| Eine Collage | ||
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Norbert Lüdtke | erstellt: Mai 2002 |
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hier gespeichert unter |
Archiv zur
Geschichte des Individuellen Reisens AGIR
www.reisegeschichte.de |
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| Was ist »Reisen«? Die Suche nach dem Phänomen | ||
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Das "Reisen" gehört zu jenen grundlegenden Tätigkeiten, von denen alle reden, die aber niemand so recht erklären kann. Der Versuch, sie zu umschreiben, verliert sich in der Vielfalt. |
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| Der Reisende | Das liegt auch daran, daß »das Reisen« zwar vom Reisenden selbst wahrgenommen werden kann, nicht aber von anderen. Zwar können wir auf der Straße einen Fremden erkennen, wissen aber nicht, ob es auch ein Reisender ist. Selbst jemand, der ein Verkehrsmittel besteigt, muß kein Reisender sein - möglicherweise ist es der Kutscher, Fahrer, Pilot. Erst mehrere äußere Merkmale signalisieren: hier kommt ein Reisender, denn seine Haut ist gebräunt und er trägt einen Rucksack und er hat einen Reiseführer in der Hand ... |
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| Das Reisen |
Nur der Reisende mag selbstsicher behaupten: "Ja, ich reise!" Man muß das glauben. Er befindet sich "auf Reisen", also in einem offenen Vorgang, der nicht programmiert abläuft. Somit bezeichnet "Reisen" einen subjektiv erlebten Zustand, eine vom Reisenden wahrgenomme Situation, die sich für ihn über bestimmte Einstellungen, Gefühle, Verhaltensweisen zusammensetzt. Eine solche Situation mag isoliert und statisch betrachtet und analysiert werden, doch gehört zum Reisen die Mobilität des Reisenden, also ein Wechsel von Situationen. Es ist eben nicht die Situation, die das Reisen ausmacht, sondern der Zustand des Reisenden, seine Befindlichkeit. Ich behaupte: Ein Beobachter könnte niemals entscheiden, ob jemand reist. Er könnte sehr wohl zahllose Attribute sammeln, die auf das Reisen hinweisen, doch käme er nicht umhin, den Reisenden selbst nach seiner Befindlichkeit zu fragen. |
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| Die Reise |
Erst im Nachhinein,
wenn "das Reisen" als Vorgang abgeschlossen ist, konstituiert
sich "Die Reise" als ein bestimmbares Objekt. Jeder Reisende,
der eine für ihn bedeutende Reise abschließt, der heimkehrt,
kennt ein bestimmtes Gefühl in der ersten Zeit nach der Heimkehr: "Die Reise" bleibt etwas, das sich nur im eigenen Kopf befindet, nicht in den Köpfen anderer. Die meisten Reisenden finden sich damit ab. |
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| Die Reise rekonstruieren | Manche
jedoch versuchen, die Reise in die Köpfe der anderen zu transportieren: Seit jeher eignet sich dazu die Erzählung, später in der Form des Reiseberichts, heute auch in Form eines Dia- oder Filmvortrags und seit wenigen Jahren auch in Form eines Internet-Reisetagebuchs. |
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| Das erste Bild der Reise |
Und so entsteht in den Köpfen der Zuhörer, der Leser, Betrachter und Surfer ein Bild dessen, was der Reisende zu erkennen gibt. Manches läßt er weg, weil es ihm unbedeutend oder peinlich erscheint. Manches wird betont, weil er stolz darauf ist. Hier verkürzt er das wahre Geschehen, weil es dem Erzählfluß nutzt. Dort ändert er die Perspektive oder er modelliert die Situation, weil es dramaturgisch geschickt erscheint. Insgesamt biegt er die Wirklichkeit zurecht: Er will das richtige Bild von sich vermitteln, das richtige Bild der Reise, er will den Zuhörerkreis unterhalten, ihren Erwartungen grecht werden oder auch gerade nicht gerecht werden. Und spätestens bei der x-ten Wiederholung wird ihm das, was er dort modelliert hat, selbst zur Wirklichkeit, die Erinnerung paßt sich an. |
Unter tausend Reisenden sind 999, die nicht wahr erzählen. Percy G. Adams |
| Das zweite Bild der Reise | Das alles wissen natürlich auch die Zuhörer und Leser, schließlich sind auch sie gereist und heimgekehrt und standen unter Erzählzwang. Und so feilen auch sie an dem Entwurf des Reisenden, schminken ihn um, kürzen hier und denken sich dort etwas hinzu. |
Um verschiedene Bilder und Perspektiven der Fremd- und Selbstwahrnehmung zu verstehen, ist das »Johari Fenster« interessant und hilfreich. |
| Was ist »Reisen«? Zwischen Natur und Kultur | ||
| Natürliche Wurzeln |
Bisons durchzogen die nordamerikanischen Prairien, Gnus durchziehen die ostafrikanischen Steppen. Die Aale nehmen aus unbekannten Gründen den weiten Weg in die Sargassosee auf sich; Lachse wandern zum Laichen die Flüsse hinauf und verlieren einen erheblichen Teil ihres Körpergewichts. Zugvögel verkehren zwischen Europa und Afrika. Wir sprechen von
»Wanderungen« - doch niemals würden wir sagen: Warum nicht? Was
in uns sträubt sich dagegen? Tiere ziehen und unterliegen dem Drang, ihren Zug zu beginnen. Tiere wandern und unterliegen dem Wandertrieb. Der Zeitpunkt des Aufbruchs ist da, wenn das natürliche Programm es vorsieht. Sie folgen dem Programm und der Herde, dem Schwarm. Die Tiere tun, was der Augenblick verlangt und durchqueren einen Fluß mit Krokodilen. Sie folgen einem genetischen Programm und folgen dem Verhalten der Herde. Keinesfalls aber bereiten sie sich auf den Aufbruch vor. Sie planen nicht, sie sorgen nicht vor und vor allem: sie antizipieren nicht. Da ist keine Vorstellung einer paradiesischen Landschaft am Zielort und dementsprechend keine Ungeduld. Da ist auch keine individuelle Entscheidung. Im Gegenteil: Wer die Herde verläßt, ist dem Untergang geweiht. Läßt sich also behaupten:
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| Das Reisen unserer Vorfahren |
Die Veränderung des Klimas rang dem afrikanischen Urwald trockene und weite Savannen ab. Südlich der Sahara durchstreiften Jäger und Sammler in Gruppen von 25-50 Frühmenschen auf der Suche nach Wasser und Nahrung, Tiere jagend, vor Raubtieren flüchtend, immer in Bewegung. Das karge Angebot auf einer Fläche von zwei mal zwei Kilometern ernährte gerade eine Person mit Obst und Wurzeln, Aasresten, erjagtem Fleisch. Ohne Milchviehhaltung wurden ihre Kinder 4-5 Jahre gestillt. Dabei legten sie etwa 5.000 Kilometer zurück, immer im Rhythmus des Gehens, an der Brust der Mutter oder auf ihrem Rücken. Diese Situation prägt das menschliche Verhalten bis heute. Babies schreien nicht, solange sie getragen und etwa fünfzig Mal pro Minute bewegt werden. Dieser Rhythmus läßt sich auch künstlich erzeugen und bewirkt gleiches: nur das liegengebliebene, vergessene Baby schreit - Bewegung ist richtig. Heute lebende Jäger und Sammler pflegen die Muße – das dürfte früher kaum anders gewesen sein. Mit wöchentlich etwa 20 Stunden Jagd- und Sammelarbeit sichern viele dieser Ethnien ihren Alltag. Ein Territorium wird verlassen, sobald der Aufwand zur Nahrungsbeschaffung zu hoch wird - lange bevor ein Gebiet ausgebeutet ist. Weshalb sollten frühere Jäger und Sammler leistungsbewußter gewesen sein? Reisen hieß, einen Aufwand zur Ortsveränderung zu betreiben, um den Aufwand zum Lebensunterhalt zu minimieren. Ein Kampf ums Dasein war nur selten nötig. Das geruhsame Wandern in sich langsam verlagernden Territorien war kaum jemals eine richtige Reise, Ziele lagen meist nah. Es mag 80.000 Jahre gedauert haben, bis "moderne" Menschen den Weg von Afrika nach Amerika über Land zurückgelegt haben, der mit vielfachen Kreuz- und Querwegen vielleicht 40.000 Kilometer betrug. Die "Eroberung" der Erde erfolgte jedenfalls zu Fuß. Sprachvergleiche, Gen- und Mitochondrienanalysen führen allesamt zu ähnlichen Ergebnissen: eine kleine Gruppe verließ vor etwa 100.000 Jahren Afrika über die Landenge von Suez, von Vorderasien gelangten Menschen schon früh nach Europa, vor 40.000 Jahren wurde Australien erreicht, Amerika in verschiedenen Wellen vor etwa 10-20.000 Jahren. Die langsame Wanderung täuscht durch ihre Durchschnittlichkeit, da auf Perioden schneller Wanderung, bedingt durch Bevölkerungsdruck, klimatische und geographische Gelegenheiten, Perioden der Stagnation folgten, bedingt durch eine günstige Umwelt. Warum eine Gegend verlassen, in der es alles gibt? Die frühen Wanderer schätzten sichere Wege: entlang der Flüsse, in Klimazonen mit regelmäßigen Regenfällen und nicht zu kalten Wintern, mit Rückzugsmöglichkeiten in Höhlen, Alkoven oder auf Bäume. Wüsten, Gebirge, vereiste Gegenden erforderten einen hohen Aufwand: Bekleidung, Transportmittel für Wasser und Lebensmittel, die Technik des Feuermachens, Schutz gegen Kälte und Sturm waren nötig. Der Druck zur Wanderung mußte schon außergewöhnlich stark sein, um sich solchen Bedingungen auszusetzen. Zogen sich einzelne Gruppen in Nischen, in Täler, auf Almen, auf Inseln, in Oasen zurück, riskierten sie ihre Existenz. Ein einziges kaltes Jahr, ein einzige ausgefallene Regenzeit bedeutete ihr Ende. Der Abstand zu anderen Gruppen durfte nie zu groß werden: wer zu schnell war, begab sich in die soziale Isolation, förderte Krankheit durch Inzucht. Das erforderte den losen Kontakt zu weiteren 20-30 Gruppen. Ein früher Einzelreisender war der Bote, denn: sicher tauschten umherziehenden Gruppen Nachrichten aus. Die feste soziale Bindung an die Kleingruppe und eine lockere Bindung an eine größere Gemeinschaft ist ein Kennzeichen der frühen Fußreisen. Das Problem der Zugehörigkeit wurde durch das Bekenntnis zu einem gemeinsamen Ahnen gelöst. Mit dem Namen eines gemeinsamen Ahnen bewies man die Zugehörigkeit zum selben Stamm. Dieser Ahne konnte abstrakt sein, dennoch diente er über lange Zeiträume als Identitätsmerkmal. Erst die Seßhaften ersetzten dies durch eine geographisch definierte Heimat, einen Ort, ein Volk, eine Nation. Dieser Zustand beschreibt 99% der kulturgeschichtlichen Vorzeit, noch um Christi Geburt lebte 50 % der Menschheit als Jäger und Sammler. |
"...
die einzelnen Stämme [verließen] leicht ihre Sitze unter dem
Druck der jeweiligen Übermacht. Denn da noch kein Handel war und kein
gefahrloser Verkehr weder über das Meer noch auf dem Land, da alle
ihre Gebiete nur nutzten, um gerade davon zu leben, und keinen Überschuß
hatten, auch keine Bäume pflanzten bei der Ungewißheit ... und
da sie die nötige Nahrung für den Tag überall gewinnen zu
können meinten, so fiel es ihnen nicht schwer, auszuwandern ..."
(Thukidides, ca. 5. Jh. v. Chr., zit. nach Leed) |
| Was ist »Reisen«? Die Frage nach dem Motiv, dem ersten aller Antriebe ... | ||
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Hoffnung
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»Neu zu begehren, dazu verhilft die Lust der Reise. « | Unnachahmlich assoziiert Bloch frei darüber, was er unter Reisen versteht. |
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Sehnsucht
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»Vielleicht ist der Begriff der Sehnsucht noch das Präziseste, was sich zur Authentizität, zur Liebe und zum Reisen sagen läßt. Sehnsucht richtet sich auf etwas, was sich entzieht, sie ist die heftigste Form der Reise.« |
Paolo Bianchi in seinem bemerkenswerten Beitrag über Sehn-Sucht-Trips |
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Neugier
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In der Periode vom Späthumanismus bis zur wissenschaftlichen Revolution (1570-1660) kam es zu einer bemerkenswerten Verfeinerung der drei Kulturtechniken: Reisen, Umfragen und Sammeln. Die Ratgeberliteratur zur ARS APODEMIKA, der Kunst des Reisens, nahm ihren Anfang. | Stagl, Justin Eine Geschichte der Neugier Reisekunst und Sozialforschung 1550-1800 Böhlau Verlag Wien |
| Was ist »Reisen«? Soziologische Überlegungen | ||
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Reiseformen
prägen die soziologischen Formen
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Wir ahnen es schon: Die Art der Bewegung im Raum bestimmt auch das Verhältnis der Menschen untereinander. Vor etwa hundert Jahren hat Georg Simmel seine Gedanken dazu formuliert: »Alle bisher
betrachteten soziologischen Formungen zeichneten gewissermaßen das
ruhende Nebeneinander des Raumes nach: die Begrenzung und die Distanz,
die Fixiertheit und die Nachbarschaft sind wie Fortsetzungen der räumlichen
Konfigurationen in das Gefüge der Menschheit hinein, die sich in
den Raum teilt. Die
letztere Tatsache knüpft ganz neue Folgen an die Möglichkeit,
daß die Menschen sich von Ort zu Ort bewegen. |
Georg
Simmel Der Raum und die räumlichen Ordnungen der Gesellschaft |
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Elitarismus
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»Das massentouristische Reisen in exotische Regionen ... .« |
Andreas
Obrecht betrachtet das Durchschreiten von neuen Räumen als eine elitäre Angelegenheit |
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Exotik
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»Das Fremde, das Andere ist in aller Munde. ....« | Einleitende
Bemerkungen zum Beitrag Ethno, What Ethno? Künstlerische Praxis an der inneren Peripherie von CHRISTOPH DOSWALD |
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Nach
innen reisen
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Die "Reise nach innen" sieht Saïd im nomadisierenden Migranten, im Traveller als einer Figur kritischer Gegenkultur ...." (437) So versteht er sein Buch als das Buch eines Exilanten, dessen Erfahrungen ihm den dezentrierenden, kontrapunktierenden Blick auf die Verflechtungen zwischen Imperialismus und Kultur vermitteln. | KARLHEINZ
BARCKs Notizen nach der Lektüre von Edward W. Saïds Studie Kultur und Imperialismus |
| Was ist »Reisen«? Theorie, Technik oder Kunst? | ||
| Reisen als Wissenschaft |
Die »Theorie des Tourismus« von Enzensberger wird viel zitiert und gilt als wesentlicher Ausgangspunkt für das wissenschaftlich basierte Nachdenken über das Reisen nach dem zweiten Weltkrieg. Enzensberger bezeichnet seine Ausführungen als »Theorie« - doch sind sie mehr Essay als systematisch strukturierter Theorieentwurf. Sie verengen die Sicht auf den Tourismus, also ein Phänomen der Massenebene und auf das Motiv der Flucht. |
Cord
Pagenstecher |
| Reisen als Technik |
»Reisetechnik« dürfte sich im allgemeinen Verständnis auf das Materialangebot eines Ausrüsterladens beschränken sowie die verfügbaren Verkehrsmittel umfassen, letztlich also »technische Mittel« wie Materialien, Werkzeuge, Maschinen (Sachsysteme). In einem erweiterten Verständnis umfaßt Technik aber auch die Kenntnis von Regeln: Wenn Du das so und so tust, kommst Du zu diesem Ergebnis. das kennt jeder, der einmal versucht hat, handwerklich zu arbeiten. Ohne Know-How ist das sehr mühsam und wenig erfolgreich. (technisches Wissen). Doch Reisetechnik meint mehr. Reisetechnik ist insofern technisches Handeln, als es geeignet ist, eine Ausgangssituation entsprechend einem Ziel in eine Endsituation zu überführen. Dabei ist der Handelnde Teil der Situation, verändert sich selbst dabei ebenso wie die Umgebung. Ein gezieltes technisches Handeln versucht immer, ein Ziel mit geringerem Aufwand zu erreichen als auf einem anderen Weg. Das umfaßt also eine Zielvorstellung, inneres und äußeres Probehandeln auf unterschiedlichen Wegen und antizipatorische Fähigkeiten sowie soziale Kooperation und Kommunikation. Wer spitzfindig ist, mag diese vorläufige Definition verbessern, als Hilfe empfehle ich das Werk von Günter Ropohl. Darin enthalten sind Ansätze, die sich konstruktiv in der Diskussion über Reisen und Tourismus anwenden lassen, so etwa die Unterscheidung zwischen personalen Systemen, sozialen Mesosystemen und sozialen Makrosystemen. Nur soviel sei hier angedeutet: Ich verstehe »Reisen« als einen Begriff der personalen Ebene, wenn Individuen mit ihren Zielen und Möglichkeiten gemeint sind. Reisegruppen sind Teil der sozialen Mesosysteme. »Tourismus« ist ein Phänomen der sozialen Makrosysteme und setzt damit Strukturen voraus, die sich erst langsam durch massenhafte Vorgänge auf den unteren Ebenen konstituieren kann. Ein einzelner Reisender ist insofern auch ein Tourist, als er die Strukturen des Makrosystems benutzt, also Flughäfen, Autoverleih, Versicherungen ... Die Systemtheorie eignet sich meines Erachtens zur Analyse und Beschreibung des Reisens und des Tourismus, doch hat das noch niemand ernsthaft versucht. So bleibt mir nur, diesen Punkt als Programm aufzuzeigen, doch umsetzen läßt er sich an dieser Stelle nicht. |
Günter Ropohl
Deutsche Zentrale für Globetrotter e.V. (Hrsg.) |
| Reisen als Kunst |
Technik und Kunst haben gemeinsame Wurzeln, die »Handwerkskunst« ist beiden zu eigen. Technik nutzt ein Minimum an Aufwand, um den gewünschten Zweck optimal zu erreichen. Ihr Mittel ist das Werkzeug, ihr allgemeinster Zweck die Nützlichkeit, ihr allgemeinstes Ziel die Macht über die Natur. Kunst nutzt ein Minimum an Aufwand, um ein Maximum an Sinn und Bedeutung auszudrücken. Ihr Mittel ist das Symbol, ihr allgemeinster Zweck ist das Gute, Schöne, Wahre, ihr allgemeinstes Ziel die Nähe zur Natur. Frühere Kulturen unterschieden nicht zwischen Technik und Kunst: Was nützlich war, mußte auch schön sein. Was bedeutet das nun fürs Reisen?
Und zwischen diesen beiden Polen finden sich alle anderen Reisen:
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Lewis Mumford Herbert W. Franke |
| Was ist »Reisen«? Eine begriffliche Betrachtung | ||
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Das althochdeutsche rîsan bedeutete aufstehen, aufbrechen insbesondere zu kriegerischer Unternehmung. Die Wortform "Reisen" hat sich seither kaum verändert. Das ist durchaus nicht selbstverständlich. Auch können Begriffe verschwinden oder durch Fremdworte ersetzt werden. Beides ist nicht geschehen. Sich einen Begriff von etwas zu machen heißt: etwas be-greifen, also anfassen können. Der Vorstellung im Kopf wird ein Begriff zugeordnet, weil die Vorstellung so bedeutend ist, daß über sie mit anderen kommuniziert werden muß. Dafür muß ein Begriff her. Besonders anschaulich sind Begriffe, wenn sie einen Aspekt des neuen Sachverhalts betonen, indem sie einen bekannten Begriff für den neuen Sachverhalt benutzen. Im Französischen und Englischen werden Worte benutzt, die dem Lateinischen entlehnt sind. Im Gegensatz zur althochdeutschen Bedeutung verweisen sie eher auf die technischen Bedingungen des Reisens. Voyage (E, F) ist aus dem lateinischen viaticum abgeleitet. Dieses bezeichnete das für den Reiseweg (via) notwendig mitzunehmende. Im Französischen bezeichnet es ein Umherreisen ohne ein bestimmtes Reiseziel. Journey (E), journée (F) ist aus dem lateinischen diurnum abgeleitet. Dieses bezeichnete die Strecke, die man an einem Tag zurücklegen kann. Travel ist über das französische travail angeblich aus dem lateinischen trabiculare abgeleitet, andere Quellen verweisen glaubhafter auf tripalium. Im Französischen bezeichnet es bis heute Mühe, Arbeit, Anstrengung. |
Wörterbüchern und Lexika zu den Begriffen Reisen, Voyage, Journey, Travel ... |
| Was ist »Reisen«? Eine analytische Betrachtung | ||
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Der Mensch bewegt sich in den naturgegebenen Bedingungen von Raum und Zeit. Art und Ausmaß dieser Bewegung prägen sein Verständnis von Welt. Für den einen ist die Welt ein Dorf, für den anderen ist das Dorf die Welt. Das Weltverständnis speist sich aus Erfahrung und Erkenntnis. Nicht jeder erfüllt die von Kant formulierte Bedingung (siehe Zitat), um sein Weltverständnis auch ohne Reisen zu vergrößern. |
»Eine große Stadt, der Mittelpunkt eines Reichs,
in welchem sich die Landescollegia der Regierung desselben befinden, die
eine Universität (zur Kultur der Wissenschaften) und dabei noch die
Lage zum Seehandel hat, welche durch Flüsse aus dem Inneren des Landes
sowohl, als auch mit angrenzenden entlegenen Ländern von verschiedenen
Sprachen und Sitten einen Verkehr begünstigt, - eine solche Stadt,
wie etwa Königsberg am Pregelflusse, kann schon für einen schicklichen
Platz zu Erweiterung sowohl der Menschenkenntnis als auch der Weltkenntnis
genommen werden, wo diese, auch ohne zu reisen, erworben werden kann.« (I. Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, 120-121) |
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| Eine
gewohnte Umgebung ist sicher, insofern die Zukunft klar scheint; denn Situationen
und Verhalten scheinen vorhersagbar zu sein. Wer die Grenzen seiner Welt
überschreitet, setzt sich dem Unbekannten aus. Das Unbekannte erzeugt
Angst.
Erfahrungen stimmen nicht mehr, eingefahrene Verhaltensweisen müssen überprüft werden. Das Weltverständnis ist wie ein Muster auf einem enganliegenden, elastischen Trikot. Harmonisch, solange das Trikot paßt. Doch dort, wo es belastet, gezogen, gezerrt wird, verzerrt sich das Muster. |
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Nicht jede Bewegung in Raum und Zeit möchte ich als »Reisen« bezeichnen. Es gibt verschiedene Erscheinungsformen, z.B.: Urlauber, Pilger, Diplomaten ... Wie läßt sich diese Vielfalt ordnen? Ich schlage vor, die Verfügbarkeit über Raum und Zeit als Meßgröße anzusetzen. Die relative Verfügbarkeit ließe sich angeben als Verhältnis von Fremdbestimmung zu Selbstbestimmung. Beispiel 1: Ein Gefangener
verfügt in äußerst knappem Maße über den ihn
umgebenden Raum. Das Maß an Fremdbestimmung ist jedoch variabel:
Durch Isolierhaft kann der Gefangene noch weniger über den Raum verfügen,
durch Freigang kann er in höherem Maße über den Raum bestimmen. Beispiel 2: Der Pilot eines großen Verkehrsflugzeuges verfügt in äußerst hohem Maße über den ihn umgebenden Raum; seine Verfügbarkeit über die Zeit ist dagegen recht gering, denn »Zeit ist Geld«. |
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| Damit die entstehende Skala faßbarer wird, bezeichne ich Kategorien, die ganze Skalenabschnitte umfassen: | ||
| Die Verfügbarkeit über die Zeit |
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| Die Verfügbarkeit über den Raum |
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Denken wir uns die beiden Skalen aufgespannt als Koordinatensystem, so spannt sich ein Feld auf, das alle Arten des Bewegens in Raum und Zeit umfaßt. Folgt man der obigen Kategorisierung, so glidert sich dieses Feld in ein Raster mit neun Teilfeldern. Diese können helfen, Idealtypen zu entwickeln. Drei Idelatypen als Erscheinungsformen der Bewegung in Raum und Zeit scheinen mir besonders wichtig zu sein: Mobilität - Reisen - Abenteuer |
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| Abgrenzung zum »Abenteuer« | wird noch erstellt | |
| Abgrenzung zur»Mobilität« | wird noch erstellt | |
| Was ist »Reisen«? Eine Abgrenzung zum Tourismus | ||
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Terror
des Tourismus
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Der Tourist ist eine seltsame Erscheinung. Er gehört, wie früher das ziehende Kriegsvolk, die Kaufleute oder die Künstler, zu den Reisenden. Andererseits ist er auf Urlaub, frei von allen Verpflichtungen des Berufs und des Alltags. Er fährt in fremde Länder, angelockt von Exotik und Abenteuer, möchte aber Unwägbarkeiten vermeiden. Er will wissen, was ihn erwartet, und seine Freude besteht darin, vorzufinden, was er weiß. Indem er eine Reise tut, so könnte man meinen, begibt er sich der Fremde. Hier wird erfreulich genau unterschieden zwischen Tourist und Reisender, zwischen Reisen und Urlaub. Besonders freut mich , daß es hier jemand wagt, vom Reisen als Flanieren, von der "Feinschmeckerei des Auges" zu reden, vom langsamen Genußreisen! |
»Der
sanfte Terror des Tourismus« ist das Thema von THIERRY PAQUOT Philosoph und Professor am Institut d'Urbanisme de Paris sowie Herausgeber der Zeitschrift "Urbanisme". Er nimmt Bezug auf Enzensberger und Jean Chesneaux. |
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Kurt
Luger entwirft eine Projektszizze für eine kommunikationswissenschaftliche Tourismusforschung |
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| Urlaubsreisearten | So
ganz eindeutig findet sich niemand in nur einer Kategorie wieder. Mehrfachnennungen
waren bei der Umfrage erlaubt und wurden weidlich genutzt. Pro Reise werden
im Durchschnitt ca. zwei Reisearten genannt. Die meisten Urlaubsreisen werden
als "Ausruh-Urlaub" oder "Strand-/Bade-/Sonnen-Urlaub"
eingestuft. Ausruh-Urlaub 33% Strand-/Bade-/Sonnen-Urlaub 30% Erlebnis-Urlaub 19% Natur-Urlaub 18% Familien-Ferien 17% Aktiv-Urlaub 14% Verwandten-/Bekanntenbesuch 12% Spaß-/Fun-/Party-Urlaub 8% Sightseeing-Urlaub 7% Rundreise 7% Gesundheits-Urlaub 7% Kulturreise 6% Studienreise 3% |
Reiseanalyse
2000 / F.U.R. http://www.fur.de/urlaubsmotiv.html Zugriff am 2000-07-17 |
| Unstat und Eurostat nennen folgende Kategorien des Zwecks von Reisen weg von zuhause: | 1.
Leisure, recreation and holidays 2. Visiting friends and relatives 3. Business and professional 4. Health treatment 5. Religion and pilgrimage 6. Other |
Community
methodology on tourism statistics European Commission (DG XXIII and Eurostat).
1998 http://forum.europa.eu.int/Public/irc/ dsis/bmethods/info/data/new/embs/tourism/ append1_8.html#ap Zugriff am 2001-02-23 |
| Statistisch-ökonomische Kriterien |
Für statistische Zwecke sind exakte Begriffe unerläßlich, denn schließlich soll international nach gleichen Kriterien gezählt und verglichen werden. Was ein Tourist in wirtschaftlicher und somit statistischer Hinsicht ist, wird daher definiert. |
Definitionen von Eurostat, UN und WTO
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| Was ist »Reisen«? Eine historische Betrachtung | ||
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