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Fanatiker der Einsamkeit
Die Reisen des Arthur Heye

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Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens - AGIR

 
 

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4 Überblick

Zur Person Artur Heye

Franz Eichhorn, ein Reisegefährte Artur Heyes während seiner Amazonasfahrt, beschreibt ihn: "Dieser ganz in Gelb, Kanten und Strichen. Gelbe Schuhe, gelber Kamelhaarmantel, gelbe Umrandung der Brille, gelbe Haut und gelbe Mütze. Sogar die Augen hatten einen gelben Schimmer. Körperlich war der erste Eindruck: nur Haut und Knochen. Nach einer kurzen, aber eindringlichen Musterung seiner scharfen Augen ... streckte er mir seine sich wie ein Scheitholz anfühlende, mit gelbem Schweinsleder bedeckte Rechte hin und murmelte mit englischem Akzent: `Freut mich, Boy! Hoffentlich klappt es.´ Damit war seine Rede zu Ende. Der Strich, bei anderen Leuten die Lippen, bog sich nach abwärts zu einem Halbkreis. Das Kinn schob sich vor, der Rücken rundete sich, der Schirm seiner Reisemütze schien sich unendlich weit nach vorn zu verschieben. Die Hände vergruben sich zutiefst in den aufgesetzten Manteltaschen. Howgh! Artur Heye hatte gesprochen!"

Was wissen wir noch? Er ist ein genügsamer Mensch, ißt wenig, trinkt kaum Alkohol. Genuß findet er in einer Tasse Kaffee und, weit abgeschlagen, in einer Zigarette. 

Heye ist Romantiker, immer wieder sucht das glückliche Leben, die heile Natur, zufriedene Gesellschaft: erst auf See, dann bei den Indianern Nordamerikas, dann bei den Beduinen Ägyptens, schließlich im Tierparadies Ostafrika. Doch seine Erfahrungen enden meist mit Katastrophen. Drei Schiffsuntergänge, Schmutz und Rohheit, menschenunwürdige Behandlung vertreiben ihn von der See. Christianisierte, alkoholabhängige Indianer desillusionieren seine Vorstellung des edlen Wilden. Das Leben bei den Beduinen kommt seinen Vorstellungen noch am nächsten, doch ist er bereits zu sehr von westlicher Kultur durchdrungen. Monatelang hält er es bei ihnen aus, doch Teil des Stammes werden - nein! Zu sehr sind ihm die Lebensbedingungen auf Dauer zuwider. In Ostafrika beendet der Krieg sein selbstgeschaffenes paradiesisches Leben in Ol Matun. Und nicht nur das - er selbst muß aktiv an dessen Zerstörung teilnehmen: Seine Fleischbeschaffungsmaßnahmen kosten tausende von Wildtieren das Leben. Die moralischen Bedenken, Tiere zu töten, sind bei ihm stärker ausgeprägt als die Bedenken, am Krieg teilzunehmen.

Parallel zu seinem romantischen Streben offenbart sich eine Sehnsucht nach Heimat. Bereits mit 19 Jahren versucht er sich ein Heim zu schaffen, seinem Leben einen festen Standort und eine wirtschaftliche Grundlage zu geben. Das mißlingt jedoch gründlich und er ist mehr als glücklich, wieder frei zu sein. Eine Heimat findet er weder bei Indianern, noch bei den Beduinen, obwohl diese ihm ein Zelt, eine Frau, eine Heimat anbieten. Auch Deutschland ist seine Heimat nicht und seine wenigen Besuche dort dauern immer nur wenige Tage. Heimat ist für ihn einzig die Wildnis um Ol Matun in Ostafrika; und diese Heimat nimmt ihm der Krieg. Spätere Versuche, dort wieder heimisch zu werden, scheitern. Krieg und Gefangenschaft haben die Menschen, das Land und auch ihn selbst zu sehr verändert. 

Erst mit 43 Jahren schafft er eine dauerhafte Bindung und heiratet, es folgt ein Haus in Ascona. Das Haus war ihm ein Nest, seine Frau der beste Kamerad, den er je hatte. Von Heimat ist keine Rede mehr. Seine Frau nennt er in seinen Büchern nur selten Ruth, meist schreibt er "die Frau", im Gespräch nennt er sie "Kamerad".

Bei aller Sehnsucht nach Einsamkeit sucht er immer auch die Gemeinschaft, das sind ihm oft die Tiere, die er liebt. Seit seiner ersten Liebe zu der Müllerstochter in Amerika ist etwas in ihm entzwei gegangen; mag sein, der Schmerz war zu groß - jedenfalls scheut er die enge Bindung an eine Frau. Als seine Mutter stirbt, erlebt er wieder dieses Gefühl inniger Verbundenheit und den Schmerz des Abschieds; es erinnert ihn erneut an die Müllerstochter - sein Dasein erscheint ihm wenig lebenswert. 

Freund- und Kameradschaften erscheinen ihm sicherer, es sind wenige zwar: Omm el Cherik, Abd el Fadl und die wenigen Freunde, die er fand: Burton, Delafontaine, Dabelsteen. Und er verliert sie alle, schon nach einiger Zeit. Auch das schmerzt, aber es ist zu verkraften.

Und so sehr er sich Heimat und Heim, Freundschaft und vielleicht, Liebe, wünscht, so sehr graut ihm vor Bindung; ein Grauen, daß er anscheinend erst durch eine Krankheit und deren Folgen überwindet. Als er sich festlegt, mit seiner Frau Ruth und einem Haus in Ascona, bezeichnet er das eine nicht mehr mit Liebe, das andere nicht mit Heimat, vielmehr ist von Kameradschaft und Nest die Rede. Beides ist funktional und rational, aber nur begrenzt emotional.

Heye erfuhr das Leben in vollen Zügen und in allen Extremen. So sehr er das Pech kannte, so sehr war ihm auch das Glück hold. Das Glück stand ihm jedoch meist erst dann zur Verfügung, wenn ihn sein Pech in eine scheinbar ausweglose Situation gebracht hatte. Glück hatte er auch oft nur dann, wenn er alleine war, auf sich gestellt; da trafen ihn glückliche Fügungen.

Wer von weither kommt, hat leicht lügen.

Voltaire

Kritische Anmerkungen

Heyes Reiseberichte lassen sich in drei Kategorien einteilen: Berichte, die er für Zeitschriften und Zeitungen schrieb, überwiegend 1912-1928; Bücher, die teils einfach Zusammenfassungen dieser Reiseberichte sind, bis etwa 1933, und schließlich die Bände der "Wilden Lebensfahrt", die ab 1940 erscheinen und eine chronologische Autobiographie darstellen. Viele seiner Reiseerlebnisse sind daher an zwei oder drei Stellen beschrieben, zum Teil weichen die Schilderungen jedoch erheblich voneinander ab. Das ist einerseits nicht verwunderlich, denn er ist schon zehn Jahre unterwegs, bevor er die erste Story schriftlich niederlegt, da mag das Gedächtnis Namen, Orte, Reihenfolgen verwechseln. Ein Tagebuch erwähnt er niemals, so daß es wenig wahrscheinlich ist, daß er eines führte; somit müssen die Niederschriften mehr oder weniger aus dem Gedächtnis erfolgen.

Das erklärt aber nicht krasse Unterschiede: zwischen 1912 und 1914 ist ein Jahr mehr beschrieben, als zeitlich möglich; ob ihn sein Pflegesohn nun ein halbes Jahr begleitet oder nicht, ob dieser dabei getötet wird oder nicht; ob seine Filme im Fluß untergingen oder von einem Gurkha erbeutet wurden; ob er seine Frau 1926 oder 1927 oder 1928 geheiratet hat; ob der Krieg ausbrach, als er aus Uganda kam oder gerade an einer Malaria in Ol Matun laborierte; ob Idris sein Diener war oder der des Abd er Rachman; ob er Äthiopien im Auto verließ oder auf dem Rücken eines Esels - all dies scheint mir so gravierend, daß ein mangelndes Gedächtnis nicht die Ursache sein kann. 

Mangels weiterer Quellen kann die eine oder andere Version nur aufgrund von Annahmen bestimmt werden: die frühen Berichte Heyes für Zeitschriften standen a) unter dem Zwang, Geld verdienen zu müssen und b) unter dem Zwang, regelmäßig Geschichten zu produzieren. Ich vermute daher, daß die Versuchung groß war, kleine Ereignisse aufzubauschen; Geschichten, die er von anderen hörte, als eigene darzustellen oder auch der Phantasie gehörigen Raum zu gewähren. Mag sein, daß daher rückblickend mehr Reisen beschrieben wurden, als zeitlich überhaupt durchführbar waren bzw. daß kürzere Phasen durch ausufernde Beschreibungen zeitlich gestreckt wurden. Mir erscheint es fraglich, ob er je in Uganda oder im östlichen Kongo war. Auch die Äthiopienerlebnisse sind sehr widersprüchlich.

Zwischen 1926 und 1929 ist es gerade umgekehrt: Hier fehlen zwei Jahre, die überhaupt nicht angesprochen werden. An einer Stelle erweckt er den Anschein, daß er seine Frau unmittelbar nach der Rückkehr von seiner letzten Afrikareise 1926 kennenlernte und wenige Wochen später heiratete. Der Vetter seiner Frau beschreibt in einem eigenen Buch, daß er von Ruth Heye einen Brief erhielt, in dem sie mitteilt, daß sie frisch verheiratet ist und ihren Mann nur sieben Wochen vor der Heirat kennenlernte. Dieser Brief wurde aber Ende 1928 geschrieben, denn nur wenig später befinden sich Ruth, ihr Vetter und Heye für ein Jahr in Brasilien (1929). Heye erzählt Anfang 1929, daß er schon seit über zwei Jahren an einer Gallenerkrankung litt. Das fiele nun genau in die betreffende Lücke. Aber warum wird das verschwiegen? Auch folgendes: Im März 1926 ist er völlig pleite, auch noch im Juli, als er angeblich seine Frau heiratet. Sechs Monate später kauft er sich ein Haus in Ascona. Wovon? Auch dies spricht dafür, daß Frau und Haus erst 1928 aktuell wurden.

Ich erachte die Publikationen der Reihe "Wilde Lebensfahrt" als der Wahrheit am nächsten stehend einzuordnen: sie sind Überarbeitungen der früheren Publikationen; sie enthalten zahlreiche Jahreszahlen; sie sind in Heyes letztem Lebensabschnitt niedergeschrieben und publiziert worden: Was sollen da noch Übertreibungen?

Ó 1995 by Norbert Lüdtke
 
 

5 Literatur

Artur Heyes Publikationen sind unübersichtlich, da er zunächst in Deutschland, während des Dritten Reiches in der Schweiz, dann wieder in Deutschland veröffentlichte. Manche der folgenden Bände überschneiden sich inhaltlich: Erzählungen sind ausgekoppelt oder überarbeitet und sind daher teilweise zusammengefaßt angegeben. Chronologisch und in den letzten Lebensjahren entstanden sind die Publikationen der Reihe "Wilde Lebensfahrt".

5.1 Heye-Bibliographie

Vitani. Kriegs- und Jagderlebnisse in Ostafrika 1914-1916
Leipzig, Grunow, 1921, 4 Aufl. bis 1931

Hatako. Das Leben e. Kannibalen
Berlin, Safari-Vlg. (DEA 1921) in zwei Aufl. u. vier Ausgaben bis 1945

Wanderer ohne Ziel. Von abenteuerlichem Zwei- und Vierbein
Berlin, Safari (DEA 1922), 2 Ausg.

Unterwegs. Die Lebensfahrt eines romantischen Strolches
Berlin, Safari (DEA 1925), 30 Aufl. in 5 Ausg. bis 1948, (=Wilde Lebensfahrt 13)

Allah hu akbar. Unterwegs im Morgenlande
Berlin, Safari Vlg. (DEA 1926) 5 Aufl. u. 3 Ausg.bis 1961

Meine Brüder. Bilderbuch einer langen Fahrt durch befremdliche Länder und Zeiten
Berlin, Safari-Vlg., (DEA 1926), 2 Aufl. u. sechs Ausgaben bis 1951

Pech. Afrikanische Zufälle
Berlin, Safari, (DEA 1927), 2 Aufl.
 
 

Brennende Wildnis. Bilderbuch eines langen Weges durch befremdliche Länder und Zeiten
Berlin, Safari-Vlg. (DEA 1927)

Filmjagd auf Kolibris und Faultiere. Nach brasilianischen Tagebuchblättern eines Kurbelmannes
Berlin, Safari (DEA 1929), 2 Ausg.

Millionen am Amazonas. Roman
Berlin, Safari-Vlg. (DEA 1930)

Tiere, wie ich sie sah. Aus Urwald und Steppe
Berlin, Safari Vlg. (DEA 1933)

Im letzten Westen. Mit Trappern, Fischern, Goldsuchern in Alaska
Zürich, Müller, 1939, 32 Tfll., 304 S., Ln in 5 Aufl. bis 1953

In Freiheit dressiert
Zürich, Müller, (DEA 1940) 160 S
(=Wilde Lebensfahrt Bd. 1) zwei Aufl. und zwei Ausgaben bis 1961

Hinein nach Afrika
Zürich, 1940, 160 S., Ill., zwei Aufl
(=Wilde Lebensfahrt Bd. 3)

Die Wildnis ruft
Zürich, Müller, 1941, 164 S., Ln
(=Wilde Lebensfahrt 4), 2 Aufl. bis 1943
 
 

Steppe im Sturm
Zürich, 1942, 159 S., Ln
(=Wilde Lebensfahrt Bd. 5)

Ewige Wanderschaft
Zürich, Müller, 1942, 154 S., Ln
(=Wilde Lebensfahrt Bd. 6) 2 Ausg.

Amazonasfahrt. Erlebn. in Brasilien
Zürich, Büchergilde Gutenberg 1944, 2 Ausg. bis 1950

Hatako-Mariani. Das Leben eines Kannibalen
Zürich, Müller, 1945, 192 S., Ln
(=Wilde Lebensfahrt Bd. 11)

Unterwegs. Afrikanische Zufälle
Zürich, Müller, 1947, 170 S
(=Wilde Lebensfahrt Bd. 13)

Amazonasfahrt. Erlebn. in Brasilien
Zürich, Müller, 1950, 302 S., Ln. (=Wilde Lebensfahrt Bd. 19)

Ein Leben unterwegs
Berlin, Safari, 1948, 2 Ausg. bis 1950

Allahs Garten. Erlebnisse im Morgenland
Zürich, Müller, 1961, 188 S
(=Wilde Lebensfahrt Bd. 2)
 
 

5.2 Weitere Literatur

Pola Brückner

Eine Frau ging in den Urwald
Berlin: E. Steininger 1939
179p, 18 SW-Abb. a. 16 Tfll., 2 Ktn.

Francis Courtade, Pierre Cadars

Geschichte des Films im Dritten Reich
Bücherg. Gutenberg Frankf./M. 1976

Franz Eichhorn

In der grünen Hölle. Kurbelfahrten durch Brasilien
C. Bertelsmann, Gütersloh 1952
237p, OLn, 24 SW-Tfll.

Carl Hagemann

Weltfahrt. Ein unempfindsames Reisebuch
Schuster u. Loeffler, Berlin, 1921
15 x 22 cm, 339p, OInt.-Brosch.

August Hauer

Kumbuke
Deutsch-Literar. Institut J. Schneider, Berlin, 7.A. 1943
15x21cm, OPppbd, 326p, 30 SW-Abb. a. Tfll. u. 3 Kartenskizzen

Johannes Beer (Hg.)

Der Romanführer. Teil II. Bd. 4
Stuttgart: Hiersemann 1953

Wilhelm Kosch, H. Rupp, L. lang

Literatur-Lexikon. Biographisch-Bibliographisches Handbuch. 9. Bd.
Bern/München: Francke 1984

Frank Eden

Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer. Exkurs: Artur Heye. In: Gottfried Bergner, Ansgar Häfner: Der Afrikaner im deutschen Kinder- und Jugendbuch. Untersuchungen zur rassistischen Stereotypenbildung im deutschen Kinder- und Jugendbuch von der Aufklärung bis zum Nationalsozialismus. Eine Ausstellung im Rahmen der 11. Kinder- und Jugendbuchmesse aus den Beständen der Universitätsbibliothek Oldenburg aus Privatbesitz und Sammlungen
Oldenburg 1985

Ausrüstung:

"In einen guten deutschen Rucksack kamen ein Hemd und ein Paar Strümpfe, ein Wandervogel-Kochgeschirr, die Taschenapotheke und die Kamera, an die Füße ein Paar vertrauenswürdig dickesohlige Schuhe und Ledergamaschen, über die Schulter die Feldflasche, auf den Buckel dann der Rucksack." Auch ein Kompaß, Hartspiritus, eine elektrische Taschenlampe, Füllfederhalter, Rasierapparat, Zahnbürste gehören zur Ausrüstung. 

Ende April 1926 sitzt Heye im Cafe Groppi in Kairo
 

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