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Tilman Lenssen-Erz, Marie-Theres Erz BrandbergDer Bilderberg Namibias. Kunst und Geschichte einer Urlandschaft1. Auflage (=Speläothek Bd. 5), Herausgegeben und mit einem Vorwort von Gerhard Bosinski, Geleitwort von Paul Bahn. Stuttgart: Thorbecke 2000. Pappband mit Schutzumschlag, 27x32 cm: 128 Seiten, 150 farb. Abb. und Karten - 38 €
Mit weit über 2000 Metern Höhe dominiert der Brandberg die Region zwischen Twyfelfontein und Spitzkoppe, im Hinterland der Skelettküste. Etwa 50.000 Felsbilder verteilen sich auf rund 1.000 Fundstellen. Manche sind weithin sichtbar, laden von ferne ein in den Schutz eines Überhangs. Andere sind versteckt und nur kriechend gewinnt der Suchende kaum einen Blick. 85% aller Felsbilder sind erfaßt. Eine Lebensaufgabe? Ja. Acht Jahre suchte, lebte und zeichnete Harald Pager am Brandberg. Seine 45.000 Durchpausungen lagern am Kölner Heinrich-Barth-Institut, das der Autor dieses Werkes leitet. Nicht weniger mühsam ist es, diese Zeugnisse einer alten Kultur zum Sprechen zu bringen. Nachdem die Autoren seit 1986 rund 17.000 Felsbilder nicht nur betrachtet, sondern mit Hilfe einiger Dutzend ausgefeilter Kategorien erschlossen und in Datenbanken erfasst haben, fällt ihnen dazu der Vergleich mit der “Erbsenzählerei” ein. Der Leser dankt es, denn er fährt gleich mehrfach die Ernte ein. Zunächst einmal geben die wunderbaren Abbildungen die ausdrucksvollen Malereien in hoher Qualität wieder: sie zeigen Details und Szenen und korrespondieren mit dem Text. Fotos der Fundstellen stellen die Felsbilder in den Kontext einer Landschaft, die seit Jahrtausenden unverändert ist. Wer hier wandert und arbeitet, erlebt Bilder und Berg in engem Zusammenhang und vielleicht aus ähnlichen Blickwinkeln wie die Schöpfer der Felsbilder. Das Buch vermittelt diese Einsichten sehr einfühlsam. Mit alten Ansichten wird aufgeräumt: Felsbilder als Jagdzauber weisen die Autoren zumindest für diese Bilder ins Reich der Fabel. Doch wie kann man wissen, glauben oder ahnen, was die Schöpfer der Malereien dachten, aus welcher persönlichen Situation heraus ein Bild entstand? Die “Erbsenzählerei” als Methode scheint tatsächlich einen Zugang zu öffnen. Beispielhaft werden Ergebnisse der Zählungen analysiert: Wie viele Männer und Frauen sind zu sehen? Bei welchen Tätigkeiten? In welchen Körperhaltungen? Mit welchen Gerätschaften? In welchem Kontext mit anderen? Welche Tiere sieht man, welche nicht? … Bei 17.000 analysierten Bildern ist das zwar mühsam, doch erhält man statistisch sichere Ergebnisse – sofern die Bildsprache eindeutig lesbar ist. Vorsichtig werden diese abgeleiteten Beobachtungen in ihrem Kontext gedeutet: Frauenbilder finden sich häufiger an großen, gut zugänglichen Orten – versammelten sich also Frauen eher in größeren Gruppen? Ihre Bilder werden stärker von Gestik bestimmt – waren sie also sozial kommunikativer als die Männer, die häufig mit Bogen in Zweiergruppen dargestellt wurden? Zahlreiche solcher Deutungen werden begründet durch archäologische Funde, durch das allgemeine Wissen über das Leben von Sammlern und Jägern, durch Mythen und Verhalten der heute lebenden San, durch plausible Annahme über die notwendige Lebensführung unter den herrschenden Bedingungen … Besonders interessant ist die Deutung geschlechtsneutraler Figuren als abstrakte “Personen”. Sie scheinen das gesellschaftliche Ideal zu symbolisieren: “ein Leben in Gemeinschaft, Gleichheit und Mobilität … den Zusammenhalt aller und den Verzicht auf jedes Konkurrenzdenken”. Vielleicht darf ich resümieren: Den Felsbildschöpfer drohten neben Durst und Hunger auch der Zerfall der sozialen Gemeinschaft und der Stillstand. Die erhoffte Sicherheit fokussierten sie in ihre Bilder: Regen, jagdbares Wild, eine harmonische Gemeinschaft und die Fähigkeit, mobil zu bleiben. Ein starkes Buch. Ein dickes Lob an Verleger, Redakteure und Autoren, die (so scheint es) mit ganzem Herzen daran gearbeitet haben! Manche Seiten prädestinieren es als “Coffeetable-book”. Für Namibia-Fans ist es sicher ein “Muß”. Darüber hinaus bietet es eine gut lesbare Einführung in die Methodik der Felsbildforschung. Allgemeinverständlich und dennoch klar und präzise werden die Sachverhalte auf hohem Niveau vermittelt. - NL |