
sich einmal Überflüssiges gönnen.
Nicht immer nur Tag-für-Tag-Arbeiter,
ein bißchen mehr, ein bißchen weiter ...
Sein Auskommen haben, jahraus, jahrein ...?
Es ist alles eine Nummer zu klein.

Hunger nach Farben, nach der Welt, die so weit -
Kurz: das Gefühl der Popligkeit.
Eine alte, ewig böse Geschichte.
Aber darüber macht man keine Gedichte.

Kurt Tucholsky 1890-1935
Gefühle
 

Das kann nicht anders werden,
Wir alle wandern ja,
Sind Gäste nur auf Erden
Und für die Reise da.

So laß das Glück denn treiben,
das ist nun einerlei,
Wir dürfen doch nicht bleiben
Und gehn uns stumm vorbei

Und wandern müd und leise,
Am Schuh zerreißt das Band,
Und suchen auf der Reise
Das große Vaterland.

Ich hört ein Lied verwehen,
Das klang und rauschte so,
Ich hab das Glück gesehen,
Weiß aber nicht mehr, wo.

Carl Busse 1872-1918
Auf der Reise
 

O reisen, reisen! Das ist doch das glücklichste Los! Und daher reisen wir auch alle. Alles in dem ganzen Universum reist! Selbst der ärmste Mann ist im Besitz des beflügelten Pferdes der Gedanken, und wird dies schwach und alt, dann nimmt ihn doch der Tod mit auf die Reise, die große Reise, die wir alle machen. Die Wellen rollen von Küste zu Küste, die Wolken segeln an dem großen Himmel dahin und der Vogel fliegt weit über Felder und Auen. Wir reisen alle, selbst die Toten in ihren stillen Gräbern fliegen mit der Erde um die Sonne. Ja, "Reisen" ist eine fixe Idee in dem ganzen Universum, aber wir Menschen sind Kinder, wir wollen auch noch "Reisen" spielen während unserer und aller Dinge großer natürlicher Reise.

Hans Christian Andersen 1805-1872
Wir reisen alle
 

Die Kunst, falsch zu reisen

Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die - "Alice! Peter! Sonja! Legt mal die Tasche hier in das Gepäcknetz, nein, da! Gott, ob einem die Kinder wohl mal helfen! Fritz, iß jetzt nicht alle Brötchen auf! Du hast eben gegessen!" in die weite Welt!

Kurt Tucholsky 1890-1935
 

In raschen Jahren gehts wohl an,
So um und um frei durch die Welt zu streifen.

Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832
 

Die größte Bemühung des Menschen ist die Kenntnis seiner selbst, und diese sind wir großenteils den Reisenden schuldig. Wir werden in einem Land unter Bürgern erzogen, die alle einen gleichen Glauben, gleiche Sitten und überhaupt gleiche Meinungen haben; diese flechten sich nach und nach in unsere Sinne ein, und werden zu einer falschen Überzeugung. Nichts ist fähiger, diese Vorurtheile zu zerstreuen, als die Kenntnis vieler Völker, bei denen die Sitten, die Gesetze, die Meinungen verschieden sind, eine Verschiedenheit, die durch eine leichte Bemühung uns lehrt, dasjenige wegzuwerfen, worin die Menschen uneinig sind und das für die Stimme der Natur zu halten, worinn alle Völker miteinander übereinstimmen.

Albrecht von Haller 1708-1777
Sammlung neuer und merkwürdiger Reisen 1750
 

[Reisebeschreibungen haben] den seltsamen, sinnlichen Reiz der Träume ... Darum haben auch Reiseerinnerungen nachher für uns selbst diesen sonderbar traumhaften Charakter, so fremd, wie nicht wirklich gewesen. Die hübsche Art zu reisen, die empfindsame, die des Sterne und des Rousseau, ist uns verlorengegangen. Das war noch eine Reise nach Stimmungen. Man reiste sehr langsam, im humoristischen Postwagen oder in der galanten Sänfte; man hatte Zeit, um in Herbergen Abenteuer zu erleben und wehmütig zu werden, wenn ein toter Esel am Wege lag; man konnte im Vorbeifahren Früchte von den Bäumen pflücken und bei offenen Fenstern in die Kammern schauen; man hörte die Lieder, die das Volk im Sommer singt, man hörte die Brunnen rauschen und die Glocken läuten. Unser hastiges ruheloses Reisen hat das alles verwischt, unserem Reisen fehlt das Malerische und das Theatralische, das Lächerliche und das Sentimentale, kurz alles Lebendige.

Hugo von Hofmannsthal 1874-1929
 

Der Weg zur Ruhe geht durch das Gebiet der allumfassenden Tätigkeit.

Novalis 1772-1801
 

Die Phantasie ward auserkoren,
Zu öffnen uns die reiche Wunderwelt.

Christoph August Tiedge 1752-1841
 

Am Himmel der Wolken
erdunkelnder Kranz ...
Auf schauerndem Strome
metallischer Glanz ...
Die Wäder zuseiten
so finster und tot ...
Und in flüsterndem Gleiten
vorüber mein Boot ...

Ein Schrei aus der Ferne -
dann still wie zuvor ...
Wie weit sich von Menschen
mein Leben verlor! ...
Eine Welle läuft leise schon lang nebenher,
sie denkt wohl, ich reise hinunter zum Meer ...

Ja, ich reise, ich reise,
weiß selbst nicht wohin ...
Immer weiter und weiter
verlockt mich mein Sinn ...
Schon kündet ein Schimmer
vom morgenden Rot -
und ich treibe noch immer
im flüsternden Boot.

Christian Morgenstern 1871-1914
Auf dem Strome
 

"Wohin reitet der Herr?"
"Ich weiß es nicht," sagte ich, "nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann mein Ziel erreichen."

"Du kennst also das Ziel," fragte er.
"Ja," antwortete ich, "ich sagte es doch. Weg von hier - das ist mein Ziel."

Franz Kafka 1883-1924, Der Aufbruch
 

Nun überlasse ich mich der Strömung in dem festen Entschluß, die Mündung des Stroms zu entdecken oder bei diesem Unternehmen umzukommen. Wenn ich das Ziel der Reise nicht erreiche, so soll der Niger mein Grab sein.

Mungo Park
 

Welten zu sehen, die noch nie ein anderer gesehen hat, Schätze zu besitzen, die noch nie ein anderer besessen hat, gefährlich zu leben und Gefahr zu genießen, darin besteht für mich die Lust am Leben.

F.A. Mitchell-Hedges
Reisebuch-Autor und Archäologe
 

Das Abenteuer zielt auf Erfahrung, nicht auf Erfolg.

Odette du Puigaudeau
 

Wanderer, Blitz und Donner über dich,
wenn du in unserem Land
vorübergehst an meinem Haus.

Doch Blitz und Donner über mich,
wenn es je einem Wanderer
in meinem Hause nicht gefällt...

Awarisches Sprichwort, aus dem nördlichen Kaukasus
 

Und da gehen die Menschen hin und bewundern hohe Berge und weite Meeresfluten und mächtig daherrauschende Ströme und den Ozean und den Lauf der Gestirne, vergessen sich aber selbst dadurch.

Aurelius Augustinus 354-430 n. Chr.
 

Gestern fand ich, räumend eines lang vergeßnen Schrankes Fächer,
Den vom Vater mir vererbten, meinen ersten Reisebecher.
Währenddes ich, leise singend, reinigt ihn vom Staub der Jahre,
Wars, als höbe mir ein Bergwind aus der Stirn die grauen Haare.

Conrad Ferdinand Meyer, 1825-1898
 

Bleibe nicht am Boden heften;
Frisch gewagt und frisch hinaus!
Kopf und Arm mit heitern Kräften
Überall sind sie zu Haus;
wo wir uns der Sonne freuen,
Sind wir jede Sorge los;
Daß wir uns in ihr zerstreuen,
Darum ist die Welt so groß.

Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832
Wilhelm Meisters Wanderjahre
 

Wer nie auf dem Meere eine längere Reise gemacht, wer nicht die große gewaltige Abgeschlossenheit von der lebendigen Welt gefühlt, und noch nicht tagelang schwankend auf dem trüglichsten Elemente nur den Himmel über sich, und des Himmels Trugbild - das Meer mit seinen leichenbegierigen Ungeheuern unter sich gesehen, wem die furchtbaren hungrigen Zungen der Sturmwoge noch nicht den Leib geleckt, und wem die düstre Wolkensturmglut noch nicht ins geleuchtet hat, der kann die Wonne des Seefahrers nicht ermessen, wenn es vom Maßkorbe herunterschallt: Land, Land!

Julius Mosen 1803-1867
 

Wo ich auch war und was mir das Leben auch gab, immer hatte ich Heimweh.

Ludwig Thoma 1867-1921
 

Der Adler fliegt allein,
der Rabe scharenweise,
Gesellschaft braucht der Tor
und Einsamkeit der Weise.

Friedrich Rückert 1788-1866
 

Nach neuen Meeren

Dorthin - will ich; und ich traue
Mir fortan und meinem Griff.
Offen liegt das Meer, ins Blaue
Treibt mein Genueser Schiff.

Alles glänzt mir neu und neuer,
Mittag schläft auf Raum und Zeit -
Nur dein Auge - ungeheuer
Blickt mich´s an, Unendlichkeit.

Friedrich Nietzsche 1844-1900
 

Reise! Du findest Ersatz für ihn, von dem du dich trennest. Mühe dich ab, denn die Süße des Lebeens besteht in der Mühe. Das Stillesitzen, deucht mich, bringt weder Ansehn noch Einsicht. Nein, nur ein kümmerliches Dasein, drum lasse die Heimat und ziehe. Ich habe gesehn, wie die Ruhe des Wassers ihm Fäule bringet. Doch fließt es, so ist es frisch, wo nicht, bleibt´s trübe stehen.

Altarabisches Lied aus den 1001 Nächten in der Übersetzung von Enno Littmann
 

Und war´s kein Gottesdienst im Kirchenstuhle
Und war´s kein Tagewerk im Joch der Pflicht,
Auch in der Ferne hält das Leben Schule,
Es reut mich nicht!

Unbekannt: Palmblätter
 

Wir tragen mit uns das Wunderbare,
Das wir außer uns suchen: es liegen
Ganz Afrika und alle seine Wunder in uns.

Sir Thomas Brown
 

Notre vie est un voyage
Dans l´Hiver et dans la Nuit
Nous cherchons notre passage
Dans le Ciel ou rien ne luit.

Altes Schweizer Lied
 

Tourismus ist wie Feuer. Du kannst damit dein Essen kochen oder dein Haus abbrennen.

K. Balendra
Tourismusmanager in Sri Lanka
 

Wer ohne Verrücktheit lebt, ist nicht so klug, wie er glaubt.

La Rochefoucault 1613-1680
 

Der Abenteurer

"Abenteurer, wo willst du hin?"
Quer in die gefahren
Wo ich vor tausend Jahren
Im Traume gewesen bin.

Ich will mich treiben lassen
In Welten, die nur ein Fremder sieht.
Ich möchte erkämpfen, erfassen,
Erleben, was anders geschieht.

Ein Glück ist niemals erreicht.
Mich lockt ein fernstes Gefunkel,
Mich lockt ein raunendes Dunkel
Ins nebelhafte Vielleicht.

Was ich zuvor besessen,
Was ich zuvor gewußt,
Das will ich verlieren, vergessen. -
Ich reise durch meine eigene Brust.

Joachim Ringelnatz 1883-1934
 

Wer das Laufen erdacht, war ein kluger Mann; es rettet aus mancher Not.

Sebastian Frank 1500-1544
 

Hab ich kein Bettelein,
Schlaf ich auf Stroh,
Sticht mich kein Federlein,
Beißt mich kein Floh.

Alter Reim
 

Wer nicht tanzen kann mit Winden,
Wer sich wickeln muß in Binden,
Angebunden, Krüppelgreis, ...
Fort aus meinem Paradeis!

Friedrich Nietzsche 1844-1900
 

Flöhe, Läuse –
die Pferde pissen nahe
bei meinem Kissen
 
In Kyoto bin ich,
doch beim Schrei des Kuckucks
sehn ich mich nach Kyoto.

Krank auf der Reise.
Meine Träume irren
übers verblühte Moor.

Basho (1644 - 1694)

Autorenindex      zurück zu Teil 1
 


Sinn des Reisens
Die Meinung von den Reisezwecken,
Wird sich durchaus nicht immer decken,
Wie große Zeugen uns beweisen:
Man reise wohl, nur um zu reisen,
Meint Goethe, nicht um anzukommen.
Begeistrungskraft, genau genommen,
Sei der ureigenste Gewinn.
Montaigne sieht des Reisens Sinn
Nur darin, dass man wiederkehrt.
Darauf legt auch Novalis Wert;
Er drückt es ungefähr so aus:
Wohin wir gehen, wir gehn nach Haus!
Doch Seume, der - und zwar zu Fuß! -
Spazieren ging nach Syrakus,
Sah geistig sportlich an die Dinge:
"S’ würd besser gehen, wenn man mehr ginge!"

Eugen Roth


 


AGIR > Reisen