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Johann Georg Gmelin

Expedition ins unbekannte Sibirien

(=Fremde Kulturen in alten Berichten Band 7), Herausgegeben, eingeleitet und erläutert von Dietmar Dahlmann., Sigmaringen: Jan Thorbecke 1999. 14x23 cm: 454 Seiten, Karten auf Vorsätzen, 7 Farbabb. auf Tafeln, 23 Textabb., Anmerkungen, Quellen- und Literaturverzeichnis     24 €

 

Colin Thubron

Sibirien

Schlafende Erde – erwachendes Land

Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring. Vorsatzkarte Stuttgart: Klett-Cotta 2001. 344 S., 22,50 €

 

Im September 2001 fuhren wir mit dem Schiff nach St. Petersburg, von dort nach Moskau und mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Irkutsk. Zeit genug zum Lesen. Zwei Bücher möchte ich nachdrücklich empfehlen.

Unsere Reiseroute deckte sich in weiten Teilen mit der von Johann Georg Gmelin (Expedition ins unbekannte Sibirien – siehe unten) und mancherorts mit der von Colin Thubron (Sibirien. Schlafende Erde …), doch liegen zwischen beiden Reisen mehr als 260 Jahre. Was hat sich geändert, und was ist geblieben?

Gmelin war Teilnehmer der Zweiten Grossen Nordischen Expedition, an deren Vorbereitung und Durchführung 3000 Menschen beteiligt waren. 1733 brach er in Petersburg auf, aus den geplanten fünf Jahren wurden zehn, die er in Sibirien verbrachte und Material sammelte über Land und Leute. Seine Leistung ist unvergessen, sein Name findet sich am Fries des Heimatkundemuseum in Irkutsk zusammen mit den Namen anderer berühmter Sibirienforscher: Alexander von Humboldt, Messerschmidt, Steller …

Kaum hatte er den Ural überschritten, traf er in rascher Folge immer wieder andere Völker und Stämme – alle mit anderen Sprachen und eigenen Bräuchen. Immer und immer wieder liess er sich die »Kunst der Schamanen« zeigen und beschrieb sie detailliert. Dies änderte nichts an seiner Verachtrung für sie, betrachtete er doch die Schamanen als Parasiten der einfältigen Leute.

Diese Auffassung teilte er mit den späteren sozialistischen Machthabern und deren ideologischen Grundsätzen (»Religion ist Opium fürs Volk«).

Heute gibt es viele dieser Völker nicht mehr, viele Sprachen sind ausgestorben, auch Schamanen gibt es keine mehr (oder sie zeigen sich nicht mehr).

Colin Thubron findet nur noch eine »Schamanengesellschaft« in Jakutsk, die aber seiner Ansicht nach nur billige Folklore produzieren.

Im Irkutsker Heimatkundemuseum finden wir einige Vitrinen mit der Kleidung und Ausrüstung von Schamanen, doch bleibt das armselig gegenüber dem, was Gmelin in seinem Buch beschrieb und zeichnete. Einmal sehen wir beim Vorbeifahren in der Nähe des Baikalsees einen Baum, an dessen Ästen bunte Stofffetzen vielleicht auf Reste alter Bräuche verweisen.

Das Heimatkundemuseum Irkutsk bietet mehr chinesische und mongolische Ausstellungsstücke als sibirische. Die Hälfte des Erdgeschosses präsentiert liebevoll russische Alltagskultur im alten Sibirien (darunter auch die Märchen der Brüder Grimm) – Kleidung, Werkzeuge, Schmuck, Waffen ... der vielen Dutzend indigenen Völker werden zusammenhanglos und auf einem Bruchteil der Fläche gezeigt, aber das meiste befindet sich eben in der St. Petersburger Eremitage, 6000 km entfernt.

Abseits der großen Städte und jenseits des Ural läßt sich auch heute noch die Landschaft finden, die Gmelin beschrieb. Unübersehbar sind allerdings die Wunden, die der Mensch der Landschaft zugefügt hat. Sie sind der Preis für den sozialen Wandel, denn das Elend in den Bauerndörfern, das noch Gmelin hier und da beschreibt, läßt ahnen, welcher Wandel sich vollzogen hat.

Ein Ausflug führte uns nach Taltsi bei Kilometer 43 auf der Strecke nach Listvjanka. Dort zeigt eine Art Freilichtmuseum Holzbauwerke aus der sibirischen Geschichte. Das beschränkt sich allerdings überwiegend auf den russischen Anteil der Geschichte: Wohnhäuser, Bauernhäuser, eine Schule, eine Mühle, eine Kosakenfestung, mehrere Kirchen ... sind anderswo abgebaut, restauriert und hier wieder aufgebaut worden. Befremdend wirken die Jurten in Holzbauweise. Der Anteil der nichtrussischen Bevölkerung beschränkt sich auf ein paar "Tipi"-Gerüste und drei Begräbnisstätten.

Der Journalist Colin Thubron ist nach 20 Jahren erstmals wieder in Russland, spricht Russisch und macht sich 1997 auf zu erkunden, was sich nach 1989 verändert hat. Er recherchiert solide und unvoreingenommen, schildert aspektreich und reichert den Hintergrund mit vielen Informationen an. Im Grossen und Ganzen folgt er der Transsib, macht aber seitlich grosse Abstecher: zu den Kohleminen von Workuta, nach Kolyma - berüchtigten Stätten des sowjetischen Gulag (siehe Solschenizin), nach Akademgorodok, Tuwa, Altai … also sehr abgelegenen Gebieten und sehr eigenen Orten. Viele meiner eigenen Erfahrungen finde ich hier wieder. Bei Thubron überwiegt das Staunen: alles scheint ihm möglich. Zwar existieren die alten Kontrollstrukturen, aber sie greifen nicht mehr zuverlässig, werden nicht mehr systematisch geachtet. Niemand hält ihn davon ab, die berüchtigsten Straflager und Goldminen auf Kamtschatka zu besuchen.

Ähnliches hörte ich von einem Engländer, den ich in der Mongolei treffe: Er sei diesen Sommer dreieinhalb Monate durch Sibirien gereist, ist den Jenissei bis zur Mündung in einem Ruderboot herabgefahren und hat keine Probleme mit Polizei und Militär gehabt. —

 

Zu Gemlins Buch noch Folgendes:

Im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Globalisierung vorangetrieben und vorbereitet, die Welt wurde europäisiert – für Romantiker ist es das Zeitalter der Entdeckungen, für die Entdeckten war es oft eine Katastrophe. Die bekannten Kolonialmächte dehnten ihre Imperien über die Meere aus und unternahmen Aufsehen erregende Entdeckungsreisen per Schiff. An den Küsten Asiens, Afrikas und Amerikas kämpften die Stellvertreter der europäischen Monarchen gegeneinander für Ehre und wirtschaftlichen Einfluß.

Ziemlich lautlos (aus europäischer Sicht) verlief dagegen die Kolonisierung von Nordost- und Zentralasien. Das Russische Reich dehnte sich über lange Zeit in Räume aus, die seit dem Ende der Mongolenreiche keiner Großmacht unterstanden. A. Kappeler (Rußland als Vielvölkerreich, 1992) findet Ähnlichkeiten im Vergleich zur Expansion in Nordamerika: brutales Vorgehen gegen die indigene Bevölkerung, Raubbau an der Natur, Mythen und Helden entstanden ebenso wie Rechtfertigungsgründe.

Zar Peter I. beauftragte den Danziger Arzt Daniel Messerschmidt mit einer Einmann-Expedition nach Kamtschatka (1719-1727) – seine Ergebnisse mußte er allerdings geheimhalten. Vitus Bering machte sich im Auftrag von Katharina I. auf den Weg nach Kamtschtka. Er sollte dort Schiffe bauen und den Übergang zwischen Sibirien und Amerika erkunden (1725-1730). Die Große Nordische oder Zweite Kamtschatka-Expedition wurde sehr aufwendig vorbereitet und generalstabsmäßig in mehreren Gruppen durchgeführt; sie dauerte von 1733 bis 1743. Die Gesamtleitung als Kapitän-Kommandeur hatte Vitus Bering, doch nahmen angesehene Mitglieder der Akademie der Wissenschaften teil sowie Geodäten, Instrumentenmacher, Maler, Studenten. Bering und Georg Wilhelm Steller überlebten die Reise nicht, die anderen mußten Stillschweigen geloben, ihre zahlreichen Berichte durften nur einige Eingeweihte einsehen.

Einer hielt sich jedoch nicht daran: Johann Georg Gmelin. Mit angegriffener Gesundheit reiste er 33.500 km durch Sibirien, um sich nach seiner Rückkehr mehrere Jahre lang mit seinem Arbeitgeber, der Akademie der Wisenschaften, herumzuschlagen. Erst 1751/52, nun als Rektor der Tübinger Universität, veröffentlichte er seinen Reisebericht ohne Erlaubnis aus Petersburg. Damit landete er einen großen Erfolg, handelte sich aber auch ziemlichen Ärger ein.

Er selbst nennt es ein »Tagesregister« und »nicht ganz leicht zu lesen«. Um den voraussehbaren Ärger zu minimieren, berichtet er nüchtern und exakt, was er selbst beobachtet und erfahren hat –systematische, wissenschaftliche Untersuchungen klammert er ausdrücklich aus. Damit entsteht ein eindrucksvolles Bild des Reisealltags in Rußland und Sibirien vor 200 Jahren.

 

Die Buchreihe hat sich noch verbessert: Angenehm gelbliches Papier kennzeichnet die Vor- und Nachbemerkungen, weißes Papier den Reisebericht, Farbabbildungen finden sich auf weißem Kunstdruckpapier. Auf dem Umschlag zeigen Karten die Reiseroute Gmelins.

Die Einleitung von Dahlmann ist kenntnisreich und nicht zu akademisch. Gmelins Text wird – meist sinnvoll – von nahezu 700 (!) Fußnoten begleitet. Das stört den Lesefluß erheblich und ist verbesserungswürdig. Soweit nur Begriffe übersetzt werden, könnten diese in einem Glossar den Fußnotenapparat entlasten, zumal ein Sachregister fehlt. Geographische Erläuterungen könnten ins geographische Register integriert werden. Beides würde den Nutzen als Nachschlagewerk erhöhen.  - NL

 

Zur Vertiefung empfohlen:

B. Brentjes & R. S. Vasilievsky

Schamanenkrone und Weltenbaum

Kunst der Nomaden Nordasien

Leipzig: VEB E.A. Seemann 1989. Broschur 14,5 x 20 cm: 203 Seiten, 16 Farbtafeln, zahlr. Textabb., achtseitige Bibliographie, Register — Nur noch im Antiquariat.

 

W. F. Fitzhugh & A. Crowell

Crossroads of Continents

Cultures of Siberia and Alaska

Washington/London: Smithsonian Institution Press 1988: Broschur23x 29 cm: 360 Seiten, 476 farb. und sw-Textabb., Quellenverzeichnis. — Nur noch im Antiquariat.

 

W. Hintzsche & Th. Nickol (Hg.)

Die grosse Nordische Expedition

Georg Wilhelm Steller (1709-1746)

Ein Lutheraner erforscht Sibirien und Alaska

Gotha: Perthes 1996 Jahr. Klappenbroschur mit Fadenheftung 23 x28,5 cm: 347 Seiten, mehr als 500 Textabb. Klappenkarten, Personenregister — 52 €

Eine Ausstellung der Franckeschen Stiftungen zu Halle (Mai 96 - Januar 97) über eben die Expedition, an der auch Gmelin teilnahm.

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