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J. V. Luce

Die Landschaften Homers

1. Auflage, Aus dem Englischen übersetzt von Karin Schuler, Stuttgart: Klett-Cotta 2000. Einband mit Schutzumschlag und Fadenheftung 17x23 cm: 293 Seiten, etwa 130 farb. Abb., 10 Karten 25,05 €

Stammbaum des troianischen Königshauses, Chronologie Troias, Kartenverz., Anmerkungen, Register, Verzeichnis der Homerzitate

 

Lange galten überlieferte Texte wie Homers Hexameter als literarische Fiktion. Schliemann war einer der ersten, die solche Texte ernst nahmen und Erfolg hatten und wenngleich er sich eifrig des Gedankengutes anderer bediente, Homer falsch interpretierte und »sein« Troia nicht das Troia des Homer war, wurde seine Vorgensweise vorbildlich.

J. V. Luce, emeritierter Professor für klasische Altertumswissenschaft am Trinity College in Dublin, suchte im Homer keine Schätze, sondern die Wahrheit im sprachlichen Detail. Seine These lautet: Im Homer steckt nicht nur ein wahrer Kern, vielmehr ist der Text weitgehend wirklichkeitsgetreu, sofern er sich auf Landschaftsbeschreibungen bezieht. Überzeugend belegt er diese Wirklichkeitstreue durch die Übereinstimmung von sprachlichem Ausdruck und der heute noch vorfindbaren Landschaftsform. Beides untermauert er mit philologischen und historischen Plausibiliätsannahmen.

Ein literarischer Genuß ist das nicht, denn zu sehr bestimmt die Argumentation den Inhalt. Lesenswert ist das Buch dennoch wegen der akribischen und erfolgreichen Methodik des Professors. Möglicherweise reizt das, auch andere Überlieferungen ernster zu nehmen oder das Gebiet um die Troia selbst mit Homer in der Hand zu erkunden. NL

 

Jochen Zwick schreibt in seinem Beitrag Über literarische Imagination und Tourismus (Neue Zürcher Zeitung):

Einem völlig anderen Thema und zugleich dem vermutlich ältesten literarischen Reiseziel widmet sich das Buch des Dubliner Altertumswissenschafters John V. Luce über die «Landschaften Homers», denn bereits im frühen 18. Jahrhundert zogen die vermeintlichen Schauplätze von «Ilias» und «Odyssee» Reisende an. Luces Buch präsentiert sich zwar vornehmlich als wissenschaftlich ambitionierte Spurensicherung. Reich bebildert und in einem verständlichen, zuweilen schwärmerischen Stil geschrieben, ist es aber auch eine charmante Einladung zur Reise. Um heute ein Buch über Troja und seine Umgebung sowie Ithaka, die Insel des Odysseus, zu schreiben, braucht es vermutlich jemanden wie Luce, dem das selbstbewusste Erbe viktorianischer Gelehrsamkeit bereits in die Physiognomie eingeprägt ist. Unserer spätzeitlichen Skepsis, die die Suche nach dem Realitätsgehalt von Fiktionen als fragwürdiges Unterfangen verwirft, gegenüber der Realität dagegen einen blasierten Fiktionsverdacht kultiviert, begegnet Luce mit einem robusten Positivismus, der sich kongenial mit einem romantischen Überschwang verbindet, wie ihn die Begegnung mit der Antike in früheren Generationen erregt hat.

Luce hält sich nicht wie üblich an die archäologischen Zeugnisse, sondern geht den präzisen und detaillierten topographischen Informationen in Homers Versen nach, also den beständigsten und unverwechselbarsten Bestandteilen der äusseren Umgebung. Denn die Topographie ist nicht reproduzierbar und daher eindeutiger zuzuordnen als die menschlichen Kulturleistungen – Gebäude, Gebrauchsgegenstände, Waffen –, auf die sich die archäologische Forschung konzentriert. Luce ist davon überzeugt, dass Homer die Handlung beider Epen an authentischen Schauplätzen ansiedelt und nicht willkürlich geographische Gegebenheiten erfindet, die zu seinen dichterischen Zielen passen. Homer habe Troja und seine Umgebung sowie Ithaka selbst besucht und die Topographie dieser Orte «mit der übersichtlichen Klarheit eines modernen Satellitenfotos» in seine Dichtung eingearbeitet.

Die von Luce empfundene demütige Pflicht, als später Augenzeuge die Wahrhaftigkeit des Dichters zu bekunden, mag uns naiv erscheinen, zumal der moderne Gelehrte dem antiken Dichter anachronistisch eben jene positivistische Geisteshaltung unterstellt, die zugleich Voraussetzung seiner eigenen Argumentation ist, so als habe die Präzision, Anschaulichkeit und Detailliebe von Homers Beschreibungen keinen anderen Zweck gehabt, als den nachgeborenen Kriegern, Gelehrten und Touristen den Weg zu weisen. Das Paradoxon von Homers vermeintlichem Realismus, die topographisch exakte Situierung eines weitgehend fiktionalen Ges

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