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In Trittlingen unterwegs

Fahrendes Volk - Die Ritter der Landstraße 

 

Teil 1

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Copyright liegt auch auf der besonderen Zusammenstellung!
 
© 1996 by
Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens - AGIR
 
 

Inhaltsübersicht

Teil 1

1 Einleitung 

2 Meister, gebt mir die Papiere 

Felleisen und Berliner 

Die Penunse  

Hanf mit Unvernunft oder Lechum und Beza  

Die Kundenpennen  

In Trittlingen unterwegs 

Kundenschall 

Reisegebiete und -ziele  

Informationen

Tippelfreunde 

 Teil 2 

3 Die Walz als Gratwanderung - Vom Gesellen zum Vagabunden  

4 Zwischen Tippelschickse und Kalle  

5 Die Hierarchie der Landstraß 

6 Die Internationale der Vagabunden  

7 Die Vagabunden der zwanziger Jahre  

8 Und heute?  

9 Überblick: Kennzeichen der Walz  

 Teil 3  

10 Biographien  

Arminius Hasemann

Franz Heinrichs

Alfred Pfarre

Mathias Ludwig Schroeder

August Winnig

Alois Zettler

Mario Appelius

11 Bibliographie und Links  

12 Stichwortverzeichnis  

 

  

  

1 Einleitung 

Um 1900 sind auf den Straßen Deutschlands viele Menschen zu Fuß unterwegs, aus Not, durch Zwang, mehr oder weniger freiwillig: Randgruppen mit ähnlichen Nöten und eigenen Gesetzmäßigkeiten. Insbesondere drei große Gruppen lassen sich erkennen, wenn auch nicht immer unterscheiden: Handwerksburschen auf der Walz, Wanderarbeiter, Vagabunden. 

Wie reiste das fahrende Volk? Was waren ihre Techniken des Unterwegs-seins? Um das herauszufinden, wird immer wieder aus den veröffentlichten Berichten einzelner Reisender zitiert - einige davon tauchen besonders häufig auf (In Klammern der jeweilige Reisezeitraum): Johann Eberhard Dewald (1836-1838) ist ein viel verwendetes Beispiel für den typischen reisenden Gesellen im 19. Jahrhundert. Alois Zettler (1872-1876) steht für den Gesellen aus dem großbürgerlichen Milieu und wird später Unternehmer. Winnig (Mai 1896-1898) und Schroeder (Mitte 1922-Dezember 1923) kommen aus Arbeiterfamilien, Pfarre (August 1912-März 1913) aus einer Handwerkerfamilie. Franz Heinrichs (Juni 1896-Oktober 1898) steht für den Übergang zum modernen Reisenden, er nutzt jedoch die gesellschaftliche Legitimation und die vorhandene Infrastruktur der Gesellen. Schroeder und Heinrichs sind leidenschaftlich Reisende, während Winnig und Pfarre mit dem Reisen experimentieren und auf Distanz bleiben. Hasemann (um 1910) ist ein Beispiel für den Künstler-Vagabunden. Entsprechend unterschiedlich sind ihre Erfahrungen zu bewerten. Kurzbiographien dieser Walzbrüder finden sich im letzten Kapitel. Vereinzelt werden auch Reisende zitiert, von denen nur kurze Textausschnitte vorgelagen. In diesen Fällen habe ich auf eine Biographie verzichtet. 

Allen diesen Reisenden ist jedoch eines gemeinsam: sie haben ein Buch geschrieben. Und jeder von ihnen hat eine ästhetisch-literarische Ader. Sie haben einen Hang zum Künstler und leben ihn mehr oder weniger aus: Pfarre ist ebenso wie Hasemann Bildhauer, möchte Dichter sein; Winnig ist Maurer und schriftstellert in seiner zweiten Lebenshälfte, ebenso wie Schroeder. Nur bei Heinrichs ist dies nicht ausgeprägt. 

Häufig verwendete rotwelsche Ausdrücke aus der Kunden- oder Gaunersprache werden in den Fußnoten erläutert. 

2 Meister, gebt mir die Papiere 

Was bewog junge Burschen nach der Lehre dazu, Monate und Jahre auf die Walz zu gehen, die Sicherheit von Heimat, Beruf, Elternhaus aufzugeben zugunsten Hunger und Not, einer ungewissen Zukunft, ausgeliefert dem Wetter und der Willkür fremder Menschen? Die Antwort ist vielschichtig: "Schon in der frühesten Jugendzeit war mein [Heinrichs] sehnlichster Wunsch, zu reisen. Nicht per Bahn oder per Schiff, nein, auf Schusters Rappen wollte ich die Welt durchwandern. Durch meiner Hände Arbeit wollte ich mir mein Brot verdienen. Abwechselnd arbeiten und weiterziehen war mein Vorhaben. Darum erlernte ich auch das Handwerk, das mir, obgleich meinen Wünschen nicht ganz entsprechend, zum Wandern am vortrefflichsten schien: ich wurde Friseur, oder, wie es unter Walzbrüdern heißt, `Doktor der Schaumschlägerkunst´." Seine Vorstellung einer Walz entspringt alten Zeiten: "Den derben Knotenstock in der Hand und das Ränzel auf dem Rücken, wurde die Welt durchkreuzt. Frohgemut ging es von Stadt zu Stadt, von Ort zu Ort; bald allein, bald in Gesellschaft von mehreren lustigen Brüdern." Dieses Ideal ist nicht durch praktische Erfahrungen getrübt und Heinrichs kennt nur drei Dinge, die es stören: die moderne Technik ("Schnellfahrende Eisenbahnen haben das poesievolle Wanderleben verdrängt. Im Zeitalter des Treibriemens und Rädergerassels geht das Sehnen und Trachten so manchen jungen Mannes nicht mehr hinüber nach den Städten unbekannter Länder, wo ihm Gelegenheit geboten würde, sein Fach zu vervollkommnen."), die moderne Einstellung zum Leben ("Nur Geld erwerben und wiederum erwerben ist sein steter Gedanke, unbekümmert um das, was über die Heimatscholle hinausreicht.") und die Vagabunden ("Und wie oft gelingt es nicht leider jenen frivolen Brüdern, deren einziger Wahlspruch Betteln und Stehlen, aber nur nicht arbeiten heißt, den biedern und guten Handwerksburschen die Lust am Wandern zu nehmen." ). Fachliche Fortbildung spielt keine Rolle - im Verlauf der Reise gibt es nur drei Situationen, in denen er sein Handwerk einsetzt. Ihm dient die Walz als Mittel zum Zweck, zur Legitimation, reisen zu können. 

Alfred Pfarre kann auf Erfahrungen aus dem Wandervogel-Milieu zurückblicken. Er will seiner Kündigung zuvorkommen, denn es gibt keine Arbeit für Bildhauer in Hamburg: "Meister, gebt mir die Papiere, ich will in die Welt hinaus!" Doch er ist Handwerker und Ästhet, kein Kunde: er mag sich nicht erniedrigen und demütigen lassen, versagt sich das Betteln. Er ist ein Träumer, der Italien sehen und die Kunst studieren will. Ihn treibt die Reiselust, doch fehlt es ihm an Mut: "Gern wäre auch ich in Afrika gewesen, er [ein Vagabund] drängte mich, mitzufahren, doch ich hatte den Mut nicht mehr, ich mußte ja mehr einsetzen als er." 

Als Schroeder seine Ausbildung zum Installateurgesellen bei den städtischen Gas- und Wasserwerken abgeschlossen hat, liest er am schwarzen Brett: "Den Installateurgesellen, die bei uns gelernt haben, wird anheimgestellt, sich anderweitig in ihrem Fach fortzubilden." Die Gelegenheit nimmt er gerne wahr und hat noch am selben Abend seine Papiere in der Tasche. Beweggründe finden sich genug: Die Kollegen sind ihm gleichgültig, Abenteuer findet er prickelnd, die Vorstellung zu reisen, durch Deutschland, Europa, die Welt fesselt ihn. Er flieht Vater und Stiefmutter und brennt heimlich durch. Das vorgebliche Ziel der Weiterbildung legitimiert sein Unterwegs-sein: der ihn verabschiedende Ingenieur versteht es und auch gegenüber den Polizisten dem Kölner Hauptbahnhof schützt er sich durch die Behauptung, sich "im Handwerk weiterbilden" zu wollen. Er sucht ungleich intensiver nach Arbeit als Pfarre, hat aber den gleichen Erfolg: nämlich keinen. Antrieb bleibt dennoch die Reiselust: "...ich, an keinen andern Menschen gebunden, frei wie ein Vogel, soll nicht durchkommen, nicht vorankommen? Das wäre gelacht! Ich ... fühle niegeahnte Kräfte in mir." Tatsächlich arbeitet er einige Monate in Solingen, doch in der einsetzenden Wirtschaftskrise (1922/1923) schließen viele Betriebe und er sitzt wieder auf der Straße. Ohne langes Zögern sucht er nach Arbeit: in Hamburg, in München, aber vergebens. Schnell entscheidet er sich für die Walz, denn das Geld ist alle und zu Fuß kostet das Reisen nichts. Selbst Verlockungen sind nicht imstande, seine Wanderjahre zu unterbrechen: "Längst bin ich auf dem Berg. Im Tal unten winkt das Mädel, hinter dem Bach schwenkt der Soldat sein Gewehr. Allzu gerne wäre ich in die Arme des blonden Dirndls geeilt, der Soldat und ich wären gute Freunde geworden, - doch vor mir liegt die Welt! - Das war der erste trübe Tag ..." Später will ein Polizist von ihm wissen, warum er walzt: "Die alten Gesellen und unsere Meister erzählen uns oft von der Wanderschaft, und hat man dann seine Lehre beendet, ist man warm gemacht und will selbstverständlich auch tippeln. Und was heißt Stellenvermittlung? Gar nichts. Kommt man zu der Stelle hin, ist es meistens ein Krauter, der in der Stadt verrufen ist und keine heimischen Gesellen mehr bekommen kann. Das merkt man aber erst, wenn man bei ihm ist. Geld zum Zurückfahren hat man aber nicht mehr, dann wird eben getippelt." 

Schroeder berichtet von zweien seit zwei Jahren wandernden "Zimmerern". "`Noch ein Jahr´, sagt der mit dem steifen Hut, `dann geht´s nach Hause.´ - `Dann sind unsere Fremdenjahre um`, ergänzt der andere. `Werden euch denn drei Fremdenjahre vorgeschrieben?´ `Wir müssen sie nachweisen, und nicht nur Walzjahre, sondern drei volle Arbeitsjahre. Ohne diesen Nachweis können wir keine Meisterprüfung machen ...´" 

Winnig fühlt sich unreif: "Es war mein Kummer, daß ich so oft in die Weise der Kindheit zurückfiel und Erlebnisse ersann, wie ich sie mir wünschte, denn ich sagte mir, daß man dem Leben seinen ganzen Ernst schuldig ist." Dementsprechend will er auf der Walz an Reife gewinnen: "ein Gefühl, daß ich in den sechs Monaten meiner Wanderschaft doch nicht nur älter geworden sei, sondern ebenso irgendwie innerlich gewonnen hätte, gewonnen an Besitz und an Kräften, die mit Erfahrung und Reife wohl angedeutet, aber noch nicht erfaßt sind. Es war wohl ein Wachsen, und nun mußte ich, um weiter zu wachsen, weiter wandern und das Leben hinnehmen, wie es war und wie es zu mir kam ..." Man kann lange wandern und dennoch kein Wanderer sein - nach einem Jahr auf der Landstraße stellt Winnig fest: "In Köln merkte ich zum erstenmal, wie wenig ich zum Leben unter fremden Menschen taugte. Bis zu dieser Zeit war es mir nie aufgegangen, daß ich auf allen Arbeitsstätten unter Fremden geblieben war ... Später war mir mein Kamerad genug gewesen." Welch ein Unterschied zu Schroeder tippelte zwar nur ein knappes halbes Jahr, doch nahm er die Menschen viel intensiver wahr, fühlte sich überall zuhause! 

Winnig sinnierte über den Sinn des Wanderns und unterschied zwischen dem Sinn für sich selbst und dem Sinn für die Gesellschaft durch "den Austausch handwerklicher Erfahrungen, die Förderung im Beruf, das Kennenlernen fremder Länder und Leute. Diese Zwecke meinten wir und meinten, damit den Sinn der Wanderschaft getroffen zu haben, im Grunde aber wußten wir wohl, daß er woanders lag ... Die Wanderschaft war vom Menschen her gesehen eine Probe seines Mutes und seines Selbstvertrauens. An jeden jungen Gesellen war mit der Wanderschaft die Frage gestellt, ob er den Mut hatte, auf den Rückhalt der Heimat zu verzichten, auf die Behütung und Sicherung im Elternhause, auf Rücksicht und Beistand, wie die heimatlichen Verbundenheiten sie gaben, und ohne jeden Rückhalt, ohne Behütung und ohne Schonung zu leben. Denn das hieß Fremde. Die Fremde war grundsätzlich nur Verneinung der Heimat. Wer in die Fremde ging .... mußte alles, was er an Hilfsbereitschaft, Freundschaft und Wärme brauchte, neu erwerben. ... und wurde er mit der Fremde fertig, so kam er mit Kräften zurück, die er vorher nicht gehabt hatte und die ihn nicht nur im Beruf über die Daheimgebliebenen hinaushoben. Es war der Sinn der Fremde, daß man sie annahm und verstand." Zettler sinniert: "Denn wie soll ein junger Mann Erfahrungen und Wissen sammeln, wenn er nicht seine Heimat verläßt und fremde Länder bereist? Wie soll er sich in seinem Berufe fortbilden, ohne die Meinung anderer Menschen gehört zu haben? ... Bin ich vielleicht anders, als die sonstigen jungen Männer meines Alters? Sollte ich ein besonders starkes Fernweh haben?" 

Hasemann erlebt eine geschützte, freie Kindheit, lebt ungezügelt. Zur Qual wird ihm allerdings die Schule mit dem damit verbundenen Zwang, den Strafen und dem Arbeiten im Internat, der Presse: "Hier war die Welt des Zwanges. ... Es kann kein Mensch begreifen, wie schmerzlich der Verlust der Freiheit auf solche Waldkinder, wie wir es doch waren, wirkte. Gefangen, eingemauert." Er flieht, die Flucht gelingt: "Ich wollte Maler werden oder Bildhauer oder irgend so etwas, ein Beruf mußte es sein, der keinen Zwang im Gefolge führte." 

Doch es bedarf mehr, einen Gesellen zur Wanderschaft zu bewegen: persönliche Motive geben den Ausschlag. Begleitet werden sie von einer Neigung zum Reisen, einem Hang irgendwo im Spektrum zwischen Leidenschaft und Lust, der mehr oder minder für den Trieb, unterwegs zu sein, verantwortlich ist. Bei Hasemann wird es gar zum Lebensprinzip: "Nur der erwirbt das Recht aufs Jenseits, der den Kampf mit der Gottheit ausgefochten, der den Handschuh der Unmöglichkeit lächelnd aufnimmt." 

Gemeinsam scheint den Handwerksburschen, daß sie sofort nach Abschluß ihrer Lehre in die Fremde ziehen, alle sind etwa 18 Jahre alt. Sie treffen diese Entscheidung bewußt, gehen freiwillig, doch während Heinrichs seine Reise von langer Hand plant, ergreifen die anderen eher die Gunst des Augenblicks. Bei Heinrichs scheint das Reisen eher Trieb zu sein und von Leidenschaft bestimmt - bei den anderen ist es mehr Reiselust ohne festes Ziel, ohne Zeitvorgabe. Jeden treibt es in die Welt, doch bleibt dieser Antrieb persönlicher Natur, oft unbewußt. Nach außen begründet wird die Reise als "Walz" und ist somit gesellschaftlich hinreichend legitimiert. Sie ist nützlich: der Geselle lernt neue Arbeitstechniken, vervollkommnet sich handwerklich, gewinnt an Weltkenntnis und Weltoffenheit und kommt als ein Mensch zurück, der reif ist, Meister zu werden und vielleicht selbständig. Unausgesprochen bleiben andere gesellschaftlich nützliche Effekte: der wandernde Geselle macht Platz für neue Lehrlinge, den Heranwachsenden wird ein Ventil geboten, sich in der Welt auszutoben, ihre Grenzen zu finden. Jeder entscheided selbst, wie lange er fortbleibt, wohin er geht, wie er die Zeit nutzt - bis zu sechs Jahren auf der Walz wurden akzeptiert. 

Die Walz ist auch Prüfstein für die Persönlichkeit: Aussteiger bleiben auf der Strecke, werden Kunden und Vagabunden. Umgekehrt kommen auch die Ängstlichen nicht weit - wer keinen Sinn im Reisen findet, ist schnell wieder zu Hause. Wer sich entscheidet für den Einstieg in die Gesellschaft, wird seßhaft bleiben - er kennt die andere Seite zu genau. Die Enge des Alltags mit ihren festen Ordnungen und Werten und der Familie als kleinster Struktureinheit steht im Gegensatz zur Offenheit der Landstraße mit ihrer flexiblen Moral und der Kameradschaft als kleinster Zelle. 

Für jeden bringt die Reise einen persönlichen Fortschritt, eine besondere Erkenntnis oder Erfahrung. Winnig gesteht: "Hinter meinem Entschluß hatte eine Hoffnung gestanden, die Hoffnung auf eine bedeutsame beglückende Wendung." Er weiß selbst nicht, welche Wendung das dann nun sein soll. Er kann nur warten. Die Reise durch die Außenwelt ist eine Abkürzung für die innere Reise, ein Fortschritt im Mensch-sein. Pfarre bringt es die Erkenntnis, daß er zum Techniker geboren ist, er wechselt den Beruf. Bei Winnig ist es die Entscheidung für ein Schriftsteller-Dasein. Schroeder findet unterwegs seine neue Heimat und entscheidet sich für Solingen. Heinrichs findet die Erfüllung im Reisen, nur Krankheit zwingt ihn zum Abbruch. Zettler gründet eine eigene Firma. Hasemann findet eine Frau und seine berufliche Erfüllung im Holzschnitt. 

Motive s. Wanderverordnung [Schadendorf, S.43] 

Felleisen und Berliner 

Unsere Handwerksburschen sind alle Neulinge auf dem Reisesektor, bis auf Pfarre. Über die Ausrüstung wird nicht viel geredet, man beschränkt sich und nimmt, was man hat. Als Schroeder fluchtartig Trier verläßt, packt er Zahnbürste, Anzug, Selbstbinder und Kragen in seinen Koffer und vermißt schon bald Handtuch und Seife. Über den Koffer schimpft er oft, irgendwann zerfällt er ihm buchstäblich in der Hand und er improvisiert - bindet die Hosenbeine seiner zweiten Hose unten ab und stopft alles hinein, was er hat. Das ganze bezeichnet er als Berliner und ist äußerst zufrieden damit, spürt gar nicht, daß er etwas auf dem Rücken trägt. 15 Monate, nachdem er Trier verlassen hat, filzt ihn die Polizei und wir erfahren, was er in seinen Taschen trägt: Gesellenbrief, Zeugnis, zwei Briefe, Paß, Geleitschein, Rasiermesser, Zahnbürste, Seife ... Viel ist es nicht. Vor Lindau trifft er einen sächsischen Kunden, der Vorräte für den Winter unter seiner Jacke trägt: "An seinem Bauchriemen hängen aus kleinen Konservendosen zurecht geschusterte Blecheimerchen. In einem ist Fett, im anderen Butter, im dritten Schmalz; Öl verwahrt er in Flaschen. An einem Fleischerhaken, den er in der obersten Westentasche eingehakt, pendeln zwei Würste." Winnig gräbt auf dem Speicher den Ranzen seines Großvaters und dessen Eichenstock aus: "Die Zeit schrieb damals einen Schnürbeutel aus schwarzem Wachstuch mit schwarzgrünen Traggurten vor, welches Behältnis in der Sprache der reisenden Burschen Berliner hieß, und auf solchen Berliner war mein Sinn gerichtet, nur war dergleichen in unserer kleinen Stadt nicht zu beschaffen." Bei seiner ersten Arbeitsstelle fällt er auf wegen seiner derben Wanderschuhe mit den breiten Nägeln und seiner Arbeitsjacke aus krausem Wollstoff, die den Regen abwies.  

Wie auch heute, ist die Ausrüstung ein Erkennungszeichen und ein Maßstab für den Grad der Vertrautheit: "Er mochte um einige Jahre älter sein als ich, doch das hielt mich nicht ab, denselben anzureden; trug er ja auch Ränzel und Knotenstock. Nicht lange währte es, und wir hatten Freundschaft geschlossen."  

Alfred Pfarre zieht los mit einer nagelneuen Ausrüstung: Lodenjoppe und Rucksack, Stock und Gamaschen, mit Hirschtalg werden die Stiefel wasserfest gemacht, eine Pelerine dient als Regenschutz. 

Winnig trägt sein Handwerkszeug mit sich: Kelle, Hammer, Lotwaage. Dies dient als Kennzeichen der Wanderschaft, und auch Schroeder zeigt ab und an seinen Zollstock. Heinrichs hat Scheren und Kämme dabei, verkauft sie aber bald zur Finanzierung seiner Reise. 

Winnig wandert im Winter nur mit Jacke und Hemd. Unterwäsche gibt es nicht, selbst ein Halstuch hat er nicht."Heikel war die Versorgung mit sauberer Wäsche. Im Sommer wusch man das zweite Hemd in einem Bach, hängte es auf einen Busch zum Trocknen und legte sich daneben. Das war im Winter nicht möglich, und die Herbergen hatten noch keine Einrichtungen, in denen man die Wäsche vom Abend bis zum Morgen hätte waschen und trocknen können; dazu blieb dann nur der Sonntag ... Wenn der Herbergswirt aber niemand hatte, der den Sonntag am Waschfaß mit Wanderburschenwäsche verbringen wollte, so mußte man sein Hemd solange tragen, bis es einmal besser paßte. In diesem Punkte waren die konfessionellen Herbergen, von den Wanderburschen Heiligkeit genannt, am besten eingerichtet; nach ihrem Vorbilde haben von 1900 an die Gewerkschaften ein eigenes Herbergswesen aufgebaut." 

Die Penunse 

Natürlich spielt das Geld eine große Rolle. Keiner von den Gesellen zieht ohne Geld los, doch bei allen ist früher oder später der Geldbeutel leer. Dann gab es sehr verschiedene Strategien, sich Geld zu verschaffen. Am einfachsten machte es sich Alfred Pfarre: er fand keine Arbeit, mochte nicht betteln, also ließ er sich Geld von den Eltern schicken (in 8 Monaten 300 Mark), das allerdings nicht reichte. "Über zwei Wochen ohne Geld, zwei Wochen Kampf um Brot und Bett, zwei lange, lange Wochen. Am zweiten Tag begann die Sorge, am dritten schon die Not." Und bald darauf: "Nun kamen zwei Wochen ohne Geld. Von trockenen Brotknüsten allein konnte ich nicht leben, ich brauchte Geld zum Schlafen, jeden Tag acht Soldi. Und auch an den Tagen wo der Brotknust fehlte, Geld zum Schlafen hatte ich auch da erhalten, wenn nicht um acht Uhr, dann um Mitternacht." Dann gab es kleine Hilfen von Kunden, beim Deutschen Hilfsverein (manchmal), bei Pfarrern, im Konsulat oder der Botschaft (selten). Kuckuck und Kunde ist ein ergiebiges und für den Kunden unerfreuliches Thema, meint Pfarre. Nur selten hilft ihm das Konsulat. "...rasch entledigt sich der Konsul [des Wanderers], wenn er mit ihm zu tun bekommt; er paßt nicht in sein System." Überbrückungsgeld wird gar nicht oder nur unter großen bürokratischen Hürden ausgezahlt, zu Weihnachten war es leichter, an Geld zu kommen. Als Pfarre um Einweisung in eine Krankenhaus bittet, wird er als Simulant abgetan. Andere Tage, Sammeltage, bestehen darin, zu warten: "Aber irgend etwas kam schon. Ein Seemann, der sich amüsieren wollte, den man dann nach Wunsch unterbrachte, einen landsmännischen Touristen, der echtes Münchner trinken wollte, ein anderer Fremder, der das Varieté suchte oder vielleicht auch eine Dirne, alle diese wurden von feinem Kundenspürsinn aufgestöbert, all denen half man Neapel kennen zu lernen und alle mußten blechen." Pfarre sinniert, nachdem er lange das Büro des deutschen Hilfsvereins in Neapel gesucht hatte: "Was erreicht der Hilfsverein durch sein Verstecken? Doch nur, daß die Gerissenen ihn brauchen, die, für die er zwecklos ist. Diejenigen, denen sein Segen zugedacht ist, können nichts von ihm wissen." Dort erhält er eine Schlafkarte für das städtische Asyl, Geld gibt es nicht. Ein anderes Mal gibt ihm die Questura, die Armenbehörde einen Gutschein für Abendessen, Übernachtung, Frühstück. Jeden Tag muß man wieder vorstellig werden, bis dem Beamten die Geduld reißt und er einen hinauswirft. Die Kunden fochten jeden beliebigen Menschen an und besonders ergiebige Stellen wurden weitererzählt und "Winden" genannt. Heinrichs benötigte mehrere hundert Mark für seine zweijährige Reise: Gespartes, Überweisungen von den Eltern, drei oder vier Arbeitsstellen, Unterstützungen durch die deutsche Hilfskasse bei den Konsulaten (120 Mark, die er beim deutschen Konsul in Alexandria erhielt, mußte er drei Jahre später zurückzahlen). 

Winnig arbeitet in den neunziger Jahren und erhält einmal einen Wochenlohn von 11 Mark, was ihm wenig erscheint, er staunt aber über einen Wochenlohn von 60 Mark, das sei das gleiche, was sein Vater im Monat verdiene. Umgerechnet bedeutet das einen Stundenverdienst von 22 bis 45 Pfennige bei einer 48-Stunden-Woche. Ein Kunde erzählt ihm, wie er sich drei Monate in Genua über Wasser gehalten hat: "Du darfst nicht warten, bis dir einer Arbeit gibt, du mußt einfach zufassen, wo du etwas siehst; wenn sie dich nicht wegjagen, bezahlen sie dich auch; das ist so Sitte." Winnig verdient immer genug, um davon leben zu können, er kalkuliert eine Mark täglich für Unterkunft und Essen: Abendessen, Nachtlager und Morgenkaffee für siebzig Pfennig, Brot und Zukost, Obst und Wurst für täglich zwanzig Pfennige, ein viertel Liter Bier kostet sechs, ein Branntwein drei Pfennige. Einmal gerät er in Bedrängnis: "Wenn wir jetzt keine Arbeit fanden, war das Unglück da. Geld hatten wir nicht mehr, und zum Reisen waren wir zu elend. Dann mußten wir betteln. Und beim Betteln würde man uns ertappen und festnehmen, und ich würde dann für mein ganzes Leben wegen Bettelns bestraft sein." Betteln war verboten und die Polizei war scharf hinter den Kunden her. Es war selten, daß jemand walzte, ohne zu betteln. 

25 Jahre später reist Schroeder mit 2500 Mark in der Tasche ab, die Übernachtung bei der Heilsarmee kostet 50 Mark, doch einige Wochen und Monate später ist das nichts mehr wert, Schroeders Wochenlohn beträgt mehrere Millionen Mark, die er in einer Aktentasche abtransportiert - die Weltwirtschaftskrise hat eingesetzt. Während im Januar 1919 ein Dollar acht Mark wert war, mußten im Februar 1923 bereits 40.000 Mark dafür gezahlt werden, im August war er bereits eine Million Mark wert, im November 4.200 Milliarden Mark. Damit einher geht die Stillegung der Betriebe, Arbeitslosigkeit und das Leben von der Ruhrhilfe, einer Arbeitslosenunterstützung. Die Hilfsbereitschaft ist unterschiedlich von Ort zu Ort, Schroeder ist ganz platt, was ihm in Thüringen passiert: Da halten ihn in Pößneck und Zeitz auf der Straße Arbeiter an, fragen, ob er auf Walze sei, und drücken ihm jeder ein, zwei Geldscheine in die Hand. In Gera holt ihn ein Friseur von der Straße, schneidet ihm die Haare und schenkt ihm eine Zigarre. Solche Freigebigkeit ist selten: "Es ist eine unter Tippelbrüdern bekannte Tatsache: Je näher man an eine Großstadt kommt, um so geiziger werden die Leute." 

 
  
Hanf mit Unvernunft  
oder Lechum und Beza 

Geld ist nur Mittel zum Zweck, und der heißt meist "essen". Durch Flammer lernt Heinrichs erste Techniken des Sich-Ernährens kennen: "...ich hatte in Flammer einen hervorragenden Fechtmeister gefunden. Doch nicht gefochten wurde mit Säbel oder Rapier, an irgendeinem verborgenen Ort, sondern unser Schlachtfeld war die Tür eines guten Landbewohners und unsere Waffen der Hut in der Hand, die ärmlichste, hungrigste Miene und das allbekannte Sprüchlein vom armen reisenden Handwerksburschen, der sechs Wochen keinen warmen Löffel mehr zum Munde geführt hat." Diese Methode funktioniert so gut, daß Heinrichs und sein Gefährte oft dreimal täglich zu Mittag gegessen haben; ähnliches berichten andere Kunden. Wer Geld hatte, aß in der Herberge zur Heimat. Wer keines hatte, bekam ein, zwei Tage lang, je nach Gemeindeordnung, Gutscheine, die er dann in der Herberge zur Heimat einlösen konnte, aber die Qualität der Wandererfürsorge ließ zu wünschen übrig: "Denn abgesehen von sogenanntem Kaffee und trockenem Brot enthält die Wandererfürsorge-Speisekarte fast ausschließlich weiter nichts als immer und immer nur dünne, fettlose Suppen, gekochte Kartoffeln und minderwertige Wurst." Gab auch das nichts mehr her, so konnte man sich an die Klöster wenden, für die die Armenspeisung eine Pflicht war. Angenehm war das oft nicht: "Vor uns stand im Vorraum eine mächtige Schüssel mit Suppe. Fleischstücke und Brot schwammen darin. Sogar ein paar Fettaugen. ... Die Kunden fraßen. Mit einer tierischen Gier beugten sie sich über die große Schüssel. Die Suppe lief vom Maule wieder zurück in die Schale. Die Kunden fraßen. Denn sie mußten noch in zwei anderen Klöstern fressen. Zwar konnten sie in einem satt werden, aber wie kann der Kunde dem anderen etwas schenken, etwas selbst nicht mitnehmen, das er bekommen kann. Der Kunde frißt, wenn er hungert. Der Kunde frißt, wenn er satt ist. Ich war hungrig, doch mich ekelte." Schroeder berichtet ähnliches: Schroeder erhält in einem Dorf von einem Metzger eine Suppe vorgesetzt, nachdem er an dessen Türe betttelte: "Ein beißender Dunst reizt die Kehle, scharf und sauer ... Aber der Geruch ekelt mich nicht, nein; die weißen, geringelten Madenwürmer sind es, die da herumschwimmen, wenn man den Brei rührt. ... Ich dränge die Würmer an den Tellerrand und versuche einen Löffel Suppe hinunterzuschlucken. Der Rachen brennt. Der Gaumen zieht sich zusammen! Wir werfen unsere Stühle rückwärts, reißen die Ladentüre auf und laufen, was gibts du, was hast du. ... Wir wagen nicht mehr zu betteln." Das ist dann wohl auch der Zweck der Übung gewesen. Im übrigen focht man um Brot und war stark von Jahreszeit und Gegend abhängig: Im Allgäu schwelgen die Kunden im Käse, am Bodensee in Äpfeln und Pflaumen. Den Hering nennen sie Schwimmling, gewöhnliche Leberwurst wird zu Granit, das Verbandsbuch deutet die Schnapsflasche an. Pfarre ißt in Italien Polenta, Reissuppe und andere Köstlichkeiten. 

Die Kundenpennen 

Jeder Kunde hatte seine Kundschaft, einen Ausweis, in der alle Stationen des Wanderweges (1731 durch Reichsverordnung bestimmt). Handwerksburschen hatten ein Übernachtungsbuch zu führen, die Herbergsväter stempelten es ab. Bei Polizeikontrollen wurde es verlangt und wer keine Übernachtung unter einem Dach nachweisen konnte, erhielt Arrest oder wurde abgeschoben. Neben dem Verbot der Bettelei diente dies der Kontrolle und war ein Versuch, die Vagabunden von den Gesellen zu isolieren. 

Die größten Ausgaben entstanden für die Unterkunft. Schroeder findet sein Unterkommen einmal in Solingen bei der Heilsarmee, eine Goldmark kostet die Übernachtung, das ist teuer. Dreizehn Betten stehen im Raum, sind sauber bezogen, und ein Spind gehört dazu. Später, auf der Walz und ohne Geld, erfährt er erst nach einigen Nächten im Freien (Platte reißen, nannte man das), daß jedes Dorf ihm eine Unterkunft geben muß. Beim Magistrat gibts einen Gutschein, den er im Gasthaus einlösen kann. In anderen Dörfern wurde man einem Einwohner zugeteilt, der eine Nacht für einen zu sorgen hatte oder Unterstützungsvereine betrieben Heime. 

Andere Übernachtungsstellen findet er bei Mutter Grün: mal im Wald, auch bei Schnee, im freien Feld, in einer Scheune, im Spritzenschuppen der Feuerwehr, in einer Kaserne, in einer Polizeizelle .... Da die Handwerksburschen immer nur 24 Stunden an einem Ort bleiben dürfen, muß das Problem Unterkunft täglich neu gelöst werden - ein Ausruhen gibt es nur am Sonntag, und auch dann nicht immer. Wer kein Geld mehr hatte, konnte bei der Polizei in einer Arrestzelle übernachten, doch sogar dafür kassierten die noch einige Groschen. Dann, in der kalten Jahreszeit, war es geraten, krank zu werden, um recht lange in einem warmen Krankenhaus gut verpflegt zu werden. Schroeder gibt fünf Zigaretten, um mit dem Handrücken über den von der Krätze befallenen Handrücken eines Speckjägers zu streichen, in der Hoffnung, sich ebenfalls zu infizieren. Die Methode gelingt: einige Dörfer weiter gibt es dann zum ersten Mal Geld für eine Fahrkarte zum nächsten Krankenhaus. Bevor man wirklich ins Krankenhaus geht, lassen sich noch einige Gemeinden schröpfen.  

Winnig erzählt von einer Zunftherberge, die von den Innungen der Stadt subventioniert wurde, und lobt sie in höchsten Tönen: sie war sauber, das Essen gut, der Wirt höflich, jede Zunft hatte einen eigenen Tisch, über dem das Erkennungszeichen der Zunft hing und der Preis war außerordentlich niedrig. So etwas war selten genug. Außen zeigten vier Schilder, daß dies die Gewerkherberge der Maurer, Zimmerer, Schneider und Sattler sei, wer eintreten wollte, mußte dies entsprechend den Regeln tun: "Die Tür zur Herberge stand offen, aber das hielt mich nicht ab, nach Vorschrift zu klopfen, nämlich dreimal; nach dem ersten Schlag gehört sich eine kleine Pause, der dritte aber folgt schnell auf den zweiten." Nach dem Eintreten und als er den Wirt an seiner blauen Schürze erkennt, grüßt er: "Mit Gunst und Erlaubnis!" Das Herbergsleben ist reglementiert: "Der Wirt ging in seinen Verschlag, öffnete das Schiebefenster und nahm mir Stock und Ranzen ab, besah meine Papiere, legte sie in eine Lade und machte mich mit der Hausordnung bekannt. Um neun werde die Haustüre geschlossen, um zehn das Licht gelöscht, um sieben aufgestanden. Er sah mich noch einmal und genauer als zuvor an und meinte, ich sei wohl sauber ..." Papiere und Ranzen werden dem Herbergsvater übergeben. Neben den Zimmern werden auch Tische und Bänke in der Gaststube zum Schlafen genutzt, im Notfall wird zusätzlich Stroh aufgeschüttet. Abends gibt es saures Schweinefleisch oder Goulasch, Bier und Branntwein, das Essen kostete nur 32 Pfennige. Morgens stand warmes Wasser bereit; sich ausgiebig zu waschen, war kein Problem. Deutlich wird aber, daß solche Herbergen die Ausnahme waren. Roltsch erzählt: "Wohl traf ich auf meiner Wanderung ganz gute Obdachlosenasyle, wie in Berlin, Chemnitz und Nürnberg an (von Hamburg, Köln, Frankfurt/Main will ich lieber schweigen), wohl auch einige Herbergen zur Heimat, in denen man sich wirklich heimisch fühlen konnte, wie in Soest, Glauchau, Erlangen - aber im großen und ganzen erblickte ich, wohin ich schaute, Unsauberkeit und Unwirtlichkeit. Diese Pennen, wie besonders die sogenannten wilden ... sind ... die Verbreitungsherde aller möglichen ansteckenden Krankheiten und Seuchen." Jeder Kunde, der dort übernachten will, wird abends abgebient, d.h. von Läusen befreit. 

Eine wichtige Rolle spielen für Heinrichs die Unterkünfte des katholischen Gesellenvereins: "Erst auf meiner mühevollen Reise habe ich diese großartige Einrichtung kennen gelernt. ... Wie oft kam es nicht vor, daß ich abends ermüdet, ermattet, durchnäßt, ja oft mittellos in einer fremden Stadt ankam. Zeigte mir dann mein "Wanderbüchlein" die frohe Botschaft an, daß die Stadt der Sitz eines katholischen Gesellenvereins war, so wußte ich sofort, wohin ich meine Schritte zu lenken hatte." Dort gab es dreimal täglich Essen und eine Übernachtung umsonst: "Doch das Zahlgeld brauchte nicht aus der Börse geholt zu werden, es bestand in einem einfachen Dank an den Hausmeister und in dem schlichten, aber schönen Abschiedsgruße: Gott segne das ehrbare Handwerk." Die Gesellenvereine findet er in Österreich und Ungarn bis nach Dunaföldvar an der serbischen Grenze, dann gibt es sie erst wieder in Rom und in der Schweiz. Für Protestanten wie Pfarre waren die katholischen Gesellenvereine geschlossen. 

In Städten bleibt lediglich das Asyl. Nur wer weniger als eine Mark fünfzig hat (Pfarre), darf dort übernachten. Und Geld läßt sich nicht verbergen: Sämtlicher Besitz mitsamt Kleidung muß abgegeben werden, dann erhält man für eine Nacht Hemd, Hose, Jacke, Pantoffel, Topf, Löffel, Suppe und Brot. Morgens gibt es wieder Suppe, einen Gutschein für das Mittagessen kann man in der Herberge zur Heimat einlösen. In München darf Pfarre drei Nächte im Nachtasyl verbringen, dann drei Tage im Stadtasyl. Anschließend bleibt nur die Straße. In Berlin gibt es dann die "Palme", das Städtische Obdachlosenasyl in der Fröbelstraße, in das jede Nacht tausende von Obdachlosen hineingepfercht wurden: ausziehen, duschen, trocknen, entlausen, anziehen, essen fassen ... all das lief industriemäßig ab, unter der Aufsicht von Beamten. Vagabunden, Luden, Speckjäger und Fuselbrüder treffen sich hier, bringen ihr Essen mit, spielen Schach und kümmern sich um die täglichen Bedürfnisse: "Hier wird rasiert, werden Haare geschnitten, werden andern die Kleider am Leibe geflickt, es werden Selbstbinder verkauft, Schuhe gegen Herausgabe eines Stück Brotes vertauscht, man handelt mit Antiquitäten ... und es scheint, als gehe das die ganze Nacht so durch." Jede Nacht überprüft die Polizei drei Säle: Razzia! Jede Nacht werden drei andere Säle stichprobenartig geräumt und die Bewohner zum "Alex" geschafft. Nachtasyle gab es nicht nur in Deutschland, sondern auch in Italien (Asilo notturno). Außerdem fanden sich damals in Italien sogenannte "Dormitori economici". Pfarre beschreibt: "Dies war kein Obdachlosenasyl, sondern ein großes öffentliches Schlafhaus. Für zwei Soldi konnte man sich ein Bett mieten. Man wurde weder gebadet, noch durchgeräuchert ... Zwar sah das Bett ganz reinlich aus, doch glaubte ich schon Wanzen und Läuse zu verspüren. ... Es war noch früh und doch standen in dem langen Schlafsaal mit hunderten von Betten viele auf. Auch mein Nachbar. Ich fragte nach dem Grund. Er sagte, er sei Maurer und müsse um sieben Uhr schon weit draußen an der Arbeit sein. Ich erstaunte über den geringen Sinn der Italiener für ein eigenes Heim, für ein eigenes Zimmer. Selbst viele ordentliche Handwerker und Arbeiter haben keine Wohnung, sie essen auf der Straße, wohnen auf der Straße und schlafen in einer Anstalt." Im öffentlichen Schlafhaus von Padua sind gar die ersten drei Nächte kostenlos. Auf dem Land ist es in Italien schwierig mit der Unterkunft. Wer da kein Geld hat, schläft im Freien, denn Fußreisende werden in Italien oft von vornherein verachtet. Hin und wieder macht man sich den Spaß, sie in die Irre zu schicken, ein anderes mal gibt man vor, nichts zu verstehen.  

Doch auch in größeren Dörfern gibt es ein Asyl: "Das war ein elendes Gebäude, ohne Decke, ohne Zimmer, kahl im Innern bis zum Dachgiebel. Mit rohem Bretterverschlag brannte im Kamin ein qualmendes Feuer von nassem Reisig. ... Man brachte uns Wasser aus alten Konservendosen zu trinken. Vorne, gegenüber dem Eingang, lagen auf niedrigem Gestell zwei schmutzige Strohsäcke, unsere Betten. Zwar waren die wanzenverdächtig, nackend, wie in solchem Falle üblich, konnte man auch nicht schlafen, der Frauen wegen ... Dann lachten wir weidlich über die rostige Konservendose, die uns eine alte Frau sorglich unter das Bett gestellt hatte." In Neapel gibt´s die berüchtigte Kundenpenne "Hotel Bengasi".  

Über die Schweiz weiß Hasemann nicht viel Gutes: "Schweiz, du magst nett sein, wenn man dich im Automobil befahren kann, ein Engländer ist oder eine Mätresse, die ihren alten Herrn zu neppen weiß. Aber für fahrendes Volk, für wandernde Studenten bist du eine Grube voll Qual. ... In der Schweiz von Landstraßen zu reden, ist unmöglich, da gibt es nur Chausseen. ... Auch ist es nicht möglich, in der Schweiz von Plattereißen, Herbergen, Scheunen, Lagerstatt u. dgl. zu reden! Es gibt in der Schweiz keine billigen Gasthäuser." 

In Trittlingen unterwegs 

Die Fußreise war ein Privileg der Unterschichten; Fußreisende wurden geringgeschätzt, besonders schlechte Erfahrungen machte Pfarre in Italien, dort schlägt ihm oft Verachtung entgegen. Hin und wieder sind andere Beförderungsmittel nötig. So versucht sich Heinrichs, krank, zwei Stunden an der Gotthardstraße, kehrt erschöpft um und nimmt die Gotthardbahn: "Hier besteht nun die hochlöbliche Einrichtung, einem jeden Handwerksburschen, der von Italien kommt und nach Deutschland will, eine Freikarte für die Gotthardbahn zur Verfügung zu stellen. ... Doch welch eintönige Fahrt! 15 Kilometer ohne auch nur die Felsen zu sehen, die einen umgeben ..." Ein alter Kunde erklärt Winnig in einer Bremerhavener Herberge, wie man nach Jerusalem gelangt: "In Genua mußt du zum Hafen gehen und ausmachen, ob ein Schiff nach Alexandria fährt. ... Dann gehst du abends spät die Hafentreppe hinunter, springst leise ins Wasser und schwimmst nach dem Schiff. Du mußt dir das Schiff aber vorher angesehen haben und wissen, wo das Fallreep ist, denn am Fallreep mußt du in die Höhe klettern. Und oben mußt du dich verstecken. Dann mußt du warten, bis das Schiff auf hoher See ist. Das kann lange dauern, aber du mußt es aushalten, du darfst dich nicht eher blicken lassen. Wenn sie dich sehen, solange noch Land in der Nähe ist, geben sie ein Signal, und dann kommt ein Polizeiboot und holt dich weg. Wenn du aber aushältst, kommst du ohne Geld hinüber; sie geben dir ein paar Maulschellen, aber auch zu essen, und dann tust du, was sie dir sagen. Und du mußt willig sein und immer springen, wenn sie dich rufen oder schicken. Wenn du faul bist, setzen sie dich unterwegs an Land ..." Drei Monate hatte jener Kunde auf ein passendes Schiff gewartet. Hasemann geht direkter vor: "Eine Stunde vor Abfahrt an Bord, hatte mir mal ein Kunde gesagt, dann in den Kohlenkasten oder Segelkajüte, bestimmtes Auftreten; wenn dir der Kapitän begegnet, nach dem Koch fragen!" Winnig setzt sich im allgemeinen kleine Tagesziele, selten fünf Meilen oder mehr und veranschlagt dafür eine Mark für Unterkunft und Essen. Bei fünf Meilen und mehr rechnet er eine weitere Mahlzeit, dann wird es teurer. Fast zwei Jahre ist er so unterwegs, von Norddeutschland zum Bodensee, also eher gemütlich. In der gleichen Zeit tippelt Heinrichs nach Jerusalem und zurück, 15.000 Kilometer in 455 Reisetagen, das macht einen Schnitt von mehr als 30 Kilometern pro Tag mit Spitzen von 60, 70 Kilometern und alles mit großem Gepäck (20-40 kg). 

Interessant ist, daß gerade zu Beginn der Wanderschaft erst einmal ein schnelles Beförderungsmittel benutzt wird, z.B. der Zug. Vielleicht hat Schroeder das gemeint, als er sagte: "Wenn man auf Wanderschaft geht, muß man für sein ganzes Geld eine Fahrkarte kaufen und losfahren, dann kann man nicht mehr zurück, und ob man will oder nicht, man muß sich durchschlagen." Zettler verdient gut und kann sich die Reise im Zwischendeck nach Amerika leisten. Wie jeder Reisende muß er sich sein Mobiliar selbst besorgen: "ein Strohsack, ein Seegraskopfkissen, zwei wollene Decken, Eß-, Wasch- und Trinkgeschirr und noch einige Kleinigkeiten." Die Unterbringung ist spartanisch, 24 Personen befinden sich in jeder Kajüte, in vier Reihen zu je sechs Schlafplätzen. 

  

Kundenschall 

Mehr als heute zeichneten sich Kunden und Vagabunden durch die Benutzung einer eigenen Sprache aus; genauer: eines eigenen Vokabulars, denn die zugrundeliegende Grammatik bleibt deutsch. Da werden dem Deckel (Polizisten) die Fleppen (Papiere) gezeigt, geriebene Kunden wissen immer eine lohnende Schiebung, kennen gebefreudige Winden oder putzen ein Dorf so lange, bis sie den Schlummerkies für die nächste Nacht in der Penne und den Abend in der Weinbeize zusammen haben. 

Die Kundensprache (das Rotwelsche) ist bereits seit 1250 bekannt: "rot" hieß der lügend und betrügend herumziehende Berufsbettler, als welsch wurden alle unverständlichen Worte und Sprachen bezeichnet (Kauderwelsch). Aber das fahrende Volk wollte ja gar nicht verstanden werden und übernahm aus den unterschiedlichsten Quellen Begriffe und schuf Redewendungen, die die Seßhaften nicht kannten. Im Mittelalter waren die meisten reisenden Kaufleute Juden, so daß viele Worte aus dem Jiddischen stammen. Andere sind der Zigeunersprache entlehnt, viele kommen aus regionalen Dialekten und wieder andere wurden als Metapher benutzt (Der Polizist wurde Deckel genannt wegen seiner deckelförmigen Kopfbedeckung). Das reisende Völkchen bestand aus vielen Gruppen: viele Kesselflicker, Scharfrichter, Henker, Abdecker, Schinder, Büttel, Hausierer, auch Soldaten, Dirnen, Handwerksburschen, Schausteller, Künstler, Pilger waren unter ihnen. Und zwischen den legitimiert Reisenden fanden die Diebe und Trickbetrüger, Bettler und Ganoven, Ausgestoßene und Nicht-Seßhafte ihren Platz. Das Rotwelsch ist die Schöpfung aller rastlos Reisenden, geeint durch die Gemeinschaft der Ausgeschlossenen, jener, die Gesetz und Ordnung aus dem bürgerlichen Stadtleben und der ländlichen Seßhaftigkeit ausschloß. Ausgrenzung und Abgrenzung gaben sich dabei die Hand - auch die Fahrenden hatten ihren Dünkel, sie nannten sich selbst die "Jenischen", das sind die Klugen. Und weil sie klug waren, hatten sie ihre Geheimsprache. Und während sie aus Sicht der Bürgerlichen schon mal "das verbrecherische Proletariat aller Stände" genannt wurden, konnte man sie auch als eigenen Stand neben Adel, Bauern, Bürgern und Handwerkern betrachten, die eben ihre eigene Standessprache benutzten. Die Kunden verwendeten die hochdeutsche Grammatik, jedoch mit liebenswerter Anarchie - jede Regel durfte beliebig gebrochen werden. Deswegen lebte das Rotwelsche und bot Gelegenheit zur Kreativität: "von Geheimnisvollem und kindlich Unentwickeltem, von Umschreibungen und Andeutungen, von Unwahrem, Falschem und Geändertem, von Spott und Ironie, von Aalglattem und Unfaßbarem; sinnlich roh, widerstrebend, kosmopolitisch und strenge sich abschließend, überall verstanden und ohne Heimat." 

Die Kundensprache führt zu einer Identität, man fühlt sich verbunden, man versteht sich oder grenzt sich ab. Während Winnig kaum jemals ein Wort der Kundensprache benutzt, pflegen Heinrichs, Pfarre, Schroedel sie ausgiebig und selbstverständlich. 

Heute finden sich in der Alltagssprache viele Ausdrücke, die der Kundensprache entstammen, deren Abstammung man ihnen nicht mehr ansieht, die allenfalls als salopp gelten: man grast heute Geschäfte ab, um etwas zu suchen, 1906 bedeutete es, eine Gegend abzubetteln und zu bestehlen. Andere in die Umgangssprache aufgenommene Begriffe sind: Knast, einen Knacks haben, Kneipe, Kluft, Klinken putzen gehen, jemanden hochgehen lassen, pennen, pfiffig sein, Pleite machen, Quadratlatschen, Kaschemme, keinen Bock haben, malochen, Kohldampf schieben, in Schale werfen, verkohlen, u.v.a.m. Hin und wieder gelang es, das fahrende Volk dazu zu bewegen, sich an einem Ort niederzulassen. Dort findet man noch heute die Kundensprache besonders ausgeprägt, so im fränkischen Schillingsfürst, in Matzenbach, Teufstetten und Schopfloch, auch im Württembergischen und Rheinpfälzischen. 

Reisegebiete und -ziele 

Gern zogen die Handwerksburschen im 19. Jahr-hundert nach Frankreich, Italien, Österreich. Es gab dort weniger Grenzen als in den Fürstentümern Deutschlands. "Diese ewigen Grenzen im Deutschen Reich sind wahrhaft vom Teufel erfunden. Das unaufhörliche Passieren von Schlagbäumen, und das Durchschnüffeln des Wanderbuches von Constablern und Stadtsoldaten aller Art ist mit viel Verdruß verbunden und lästig genug für einen ordentlichen Gesellen, der nichts will, als sich in der Welt umsehen und sein Metier tüchtig erlernen." Ab 1839 reisten die Gesellen auch vermehrt in den nahen Osten. Dabei stand sicher nicht die handwerkliche Fortbildung in Palästina im Vordergrund, eher Abenteuerlust. Das Motiv der Pilgerschaft und der Glaube, auf der Wanderschaft durch Gott beschützt zu sein, verbanden sich mit der Idee der Walz. Später baute sogar das preußische Konsulat in Jerusalem eine eigene Gesellenherberge. Etwa 25 protestantische Gesellen suchten Jerusalem jährlich auf. 

Die Mehrzahl der Wanderer jedoch blieb in Deutschland, denn man brauchte einen Paß, um die Grenze (offiziell) zu passieren. "Alte Kunden hielten sich an einen bestimmten Landstrich, in dem sie mit Art und Brauch der Bewohner vertraut waren, die Wege und die Herbergen, die guten und die schlechten Orte, die Gendarmen und die Gefängnisse kannten. Diesen Landstrich, der selten über die Grenzen einer Provinz hinausgriff, verließen sie nicht oder nur notgedrungen, etwa wenn ihnen eine hohe Bettelstrafe drohte. Weder junge Wanderburschen noch alte Kunden wichen dem Wetter aus, sie kürzten die täglichen Wege, aber sie zogen morgens ab. Der Krankheit gaben wohl junge Burschen nach, aber nicht die alten Reisläufer der Landstraße, ich habe nie gehört, daß einer in der Herberge krank zurückgeblieben oder ins Krankenhaus geschafft worden sei; sie wanderten auch dann, wenn sie den Tod in den Knochen fühlten, und suchten sich lieber draußen einen geschützten Winkel zum Sterben, als daß sie sich in Menschenhände gegeben hätten." Winnig schreibt diese Gedanken angesichts eines eisigen Winters nieder, in dem er draußen auf der Landstraße selber viel gefroren hat und zudem einen toten Kunden im Schutz einer Feldscheune fand. 

Da das fahrende Volk auch weit hinter den Grenzen oft kontrolliert wurde, fiel man früher oder später auf, wenn man ohne Paß im Ausland war. Heinrichs schildert einen solchen Fall: "Kaum eine Stunde waren wir von Deutschlands Grenzen entfernt. ... Plötzlich standen ... zwei dieser gefürchteten Beamten vor uns. Wieder hieß es kurz: `Papier vorzeigen.´ Wiederum konnte ich ungefährdet weiterziehen, aber mein treuer Kamerad? [Ihm] wurde der Schub prophezeit, das heißt, er würde vom nächsten Orte per Bahn zur Grenze befördert werden." Schroeder trifft häufig Kunden, an bestimmten Orten tummeln sie sich, beispielsweise in Lindau. Ihre Reiseziele sind Hamburg, Pommern, Wien. Weit- und Fernreisende waren damals die Ausnahme, doch es gab sie. Er trifft zwei, die durch den Balkan in die Türkei wollen: "Diese Tour hatten sie mir so verlockend geschildert, und es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre ich mit ihnen getigert. Doch solange ich Deutschland nicht kenne, nicht ganz angesehen habe, weiß ich nicht, was ich in anderen Ländern suchen soll." Dann trifft er einen alten Speckjäger, der seit 34 Jahren, also seit 1889, auf der Landstraße ist: "Er kennt Indien, war fünf Jahre in der französischen Fremdenlegion, machte als Tramp siebenmal von Newyork nach San Francisco, einmal die große Büffelstraße, und hat nachher von der Landstraße einfach nicht mehr weggekonnt, sie hat ihn festgehalten." Winnig trifft in Bremerhaven einen alten Kunden, der ihm von seinen Reisen durch Dänemark, Holland, Frankreich, Schweiz, Österreich, Rußland und über Ägypten und Palästina berichtet. Seit 40 Jahren war dieser Kunde unterwegs. In Istanbul stößt Heinrichs auf ein deutsches Gasthaus: "Räuberhöhle". Er betritt es und findet sechs Deutsche: "Eine kurze Zeit saß ich erst in ihrer Mitte, als ich schon erfahren hatte, daß es fünf echte deutsche Landstreicher waren, die ich vor mir hatte, und die schon jahrelang in Konstantinopel ihr Leben fristeten, ohne zu arbeiten. Sie wurden mir alle der Reihe nach vorgestellt .... Pulvermacher, Fleppenpanscher, Hochstabler und Dolmetscher. Der Dolmetscher hatte seinen Namen nicht umsonst, derselbe beherrschte fünf verschiedene Sprachen und lebte hier in Istanbul als Vagabund. Ich ..... wollte mich gerade aus dem Staube machen, als noch ein sechster dazu kam, der mir feierlich als "Wüstenkönig" vorgestellt wurde. Wie mir nun noch mitgeteilt wurde, daß dieser Mann seinen Namen deshalb trüge, weil er zu Fuß die Wüste durchquert hatte, um nach Palästina zu gelangen, da hatte ich meinen Mann gefunden." 

Tippelnde Deutsche waren bereits in den zwanziger Jahren keine Seltenheit mehr auf dem Weg nach Indien. Faber wendet sich in Istanbul auskunftssuchend an einen Bahnbeamten: "Er verstand nur Türkisch und ging achselzuckend weiter, ohne mich nur eines Blickes zu würdigen. Und so taten es alle anderen. Ein rucksackbewehrter Franke - das war schon längst nichts Neues mehr und an so etwas ließ sich nichts verdienen." Und als er 1926 in Indien das Schiff verläßt, verblüfft ihn der Offizier der Hafenpolizei damit, daß er ihn auf einen Blick und ohne ein Wort von ihm zu hören als Deutschen erkennt: "Das weiß man", meinte er, "... Seit einem Jahr kontrolliere ich hier die einkommenden Schiffe und immer ab und zu kommt einer mit einem Rucksack, und immer ist er ein Deutscher, wenn sie sich bisweilen auch für Araber und alles mögliche ausgeben. Vor sechs Wochen kam einer - ein Maler namens Müller - von Konstantinopel über Bagdad und direkt ins Spital von Karachi, wo er neulich gestorben ist. So geht es den meisten, und Ihnen könnte es auch so ergehen. Sie sehen so aus." Und einige Monate früher erzählte ihm ein (deutscher!) Grenzsoldat in persischem Dienst, daß er nicht der erste deutsche Rucksackreisende sei: "Immer von Zeit zu Zeit kommt so einer über die Grenze. Sogar die Perser auf der Wache haben von ihnen schon Deutsch gelernt." Das bekommt er immer wieder bestätigt: "Da sei kaum eine Woche vergangen, in der nicht eine mehr oder minder große Schar von armen Reisenden über die Grenze gekommen wäre. Fast immer seien es Deutsche gewesen, und mancher sonderbare Kauz fand sich darunter. ... Ein Pärchen deutscher Wandervögel, wie man sie zu Tausenden in unseren Wäldern sehen kann. Er, ein Bursch von etwa achtzehn oder neunzehn Jahren in vorschriftsmäßiger Kluft, sie ein gretchenhaftes Ding mit kurzem Rock und langem Zopf. ... Aber sie sind nie um die Welt gekommen. ... Gretel geriet auf die schiefe Ebene und wurde auf Kosten des Konsulats [in Teheran] wieder abgeschoben nach Deutschland. Hans erkrankte an Typhus und lag wochenlang zwischen Tod und Leben im amerikanischen Spital. Dort paßte ihm die ganze Richtung nicht, und eines Tages machte er sich, noch auf Krücken humpelnd, davon in Richtung nach Indien. Man hat nie wieder etwas von ihm gehört." 

Informationen 

Pfarre zitiert den Baedeker, den Gsell Fels, den Werl, den Grieben und kritisiert diese häufig. Gerade die für ihn nutzvollen Adressen und Hinweise fänden sich darin nicht: die billige Volksküche in Florenz vermißt er ebenso wie die Adresse eines Dormitoris oder eines Asyls. Mit der Nutzung solcher Reiseführer scheint er die Ausnahme zu sein, Grund dafür ist eher sein Interesse an Kunst und Kultur. Heinrichs findet in seinem "Wanderbüchlein" die Adressen der katholischen Gesellenvereine. Die wichtigsten Informationen gibt es auf der Straße, in den Asylen und sonstigen Treffpunkten der Kunden. Auch die einzelnen Berufsgruppen haben ihre Anlaufstellen, so gibt es in Rom einen deutschen Künstlerverein, die katholischen Gesellenvereine u.a.m. Schroeder weiß zu berichten: "Oft begegnen uns andere Handwerksburschen. Wir fragen nach dem Woher und Wohin. Dann erzählen sie von selbst, was sie wissen, nennen uns Dörfer, wo man gut essen kann, warnen uns vor geizigen Bauern, scharfen Gendarmen und gefährlichen Strecken. Mit "Servus!" geht es dann wieder weiter." "Alle Speckjäger gleichen sich, alle sind bedächtig in ihren Bewegungen, und nur dort, wo es etwas zu hapern gibt, handeln sie schnell und sind durch nichts aufzuhalten. Sie alle haben ein zehntausend Kilometer langes Landstraßennetz im Kopf, kennen jeden Grünen, jeden Baum ihres Landes, wissen von dem Ungeziefer aller Pennen und Polizeipritschen und wissen auch fette Gegenden, wo man nur von einem Haus ins andere hineinzulaufen braucht. Für jede Jahreszeit haben sie eine bestimmte Gegend." 

Pfarre will auf seiner Wanderung nach Italien Italienisch lernen und schimpft über seinen Sprachführer: "Dienstmann, kommen Sie her!, Kutscher, nach dem Grand-Hotel!, Darf ich um die Speisekarte bitten?, Ich ziehe ein Dutzend Austern vor! .... Wie aber heißt: Armer Reisender bittet um eine kleine Gabe?" 

Nur Winnig reist mit einer Landkarte, alle anderen gehen der Nase nach, orientieren sich an der Himmelsrichtung, ja. können oft nicht einmal Landkarten lesen. Das führt zu Umwegen, die allerdings nur von Winnig als solche betrachtet werden, und dazu, daß man schon mal abends kein Dorf zum Übernachten findet. 

Tippelfreunde 

Ein Wunder ist es nicht, auf andere Reisende zu treffen. 1924 haben angeblich 700.000 Reisende Italien besucht, darunter 69.000 Deutsche. Um 1900 sind in Rom etwa 1.000 Deutsche ansässig, weitere 2.000 halten sich dort zu Studienzwecken auf, mehrere tausend besuchen die Stadt als Touristen oder Pilger. Alfred Pfarre ist es ein besonderes Bedürfnis, in Gesellschaft zu sein und kaum einmal reist er alleine. Auch in Italien trifft er immer wieder auf Gesellen, Kunden, Vagabunden. In Venedig den Luxemburger Journalisten Matthias Kientgen und einen badischen Gymnasiasten namens Wilhelm, einen dänischer Gärtner, einen deutschen Maler, dessen Freundin Helene Weil, den Sibirier, den Kanadier, den Russen, den großen Josef, den Heiland, einen Kundenphilosophen. In Rom findet er eine große Anzahl Kunden, die es sich dort heimisch gemacht haben, teilweise wohnen sie in den Katakomben, nicht so viele Kunden treiben sich in Neapel herum. Nur einmal trifft er in den vielen Monaten einen französischen Kunden, andere Nationalitäten sind etwas häufiger vertreten, doch die meisten sind Deutsche, sie sind oft "...eine ganze Gruppe Heimatloser ..., Kunden, versumpfte Künstler, abgemusterte und weggelaufene Seeleute aus aller Herren Länder ... einen alten Speckjäger ... den kleinen buckligen Michael."  

Der Kontakt zu anderen war so ausgeprägt, wie man es wünschte. Im Gegensatz zu Schroeder, der fast nie allein war und Gruppen bevorzugte, floh Winnig die Gesellschaft der Handwerksburschen und Kunden: "Ein halber Tag in Gesellschaft gewandert war eine willkommene Abwechslung, aber danach nahm ich mir wieder meine Freiheit, die Freiheit des Wanderns und Rastens und die Freiheit der Gedanken." Interessant ist eine hingeworfene Bemerkung Winnigs, als ihm in der Rüdesheimer Herberge ein Fremder auffällt: "...er war zwar wandermäßig angezogen, aber in der Art vornehmer Leute ... daß ich ihn für einen Touristen hielt, der hier die Gelegenheit zu sozialen Studien wahrnahm, wozu sich manche Leute damals bewogen fühlten, nachdem Pastor Göhre drei Monate Fabrikarbeiter gewesen war und ein Buch darüber geschrieben hatte." 

Gemeinsam wurde die Zeit kürzer, man konnte sich unterhalten, hatte jemanden, dem man vertrauen konnte, ein Stück Heimat in der Fremde. Heinrichs und Pfarre finden richtige Freunde auf der Landstraße, Menschen, die ihnen viel bedeuten und von denen sie sich nur schwer trennen; Winnig dagegen fühlte sich nahezu immer unter Fremden. Kam eine Gruppe von mehreren Kunden in einen Ort, so teilte man ein, wer in welchem Haus zu fechten hatte. Hinter dem Dorf wurde zusammengeworfen und gerecht geteilt. Schroeder wird einmal unterwegs sehr krank und ohne die Kunden, die er eben erst getroffen hatte, wäre er am Wegesrand liegengeblieben: "Jetzt weiß ich, was Kameradschaft ist. Wohl steht man dem Bruder näher, man tut etwas für ihn, weil er zur Familie gehört, man hintergeht ihn auch nicht, was man vielleicht bei einem fremden Menschen tun würde ... Beim Kameraden aber kommen solche Gedanken noch nicht einmal auf. Wahre Kameradschaft zerschmettert die Hölle!" 

"Die wandernden Schleifer hatten damals einen Brauch, den sie als Geheimnis behandelten: alle Jahre um Johannis trafen sie sich irgendwo und hielten drei Tage lang ein Lager mit Zecherei und Schmauserei. dann standen ihre Wagen, fast dreißig an der Zahl, in der Dickung, und die Schleifer lagen abseits im Grase ..."   
 

Teil 2 


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