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Fanatiker der Einsamkeit
Die Reisen des Arthur Heye
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© 1996 by
Archiv zur Geschichte
des Individuellen Reisens - AGIR
4 Überblick
Zur Person Artur Heye
Franz Eichhorn, ein Reisegefährte Artur Heyes während seiner
Amazonasfahrt, beschreibt ihn: "Dieser ganz in Gelb, Kanten und Strichen.
Gelbe Schuhe, gelber Kamelhaarmantel, gelbe Umrandung der Brille, gelbe
Haut und gelbe Mütze. Sogar die Augen hatten einen gelben Schimmer.
Körperlich war der erste Eindruck: nur Haut und Knochen. Nach einer
kurzen, aber eindringlichen Musterung seiner scharfen Augen ... streckte
er mir seine sich wie ein Scheitholz anfühlende, mit gelbem Schweinsleder
bedeckte Rechte hin und murmelte mit englischem Akzent: `Freut mich, Boy!
Hoffentlich klappt es.´ Damit war seine Rede zu Ende. Der Strich,
bei anderen Leuten die Lippen, bog sich nach abwärts zu einem Halbkreis.
Das Kinn schob sich vor, der Rücken rundete sich, der Schirm seiner
Reisemütze schien sich unendlich weit nach vorn zu verschieben. Die
Hände vergruben sich zutiefst in den aufgesetzten Manteltaschen. Howgh!
Artur Heye hatte gesprochen!"
Was wissen wir noch? Er ist ein genügsamer Mensch, ißt wenig,
trinkt kaum Alkohol. Genuß findet er in einer Tasse Kaffee und, weit
abgeschlagen, in einer Zigarette.
Heye ist Romantiker, immer wieder sucht das glückliche Leben, die
heile Natur, zufriedene Gesellschaft: erst auf See, dann bei den Indianern
Nordamerikas, dann bei den Beduinen Ägyptens, schließlich im
Tierparadies Ostafrika. Doch seine Erfahrungen enden meist mit Katastrophen.
Drei Schiffsuntergänge, Schmutz und Rohheit, menschenunwürdige
Behandlung vertreiben ihn von der See. Christianisierte, alkoholabhängige
Indianer desillusionieren seine Vorstellung des edlen Wilden. Das Leben
bei den Beduinen kommt seinen Vorstellungen noch am nächsten, doch
ist er bereits zu sehr von westlicher Kultur durchdrungen. Monatelang hält
er es bei ihnen aus, doch Teil des Stammes werden - nein! Zu sehr sind
ihm die Lebensbedingungen auf Dauer zuwider. In Ostafrika beendet der Krieg
sein selbstgeschaffenes paradiesisches Leben in Ol Matun. Und nicht nur
das - er selbst muß aktiv an dessen Zerstörung teilnehmen: Seine
Fleischbeschaffungsmaßnahmen kosten tausende von Wildtieren das Leben.
Die moralischen Bedenken, Tiere zu töten, sind bei ihm stärker
ausgeprägt als die Bedenken, am Krieg teilzunehmen.
Parallel zu seinem romantischen Streben offenbart sich eine Sehnsucht
nach Heimat. Bereits mit 19 Jahren versucht er sich ein Heim zu schaffen,
seinem Leben einen festen Standort und eine wirtschaftliche Grundlage zu
geben. Das mißlingt jedoch gründlich und er ist mehr als glücklich,
wieder frei zu sein. Eine Heimat findet er weder bei Indianern, noch bei
den Beduinen, obwohl diese ihm ein Zelt, eine Frau, eine Heimat anbieten.
Auch Deutschland ist seine Heimat nicht und seine wenigen Besuche dort
dauern immer nur wenige Tage. Heimat ist für ihn einzig die Wildnis
um Ol Matun in Ostafrika; und diese Heimat nimmt ihm der Krieg. Spätere
Versuche, dort wieder heimisch zu werden, scheitern. Krieg und Gefangenschaft
haben die Menschen, das Land und auch ihn selbst zu sehr verändert.
Erst mit 43 Jahren schafft er eine dauerhafte Bindung und heiratet,
es folgt ein Haus in Ascona. Das Haus war ihm ein Nest, seine Frau der
beste Kamerad, den er je hatte. Von Heimat ist keine Rede mehr. Seine Frau
nennt er in seinen Büchern nur selten Ruth, meist schreibt er "die
Frau", im Gespräch nennt er sie "Kamerad".
Bei aller Sehnsucht nach Einsamkeit sucht er immer auch die Gemeinschaft,
das sind ihm oft die Tiere, die er liebt. Seit seiner ersten Liebe zu der
Müllerstochter in Amerika ist etwas in ihm entzwei gegangen; mag sein,
der Schmerz war zu groß - jedenfalls scheut er die enge Bindung an
eine Frau. Als seine Mutter stirbt, erlebt er wieder dieses Gefühl
inniger Verbundenheit und den Schmerz des Abschieds; es erinnert ihn erneut
an die Müllerstochter - sein Dasein erscheint ihm wenig lebenswert.
Freund- und Kameradschaften erscheinen ihm sicherer, es sind wenige
zwar: Omm el Cherik, Abd el Fadl und die wenigen Freunde, die er fand:
Burton, Delafontaine, Dabelsteen. Und er verliert sie alle, schon nach
einiger Zeit. Auch das schmerzt, aber es ist zu verkraften.
Und so sehr er sich Heimat und Heim, Freundschaft und vielleicht, Liebe,
wünscht, so sehr graut ihm vor Bindung; ein Grauen, daß er anscheinend
erst durch eine Krankheit und deren Folgen überwindet. Als er sich
festlegt, mit seiner Frau Ruth und einem Haus in Ascona, bezeichnet er
das eine nicht mehr mit Liebe, das andere nicht mit Heimat, vielmehr ist
von Kameradschaft und Nest die Rede. Beides ist funktional und rational,
aber nur begrenzt emotional.
Heye erfuhr das Leben in vollen Zügen und in allen Extremen. So
sehr er das Pech kannte, so sehr war ihm auch das Glück hold. Das
Glück stand ihm jedoch meist erst dann zur Verfügung, wenn ihn
sein Pech in eine scheinbar ausweglose Situation gebracht hatte. Glück
hatte er auch oft nur dann, wenn er alleine war, auf sich gestellt; da
trafen ihn glückliche Fügungen.
Wer von weither kommt, hat leicht lügen.
Voltaire
Kritische Anmerkungen
Heyes Reiseberichte lassen sich in drei Kategorien einteilen: Berichte,
die er für Zeitschriften und Zeitungen schrieb, überwiegend 1912-1928;
Bücher, die teils einfach Zusammenfassungen dieser Reiseberichte sind,
bis etwa 1933, und schließlich die Bände der "Wilden Lebensfahrt",
die ab 1940 erscheinen und eine chronologische Autobiographie darstellen.
Viele seiner Reiseerlebnisse sind daher an zwei oder drei Stellen beschrieben,
zum Teil weichen die Schilderungen jedoch erheblich voneinander ab. Das
ist einerseits nicht verwunderlich, denn er ist schon zehn Jahre unterwegs,
bevor er die erste Story schriftlich niederlegt, da mag das Gedächtnis
Namen, Orte, Reihenfolgen verwechseln. Ein Tagebuch erwähnt er niemals,
so daß es wenig wahrscheinlich ist, daß er eines führte;
somit müssen die Niederschriften mehr oder weniger aus dem Gedächtnis
erfolgen.
Das erklärt aber nicht krasse Unterschiede: zwischen 1912 und 1914
ist ein Jahr mehr beschrieben, als zeitlich möglich; ob ihn sein Pflegesohn
nun ein halbes Jahr begleitet oder nicht, ob dieser dabei getötet
wird oder nicht; ob seine Filme im Fluß untergingen oder von einem
Gurkha erbeutet wurden; ob er seine Frau 1926 oder 1927 oder 1928 geheiratet
hat; ob der Krieg ausbrach, als er aus Uganda kam oder gerade an einer
Malaria in Ol Matun laborierte; ob Idris sein Diener war oder der des Abd
er Rachman; ob er Äthiopien im Auto verließ oder auf dem Rücken
eines Esels - all dies scheint mir so gravierend, daß ein mangelndes
Gedächtnis nicht die Ursache sein kann.
Mangels weiterer Quellen kann die eine oder andere Version nur aufgrund
von Annahmen bestimmt werden: die frühen Berichte Heyes für Zeitschriften
standen a) unter dem Zwang, Geld verdienen zu müssen und b) unter
dem Zwang, regelmäßig Geschichten zu produzieren. Ich vermute
daher, daß die Versuchung groß war, kleine Ereignisse aufzubauschen;
Geschichten, die er von anderen hörte, als eigene darzustellen oder
auch der Phantasie gehörigen Raum zu gewähren. Mag sein, daß
daher rückblickend mehr Reisen beschrieben wurden, als zeitlich überhaupt
durchführbar waren bzw. daß kürzere Phasen durch ausufernde
Beschreibungen zeitlich gestreckt wurden. Mir erscheint es fraglich, ob
er je in Uganda oder im östlichen Kongo war. Auch die Äthiopienerlebnisse
sind sehr widersprüchlich.
Zwischen 1926 und 1929 ist es gerade umgekehrt: Hier fehlen zwei Jahre,
die überhaupt nicht angesprochen werden. An einer Stelle erweckt er
den Anschein, daß er seine Frau unmittelbar nach der Rückkehr
von seiner letzten Afrikareise 1926 kennenlernte und wenige Wochen später
heiratete. Der Vetter seiner Frau beschreibt in einem eigenen Buch, daß
er von Ruth Heye einen Brief erhielt, in dem sie mitteilt, daß sie
frisch verheiratet ist und ihren Mann nur sieben Wochen vor der Heirat
kennenlernte. Dieser Brief wurde aber Ende 1928 geschrieben, denn nur wenig
später befinden sich Ruth, ihr Vetter und Heye für ein Jahr in
Brasilien (1929). Heye erzählt Anfang 1929, daß er schon seit
über zwei Jahren an einer Gallenerkrankung litt. Das fiele nun genau
in die betreffende Lücke. Aber warum wird das verschwiegen? Auch folgendes:
Im März 1926 ist er völlig pleite, auch noch im Juli, als er
angeblich seine Frau heiratet. Sechs Monate später kauft er sich ein
Haus in Ascona. Wovon? Auch dies spricht dafür, daß Frau und
Haus erst 1928 aktuell wurden.
Ich erachte die Publikationen der Reihe "Wilde Lebensfahrt" als
der Wahrheit am nächsten stehend einzuordnen: sie sind Überarbeitungen
der früheren Publikationen; sie enthalten zahlreiche Jahreszahlen;
sie sind in Heyes letztem Lebensabschnitt niedergeschrieben und publiziert
worden: Was sollen da noch Übertreibungen?
Ó 1995 by Norbert Lüdtke
5 Literatur
Artur Heyes Publikationen sind unübersichtlich, da er zunächst
in Deutschland, während des Dritten Reiches in der Schweiz, dann wieder
in Deutschland veröffentlichte. Manche der folgenden Bände überschneiden
sich inhaltlich: Erzählungen sind ausgekoppelt oder überarbeitet
und sind daher teilweise zusammengefaßt angegeben. Chronologisch
und in den letzten Lebensjahren entstanden sind die Publikationen der Reihe
"Wilde
Lebensfahrt".
5.1 Heye-Bibliographie
Vitani. Kriegs- und Jagderlebnisse in Ostafrika
1914-1916
Leipzig, Grunow, 1921, 4 Aufl. bis 1931
Hatako. Das Leben e. Kannibalen
Berlin, Safari-Vlg. (DEA 1921) in zwei Aufl. u. vier Ausgaben bis
1945
Wanderer ohne Ziel. Von abenteuerlichem Zwei- und Vierbein
Berlin, Safari (DEA 1922), 2 Ausg.
Unterwegs. Die Lebensfahrt eines romantischen Strolches
Berlin, Safari (DEA 1925), 30 Aufl. in 5 Ausg. bis 1948, (=Wilde
Lebensfahrt 13)
Allah hu akbar. Unterwegs im Morgenlande
Berlin, Safari Vlg. (DEA 1926) 5 Aufl. u. 3 Ausg.bis 1961
Meine Brüder. Bilderbuch einer langen Fahrt durch befremdliche
Länder und Zeiten
Berlin, Safari-Vlg., (DEA 1926), 2 Aufl. u. sechs Ausgaben bis 1951
Pech. Afrikanische Zufälle
Berlin, Safari, (DEA 1927), 2 Aufl.
Brennende Wildnis. Bilderbuch eines langen Weges durch befremdliche
Länder und Zeiten
Berlin, Safari-Vlg. (DEA 1927)
Filmjagd auf Kolibris und Faultiere. Nach brasilianischen Tagebuchblättern
eines Kurbelmannes
Berlin, Safari (DEA 1929), 2 Ausg.
Millionen am Amazonas. Roman
Berlin, Safari-Vlg. (DEA 1930)
Tiere, wie ich sie sah. Aus Urwald und Steppe
Berlin, Safari Vlg. (DEA 1933)
Im letzten Westen. Mit Trappern, Fischern, Goldsuchern in Alaska
Zürich, Müller, 1939, 32 Tfll., 304 S., Ln in 5 Aufl.
bis 1953
In Freiheit dressiert
Zürich, Müller, (DEA 1940) 160 S
(=Wilde Lebensfahrt Bd. 1) zwei Aufl. und zwei Ausgaben bis 1961
Hinein nach Afrika
Zürich, 1940, 160 S., Ill., zwei Aufl
(=Wilde Lebensfahrt Bd. 3)
Die Wildnis ruft
Zürich, Müller, 1941, 164 S., Ln
(=Wilde Lebensfahrt 4), 2 Aufl. bis 1943
Steppe im Sturm
Zürich, 1942, 159 S., Ln
(=Wilde Lebensfahrt Bd. 5)
Ewige Wanderschaft
Zürich, Müller, 1942, 154 S., Ln
(=Wilde Lebensfahrt Bd. 6) 2 Ausg.
Amazonasfahrt. Erlebn. in Brasilien
Zürich, Büchergilde Gutenberg 1944, 2 Ausg. bis 1950
Hatako-Mariani. Das Leben eines Kannibalen
Zürich, Müller, 1945, 192 S., Ln
(=Wilde Lebensfahrt Bd. 11)
Unterwegs. Afrikanische Zufälle
Zürich, Müller, 1947, 170 S
(=Wilde Lebensfahrt Bd. 13)
Amazonasfahrt. Erlebn. in Brasilien
Zürich, Müller, 1950, 302 S., Ln. (=Wilde Lebensfahrt
Bd. 19)
Ein Leben unterwegs
Berlin, Safari, 1948, 2 Ausg. bis 1950
Allahs Garten. Erlebnisse im Morgenland
Zürich, Müller, 1961, 188 S
(=Wilde Lebensfahrt Bd. 2)
5.2 Weitere Literatur
Pola Brückner
Eine Frau ging in den Urwald
Berlin: E. Steininger 1939
179p, 18 SW-Abb. a. 16 Tfll., 2 Ktn.
Francis Courtade, Pierre Cadars
Geschichte des Films im Dritten Reich
Bücherg. Gutenberg Frankf./M. 1976
Franz Eichhorn
In der grünen Hölle. Kurbelfahrten durch
Brasilien
C. Bertelsmann, Gütersloh 1952
237p, OLn, 24 SW-Tfll.
Carl Hagemann
Weltfahrt. Ein unempfindsames Reisebuch
Schuster u. Loeffler, Berlin, 1921
15 x 22 cm, 339p, OInt.-Brosch.
August Hauer
Kumbuke
Deutsch-Literar. Institut J. Schneider, Berlin, 7.A.
1943
15x21cm, OPppbd, 326p, 30 SW-Abb. a. Tfll. u. 3 Kartenskizzen
Johannes Beer (Hg.)
Der Romanführer. Teil II. Bd. 4
Stuttgart: Hiersemann 1953
Wilhelm Kosch, H. Rupp, L. lang
Literatur-Lexikon. Biographisch-Bibliographisches
Handbuch. 9. Bd.
Bern/München: Francke 1984
Frank Eden
Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer. Exkurs: Artur
Heye. In: Gottfried Bergner, Ansgar Häfner: Der Afrikaner im deutschen
Kinder- und Jugendbuch. Untersuchungen zur rassistischen Stereotypenbildung
im deutschen Kinder- und Jugendbuch von der Aufklärung bis zum Nationalsozialismus.
Eine Ausstellung im Rahmen der 11. Kinder- und Jugendbuchmesse aus den
Beständen der Universitätsbibliothek Oldenburg aus Privatbesitz
und Sammlungen
Oldenburg 1985
Ausrüstung:
"In einen guten deutschen Rucksack kamen ein Hemd und
ein Paar Strümpfe, ein Wandervogel-Kochgeschirr, die Taschenapotheke
und die Kamera, an die Füße ein Paar vertrauenswürdig dickesohlige
Schuhe und Ledergamaschen, über die Schulter die Feldflasche, auf
den Buckel dann der Rucksack." Auch ein Kompaß, Hartspiritus, eine
elektrische Taschenlampe, Füllfederhalter, Rasierapparat, Zahnbürste
gehören zur Ausrüstung.
Ende April 1926 sitzt Heye im Cafe Groppi in Kairo
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