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Wahrend wir in Amritsar saßen oder besser: lagen, feierte Indien
seinen 52. Unabhängigkeitstag. Die Vorbereitungen hatten wir schon
in Delhi mitbekommen und die Zeitungskommentare ereiferten sich immer
noch über den Kommentar der englischen Königin vor 2 Jahren:
"Delhi ist eine schmutzige Stadt". Dehli ist eine schmutzige Stadt. Mit
westlichen Augen betrachtet, kann es zum Alptraum werden: verfallene Fassaden,
müllübersäte Hinterhöfe, aufgerissene Straßen
mit Schlamm und Pfützen, Bettler, Kranke, Krüppel, die oft im
Unrat liegen.
Manche Reisende fliehen aus Indien, ihre Augen sind erfüllt von
unmenschlichem Elend. Millionen von Fliegen verderben den Appetit, selbst
Wasser wird nur vorsichtig genossen. Eine Luft, die der Atemmuskulatur
Höchstleistungen abverlangt, füllt im Monsun ölig-schwer
die Lungen, stinkt nach Abgasen aus Zehntausenden Motorradrikschas - die
Sehnsucht nach frischer Luft bleibt unerfüllt. Das ist ein mögliches
Bild, doch ist dieser alltägliche Alptraum vielleicht die indische
Form des Denkanstoßes, ein massiver Anlaß, die eigene Betrachtungsweise
zu überprüfen. Leichter fällt das vielleicht nachts. Dann
erscheinen die selben Menschen, Straßen, Häuser in anderem
Licht, sie sind nicht mehr, was sie tagsüber schienen: Da stützt
sich ein modriger Bretterverschlag an einer aussätzigen Mauer, stachlige
Hanfseile scheinen beide zu halten. Kaum reicht das vielfach geflickte
Dach, um das fettglänzende, wacklige Tischchen darunter trocken zu
halten, mit seinem spärlichen Angebot aus Zigaretten, die einzeln
aus der Packung schauen, einigen Keksen vielleicht und mit einem Topf,
in dem das heutige "Menü" dieser Garküche brodelt, von drei
Holzkohlestücken sparsam erwärmt.
Die beiden Höckerchen sind blank gesessen und stehen in Pfützen,
durch die träge der Verkehr schlurft: Schwarze Taxis und Motorräder,
Motor-Rikschas und Fahrräder behaupten in engem Kontakt die Straßenmitte
und drängen den Strom der Passanten zum Straßenrand. Die suchen
Zuflucht zwischen Verkaufsständen und nutzen jede Gelegenheit, voranzukommen.
Mittendrin steht wiederkäuend die unbeirrte, heilige Kuh, zerstiebt
schwanzwedelnd und erfolglos schwarze Fliegenschwärme und plätschert
Urin und Kot zu den grünen Melonenresten und roten Spuckflecken der
menschlichen Wiederkäuer.
Nachts aber finde ich eine andere Wirklichkeit. Das Leben pulsiert ungemindert
weiter, doch erscheint es nicht mehr als Chaos, sondern als Teil eines
unfaßbaren, nicht überschaubaren Planes. Papayagroße
Glühbirnen erleuchten die Verkaufsstände und schaffen viele
kleine Bühnen in dieser Arena. Eine solchen Lichtkreis betretend
nehme ich teil an einer mir unbekannten Aufführung. Jeder scheint
seine Rolle zu kennen und spielt sie mir großer Selbstsicherheit
und mit vollem Einsatz. Bewertungen erscheinen nun sinnlos, denn: sind
die beiden vor mir nun Geschäftsmann oder Bettler? Der eine ehrbar,
der andere ehrlos? Oder sind es nur Akteure? Ist vieleicht dem Bettler
die größere Anerkennung zu zollen, weil er glaubhafter erscheint,
seinen Platz gefunden zu haben scheint und ganz in seiner Rolle aufgeht?
Unser Hotel liegt in einer sehr engen Seitengasse des Main Bazar. Draußen
ist es so lebendig wie in der Kölner Altstadt während des Straßenkarnevals
und kaum weniger voll. Wenige Meter vor dem Hotel liegt ein fast nackter
Mann, ein knapper Lendenschurz klammert sich an den dürren, aber
scheinbar gesunden Körper. Tagsüber liegt er da, aber auch nachts,
manchmal lang hingestreckt, manchmal mit dem Rücken an der Mauer.
Die ausgestreckten Beine lassen den Passanten nur knapp einen halben Meter
Platz, wer zu sehr ausweicht, gerät ins gegenüberliegende offene
Urinal. Nie habe ich ihn sprechen hören. Kein Schild liegt dort,
das eine Bitte enthielte oder eine Erklärung. Wenn ich vorbeikomme,
schaut er manchmal, manchmal hält er auch die Hand auf. Mir erscheint
der Blick klar, nicht fordernd, nicht bettelnd, doch selbstbewusst. Gleichmütig
bleibt der Blick, auch wenn ich nichts gebe, er enthält weder Vorwurf
noch Ärger. Eine Gabe wird ebenso selbstverständlich genommen,
ohne Dank, als habe ich nur meine Pflicht erfüllt. Ich spiele meine
Rolle, er die seine - das könnte ja schließlich auch umgekehrt
sein. Jeder von uns hat etwas zu geben und zu nehmen und ich nehme die
unausgesprochene Frage mit, weshalb ich immer noch so viel mit mir herumtrage.
Viel weniger tut es ja schließlich auch. So tut er das Seine und
nimmt einfach seinen Platz ein. Die wenigen Male, wo ich ihn dort nicht
finde, erscheint mir der Platz leer, ich vermisse etwas. Die Eingänge
zu zwei Hotels und zu einem Reisebüro liegen in weniger als fünf
Metern Abstand, alle Besucher müssen an ihm vorbei. Und doch scheint
sich niemand an ihm zu stoßen, man scheint zu akzeptieren, daß
dies sein Platz ist.
Händler laufen den Main Bazar auf und ab, bieten Plastikschlangen
an. Eines Abends sehe ich drei Kinder auf der Straße hocken, jeder
mit einem Körbchen vor sich und ich denke: "Wie machen die das bloß,
daß sich diese Plastikschlangen so echt bewegen." Es sind aber echte
Kobras und wieder spüre ich, daß es hier mehrere Wirklichkeiten
gibt. Immer wieder frage ich mich, wie echt das ist, was ich sehe: Schaue
ich einem Spiel zu, nehme ich selbst daran teil, sind die Menschen und
Dinge immer das, was sie scheinen? Auch der armselige Händler in
seiner Bretterbude könnte doch ein weiser und gelehrter Mann sein,
der es für richtig hielt, in dieser Phase seines Lebens diesen Platz
auszufüllen.
Aus unserem Hotelzimmer scheue ich auf einen grünen Park, der merkwürdigerweise
kaum besucht zu sein scheint. Erst am dritten Tag erkenne ich, daß
das ein alter christlicher Friedhof ist, die Gräber sind überwuchert
und nur selten ragt ein Grabstein heraus. Es ist ein großer Friedhof,
die linke und rechte Begrenzung sind vom Hotelzimmer aus nicht zu sehen.
Rings herum drängen sich Menschen in den engen Straßen, kaum
scheint genug Platz für alle. Und dennoch scheinen alle seit Jahrzehnten
den Platz zu respektieren, den die Toten einnehmen. Ich bewundere diesen
Respekt, den man zu haben scheint vor den Begräbnisriten einer fremden
Religion ebenso wie vor einem "Bettler". Jedem wird der Raum zugestanden,
den er auszufüllen vermag.
Delhi bei Tag besehen mag als Ort erscheinen, der verschönert und
verbessert werden muss. In der Nacht erscheint mir das arrogant und besserwisserisch.
Viel mehr bewirke ich, wenn ich die Menschen akzeptiere, wie sie sind:
ein erwidertes Lächeln, ein Gruß, die Hand geben, einige Worte
wechseln, selbst ein Hallo löst bei einer Gruppe von Kindern Begeisterung
aus.
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