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Lob und Fluch des Reisens

EINE LITERA-TOUR

mit weit über 200 Zitaten

von Philosophen und Reisenden, Schriftstellern und Dichtern

aus Tagebüchern und Liedern, Sprichwörtern und Katalogen

sowie einem  Autorenindex
Teil 1
 

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Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens - AGIR
 
 
 Mehr Zitate in Teil 2
 

Wir pflegen Reisen zu unternehmen, das Meer zu überqueren, um Dinge kennenzulernen, die uns, wenn wir sie immer vor Augen haben, nicht interessieren, weil es uns von Natur eigen ist, gleichgültig gegen die nächste Umgebung in die Ferne zu schweifen, weil das Verlangen nach allem, was bequem zu erreichen ist, erkaltet. ... .Mag dem sein, wie ihm will, jedenfalls haben wir von vielem in unserer Stadt und ihrer Umgebung weder je etwas gesehen noch auch nur etwas gehört, was wir, befände es sich in Achaia, Ägypten, Asien oder sonst einem beliebigen Lande, das reich an Naturwundern und für sie Reklame zu machen weiß, längst gehört, gesehen und besichtigt hätten.

Gaius Plinius, ca. 61/62-113/114 n. Chr.
Epistularum libri decem
 

Unter tausend Reisenden sind 999, die nicht wahr erzählen.

Johann Kaspar Lavater 1741-1801
 

...wo sie hinreisen, halten sie sich an ihre Gebräuche und Weisen und verabscheuen die fremden. Finden sie einen Landsmann in Ungarn, so tun sie entsetzlich fröhlich über ihren Fund. Denn die meisten reisen nur, um wieder heimzukehren; reisen mit einsilbiger und ungesprächiger Klugheit bedeckt und verwahrt, und beschützen sich vor der Ansteckung einer unbekannten Luft.

Michel de Montaigne 1533-1592
 

Der wahre Reisende weiß nicht, wohin die Reise geht, der wahre Abenteurer weiß nicht, was er erleben wird. Seine Reisen führen ihn nicht eher in eine Richtung als in eine andere. Seine Neugierde ist nicht auf einen bestimmten Punkt gerichtet.

Chuang-tzu, ca. 365-286 v. Chr.
 

Eine Reise ist ein vortreffliches Heilmittel für verworrene Zustände.

Franz Grillparzer 1791-1872
 

Wer sein Land nie verlassen hat, ist voller Vorurteile.

Carlo Goldoni 1707-1793
 

Das Beste, was man vom Reisen nach Hause bringt, ist die heile Haut.

persisches Sprichwort
 

Ich habe mehrere sagen hören, daß durch die Eisenbahnen alle Reisepoesie verschwunden sei und man an dem Schönen und Interessanten vorbeijage. Was letzteres betrifft, so steht es ja jedem frei, auf jeder beliebigen Station zu bleiben und sich da umzusehen, bis der nächste Wagenzug anlangt; und in betreff der Behauptung, daß alle Reisepoesie verschwindet, bin ich völlig entgegengesetzter Meinung. Gerade in den engen, vollgepackten Reisewagen ist es, wo die Poesie verschwindet, man wird hier träge. In der besten Jahreszeit wird man von Staub und Hitze geplagt und im Winter durch schlechte Wege; die Natur selbst erhält man nicht in größeren Portionen, aber wohl in längeren Zügen als im Dampfwagen. Oh, welches große Werk des Geistes ist doch diese Erfindung! Man fühlt sich ja mächtig wie ein Zauberer der Vorzeit! Wir spannen unser magisches Pferd vor den Wagen und der Raum verschwindet; wir fliegen wie die Wolken im Sturm, wie der Zugvogel fliegt; unser wildes Pferd wiehert und schnaubt, der Dampf entsteigt seinen Nüstern. Schneller konnte Mephistopheles nicht mit Faust auf seinem Käppchen fliegen! Wir sind durch natürliche Mittel in unserer Zeit ebenso stark, als man im Mittelalter nur durch die Hilfe des Teufels sein konnte! Wir sind ihm durch unseren Verstand an die Seite gekommen, und ehe er es selber weiß, sind wir an ihm vorbei.

Hans Christian Andersen 1805-1875
Eines Dichters Bazar
 

Der gelbe Kranich bricht zu langer Reise auf,
tausend Meilen weit; einmal noch dreht er den Kopf;
das Pferd des Hu hat seine Gefährten verlassen,
nach fremden Landen, mit Wehmut denkt er an sie.
Welche Gefühle mögen die fliegenden Drachen bewegen,
die sich trennen werden?
Der Reisende träumt von seiner langen Straße
und von seinem geliebten Vaterland.
Im zwölften Monat, im harten Winter
erhebt er sich und schreitet über den knirschenden Reif.
Im Geiste sieht er die Wellen des Kiang und des Ham,
er hebt den Blick zu den ziehenden Wolken:
Er wird seinen Freund verlassen,
wie diese Wellen, diese Wolken, und jeder wird in
einer entfernten Ecke unter diesem Himmel sein.

Hsu Wu
 

Allons! wer du auch seist, komme, reise mit mir!
Reisest du mit mir, so findest du, was nimmer ermüdet.
Die Erde ermüdet nimmer,
Die Erde ist anfangs schweigsam, unverständlich,
die Natur ist anfangs derb und unverständlich,
Lasse dich nicht entmutigen, harre aus,
es gibt göttliche Dinge, wohlverhüllt,
Ich schwöre dir, es gibt göttliche Dinge,
schöner als Worte sagen können.
Allons! hier dürfen wir nicht verweilen,
Wie geschützt ist dieser Hafen, wie still dieses Gewässer,
wir dürfen hier nicht ankern,
Wie willkommen die Gastfreundschaft, die uns umgibt,
wir dürfen sie doch nur auf eine kleine Weile annehmen.
Ich sehe ein großes, rundes Wunder durch den Raum sich wälzen,
Ich sehe kleine Güter, Dörfer, Ruinen, Friedhöfe,
Gefängnisse, Fabriken, Paläste, Spelunken,
Hütten der Wilden, Zelte der Nomaden auf der Oberfläche,
Ich sehe den beschatteten Teil auf der einen Seite,
wo die Schläfer schlafen, und den sonnenbeleuchteten
Teil auf der anderen Seite,
Ich sehe den seltsam raschen Wechsel des Lichtes und des Schattens,
Ich sehe ferne Länder, ihren Bewohnern ebenso nah und sicher,
wie mir mein eigenes Land.

Walt Whitman 1819-1892, Grashalme
 

Dieses Rennen von Ort zu Ort, Einpacken, Auspacken, Billette lösen, Wagen wechseln, Gasthöfe mit impertinenten Kellnern, schändliche Ernährung, markerschütternde Rechnungen, Plünderung ohne Säbel und Pistolen, Geld, Geld, immer nur Geld, nichts als Geld - wie muß man gebaut sein, um das zu ertragen? Spreche mir niemand vom Genusse dieses Reisens, ich glaube nicht daran; nur eine Art gibt es, die heißt Einspänner und nicht von Stadt zu Stadt; wo der Wirt vor der Tür steht und ausschirren hilft, wo das Frühstück noch im Sande scharrt und vorher noch ein Ei legt, da will ich reisen, aber nicht in Murraysche Galeriestädte, wo das, was man sehen soll, grad an dem Tage gesperrt ist; dem Protektorat eines Lohndieners soll ich einen Tizian verdanken? Nein, lieber Anemonen und Zyklamen, Farnkräuter und Haselnüsse und Berberitzen blühen sehen und Heckenrosen.

Alexander von Villiers 1812-1880
Briefe eines Unbekannten
 

Heutzutage würde man diese Reise zweifellos im Automobil unternehmen und glauben, sie sei auf diese Weise angenehmer. In gewisser Weise wäre sie, so durchgeführt, sogar realer, weil man dies Auf und Ab der Landschaft näher und unmittelbarer erleben würde. Aber schließlich liegt der besondere Reiz der Reise nicht darin, unterwegs aussteigen und rasten zu können, wenn man sich müde fühlt, nicht darin, den Unterschied zwischen Abreise und Ankunft kaum merkbar, sondern im Gegenteil so stark wie möglich zu gestalten, ihn in seiner ganzen Schwere zu empfinden, unverändert, so wie er in uns war, als unsere Phantasie uns vom Ort, an dem wir wohnen, nach einem Ort trug, den wir ersehnten, in einem Sprung, der uns weniger wundersam erschien, weil er eine Entfernung überwand, sondern mehr weil er zwei grundverschiedene Wesensformen der Erde vereinte. Unglücklicherweise sind diese herrlichen Orte, die Bahnhöfe, von denen man in die Ferne reist, auch Orte der Tragik, denn wenn das Wunder dort Gestalt annimmt, dank dem die Länder, die bisher nur in unserer Vorstellung Form gewonnen hatten, in Kürze diejenigen sein werden, in denen wir leben, muß man aus diesem Grunde beim Verlassen des Wartesaales darauf verzichten, die gewohnte Stube wiederzufinden, in der man noch vor kurzem saß. Man muß jede Hoffnung aus dem Herzen verbannen, nach Hause zu gehen zum Schlafen, wenn man einmal den Entschluß gefaßt hat, in die verpestete Höhle einzudringen, von der aus man den Zugang zum Geheimnis findet, in eine dieser großen verglasten Hallen, wie diejenige von Saint-Lazare, in der ich den Zug nach Babec bestieg, und die sich wie ein riesiger grauer, unheilschwangerer Himmel über uns wölben, Himmel, unter denen sich nur irgendwelche schreckliche und feierliche Dinge ereignen können, wie eine Abreise mit der Eisenbahn oder die Aufrichtung des Kreuzes.

Marcel Proust 1871-1922
 

Zum Aufsetzen des Fußes braucht man nur eine kleine Stelle, aber man muß freien Raum vor den Füßen haben, dann erst kommt man kräftig vorwärts.

Chuang-tzu, ca. 365-286 v. Chr.
 

Das Reisen ist doch nütze sehr, man lernt, was man nicht konnt´ vorher.

Johann Fischart 1546-1590
 

Ich will keine Eisenbahn! Ich will nicht, daß jeder Schneider und Schuster so rasch reisen kann wie ich!

König Ernst August von Hannover
Begründung zur Ablehnung der Eisenbahn
 

Das ist der Fluch und zugleich die Wollust des Reisens, daß es dir Orte, die dir vorher in der Unendlichkeit und in der Unerreichbarkeit lagen, endlich und erreichbar macht. Diese Endlichkeit und Erreichbarkeit zieht dir aber geistige Grenzen, die du nie mehr loswerden wirst. Wenn sich deine Seele, ohne daß dein Leib reist, an einen Ort hin versetzt, in dem du nie warst, so kann sie an dem Ort bald im Sonnenschein, bald im Regen, bald im Winter, bald im Frühling wandern, geisterleicht in einer Geisterlandschaft. Hast du aber den Ort einmal reisend mit deinem Leib erreicht und wirkliche Tage dort erlebt, so bist du dem Gefängnis der Wirklichkeit verfallen. Sobald du dich in späteren Tagen an den bereisten Ort im Geist zurückversetzt, kommst du nicht über die Grenzen der ehemaligen wirklichen Tage hinaus. Du siehst jenen Ort immer wieder, in ermüdender Wiederkehr, in derselben Tages- oder Jahreszeitstimmung, in der du ihn damals gesehen. Du kannst ihn nicht willkürlich mehr verwandeln. Du bist verdammt, ihn ewig genauso zu sehen, wie er sich dir auf der Reise gezeigt hat. Dies ist der Fluch, der die Seele des Reisenden belastet. Die Flügel der Geistigkeit werden ihm von der Wirklichkeit beschnitten. Der Vielgereiste haftet mehr an der Erde als der Niegereiste. Er erscheint mir sterblicher als die übrigen Sterblichen.

Max Dauthendey 1867-1918
Himalajafinsternis
 

Was gibt es in der Geschichte der Menschheit Schöneres, als die Entdeckungen! Zum ersten Male den Atlantik überqueren mit Christoph Columbus, den Pazifik mit Magellan, die Polarmeere mit Parry, Franklin, Dumont d' Urville und all den anderen, welch ein Traum! Ich kann kein Boot sehen, kein Kriegsschiff, keinen Frachtdampfer und keinen Fischerkahn, ohne daß der Wunsch in mir übermächtig wird, an Bord zu gehen.

Jules Verne 1828-1905
 

Nur aufs Ziel zu sehen, verdirbt die Lust am Reisen.

Friedrich Rückert 1788-1866
 

Es ist eine prächtige Einrichtung mit diesen Eisenbahnen. Bei Reisen kommt Geld und Zeit gar nicht mehr in Betracht.

Karl Baedeker (1838)
 

Weiß Gott, kein Geiz Geldes hat mich beweget, diese Reise zu tun denn allein ein sonderliche Lust, so ich vor langer Zeit gehabt; dünkt mich auch, wäre nicht mit Ruhe gestorben, wo ich Indien nicht erst gesehen, reuet mich auch wahrlich nicht. Derohalben bitte ich euch, ob meiner Reise kein Mißfallen zu haben, auch das Mütterlein und die Schwester zu trösten.

Ulrich von Hutten 1488-1523
 

Wenn diese Leute auf Reisen gehen, so wollen sie im Grunde nichts als einmal eine Veränderung des Lokals, um dann draußen dasselbe Treiben fortzusetzen, das sie zu Hause verlassen haben.

Ernst Rudorff (Musiker)
1880 über die Einführung der Eisenbahn
 

Eine große Landstraß' ist unsere Erd, wir Menschen sind Passagiere.

Heinrich Heine 1797-1856
 

Wo gehn wir denn hin? - Immer nach Hause!

Novalis 1772-1801
 

Warum reisen diese Leute eigentlich? Nur um sich einzuprägen, daß es eigentlich ein Unsinn ist, zu reisen, da es ja doch in Deutschland am schönsten ist? Insofern, als der Deutsche sich auf die Dauer am wohlsten in Deutschland befinden mag, wie jeder Mensch in seinem Vaterlande, ist das gewiß richtig. Aber, zu reisen, bloß um das bestätigt zu sehen: welch eine sonderbare Sinnesverkehrung ist das doch! Man geht freilich nicht in die Fremde, um sich der Heimat zu entfremden, aber einen vernünftigen Sinn hat das Reisen doch nur insofern, als es von der Sehnsucht eingegeben ist, zu dem heimisch Schönen sich etwas fremd schönes einzuverleiben, innerlich reicher zu werden aus den Schätzen der Fremde, indem man an ihnen teilnimmt.
...
Auch ist es gottsträflich dumm, mit also verkleisterten Sinnen auf Reisen zu gehen.
...
In der Art, wie die Menschen einer Zeit reisen, und in der Art der Bücher, durch die sie sich auf ihren Reisen begleiten: führen lassen, spricht sich ein gut Teil des Gehaltes und der Richtung ihrer Kultur aus. Die Baedekerei enthüllt ein wenig erhebendes Kapitel deutscher Kulturgeschichte. Wir nehmen das Reisen leichter, weil es uns leichter gemacht wird. Das bequeme und schnelle Reisen hat das Reisen entwertet, - fast um seinen Sinn gebracht. Wenn Perlen in allen Gassen lägen. würden wir ihren Schimmer verachten. Die Kartoffelblüte ist eine sehr schöne Blume, aber kein Mensch bindet sie in einen Strauß. Die Wunder des Orients sind keine Wunder mehr, seit sie den Vielzuvielen gemein geworden sind.
...
Zum rechten Sinn einer Reise gehört, daß sie etwas Mühe erfordert. Wirklich köstlich wird sie erst, wenn sie den Reiz des Abenteuerlichen hat. Die Handwerksburschen reisen immer noch am sinnvollsten.

Otto Julius Bierbaum 1865-1910
Die Yankeedoodle-Fahrt
 

Aber verkündige mir und sage die lautere Wahrheit:
Welche Länder bist du auf deinen Irren durchwandert
Und wie fandest du dort die Völker und die prächtigen Städte?

Homer 8. Jh. v. Chr.
Odyssee, VIII, 572-574
 

Reisen, sage ich, nicht rasen. Denn das soll schließlich, um es kurz zu sagen, der Zweck der Übung sein: wir wollen mit dem modernsten aller Fahrzeuge auf altmodische Weise reisen, und eben das wird das neue an unserer Reise sein. Denn vorher hat man das Automobil fast ausschließlich zum Rasen und so gut wie gar nicht zum Reisen benützt. Das wesentliche des Reisens ist aber keineswegs die Schnelligkeit, sondern die Freiheit der Bewegung. Reisen ist das Vergnügen, in Bewegung zu sein, sich vom Alltäglichen seiner Umgebung zu entfernen und neue Eindrücke mit Genuß aufzunehmen.... . Der kilometerfressende Automobilist ist aber auch kein Reisender, sondern ein Maschinist. ...
Acht Stunden lang unausgesetzt im gesundregelmässigen Viertakt eines Automobils durch einen unsagbar schönen, sonnigen Herbsttag dahingefahren, - ein Genuß, der nicht zu schildern ist. Alle Lebenskräfte wachen auf, alles Verhockte, Verstockte, Faule, Grämliche wie weggeblasen, alle guten Geister der Kraft und Gesundheit mobil. Bewegung! Kraft- und Saftumsatz! Rhythmus und Raumüberwindung! Es ist eine rauschartige Steigerung des Lebensgefühls.
...
Wer die Wollust dieses Dahinrollens kennt, ersehnt sich nicht mehr die Kunst des Fliegens. Fest auf der Erde, aber wie im Sturm dahin. Jede Falte des Geländes benützend, Hügel hurtig hinauf und brausend hinab, jetzt zwischen Wiesen und junger Saat, nun durch Wälder, Flüssen entlang, über Brücken dahin, Felsentore hindurch, hinter davontrabenden Herden her, in das Gassenwinklicht einer alten Stadt hinein, über Märkte weg voll Buden und Gewimmel, Schlössern, Burgen, Parks vorüber und vorbei an Pflügern und Hirten - immer den Bergen zu und plötzlich vor ihnen, da man sie doch vor wenigen Stunden grau und verschwommen, wie in einer Ferne sah, die sich dem Hinstrebenden nur immer weiter zu entziehen schien. Wem ich gut bin, dem wünsch' ich diesen Genuß, dieses Glück.
...
8. November 1902

Es ist gewiß eine gewaltige Sache, daß man die großen Schwellen zwischen den Stationen, deren schönste wohl der Brenner ist, gewissermaßen geebnet hat, indem man Schienenwege über sie hinweg und durch sie hindurch legte; das Eisen, das sonst im Verkehr der Völker vornehmlich die Aufgabe hatte, zu trennen oder zu unterwerfen, erfuhr damit die schönere Anwendung, zu verbinden, freundschaftlich nahe zu bringen. Aber die Kunst der Ingenieure, die dies Erstaunliche leistete, nahm doch auch, indem sie gab. Sie gab Schnelligkeit und nahm Schönheit. Ehe sie ihre Wunder schuf, kroch man langsam über die Berge, aber man fand Zeit dabei, ihre Schönheit zu genießen: von dem Augenblicke an, wo ihr bewundernswertes Werk fertig war, brauste man wie im Sturm über die Berge weg und jagte durch ihr Inneres, aber man sah meistens entweder nichts oder nur vorüberhuschende Bilder .Und dies wenige sah man als Gefangener. Denn auch die Freiheit wurde der Schnelligkeit geopfert. Das Eisenbahnbillet wurde nicht nur mit Geld, sondern auch mit der Aufgabe des Selbstbestimmungsrechtes für eine gewisse Zeit bezahlt. Wer sich in ein Eisenbahncoupé begibt, begibt sich auf eine Weile seiner Freiheit. Jede Fahrt auf der Eisenbahn ist ein Gefangenentransport; die Wärter nennt man Schaffner, was sie aber nicht immer veranlaßt, höflich zu sein; die Gefängnisordnung nennt sich Eisenbahnreglement, ist aber darum nicht weniger in einem Stil verfaßt, der seine Imperative ohne alle Artigkeitsfloskeln vorbringt; da das Einzellensystem zu kostspielig ist, werden die Gefangenen, wenn sie nicht sehr reich sind und sich eine Privatzelle leisten können, in mehr oder minder großen Mengen zusammen transportiert, wobei allerdings auf die Portemonnaieleistung einige Rücksicht genommen wird, und eine reinliche Scheidung zwischen Tabakkonsumenten und solchen Leuten statthat, die, wenn sie sich schon darein finden müssen, eine Luft voll Kohlenruß und Polsterstaub einzuatmen, doch Wert darauf legen, daß diese nicht gleichzeitig mit Tabakrauch der verschiedensten Gestankgrade versetzt ist. Ach, welche Lust gewährt dies Reisen?! Aber nein, man soll dieses Wort auch nicht ironisch auf eine Sache anwenden, die so gut wie nichts mehr damit gemein hat. Reisen ist freie Bewegung, Genuß des Freiseins, Befreiung aus der Enge - Reisen ist Freiheit. Also läßt sich das Wort nicht auf eine Sache anwenden, die alle Merkmale der Unfreiheit an sich hat. Die Eisenbahn ist ein ausgezeichnetes Transportmittel, aber das Reisen hat mit ihrer allgemeinen Einführung so gut wie aufgehört. Mit der Möglichkeit, sich schnell von Ort zu Ort befördern zu lassen, stellte sich der Wunsch, ja die nervöse Begierde darnach ein - selbst in den Fällen, wo die Schnelligkeit gar nicht der Hauptzweck ist. "Schnell weit weg" wurde die Devise auch für Vergnügungsreisen. Aber die Technik stand nicht still und holte mit dem Automobil nach, was sie bei der Eisenbahn versäumt hatte, und sie schuf damit den idealen Reisewagen, die Voraussetzung zu einer neuen Kunst des Reisens. Der Laufwagen, der zu seiner Bewegung weder Zugtiere noch festgelegte Geleise braucht, vereinigt in sich alle Vorzüge des altmodischen Reisewagens und der Eisenbahn, ohne ihre Nachteile zu haben. Er gibt Schnelligkeit, Freiheit und Schönheit in einem. Wer nur einmal eine Reise in ihm gemacht hat, zweifelt nicht mehr daran, daß er der Reisewagen der Zukunft ist. Man denkt, hört man das Wort Automobil, freilich weniger an Reise- als an Rennwagen, und dieser Gedanke löst die Assoziation an wahnsinnige und lebensgefährliche Geschwindigkeiten aus - achtzig, hundert und hundertzwanzig Kilometer in der Stunde, überfahrene Tiere und Menschen, Sturz in den Abgrund oder Ankunft in halbtotem Zustande. Diese abenteuerlichen Vergnügungen von Millionären, die sich die Situation der Lebensgefahr als besonderen Reiz leisten können, sind aber nur die Sportnuance des Automobilismus. Sie war, so lange fast nur Rennwagen gebaut wurden, eine Hauptsache, aber sie wird immer mehr Nebensache werden, seitdem große Fabriken in richtiger Erkenntnis der eigentlichen bedeutsamen Perspektive der Sache, sich fast ausschließlich darauf beschränken, Reisewagen zu bauen, zu deren Erwerbung auch Leute von mittlerem Vermögen imstande sind. Ein derartiger Wagen ist keiner phantastischen Geschwindigkeiten fähig; mein Wagen 'macht' zum Beispiel nur 35 Kilometer in der Stunde, aber nach mehr gelüstet mich auch nicht, denn, würde ich schneller fahren, würde ich weniger sehen. Und ich will so viel und so gut sehen, als nur möglich.
...
Ein vortrefflicher Zug sogar: ein Eilzug, der nur dreiviertel Stunden länger braucht als ein Schnellzug. Ein Eilzug ist nämlich kein Schnellzug. Nur ein Schnellzug ist ein schneller Zug an sich. Ein Eilzug ist nur ein gemeiner Zug, der es etwas eilig hat. Sagen wir: ein Bummelzug, der mit ein paar Minuten renommiert, die er früher ankommt, als es sein Temperament eigentlich erlaubt. Wer Sinn für den Reiz der Nuance hat, wird das sympathisch finden. ... Dieser D-Zug brauchte nur zwei Stunden und besaß einen Speisewagen. Er beförderte keine Schweine, aber auch keine Brautjungfern. Er rannte wie besessen durch die Oberpfalz und Niederbayern und hielt nicht ein einziges Mal an. Was für ein blödsinniger Zug! - Und was das für eine Logik ist: er war teuerer als meine Bummelzüge, obwohl er an den tausend gemüthlichen Orten, Sachen, die rechts und links zu sehen waren, so schnell vorbeiraste, daß man nichts von ihnen sah. Er ließ sich für diese Unterschlagung auch noch extra bezahlen, dieser flüchtige Schwindler.

Otto Julius Bierbaum 1865-1910
Eine kleine Herbstreise im Automobil
 

 
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