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Hermann Härtel & Maria Rennhofer (Hg.) Mit dem Zweirad um die WeltDie sensationalle Reise des Gustav Sztavjanik 1924 - 1931Innsbruck: Haymon 2000. Einband mit Fadenheftung 21 x 26 cm: 160 Seiten, zahlreiche Textabb., teils farbig, 31 €
1924 steht der Inder F.J. Davar mit seinem defekten Fahrrad in Wien am Straßenrand. Gustav Sztavjanik, 17 Jahre alt, kommt zufällig vorbei, hilft ihm und begibt sich wenige Tage später mit dem Inder auf eine siebenjährige Weltreise. Im Vorbeigehen stellt er in Santiago de Chile beim 24-Stunden-Radrennen einen Südamerikarekord auf, gewinnt bald darauf die Radfahrmeisterschaften in Peru. Die beiden werden wie Helden gefeiert: in New York, Bombay, Wien und anderswo. Doch der Ruhm verblaßt mit dem Abstand zur Reise, im Alltagsleben erhält Gustav einen Posten als Justizwachtmeister. Im Juli 1944 fällt er als Meldekradfahrer während des Weltkrieges. 90-Jährig kann sich seine Witwe kaum noch an ihn erinnern. Sie waren sechs Jahre verheiratet, die verbrachte er überwiegend im Krieg. Gustavs umfangreiche Hinterlassenschaft, er hat sein leben gut dokumentiert, schenkt sie ihrem Neffen Edd, einem Schauspieler am Burgtheater. Dieser überläßt es dem Künstler Härtel und der Kulturjournalistin Rennhofer, das Material auszuwerten. Da ein Buchmanuskript nicht vorliegt, stellt Rennhofer es aus veröffentlichten Artikeln und Manuskripten für Diavorträge zusammen. In nach Kontinenten geordneten Kapiteln kommt Gustav selbst zu Wort. In weiteren Kapiteln skizziert Rennhofer den Hintergrund: zur Person, zur Zeitgeschichte, zum Fahrrad … Das Buch ist spannend zu lesen und aufwendig illustriert. Zwar ist der Stil Gustavs sehr schlicht, die Wortwahl einfach und gerade zu Beginn besteht er über weite Strecken aus Aufzählungen: »und dann gings nach …« Die Dichte der Ereignisse macht das später jedoch wett. Viel irritierender ist seine Schreibperspektive: Man erfährt kaum etwas über den Inder Davar, nahezu nichts über sein Fahrrad, nichts zur eigenen Person und wenig über die Begegnung mit Menschen. Eindrücke werden kurz eingeblendet (»Rangun ist eine Märchenstadt«), nach hartem Schnitten kommt übergangslos das nächste Bild. Alles ist positiv, weder Menschen noch Länder noch Regierungen werden kritisiert. Eine mehrwöchige Malaria wird mit einem Satz abgetan, ebenso eine Verwundung. Ähnliches konstatiert die Herausgeberin. Dennoch verzichtet sie auf andere Quellen. Der Inder Davar hat ein Buch geschrieben, aus dem nicht zitiert wird. Gustav hatte neun Geschwister: Sind die alle tot? Gab es keine Briefe mit persönlichen Bemerkungen an seine Verwandten? Vermißt habe ich eine Aufstellung der Reisephasen. Nur unsystematisch geht aus dem Text hervor, wann ein Reiseabschnitt begann und wie lange er dauerte. Es ist unmöglich, in der Wüste mit 1/16 Liter Wasser zu überleben. Das entspricht einem Glas Wasser für drei Tage. Vielleicht hätte ein erfahrener Radreisender auch noch den einen oder anderen Hinweis ergänzt. Das ein »Antidot« zwar als »Antitod« wirken kann, aber nicht so geschrieben wird, ist wohl eher ein unterhaltsamer Flüchtigkeitsfehler des sonst sorgsam lektorierten Werkes. - NL |