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Künstlername ROX.
Reisen in der Nachkriegszeit
Der erste deutsche Artist in Asien nach dem Krieg
Verwendung einzelner
Zitate nur mit Quellenangabe AGIR.
Belegexemplar erbeten.
Vervielfältigung,
auch größerer Textteile, nur nach ausdrücklicher
Genehmigung.
Copyright liegt
auch auf der besonderen Zusammenstellung!
© 1996
by
Archiv zur
Geschichte des Individuellen Reisens - AGIR
Inhaltsübersicht
1 Vorbemerkung
2 Kurzbiographie
3 This
is the german acrobat, nice guy
4 Reisen nach
dem Zweiten Weltkrieg
5 Quellenverzeichnis
Teil 3
4 Reisen nach dem Zweiten Weltkrieg
Norman D. Ford war sehr wenig erfreut, daß der Weltkrieg seine weiteren
Reisepläne durchkreuzte, nachdem er bis 1939 mit dem Fahrrad das britische
Königreich sowie Irland und die Schweiz bereist hatte. Konsequenterweise
plante er bereits während des zweiten Weltkriegs als britischer Marinesoldat
die Weltumsegelung mit einer 50 Jahre alten Segelyacht, die er 1944 bei
Essex entdeckt hatte. Optimistisch schrieb er wenige Wochen vor Kriegsende
einen Artikel für den Daily Mirror, der es, vielleicht wegen seiner
Kühnheit, bis auf die Titelseite brachte: "Two Men needed to help
Sail Yacht on 20-Year voyage around the world." 200 Antworten erhielt
er, und da er nur zwei Leute brauchte, gründete er mit den übrigen
den "Globetrotters Club", der heuer 50 Jahre alt ist.
Zu dieser Zeit war Norman im Hafen von Rangoon und vervielfältigte
im Hinterzimmer eines kleinen burmesischen Ladens die ersten Informationsblätter
des Clubs. Für fünf Schilling Mitgliedergebühr bot er den
Mitgliedern eine monatliche Broschüre an mit Infos über "how
to travel the world at rock bottom cost" sowie eine Mitgliederliste.
40 der 200 Angeschriebenen nahmen dieses Angebot an.
Mittlerweile war es August 1945, der Krieg beendet. Bis Frühling
1946 wuchs die Anzahl der Mitglieder auf fünfzig und Norman machte
das Schiff klar. Eine Gruppe von Mitgliedern um William Redgrave radelte
durch Europa, eine andere Gruppe wollte auswandern, um auf diesem Weg die
Welt kennenzulernen. Norman schreibt: "Im ersten Jahr nach Kriegsende
war Reisen in Großbritannien schwierig, da die Lebensmittel rationiert
waren, und auf dem Kontinent, weil scheinbar alle Schiffe und Flugzeuge
eingesetzt wurden, um die Kriegsteilnehmer nach Hause zu befördern."
Doch auf einer Probefahrt erweist sich die Segelyacht als zu altersschwach
und 1947 fliegt Norman Ford in die USA.
Wasser kennt keine Grenzen
Mehr Erfolg hatte der Schweizer Hans von Meiss-Teuffen. Er verbrachte
die letzten Kriegsjahre als Lastkraftwagenfahrer in London und verdiente
genug, um sich im Juli 1945 ein Sieben-Tonnen-Segelboot, eine 35-mm-Filmkamera,
Leica und Rolleiflex, Sextant und Chronometer kaufen zu können. Mit
der "Speranza" verließ er Ende August England über
die Themse, als erster privater Schiffsführer nach dem Krieg, und
dabei Spezialkarten der Royal Navy benutzend, die die noch existierenden
Minenfelder enthielten. Er hatte versprechen müssen, die Karten nach
Passieren der Minenfelder sofort zu vernichten.
In Lissabon überwinterte er an Bord seines Schiffes: "Am Nachmittag
kamen meist Bekannte, die ihren Bekannten das Schiff zeigen wollten, und
abends mußte im neu angeschafften Smoking zu einer der vielen Einladungen
gegangen werden, wo alte Bestellungen [für bedruckte Tücher]
abgeliefert und neue Aufträge angenommen wurden. Gesellschaftliches
Leben war für mich zur Notwendigkeit geworden.... Nach den schweren
Winterregen... drehte ich... einen Dokumentarfilm über Kork. Mehr
als eine Woche verbrachte ich in den ausgedehnten Korkwäldern im Süden
Portugals." Zwei weitere Filme haben den Stierkampf und einen "Spaziergang
durch Lissabon" zum Thema.
Am 11. März 1946 schließlich segelte er weiter. Drei Wochen
blieb er in Tanger, ebenso lange in Gibraltar, und hielt dort Vorträge
über Einhandsegeln vor den englischen Offizieren und Kadetten. Den
vorläufigen Abschluß seiner zwölfjährigen Vagabundenzeit
auf dem Meer bildete die Überquerung des Atlantiks in der Rekordzeit
von 58 Tagen über Neufundland und Neuschottland. Es schlossen sich
drei Jahre in Amerika an und im April 1949 finden wir ihn überwinternd
in Alaska.
Europa war klein und hungrig
Malcolm Keir, auch ein Mitglied des Globetrotter Clubs, berichtet aus
jener Zeit: "In the late 1940s and early 1950s most members didn´t
travel much beyond western Europe. Yugoslavia was about the outer limit
and it was in every sense a `frontier zone´... because conditions
in Yugoslavia were in many ways that what today we would associate with
some parts of the Third World. Roads were notoriously bad, food was atrocious
an local living conditions came as a shock to many travellers."
Ähnlich schockierend muß es in dieser Zeit in Deutschland
ausgesehen haben. 1946 und 1947 war die Nahrungsmittelsituation schlechter
als während des Krieges. "Dieses Volk ist - in seinen Lebensmitteln,
in seiner Heizung und seiner Unterkunft - auf den niedrigsten Stand gesunken,
der seit hundert Jahren in der Geschichte des Westens bekannt ist,"
befand der frühere amerikanische Präsident Hoover nach einer
Informationsreise durch die amerikanische Besatzungszone. Außergewöhnliche
Situationen erfordern außergewöhnliche Mittel: "Man kann
es dem einzelnen nicht verwehren, das Dringendste zur Erhaltung von Leben
und Gesundheit zu nehmen, wenn er es durch Arbeit nicht erhält."
Damit gab der Kölner Kardinal Frings in der Sylvesterpredigt 1946
seinen Segen zum Mundraub, fortan in Köln "fringsen" genannt.
In der britischen Zone wurde im Januar 1946 die Tagesration für Zivilisten
auf 1046 Kalorien begrenzt: Zwei Scheiben Brot, vielleicht eine Idee Margarine,
ein Löffel Milchsuppe, zwei Kartöffelchen.
Die Aussicht auf einen Sack Kartoffeln ließ die Menschen tagelange
Reisen machen, bei denen der Kalorienaufwand größer war als
der Erfolg. Viele Menschen waren in dieser Zeit in Europa unterwegs, die
wenigsten jedoch freiwillig: Vertriebene, Flüchtlinge, Exilanten,
Soldaten - Menschen, die eine Heimat suchten. Willkommen waren sie nirgends.
Noch 1947 ist es in den deutschen Städten für Ortsfremde verboten,
sich niederzulassen, Arbeit zu suchen oder eine Wohnung. In Bayern wurden
Ortsfremde in Züge gepfercht, die dann tage- und wochenlang unterwegs
waren in die Mitte oder den Norden Deutschlands: Abschiebung aller Nichtbayern.
Im Herbst 1947 haben Güterzüge auf allen Strecken Vorrang vor
Personenzügen: Menschen gibt es genug, an Gütern mangelt es und
überschüssige Energie muß dazu dienen, Güter zu produzieren.
An den britischen, amerikanischen und französischen Zonengrenzen müssen
die Menschen die Züge verlassen, Papiere und Gepäck werden kontrolliert
- von Deutschen im Auftrage der Besatzungsmächte. Reisende ohne Passierschein
oder mit falschen Papieren müssen sich vor dem einfachen Militärgericht
verantworten. "Auf der Rückfahrt wird hauptsächlich das Gepäck
nach amerikanischem Eigentum durchsucht.... Jede Art von Alkohol ist verdächtig....
Nichts darf nach Kaffee riechen..... Geschlossene Dosen, mit und ohne Aufschrift,
fallen der Beschlagnahme anheim.... Wer zwei Pfund Butter im Gepäck
hat, macht sich des Schwarzhandels verdächtig.... Diese kuriose Zonenbegrenzung
erinnert an alte Zeiten, wo es über dreißig Reichszölle
gab und der Krummstab und die territorialen Pfalzgrafen fleißig Geld
kassierten."
Noch schwerer waren die Grenzen zu den Nachbarländern bewacht:
"Das Phänomenale der Grenze wird deutlich, wenn ein Unkundiger
nichtsahnend die Grenze um hundertfünfzig Meter überschreitet,
vom Grenzer aufgegriffen, abgeführt, zu Protokoll vernommen, dem deutschen
Grenzschutz übergeben, drei Tage in ein Gefängnis eingesperrt
und vom Einfachen Militärgericht Nordhorn zu 200 Reichsmark Geldstrafe
verurteilt wird..." So passiert dem Journalisten Henkels 1947.
Trümmerliteratur und Reporter
Den allierten Truppen folgten die Kriegsberichterstatter und Reporter,
bald auch die ersten Schriftsteller. Sie berichteten über Menschen,
Städte, Länder, was sie sahen und fühlten. Elisabeth Wiskemann
schreibt: "Um die Erlaubnis zu erhalten, Anfang Oktober 1945 von London
aus nach Italien zu fahren, mußte ich mir eine Khaki-Uniform zulegen.
Die alliierte Militärregierung betrachtete einen akkreditierten Journalisten
als Offizier und teilte ihm (oder ihr) Militärrationen zu, die zwar
nicht sehr appetitlich waren, in Anbetracht der Knappheit und der entsprechend
hohen Preise aber trotzdem willkommen."
Doch der Umfang der "Trümmerliteratur" ist gering. Einem
der wenigen Bericht verdanken wir die Beschreibung einer Eisenbahnfahrt
im Herbst 1947. Stig Dagermann trifft einen sechzehnjährigen Jungen
im ausgemusterten Soldatenrock, der aus der russisch besetzten Zone geflohen
ist und nach Amerika will. Dagermann gibt ihm Geld für einen Fahrschein
nach Hamburg. "Andere deutsche Züge sind auch tagsüber dunkel,
weil man vor die leeren Fensterhöhlen Holzplatten genagelt hat. Wenn
man es hell haben möchte, kann man in Abteilen sitzen, wo es keine
Platten gibt, aber dort ist es kälter, und es regnet hinein. Eifrige
unsichtbare Hände schieben einen in dieses nächtliche Abteil.
Im Dunkeln spielen sich kleine, aber verbitterte wortlose Handgemenge ab,
getretene Kinder schreien, zahllose Füße schieben die sperrigen
Säcke der Flüchtlinge zur Seite. Das dunkle Abteil ist voll,
doch es kann noch voller werden. Nicht zu glauben, wie viele Menschen auf
diesen paar Quadratmetern Platz haben. Erst als es so voll ist, daß
es weh tut, wird die Tür geschlossen, im ganzen Zug hört man
das Zuschlagen von Türen und die verzweifelten Stimmen jener, die
zu spät gekommen sind und noch eine Nacht in den Ruinen dieser Stadt
verbringen müssen, statt in andere zu kommen. Wir stehen in einem
Abteil für acht Personen, aber wir sind fünfundzwanzig. Fünfundzwanzig
in einem Abteil für acht, was heißt, daß es keine Rolle
spielt, ob die Heizung eingeschaltet ist. Schon bevor sich der Zug in Bewegung
setzt, rinnt einem der Schweiß herunter. Platz für zwei Füße
hat man nicht, man muß auf einem Fuß stehen, fällt aber
trotzdem nicht um, man bräuchte zum Stehen überhaupt keinen Fuß
und fiele trotzdem nicht um, weil man zwischen anderen schwitzenden Körpern
festsitzt wie in einem Schraubstock.... gegen Morgen hält der Zug
auf einem großen, leeren hellerleuchteten Bahnhof.... Paßkontrolle,
Gepäckkontrolle. Alle Reisenden haben den Zug mit Gepäck und
allem zu verlassen. Nach einiger Wartezeit auf dem Bahnhof von Eichenberg,
der Grenzstation zwischen dem deutschen England und dem deutschen Amerika,
erscheinen einige lange amerikanische Soldaten. Sie kauen Kaugummi, gehen
umher und kicken gegen Koffer und prüfen Ausweise. Gerhard ist nervös,
er hat seinen Paß leicht verändert und sich als Landarbeiter
statt als Mechaniker bezeichnet, um die Russen zu täuschen, aber alles
geht gut.... Noch bevor es richtig hell ist, spielen sich auf den Unterwegsbahnhöfen
dramatische Szenen ab. Der Zug ist schließlich nach wie vor überfüllt,
auf diesen Bahnhöfen aber stehen verzweifelte Menschen, die ein ebenso
großes Recht zu reisen haben wie wir. Eine verzweifelte Frau läuft
von Abteilfenster zu Abteilfenster und schreit, sie müsse zu einem
Sterbefall, aber noch nicht einmal, wer zu einem Sterbefall muß,
kommt in diesen Zug, es sei denn, er hätte genug Kraft, sich hineinzuzwängen.
Ein großer kräftiger Mann drängt sich in unser Abteil,
er boxt mit einem in der Türöffnung Stehenden, und er boxt besser,
und auf diese Weise, die einzige Weise, kommt er herein.... Ein wenig später
stampfen frierende Füße auf dem Dach, ja, sogar auf dem Dach
reist man schon.... In der Lüneburger Heide fällt der erste Schnee
dieses Herbstes, und die Menschen kommen vom Dach und von den Puffern und
flehen, hereinkommen zu dürfen, sie sind weiß wie Baumwolle....
Als wir uns Hamburg nähern, wird Gerhard nervös. Er glaubt nicht
mehr an Amerika.... Er weiß, es gibt keine Schiffe, aber eingestanden
hat er sich das noch nicht."
"Am vorigen Sonntag [1947], um 9 Uhr morgens, hielten sich die die
Temperaturen in der Lüneburger Heide unter 15 Grad Celsius. Um diese
Zeit wurden in Munsterlager 1224 ehemalige Kriegsgefangene in 14 Waggons
nach Ostdeutschland in Marsch gesetzt. In einem Waggon hockten durchschnittlich
85 Leute, soweit sie hocken konnten. Die Hälfte der Wagen war nicht
heizbar... "Soviel Leute habe ich noch nie in 14 Waggons untergebracht,"
äußerte der deutsche Transport-Offizier, Ex-Leutnant Horst Schuster,
befriedigt. Und der englische Leit-Offizier meinte: "Es ist ja nicht sehr
schön, aber wenn einer aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause kann,
würde er in einem Boot über den Ozean rudern."
Auswandern und verdrängen
Die Verhältnisse in Deutschland waren so, daß viele Menschen
auswandern wollten. "Europamüde stehen Schlange" titelte der
Spiegel einen Beitrag am 22.3.1947, doch Deutschen ist dieser Weg noch
versperrt.
Der Spiegel schrieb am 18.1.1947: "Die Winterkurorte an der südfranzösischen
Küste... bemühen sich, die Spuren der Kämpfe... zu verwischen.
Auch hier räumen vor den großen Hotels die militärischen
Posten den Platz, und goldbetreßte Portiers nehmen ihre Stelle wieder
ein....Es wurde beschlossen, die noch beschlagnahmten Hotels beschleunigt
den Eigentümern zurückzugeben.... Die Holländer... haben
von den rund 100000 Hotelbetten, über die Holland verfügte, jetzt
fast drei Viertel wieder hergerichtet und hoffen, daß die Schlachtfelder
von Nymwegen und Arnheim fürs erste genug Anziehungskraft besitzen.
Einen Fremdenzustrom sondergleichen erlebt zur Zeit die Schweiz.... vor
allem von Engländern und Amerikanern."
Die Fahrt, eine von Tigges herausgegebene "Europäische Reisezeitschrift",
erscheint bereits seit 1947 und ist damit vermutlich die erste Reisezeitschrift
nach dem Krieg. Die Sehnsucht nach der Ferne war also bereits da! Aber
Reisen? Vielleicht die erste weltreisende Frau nach dem Krieg mag die Schweizer
Baronesse Dagmar von Loë gewesen sein: "Endlich war der Krieg zu Ende,
endlich hatten wir nach unendlichen Mühe die Visen erhalten, die Plätze
reserviert und unsere Koffer gepackt. Die Reise ging los: In zehn Monaten
im Zickzack um die Welt." Aber auch diese Fahrt fand überwiegend mit
dem Schiff statt, von Genua durchs Mittelmeer und den Suez-Kanal nach Indien,
hinüber nach Australien und Neuseeland durch die Südsee nach
Amerika. In Australien saß die Reisende mehrere Monate fest, da es
keine freien Plätze in den Verkehrsmitteln gab. Im Januar 1947 waren
noch sämtliche 22 Brücken zwischen Koblenz und Trier zerstört.
Wer von Mainz nach Wiesbaden wollte, brauchte einen Passierschein. Die
Anzahl der PKW´s in Niedersachsen (21.400) war erheblich geringer
als 1938 (89572), die Anzahl der Motorräder auf ein Zehntel (15 730)
gesunken. Lediglich die Anzahl der LKWs war gering gestiegen, auf 22.200.
Und zu deren Betrieb wurden Benzinmarken ausgegeben.
Für Deutsche geschlossen
Doch nicht nur die Nöte des täglichen Lebens erschwerten das
Reisen. Der österreichische Kanzler Leopold Figl meinte damals: "Arbeit
und Buße sind für die Deutschen im Augenblick die einzige Medizin
- und nicht Erholung in Österreich." 1949 durften deutsche Touristen,
so es sie denn überhaupt gab, Österreich zwar durchqueren, aber
nicht als Urlaubsland mißbrauchen! Man kann vermutlich davon ausgehen,
daß der österreichische Bundeskanzler mit seiner Meinung international
nicht allein dastand, und wenn sich schon die Österreicher so deutlich
abgrenzten: Was erwartete dann die Deutschen in Holland, Belgien, Frankreich?
Und vor allem: Geld! Bis zur Währungsreform 1949 herrschte in Deutschland
der Tauschhandel vor, da soll ein Gästezimmer in Garmisch auch schon
mal für zwei Zentner Brikett vergeben worden sein.
Die Studentenvertretung der Münchener Uni annoncierte 1949 am Schwarzen
Brett: "Studienreise nach Italien - Zwei Wochen mit dem Fahrrad. 120
Mark alles inklusive." Von den 1147 Bewerbern durften 15 schließlich
mit, Voraussetzungen: "charakterlich einwandfrei, entnazifiziert, fachlich
qualifiziert, würdig", Besitz eines Fahrrads, eines Ersatzschlauches
und Flickzeugs. Dazu mußten Einladungen vorliegen, Visa eingeholt
und die Bestätigung abgegeben werden, daß man dem Gastland nicht
auf der Tasche läge. Die Einfuhr von Deutscher Mark nach Italien war
verboten.
Mit solchen Problemen waren die Deutschen nicht alleine, wenngleich
sie als Kriegsverlierer zusätzlich fremdbestimmten Zwängen, Regeln,
Anweisungen ausgesetzt waren. Alle Nationen litten unter den Nachwehen
des Krieges. Am 12. Oktober 1949 berichtet die "abz-aktuelle bilderzeitung",
ein in Düsseldorf erscheinendes, bundesweit vertriebenes Magazin,
in einem ganzseitigen (!) Artikel: "Rucksack-Engländer flohen aus
Tirol. Pfundabwertung macht Strich durch die Urlaubspläne.... So waren
es die günstigen Währungsbedingungen, die auch den ärmeren
Kreisen der englischen Bevölkerung die Möglichkeit gaben, den
Erholungsurlaub nach Tirol zu verlegen." Die Finanzdecke scheint dünn
gewesen zu sein, denn eine Abwertung des englischen Pfundes führte
zur massenhaften Rückreise der Engländer.
Stellvertretend unterwegs
Magazine sind heute, und waren es auch damals, ein Frühwarnsystem
für Strömungen, geheime und offene Wünsche. Der Bedarf nach
Informationen und Bildern aus anderen Ländern war groß, und
da Reisen für den Durchschnittsdeutschen kaum erschwinglich waren,
wurden, kaum war die Währungsreform durchgeführt, Reporter stellvertretend
auf die Reise geschickt. Die "Nord-West-Illustrierte" schickte
1949 fünf Bildberichterstatter auf eine Reise um die Welt. Im Vordergrund
stehen Bilder, nur wenige Zeilen Text erläutern die Fotos von Einheimischen
("Drei schöne Zulu-Exemplare, aus Natal, die sich meiner Kamera
präsentierten."); das Erleben der Reporter spielt kaum eine Rolle.
C. Zagourski-Neumann war in Afrika unterwegs, I.F.K. Peters im Fernen Osten.
Schon im folgenden Jahr setzt die Quick noch eins drauf ("Dem
Quick-Leser gehört die Welt") und schickt zwei leidenschaftlich
Reisende in die Welt hinaus: Dr. Ulrich Mohr berichtete unter anderem von
der "Anden-Kundfahrt 1950" nach Bolivien; Dr. Herbert Tichy schrieb über
die Sadhus am Ganges. Ihre Wege kreuzten sich in der indischen Stadt Hardwar.
Mohr begab sich von dort auf die Heimreise, für Tichy begann die Reise
erst. Im Juni 1951 schreibt Quick anläßlich eines Bildberichts
von Tichy aus Ceylon: "Tichy, einer der Weltreisenden, die für
die großen Reportagenserie "Dem QUICK-Leser gehört die Welt"
seit mehr als einem Jahr in vier Erdteilen unterwegs sind." Und auch
bei Quick: Fotos, Fotos, Fotos - Blitzlichter einer Reise, die nicht beschrieben
wird. Nur das Exotische, Absurde, Ungewöhnliche, Unglaubliche wird
gezeigt, mit drei, vier Sätzen kurz kommentiert, dann folgt der Schnitt
zum nächsten Bild.
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Für die Revue ist 1951 die Journalistin Herta Klier unterwegs und
berichtet im April bereits zum dritten Mal aus dem Nahen Osten ("Ägypten
- Gesehen mit den Augen einer Frau"). Auch in den folgenden Jahren
ist sie unterwegs, dabei durchaus auf Globetrotter-Art: "Die junge Berlinerin
Herta Klier trampte um die halbe Welt, durchquerte den ganzen australischen
Kontinent und kam nach elf Monaten glücklich wieder in Deutschland
an... und das alles fast ohne Geld." Sie kaufte sich ein Ticket und
ging am 2. Februar 1951 mit genau 182,50 Mark in der Tasche an Bord: "Übertriebene
Sorgen machte ich mir nicht, denn ich hatte arbeiten gelernt. Ich konnte
nicht nur waschen, kochen und stricken, sondern auch holzhacken, Elektriker
spielen, Kinder versorgen und Corned Beef verkaufen. Ich machte die angenehme
Erfahrung, daß ich mit diesen Fähigkeiten im Ausland einigermaßen
leben und mein Reisegeld verdienen konnte." Sie reiste von Sydney über
Canberra, Melbourne, Adelaide nach Alice Springs, Darwin, Cairns und zurück
nach Sydney. Neu an ihren Berichten ist, daß erstmals persönliche
Reiseerlebnisse im Zentrum stehen, der Alltag geschildert wird.
Klar ist aber auch: hier sind Stellvertreter unterwegs, Reisen bleibt
weiterhin die Ausnahme: Das DER befördert 1950 lediglich 647 Einzelreisende,
erst Erleichterungen in der Devisenzuteilung führen zu 2481 beförderten
Einzelreisenden im Folgejahr. Dennoch muß bereits absehbar gewesen
sein, daß es sich unternehmerisch bald lohnen würde, in das
Reisegeschäft einzusteigen, denn Touropa wird 1951 gegründet,
Scharnow-Reisen 1953, ebenso wie Hummel. Das hat auch mit der Ausgabe von
Pässen zu tun: Nach Kriegsende ging die Paßhoheit kraft Besatzungsrecht
auf die Alliierte Hohe Kommission über, die dafür das "Combined
Travel Board" einrichtete, dessen Hauptquartier bis zum 31.12.1952
bestand. In dieser Zeit unterlag die Bevölkerung starken Beschränkungen,
von Reisefreiheit konnte nicht die Rede sein. Zwar bestand auch danach
noch Paßzwang an den Grenzen, jedoch wurde dieser zügig gelockert
und auch der Personalausweis als Reisedokument anerkannt. Auch die Möglichkeit
des Trampens kam zunehmend in Frage, lief doch bereits am 4. März
1950 der 100.000 Käfer vom Wolfsburger Band.
Lebensfreude gesucht
1951 erscheint "Mit offenen Augen", ein Sammelband mit Beiträgen
zeitgenössischer deutscher Dichter zum Lob des Reisens. Im Vorwort
stellt Ernst Glaeser einen Zusammenhang her zwischen dem Reisen als grundlegend
friedlicher Tätigkeit und dem Ende aller Reisen während des Krieges:
"Es ist kein Zufall, daß während der Kriege das Reisen aufhört.
Man ersetzt es durch Truppen- oder andere Menschenverschiebungen. Militärs
sehen keine Landschaften, nur Terrain. Die Eisenbahn wird zum rollenden
Material. Der Mensch wird es auch." Das Buch erscheint (1951), da der
Herausgeber glaubt, daß "die Zeit des rollenden Menschenmaterials"
vorbei und es an der Zeit ist, "das Reisen im eigenen Land wieder in
das Bewußtsein einer zivilen Freude zu erheben" und damit dem
Frieden zu dienen. Im gleichen Jahr noch erscheint auch "Glückliche
Reise. Heiteres Wissen von den Reisegenüssen", die Wiederauflage
eines zuletzt 1939 erschienenen Titels. Hier meint der Autor: "Noch
nie haben so viele Menschen im Reisen Lebensfreude gesucht wie heute."
Nach hinreichend viel Arbeit und Buße wuchs der Anspruch auf Erholung,
Reise und Unterwegs-sein, nur kosten durfte es nichts. In dieser Zeit häufen
sich Reiseführer übers Campen: Die angemessenen Antwort auf ein
billiges Reisen und alle, alle waren mit dem Zelt unterwegs: Der Arzt und
der Buchhalter, die Verkäuferin und der Literaturstudent, der Lehrling
und der Bergmann. Zelten ist in und die Campingidee wirbt auch für
romantische Fahrten zu zweit. Nur eines ist klar: Es soll kein Abenteuer
sein!
Anders im Commonwealth: Jill Donnisthorpe war Mitglied des Globetrotters
Club und reiste 1951 per Autostop von London nach Johannesburg. Dafür
erhielt sie die "Presidents Silver Medal... for the most interesting
globetrotting feat of the year". Das Reisen war damals für die
Briten leichter als für andere Europäer, denn das Britische Imperium
existierte weiterhin und mit ihm dessen Verkehrsverbindungen; wer Glück
hatte, den nahm die RAF schon mal in ihren Flugzeugen mit. 1954 veröffentlichte
der Gründer des Globetrotters Club, Norman Ford, in Amerika den "Bargain
Guide to World Shipping Routes and Schedules" als einen der ersten
Reiseführer für Low-Budget-Reisen. Die einzigen anderen Informationsquellen
waren Baedeker und Guide Bleu, zielten aber auf ein anderes Publikum. 1957
hielt eine Veronica Maclean einen Vortrag über "To Persia by Landrover".
1957-58 verbrachte der Amerikaner Robert Christopher die meiste Zeit bei
den Tuaregs, zog mit Kamelkarawanen durch die Sahara. Der zweite Präsident
des Globetrotter Clubs, Gordon Cooper, publizierte vielfach über seine
Reisen, bevor er 1965 in Nairobi ums Leben kam.
Diese Art der Berichterstattung, des stellvertretenden Reisens für
all jene Emsigen, die am deutschen Wirtschaftswunder mitwirkten und denen
die Unbeständigkeit der Kriegsjahre für lange Zeit die Lust genommen
hatten, sich erneut der Unwägbarkeit der weiten Welt anzuvertrauen,
hielt lange Zeit vor, war keine journalistische Eintagsfliege. Was sich
ändert, ist der Stil der Berichterstattung. 1959 ist Rolf Italiaander
unterwegs in Afrika für die Frankfurter Illustrierte und berichtet
in der Serie "Hexenkessel Westafrika" als "Forschungsreisender".
Statt der früher ein- bis zweiseitigen Bildartikel finden wir nun
einen Artikel über fünf Seiten mit nur fünf Bildern und
überwiegend Text. Berichtet wird subjektiv aus der Sicht des Reisenden,
man erfährt auch einiges über seine Erlebnisse, doch dienen diese
in erster Linie zur Vermittlung von Kenntnissen über das politische
und kulturelle Geschehen in den bereisten Ländern. Im Juli 1960 berichtet
Oscar Peter Brandt in der Serie "Tagebuch eines Globetrotters" über
das Leben in fernen Ländern, z.B. über Bolivien: "Im teuersten
Land der Welt". Wichtiger als subjektive Reiseeindrücke scheint
hier der pädagogische Impetus: Der Leser soll etwas über das
Land wissen, objektive Informationen über dessen politische, wirtschaftliche,
kulturelle Verhältnisse erhalten. Im Herbst beginnt die Serie Dr.
Lindemanns über seine Einhand-Atlantik-Überquerung; im Winter
startet Ludwig Koch-Isenburg seine Serie. Lindemann und Koch-Isenburg dürfen
in jeder Fortsetzung mehrere Seiten füllen, Fotos sind nur noch Aufhänger
und sie erzählen von ihren Erlebnissen: man fährt viel über
ihre Reiseumstände, erhält darüber hinaus nur wenig Informationen.
Gemischte Erfahrungen
Hanna Suter, eine schweizerische Missionarin, war den Krieg über
in China und versuchte nach Kriegsende in die Schweiz zu gelangen. Aber
erst "Mitte Juli 1946 schien es, daß die Reisemöglichkeiten
nun vorhanden seien von Shanghai nach Europa." Und auch diese ersten
Möglichkeiten standen für deutsche Missionarinnen noch nicht
offen. Hanna Suter ist am 20. Oktober in Shanghai, erhält am 25. Oktober
einen schweizerischen Paß. Das Gesundheitsamt verlangt Impfungen
gegen Pest, Cholera, Gelbes Fieber, typhöse Fieber, Pocken und Typhus,
"aber sie waren so freundlich, zwei Sorten zu mischen, so daß
es mit einem Stich ging". Für Schiffspassagen sah es den ganzen
November schlecht aus, alles belegt - doch dann kann sie das unbenutzte
Flugticket einer anderen Missionarin übernehmen und fliegt am 11.
Dezember von Hongkong nach Europa. Das Flugzeug von Shanghai nach Hongkong
war spartanisch ausgerüstet: "...innen ein einziger Hohlraum, das
nackte Weißmetall... hinten die Ecke für allerlei Bedürfnisse
durch einen Vorhang abgetrennt....Eine Reihe Sitze von Segeltuch ohne Armlehnen;
für den Rücken Segeltuchstreifen..." Fünf Tage dauert
der Flug mit dem Wasserflugzeug über Rangoon, Karachi, Bashrah, Kairo
und Marignane nach England. Übernachtet wird in den großen Hotels,
von Kriegsschäden ist nirgends die Rede, erst bei einer Zwischenlandung
auf Sizilien berichtet Hanna Suter von Minenräumarbeiten. Von ihr
erfahren wir auch, daß Ausländer nur mit Schweizer Währung
in die Schweiz einreisen dürfen.
Göran Schildt, in Schweden ansässiger Finne und Redakteure
beim Svenska Dagbladet, war von Mai bis November 1947 mit einer 6,5-Tonnen-Ketsch
unterwegs ins Mittelmeer; die Reise verlief unproblematisch: "Ich erklärte
ihnen, daß das Leben in Finnland ganz frei und friedlich ist, und
daß wir zu unserem Vergnügen auf dem Weg nach Frankreich sind."
Sie legen in den skandinavischen Häfen an, segeln nach England, durchqueren
Frankreich auf den Kanälen - und erwähnen nirgends Spuren des
Krieges, der doch gerade erst zwei Jahre vorbei ist. Nur das nicht mehr
existierende Zentrum von le Havre ist eine Erwähnung wert, doch selbst
deren Ruinen sind bereits weggeräumt. Schildt hat Geld, Verpflegung
für mehrere Monate, ist unabhängig, lediglich in Frankreich ist
er in den Kanälen auf den rationierten Treibstoff angewiesen, dessen
Beschaffung Probleme macht; im offenen Meer wird gesegelt.
Der Engländer George Catlin hielt sich 1946 und 1947 in Indien
auf. Er wollte klären, ob die Lehre des Mahatma Ghandi neue politische
Möglichkeiten für die Welt eröffne. Politisch-philosphisch-religiöse
Betrachtungen stehen im Vordergrund, über die Reiseumstände ist
leider nichts zu erfahren, nur das eine: Es ging. Trotz aller Schwierigkeiten
und widrigen Umstände fanden alle diese Reisenden immer wieder einen
Weg, kamen voran.
Ó by Norbert
Lüdtke/AGIR
weiter mit Teil 4
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