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Adam Hochschild

Schatten über dem Kongo

Die Geschichte eines der großen, fast vergessenen Menschheitsverbrechen

1. Auflage, Stuttgart: J. G. Cotta 2000. kartoniert 15,5x23 cm: 494 S., 16 SW-Tafeln, Anmerkungen, Literaturverzeichnis, Register ??? DM

"Zwangsarbeit, Greiselnahme, Sklavenketten, hungernde träger, niedergebrannte Dörfer, paramilitärischer Firmen-‘Wachschutz’ und die chicotte [Nilpferdpeitsche] – all das war an der Tagesordnung. Tausende von Flüchtlingen, die über den Kongofluß geflohen waren, um Leopolds Regime zu entkommen, flohen am Ende wieder zurück, um den Franzosen zu entkommen. Der Rückgang der Bevölkerung in dem von Frankreich ausgebeuteten kautschukreichen Regenwald am Äquator wird, genau wie in Leopolds Kongo, auf etwa 50 Prozent geschätzt … ein Diagramm zeigt, daß in Salanga, einem der französischen Kongostützpunkte, zwischen 1904 und 1907 die monatlichen Schwankungen der Kautschukproduktion fast exakt den Schwankungen in der Zahl der von den ‘Wachleuten’ verschossenen Kugeln entsprachen – in einem arbeitsreichen Monat beinahe 400."

Zur gleichen Zeit genießt Leopold II., König der Belgier und Besitzer (!) des Kongo, die europaweite Bewunderung: christliche Missionare dürfen in die Kolonie, seine Truppe soll die Sklavenhändler besiegt haben, mit seinem persönlichen Vermögen finanziere er Arbeiten zum Wohle des Kongo.

Zur gleichen Zeit beobachtet Morel, ein Angestellter der Reederei, die das Monopol auf den Schiffsverkehr mit dem Kongo hat, daß in Antwerpen Kautschuk und Elfenbein in riesigen Mengen ausgeladen werden – die Fracht zurück besteht fast dagegen aus Offizieren, Schußwaffen und Munition. Geld dürfen die Kongolesen nicht besitzen, also schließt Morel messerscharf, daß die Einheimischen für Kautschuk und Elfenbein keine Waren erhalten. Das aber bedeutet Sklavenarbeit. Morel baute für mehr als zehn Jahre eine erfolgreiche, weltweite Protestbewegung gegen das Terrorregime auf – 1908 gab der König die 1885 erworbene Kolonie auf und übertrug sie dem belgischen Staat.

Die Bilanz: Die Bevölkerung des Kongo sank in 23 Jahren um etwa 10 Millionen Menschen, Leopold wurde um etwa 1,1 Milliarden Dollar reicher.

Akribisch recherchierte der Autor die Verhältnisse im Kongo, die Interessen und Lebensläufe der Beteiligten. Es ist eine fast unglaubliche Geschichte, wie sich Leopold als Privatmann seine Kolonie beschaffte. Die Charaktere der Handelnden könnten einem Shakespeareschen Drama entstammen, die Szenen erinnern an Monumentalfilme und die Handlung könnte Basis eines mehrbändigen Romans sein. Klingt das übertrieben?

Der Autor Joseph Conrad bewarb sich damals um eine Stelle als Kapitän auf dem Kongofluß –ihn entsetzten Gier und Brutalität der dort agierenden Weißen so, daß sich seine Auffassung von der Natur des Menschen für immer wandelte: "Das Grauen! Das Grauen!" Er verließ das Land und schrieb den Kurzroman "Herz der Finsternis". Dessen Protagonist, Mr. Kurz, sammelt abgeschlagene Hände und "schmückt" den Zaun seines Hauses mit abgeschlagenen Köpfen. Tatsächlich umgab Léon Rom, Hauptmann der Force Publique in Stanley Falls, seine Blumenbeete mit 21 Köpfen. Das Herz der Finsternis wiederum diente Francis Ford Coppola Jahrzehnte später als Vorlage für den Film Apocalypse Now, mit dem er das Grauen im Vietnamkrieg zeigte.

Das eigentliche Drama aber ist, daß dieses "Verbrechen gegen die Menschheit" bis zu diesem Buch so völlig vergessen werden konnte – oder wollte. Marchal, ein belgischer Diplomat, arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg fast 20 Jahre im Kongo, ohne etwas über die Geschehnisse in früherer Zeit zu erfahren. Eines Tages las er in einer liberianischen Zeitung etwas über "zehn Millionen Tote in Leopolds Kongo". Er wandte sich an den belgischen Außenminister, wollte Informationen über jene Zeit – und stieß auf Schweigen, Archiveinsicht wurde ihm verwehrt.

Ein MUSS für jeden, der sich für Afrika interessiert. NL

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