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Fanatiker der Einsamkeit
Die Reisen des Arthur Heye

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Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens - AGIR

 


Teil 1  Teil 2  Teil 3  Teil 4


Warum reisen wir? - Damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem Leben möglich ist!

Max Frisch, Tagebuch

3 Die Reisen Artur Heyes
1899-1934

Flucht aus dem Elternhaus (1899)

Artur Heye ist ein romantischer Träumer mit einer Sehnsucht nach außergewöhnlichen Abenteuern und dem Drang nach neuen, unbekannten Wegen. Für Träume war jedoch kein Platz: "[Meinen Stiefvater] interessierten nur Wochenlohn und Kostgeld." Bereits als Elfjähriger muß er in Kneipen Kegel aufstellen, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Seine Schulzeit ist vorbei und ein halbes Jahr hat er bereits für die Buchhandlung Wagner & Sohn in Leipzig Pakete ausgefahren, als er an einem regnerischen Oktobertag ein goldenes Zwanzigmarkstück auf der Straße findet. Kurz entschlossen bringt er die Bücher zurück, läßt sich Lohn und Papiere geben und begibt sich zum Bahnhof, ohne noch einmal nach Hause zu gehen, und ist am nächsten Vormittag in Hamburg. Er flieht vor der Enge des Elternhauses und der Heimat.

Der wahre Reisende weiß nicht, wohin die Reise geht, der wahre Abenteurer weiß nicht, was er erleben wird. Seine Reisen führen ihn nicht eher in eine Richtung
als in eine andere. Seine Neugierde 
ist nicht auf einen bestimmten Punkt gerichtet.

Tschuangtse

Seefahrer-Romantik (1900-1902)

Sein Plan, sich auf einem Schiff zu verdingen, scheitert jedoch an seinem Alter: Ohne eine polizeilich beglaubigte Einwilligungserklärung der Eltern kein Anheuern. So ergeht es ihm in Hamburg, in Bremen, in den holländischen Häfen bis Rotterdam, im belgischen Antwerpen. Geld und Stiefel wurden ihm bereits in der zweiten Nacht gestohlen, danach wurde es bitter: "Es war eine elende Wanderung. Ich hatte keine Auslandspapiere, kein Geld, keine Sprachkenntnisse und keine Lebenserfahrung. Nur eine Mords-angst vor jeder Uniform und vor dem Betteln. So marschierte ich meist nachts, lebte von Rüben und Kartoffeln, die ich aus den Mieten scharrte, und schlief stundenweise in Feldscheunen ..." Nach drei Wochen spendiert ihm eine Bäuerin Strümpfe und Stiefel und vernünftiges Essen. Drei Tage vor Weihnachten findet er in einer Schifferkneipe in der Antwerpener Margaretengracht eine Stelle in einer Kneipe. Anfang März geht er als Illegaler an Bord der Dreimastbark Luise Henriette mit Richtung Antarktis, zum Walfischfang. Mit der Sauberkeit an Bord ist es nicht weit her: "Die Sonne briet das alte Walfischboot förmlich aus, es schwitzte Tran aus allen Fugen und gebar Lebendiges aus allen Ritzen. Die Kojen begannen von Flöhen und Wanzen, das Hartbrot und Backobst und zuletzt auch das Fleisch von Käfern, Würmern und Maden zu wimmeln ..." Auch in der Mannschaft gärt es: "Unter den sechundvierzig Mann befanden sich Vertreter von etwa zwanzig Nationen; und fast jeder wäre würdig gewesen, das Verbrecheralbum seiner Nation als Titelblatt zu zieren." In der Biskaya gibt es den ersten Aufstand mit Messerstecherei, kurze Zeit später will ihn ein Matrose vergewaltigen, nochmals einige Tage darauf verschwindet der erste Steuermann: spurlos und mitten auf See. Die Woche drauf brennt das Schiff. Nur zwei der fünf Rettungsboote überstehen den Untergang des Schiffes am 25. April 1900 vor der westafrikanischen Küste. Anderntags schon werden sie von der Kinfounds Castle aufgenommen und in Lissabon abgesetzt. Die Passagiere sammeln 120 Franken für ihn, das deutsche Konsulat stellt ihm ein Seefahrtsbuch aus. Außerdem läuft er einem hübschen Mädchen in die Arme: "Heute noch bin ich jenem portugiesischen Mädel tief dankbar, daß durch sie der Weg zu den Frauen für mich nicht der übliche war, den sonst junge Männer zu gehen haben ..."

Vier Wochen später verabschiedet er sich und schifft sich an Bord des englischen Vollschiffes Black Swan ein. Über Pernambuco, Bahia, Rio de Janeiro und an Kap Horn vorbei geht es zu den Galapagos, um Guano zu bunkern: "Das ganze Schiff war in die penetrant und stechend riechenden Staubwolken dieses Teufelszeugs gehüllt. Es legte sich auf die hustenden Lungen, fraß sich, mit dem unaufhörlich rinnenden Schweiß vermischt, wie flüssiges Feuer in Augen, Nase und jede Hautritze und erzeugte einen juckenden Hautausschlag ..."

Auf dem Rückweg holt bei Kap Horn ein gigantischer Brecher den neben Heye stehenden Matrosen so schnell von Bord, daß der keinen Laut von sich geben kann. Weihnachten 1901 läuft das Schiff in Rotterdam ein. Ein kurzer Besuch zu Hause, dann begibt er sich als Leichtmatrose mit einem Sack voller antiquarischer Bücher an Bord des Geestemünder Dampfers Westfalen. Die Fahrt geht über Indien und Ceylon nach Java und zurück durchs Mittelmeer. Im tunesischen Sfax laden sie Guano: "Mein Körper sah aus wie eine geschabte Mohrrübe."

Als sie den Hafen von Genua am 27. April 1901 verlassen, rammt sie ein Torpedoboot und das Schiff sinkt beinah. Das Schiff wird im Dock instandgesetzt, Heye kuriert eine gebrochene Rippe und eine Gehirnerschütterung aus. Eines Tages sitzt er wartend auf dem Konsulat, liest Schopenhauer und verdankt diesem Anblick, daß der Konsul ihm 14 Tage Landurlaub verschafft. Die verbringt er wandernd in Oberitalien. 

Im Juni oder Juli wechselt er auf das Vollschiff Gwendolin und setzt nach Florida über. Einige Frechheiten verschaffen ihm zwar die Sympathie der Mannschaft, aber Hiebe vom Steuermann. Pech ist, daß er sich wehrt, denn darauf steht Zuchthaus. Die Mannschaft verhilft ihm jedoch zur Flucht und schmuggelt ihn von Bord. 

Ohne Seefahrtsbuch findet er lediglich einen Job als Junge auf der Jacht Pigeon, bei einem reichen Exzentriker, der vor der Küste Yukatans nach Perlenbänken suchen will. Auch diese Fahrt endet nach zwei Monaten mit einem Desaster. Vom Fieber befallen sterben fünf der sieben Besatzungsmitglieder, nur Heye und der Jachtbesitzer überleben. Im Hospital von New Orleans verbringt er drei Monate. Als er nach 4 Wochen feststellt, daß er anscheinend dauerhaft erblindet ist, unternimmt er zwei Selbstmordversuche. Nach weiteren acht Wochen hat er ein Drittel seiner Sehkraft zurückgewonnen, weitere zwei Monate braucht es zur völligen Genesung. 

Mit seiner schlechten Sehkraft verdingt er sich als Kohlenzieher auf dem Dampfer Dolly Dane und landet Anfang 1902 in Hamburg. Nun ist ihm, der gerade mal eben 16 Jahre alt, aber bereits dreimal dem Tod von der Schippe gesprungen ist, klar geworden, daß die Zeit der Seefahrt für ihn vorbei ist: "Es war Romantik gewesen, die ich gesucht hatte; gefunden hatte ich Schmutz und Rohheit und menschenunwürdige Behandlung und Beköstigung. ... in der harten, stumpfen Fron der Kesselhöllen ... sah ich in dem roten Schein der Feuer immer nur weite, windüberbrauste Grasflächen und wilde Gestalten ... hörte ... jauchzende, kraft- und freiheitstrunkene Schreie - immer lebendiger, immer plastischer und lockender."

Nur unterwegs erfährt man
das Gefühl märchenhafter Verwunschenheit.

Erich Kästner

Indianer und edle Wilde (1902-1904)

Schon nach drei Tagen Heimaturlaub findet er sich wieder als Heizer an Bord der Kaiser Wilhelm II. auf dem Weg nach Amerika. Am 16. Oktober 1902 macht er sich in Hoboken davon, auf der Suche nach seinen Träumen. Zunächst einmal landet er jedoch auf einer Farm und schaufelt drei Wochen lang Mist im Akkord. Er verdient einiges und lernt dabei amerikanisch: "Im Gegensatz zu allen anderen Dialekten, die ich schon gehört hatte, wurde es nicht mit dem Munde, sondern mit der Nase gesprochen." Er geht den Weg aller Greenhörner: "...auf dem Wege lagen noch viele Misthaufen ... Ich arbeitete bald hier, bald da, niemals lange ... war Farmarbeiter und Blumengärtner, Silberwäscher in einem Hotel, Speicherarbeiter auf einem Bahnhof, Streckenarbeiter bei der Bahn ... wurde ...natürlich auch hier und da um meinen Lohn betrogen oder, wenn ich ihn hatte, in den Elendsquartieren, wo ich kampierte, darum bestohlen ..." Er reitet Ponys zu, wird dann Postreiter. Das ist so ganz nach seinem Geschmack, allein durch die Wildnis von Tennessy, alle vier Tage 150 Meilen hin und wieder zurück. Doch eines Tages wacht er nachts von intensivem Brandgeruch auf und entkommt nur mit knapper Not einem Waldbrand. Er reitet vier bis fünf Stunden vor dem Feuer her, während das Gras unter den Hufen bereits raucht. 

Bei seinen Fahrten lernt er die Tramps kennen: "Sie rekrutieren sich aus Männern aller Länder, doch bilden Deutsche und Skandinavier den überwiegenden Teil. Es sind zum größten Teil für immer entwurzelte Existenzen, Leute, die ihre Veranlagung oder ihr Schicksal aus der Bahn des seßhaften, auf Erwerb gestellten bürgerlichen Lebens geworfen hat, die sich vor nichts und niemanden auf der Welt, vor keiner Härte, Entbehrung und Gefahr ihres Wanderlebens, wenn´s sein muß auch vor keinem verwegenen Spitzbubenstreich und Verbrechen fürchten, außer - vor anhaltender Arbeit! Ich habe Menschen unter ihnen getroffen, die seit vierzig Jahren kreuz und quer durch die riesigen Länderstrecken der Vereinigten Staaten zogen, Menschen, die seit zehn Jahren in keinem Bett geschlafen und keine drei Nächte hintereinander an demselben Platz gearbeitet hatten; Menschen, die ihren Namen und ihren Geburtsort vergessen hatten. Und wen das Leben amerikanischer Tramps einmal gepackt hat, der bleibt ihm meist verfallen für immer. Hinter jeder Weite liegen ja dort immer wieder neue, blaudämmernde Weiten, liegen Prärien, Wüsten, Ströme und Gebirge, tosende Millionenstädte und menschenleere Einöden, liegen eisige, von Schneestürmen überbrauste Gebiete, in denen halbjahrelange, polare Winter herrschen, und andere in strotzender, üppiger Fülle wuchernde, über denen sich glutheißer Tropenhimmel wölbt. Rastlos durchwandert der Tramp diese Mannigfaltigkeit und Gegensätzlichkeit, und Schauen und Wandern wird zuletzt Lebenszweck und Schicksal."

Doch Heye hat ein Ziel, er sucht die Indianer aus den Büchern seiner Kindheit und Jugend, den edlen Wilden, der Bisons jagt und Schmerz nicht kennt. Auf einer Farm arbeitet er dann mit einem Indianer zusammen: "Jedoch mein roter Kollege hier besaß die Gemeinheit, John Goodman zu heißen und mir, als ich am zweiten Tage anhub, ihn nach seinen Erlebnissen auf dem Kriegspfade auszuhorchen, mit sanftem Lächeln und demütig gesenkten Augen eine Bibel in die Hand zu drücken ¾ Von Stund an war er für mich Luft, er hatte mich zu tief getroffen." Einem Zwischenspiel als Zimmermann schließt sich eine Periode als Schmuggler an. Drei Monate holt er zusammen mit einem Kameraden Schmuggelgut auf Pferden aus Mexiko, dann erwischt sie die Grenzpolizei. Sein Kompagnon wird erschossen, Heye flieht. Als er nach einigen Wochen wieder seinen Kontaktmann im US-amerikanischen Alexander City aufsucht, hat schlechte Nachrichten für ihn: Heye wird wegen Mordes gesucht. "Bei eurer Rauferei mit den Grenzern ist einer erschossen worden. Mit einem Militärgewehr. Und da der arme Charles keins gehabt hat, mußt du´s gewesen sein. ... Der Mann ist natürlich bei der blödsinnigen Schießerei im Finstern von seinen eigenen Kameraden versehentlich über den Haufen geknallt worden." Heye flieht ins Apachen-Territorium. Dort wird er gastfreundlich aufgenommen, ist Gast des Häuptlings (der sich Sheriff nennt) und im übrigen enttäuscht: "Diese Abkömmlinge des wildesten und kriegerischsten aller Indianerstämme fristeten hier auf einem undankbaren Boden durch harte Arbeit, zu der sie weder Lust noch Befähigung hatten, ein kümmerliches und prosaisches Dasein." Dann erzählt man ihm von den "Indianos bravos", die nicht in Dörfern, sondern in ledernen Wigwams wohnen und noch nomadisch leben. Am nächsten Tag ist er auf dem Weg nach Mexiko, Indianer suchen. Fünf Wochen später finden jedoch die Indianer ihn, als sie die Farm überfallen, auf der er gerade arbeitet: "Sie sahen immerhin anders aus als ihre Brüder drüben im Territorium. Zwar noch schmieriger und zerlumpter als jene, aber auch lebendiger und selbstbewußter."

Sechs Wochen zieht er mit ihnen herum, dann bietet ihm der Medizinmann die Aufnahme in den Stamm an! Einzige Bedingung ist, daß er das Stammeszeichen, eine Schlange tätowiert bekommt. Heye stimmt zu. Während sich der ganze Stamm fein zurecht gemacht hat und die Trommeln dröhnen, ist Heye Gegenstand der Bemühungen des Medizinmannes. In einem Lederzelt werden ständig heiße Steine in Wasser geworfen und so eine Art Sauna erzeugt, während er tätowiert wird: "Das Schlimmste der Prozedur waren die Begleitumstände, die Ströme von Schweiß, die unaufhörlich an mir herabrannen, die erstickenden Wolken von Dampf und von beißendem Rauch, die von den Feuern und Öllampen kamen, der ranzige Gestank von gebratenem Fisch, gemischt mit dem widerlich süßen des Agavenschnapses, der in unheimlichen Mengen konsumiert und auch mir, trotz allem Sträuben, immer wieder einfiltriert wurde, das Gebrüll und Gegröle der Tanzenden und Saufenden und die paar hundert Nackenschläge, die nach und nach auf mich herabklatschten. Die Tierquälerei hat geschlagene neun Stunden gedauert!" Am nächsten Tag kommt der Medizinmann völlig verkatert und mit gläsernen Augen angeschwankt, lobt ihn, daß er gut ausgehalten habe, und kündigt die Tätowierung der zweiten, größeren Schlange auf dem Bauch an. Heyes Bedarf an Indianerromantik war gedeckt und in der kommenden Nacht nimmt er Reißaus.

Zwanzig Berufe in drei Jahren
(1904-1905)

Es folgen Arbeitswochen in einem Silberbergwerk in Nevada, als Erntearbeiter in Kalifornien, als Führer einer Dreschmaschine und als Holzfäller in Saskatchewan/Kanada. Mit Henrick Gullison, einem Finnen, den er im Silberbergwerk kennengelernt hat, sechs anderen Lumberern und 18 weiteren Leuten, einem Koch und einem Jäger zieht er in die verschneiten Urwälder von Saskatchewan, um den Winter über Bäume zu fällen. Jeder zahlt einen festen Betrag für Proviant, Schrotsägen und Stahlkeile. Im Frühjahr soll dann der erzielte Gewinn gleichmäßig unter alle verteilt werden. Schon nach kurzer Zeit herrscht Zwietracht; Raufereien wechseln sich mit Beschimpfungen ab, es bildeten sich Cliquen. Weihnachten gibt es den ersten Mord und die Aggressionen brechen offen aus. Im Bett liegend erhält Heye einen Messerstich. In der folgenden Prügelei werden zwei der drei Cliquen aus dem Blockhaus geworfen, erhalten Proviant und ihre persönlichen Sachen und ein Nimmerwiedersehen mit auf den Weg. Nachts rächen sie sich jedoch, indem sie den restlichen Proviant stehlen und, was sie nicht tragen konnten, den Füchsen und Wölfen überließen. Der Rest reichte nur noch für acht Tage. Mit der Holzfällerei war es damit zu Ende. 

Sieben Kameraden ziehen am nächsten Tag der Bahnlinie zu, Heye mit seinem verwundeten Bein, ein Holländer und Gullison bleiben zurück. Zwei Wochen später brechen auch sie auf und geraten in einen drei Tage dauernden Blizzard. Den Holländer erschlägt ein umstürzender Baum, auch zwei Drittel des Proviants verlieren sie. Zwei Tage später sind Gullisons Füße erfroren, so daß Heye ihn auf einem improvisierten Schlitten ziehen muß. Schließlich wird er zu schwach, geht allein weiter. Am fünften Tag erreicht er die Bahnlinie, macht ein Feuer und hält einen Güterzug an. Die Bahnangestellten holen Gullison, der bald darauf im Hospital liegt und einige Zehen amputiert bekommt.

Heye sucht in St. Paul, Minneapolis, Milwaukee und Chicago erfolglos Arbeit, dann findet er mit viel Frechheit eine Stelle als Beleuchter im Deutschen Theater: Eines Abends fällt er lachend von der Scheinwerfergalerie auf die Bühne, auf der gerade eine Komödie gegeben wird, und hat damit soviel Erfolg, daß er das nun jeden Abend macht und je drei Dollar extra erhält. Der Heldendarsteller des Ensemble nimmt bei ihm bezahlten Boxunterricht und einem angehenden Schriftsteller erzählt er seine selbst erlebten Abenteuerstories, das Stück zu fünf Dollar. Zuguterletzt verdient er sich ein Zubrot mit dem Verkauf seiner Freikarten für die Vorstellung. 

Insgesamt lebt er wie die Made im Speck, und seine Zusatzeinnahmen schickt er Gullison ins Krankenhaus, da diesem die gesamten Ersparnisse gestohlen worden waren. Ab Mai macht das Theater Sommerpause und Heye fährt mit zwei Freunden, einem steirischen Zimmermann namens Steinlehner und einem Iren gen Norden. Dort treffen sie sich mit Gullison und ziehen das im Winter gefällte Holz aus dem Wald. In sechs Wochen verdient er 220 Dollar und ist so reich wie nie zuvor.

Eine Reise ist ein vortreffliches Heilmittel
für verworrene Zustände.

Franz Grillparzer

Eigener Kamin ist Goldes wert
(1905-1908)

"Mir selbst aber war merkwürdigerweise in letzter Zeit öfters die Sehnsucht und jetzt der Entschluß gekommen, mir ein eigenes Stück Land und damit vielleicht etwas zu erwerben, was ich, wenigstens in seinem tieferen Sinne, noch nie besessen hatte - eine Heimat." Heye ist nun 19 Jahre alt.

Zusammen mit dem Schotten Frederik McArran plant er, in Britisch-Columbia eine Obst- und Geflügelfarm aufzubauen. "Die Zuteilung des Landes hatte keine Schwierigkeiten gemacht. Es war nur eine Erklärung zu unterschreiben, daß ich "British Subject" werden wollte, und eine kleine Schreibgebühr, zu der später noch eine für die Vermessung des Landes kam, zu bezahlen, und das Formale an der Sache war erledigt." Die beiden arbeiten wie die Besinnungslosen, Tag für Tag, bis spät in die Nacht in der abgeschiedenen Bergwelt. Einige hundert Beerensträucher, eine Milchziege und Hühner bilden vorerst die Lebensgrundlage. Heye überläßt das Geschäftliche dem sparsamen McArran. Der stellt noch zwei Leute ein. Nach einigen Monaten zahlt Heye für seine Vertrauensseligkeit: die drei haben sich zusammengetan und seine Enteignung geplant. Heye muß gehen, sein Geld ist weg und erst recht seine Träume von einer Heimat. "Es war mir rot vor den Augen und schwer in den Beinen, als ich langsam nach meinem Platze am Flusse ging. Ich habe lange dort gesessen und nachgedacht ... Aber als Abschluß stieg ganz leise und von ganz tief ein Lachen herauf, das immer stärker und stärker wurde, mir den Körper krümmte und Tränen aus den Augen preßte. ... Ich warf mich zurück, faltete die Hände überm Bauche, strampelte mit den Beinen und lachte, lachte so souverän, so herzlich heiter und so frei. Und nicht nur innerlich frei. ¾ Frei ¾ !" Im Hochgefühl der neuentdeckten Freiheit verprügelt er ganz genüßlich den Schotten, packt dann seine Sachen und sucht sein Glück nunmehr in den Staaten.

Kaum hat er die Grenze überschritten, gerät seine Freiheit wieder in Gefahr: "Tat sich nicht der Boden unter mir auf? .... Über mir im Rahmen des Fensters leuchtete ein Frauengesicht, das schönste Frauengesicht, das ich je gesehen hatte, und das auch das schönste für mich geblieben ist." Eigentlich will er nur ein Mittagessen schnorren, doch des Müllers Nichte hat es ihm angetan. Er bleibt, arbeitet, betet seine Holde an und seine Gefühle werden erwidert. So winkt schon wieder die Chance einer neuen Heimat. Doch das Glück ist kurz: "Ich wußte alles vom ersten Tage an; der Müller hatte mir gesagt, daß seine Nichte hier oben in den Bergen lebte, weil sie krank war, unheilbar." Einige Wochen später ist sie tot. "Dann kam das Bitterste, was mir das Leben gebracht hat bis jetzt. Ihre zerstörte, versagende Stimme und ihre Sonnenaugen baten mich, jetzt noch Abschied zu nehmen, solange auch sie noch, und wir beide allein und ohne die anderen Abschied nehmen konnten. Die Nacht brach an in mir, die für viele, viele Jahre keinen Morgen mehr haben sollte. ... Ich bin dann monatelang in den Gebirgen an der Küste des Stillen Ozeans herumgewandert ... Das einzige, was mich mit der Gegenwart verband, war der immerwiederkehrende Gedanke, wie gut es war, daß ich dort droben über hundert Dollar verdient und jetzt in der Tasche hatte, die es mir ermöglichten, alles, was ich zum Leben brauchte, mit drei oder vier Worten zu kaufen, die dann wieder für mehrere Tage, daß ich es nicht nötig hatte, Menschen um etwas zu fragen, zu bitten, überhaupt zu sprechen, das Schrecklichste, was mir damals begegnen konnte."

Es folgen wieder Zeiten mit Arbeit in einem Wanderzirkus, als Bergmann, als Schmiedgehilfe, als Telegraphen- und Farmarbeiter. Dann ergreift er die Gelegenheit, ein abgelegenes Sommer-Blockhaus in den Bergen, auf 2500 Metern Höhe, zu betreuen und hält sich dort fast ein Jahr auf. Dabei liest er ununterbrochen, eignet sich die Weltliteratur an. Das dabei leicht verdiente Geld reicht für weitere zehn Monate ohne zu arbeiten und er "lernte in einem fast schon an Manie und Irrsinn grenzenden Wander- und Bewegungstriebe 41 von den 48 Staaten der Union kennen."

Es folgen drei Monate Gefängnis wegen "Jumping". Anschließend verdingt er sich als Bauarbeiter und Wagenwäscher. Den folgenden Winter verbringt er auf See, heuert auf einem Viehdampfer nach London an und fährt umgehend als Passagier auf der Main wieder nach Amerika. Auf einem Bananendampfer fährt er als Heizer dreimal nach Jamaica und zurück, dann geht der Kahn unter, aber Heye überlebt (wieder einmal). Einige Monate ist er mit der Blumenschere in Florida aktiv, dann legt er für einen Farmer einen Sumpf trocken und holt sich die Malaria. 

Vier Jahre ist er nun in Amerika, man schreibt das Jahr 1906, und er macht sich mit seinem Kumpel Geodfrey auf zur Goldsuche - wie so viele andere. Der Erfolg läßt trotz intensiver Arbeit zu wünschen übrig: sie waschen für 82 Dollar Gold und hatten Ausgaben in Höhe von 210 Dollar. Nicht nur das, aus den Bergen kommend erliegt er mehrere Wochen einer Art Nervenfieber, das er in einem Kloster auskuriert. 

Wieder schließen sich viele Monate Wanderschaft und Arbeit als Farmarbeiter, Kellner, Mannschaftskoch auf einem Mississipidampfer an, auch in den berüchtigten Stahlwerken von Carnegie: "Bargeld bekamen wir so gut wie niemals in die Finger, die erbärmlichen Löhne wurden in Bons ausgezahlt. Für die kauften wir unsere Lebensmittelbedürfnisse in den Magazinen der Werke ein, wobei Carnegie nochmals verdiente. Mit diesen bezahlten wir auch die Wohnungsmiete für die schmierigen Baracken, in denen wir hausten ... Bei jeder Unpünktlichkeit und Widersetzlichkeit oder bei ungenügender Leistung gab es eine Geldstrafe ... Wer krank wurde, flog hinaus ... Irgendwelche Sicherheitsvorkehrungen gab es nicht, in meiner Sektion verbrannte oder verunglückten vor den Puddelöfen in drei Monaten vierzehn Mann tödlich; die Verletzten habe ich nicht gezählt."

1908/09 erfährt er vom Tode seines Stiefvaters und fährt als Heizer auf dem Passagierdampfer Potsdam nach Rotterdam. 

Herz, raff auf dich, zu reisen,
nur so entfliehst du Gewalt und Gesetz,
entfliehst du der eigenen Schwere,
die dir dein Wesen umschränkt und erdrückt.
Wirf dich ins Weite, wirf dich ins Leere,
nur Ferne gewinnt dich dir selber zurück!

Stefan Zweig

Fremd in der Heimat (1909)

An der Grenzstation in Emmerich will die Polizei seine Papiere sehen. Heye hat keine. Und daß er stattdessen den Grenzern die Zeitung reicht (er denkt englisch: Papiere=papers=Zeitungen), macht die Sache auch nicht besser. Vier Tage wartet er in einer Zelle auf die polizeiliche Auskunft aus Berlin, dann darf er einreisen. Zu Hause findet er eine alte und müde Mutter, Erinnerungen an Heimat, an seine verstorbene Geliebte. Er muß arbeiten, um seine Mutter zu versorgen. Doch ohne Papiere geht das nicht so leicht in Deutschland und der Bau, auf dem er dann landet, friert nach vier Tagen ein. Da kommt er erstmals auf die Idee, seine Erlebnisse aufzuschreiben, Geschichten zu verkaufen. 

Bei der Arbeiterzeitung wird er vorstellig, bietet einem Dr. Morgenstern seinen ersten Artikel an - das, so sagt er, sei der schwerste Gang gewesen, den er je getan hat. Und er hat eine Goldgrube aufgetan: er soll so viel schreiben, wie er nur kann. Etwa fünfzig Geschichten verfaßt er in den nächsten Wochen und ist erstaunt und glücklich über den Geldsegen, den ihm die Geschichten bringen. Dann stirbt seine Mutter, und Heye hält es nicht mehr in Deutschland. Er ist nun völlig bindungslos: "Was wollte ich eigentlich noch hier in dieser Wohnung, dieser Stadt, diesem Deutschland -?"

Die Erfahrung, daß wir eines reinen Enthusiasmus
fähig sind: dies ist der eigentlichste Gewinn der Reisen.

Johann Wolfgang von Goethe

Sanatorium und Beduinen (1909-1912)

In Herbst 1909 wandert er durch die Schweiz und Österreich, halb betäubt, ohne Perspektive und Ziel, bindungslos, lebensmüde: "Wie schon einmal, drüben im fernen Oregon, trug ich ein schweres Herz auf die Höhen der Berge hinauf. Auf dieser Wanderung geriet ich zweimal nacheinander in einen Schneesturm, und beim zweiten mal war es nur ein Zufall, daß ich in tiefer Nacht noch das Hospiz St. Christoph am Arlberg erreichte. Ich war jenem Zufall kaum dankbar." Als er in Venedig das Meer sieht, schifft er sich als Passagier auf der "Baron Call" nach Alexandria ein. Von seinen 100 Mark zahlt er 65 Franken für die Überfahrt (Deckpassage, ohne Bett und Beköstigung), einiges für Verpflegung (Salami, Gorgonzola, Biskuits, Kaffee, Brot). Kaum in Alexandria gelandet, nimmt er schon die Eisenbahn nach Kairo. Alexandria, Eisenbahn und Kairo sind nicht anders als heute: Überfüllt, laut, lebendig. Jeder kauft, verkauft, handelt, bietet Dienstleistungen an. Den "alltäglich lärmenden Maskenball" nennt das Heye. Mit nur 12 Mark erlebt er seinen ersten Tag in Kairo, verbringt die erste Nacht im Hotel Khedivial. Die Arbeitsuche hat wenig Erfolg, darum quartiert er sich für zwei Piaster pro Nacht (40 Pfennig) in der Philantropic Society Home in der Sharia Dawawine ein. Dort trifft er auch noch "...zwei unverkennbar deutsche Wandervögel mit Kniehosen, Schillerkragen und Rucksäcken, und auf einen war tatsächlich eine Klampfe aufgeschnallt!" Die beiden hatten den ganzen Balkan, die Türkei, Syrien und Palästina durchlaufen und legten nur die letzte Strecke von Haifa nach Alexandria mit dem Schiff zurück. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie sich mit dem Musizieren auf Klampfe und Mundharmonika. Einer der beiden heißt Franzl Kirchleitner, ist Kaufmann aus Tirol, der zweite ist ein namenlos bleibender Berliner. 

Zwei Nächte verbringt er zwischen Sphinx und Pyramiden. Die haben es ihm so sehr angetan, daß er sich gar nicht satt sehen kann und sie bei Sonnenauf- und untergang erleben will. Schon damals schimpft er bereits auf die aufdringlichen Fremdenführer und Händler, die jedem Touristen den letzten Piaster abzuknöpfen versuchen. Am dritten Tag findet er eine Stelle als Hausdiener bei einem Dr. Finkelstein, dem Leiter eines Sanatoriums für alkoholgeschädigte Russen in Heluan. Da gibt es zwar nur 15 Franken monatlich, doch die Arbeit ist leicht und schnell gemacht und Heye hat Zeit für das von ihm so geschätzte Volksleben: "Anfangs trieb ich mich auf Markt und Gassen des Araberviertels herum, lauschte, spannte und schnüffelte in jede Unterhaltung, jede Schimpf- und Keilerei, jede Handwerker-, Markt- oder Kaffeebude hinein, wurde dabei auch manchmal aus privaten Lokalitäten wie winkligen Höfen, dämmerig-kühlen Moscheen und verträumten Paschagärten, in die es mich wie am Schopf hineingezogen hatte, wieder herausgeworfen und vermißte dabei immer wieder und immer schmerzlicher die Kenntnis der Landessprache." Von einem englischsprechenden Kaffeewirt und einem emeritierten Dozenten der Al-Azar-Universität lernt er während zahlloser Kaffees Arabisch.

Gemeinsam mit Kirchleitner und einem Architekten macht er einen Ausflug nach Bedraschem; sie organisieren Bahnkarten in der dritten Klasse: "Man bekommt zu leicht Läuse in dem Gedränge; so fingen wir einen zerlumpten Jungen ein, der die Fahrkarten besorgte. Er kroch einem Fellah zwischen den nackten Beinen hindurch und kam bald zurück. Fahrkarten und Geld stimmten, er erhielt Bakschisch und gleich darauf eine Ohrfeige, weil er nicht zufrieden war. Dann war er´s." In Bedraschem steigen sie aus, zahlreiche Jungen bieten offensiv ihre Esel an. "Jetzt versuchten sie es in Englisch und Französisch und ermäßigten alle hundert Schritte den Preis um einen Schilling. Wir sahen und hörten einfach nicht. Da mußten sie das Unfaßbare glauben, daß wir zu Fuß gehen wollten. Lautes Hohngeschrei erscholl."

Im Heluaner Sanatorium engagiert er sich, installiert elektrisches Licht und verdient dabei satte 150 Franken. Als der bisherige Direktor wegen Unfähigkeit entlassen wird, übernimmt er die Verwaltung des Sanatoriums. Den Sommer über ist das Sanatorium geschlossen und so zieht er im April in die Oase El Fayoum. Beduinen sucht er, die Welad Ali, von denen ihm Kirchleitner erzählt hatte. Als Freund eines Freundes wird er freudig begrüßt und als Gast aufgenommen, doch das nachhaltigste Andenken war ihm die erste Nacht: "...Dazwischen kratzte ich mich einmal, und dann noch einmal, wurde müd, legte mich auf die Seite, kratzte mich wieder, dann an zwei Stellen zugleich, dann an sechsen, fuhr beunruhigt in die Höhe, konstatierte, daß es mich schon an mindestens sechzig biß und zwackte, rieb und scharrte mich in steigender Verzweiflung und stellte mit gestrräubtem Haar fest, daß der ganze Teppich springlebendig war in des Wortes verwegenster Bedeutung, von hunderttausend Zwackern und Beißern!" Den ganzen nächsten Tag staunen ihn Besuchern an, inspizieren seinen Rucksack neugierig und nennen das Auflösen einer Brausetablettte Zauberei.

Die Beduinen genießen keinen guten Ruf bei der seßhaften Bevölkerung. Der zuständige Bey beschuldigt sie des Haschisch- und Waffenschmuggels, der Steuerhinterziehung, des Wild- und Viehdiebs und anderer Vergehen. In der Sache wohl auch zu Recht, doch haben die Beduinen ein anderes, tradiertes Rechtsempfinden.

Der unverbesserlich romantische Heye (er über sich selbst) erwischt sich: "...daß ich ganz absonderliche Träume spann von ziehenden Kamelen in grenzenlosen Wüsteneinöden, von wilden Ritten auf falbem Pferde durch Wind und Sonnenglanz, von einem niederen Zelt unter rauschenden Dattelpalmen und von dunklen heißen Augen, die unter schwarzen Locken und klirrenden Silbermünzen hervorblitzten..." Ähnliche Phantasien gab es wohl auch auf der anderen Seite, da Heye sich mit einem Beduinenmädchen, Omm er Cherik, anfreundete in einer Art, die für ihn eher Kameradschaft war, für die Beduinen gleichwohl mehr bedeutete. 

Als er sich dann noch erfolgreich bei dem Bey für den Anführer der Beduinen, Abd er Rahd, einsetzt, wollen die ihn gar nicht mehr gehen lassen und veranstalten ein Fest zu seinen Ehren: "Nach dem ersten Kaffee aber erhob sich Abd er Rahd ... Er log mir in schamloser Weise nie besessene Tugenden an, pries die meiner Vorfahren, von denen ich selber nichts wußte, und versicherte mir, daß die Herzen seiner Brüder öde und unnütz wie versiegte Brunnen sein würden, wenn ich ihren Duar je wieder verließe."

Sein Gastgeber preist ihm die Notwendigkeit, am nächsten Tag zum Islam überzutreten und Omm er Cherik als Ehefrau in sein Zelt zu führen. "Eiweih!" sagte ich, aber nur ganz leise ... Ich sprach von der großen Ehre und dem Glück, das hier daherkäme wie der Simum der Wüste, und daß ich sie alle beim Wort nehmen würde, aber erst an jenem Tage, an dem ich alles wüßte, was ein wahrer Gläubiger wissen muß von der Lehre des Propheten und mein Herz mich drängen würde, sie zu bekennen - ohne Lüge!" Das wird akzeptiert, Heye entkommt dem Glaubenswechsel und der Ehe. "Ich aber saß noch lange vor meinem kleinen Zelt mit einem unfreien und auch ein bißchen schamvollen Gefühl in der Brust. Ich war mir bewußt, daß ich hier nicht mehr lange bleiben und Hoffnungen nähren durfte, die ich nie erfüllen konnte, und starrte traurig in die stille Mondlandschaft der Wüste hinaus und wollte nichts mehr als hineinwandern in diese Weiten ohne Grenzen und ohne Ziel - wandern wie seither, getrieben von einem ruhelosen Herzen, für das es weder hier noch anderswo je eine Stätte des Bleibens gab- "

Mit einigen Männern des Stammes macht er sich auf zu einer Reise an die libysche Grenze, zum Dschebel Gheme im Gar el Lebben. Erst spät merkt er, daß seine Stammesbrüder vorhaben, dort Blutrache zu nehmen an den Welad Selmani. Heye findet sich plötzlich im Chaos: er wird krank, fiebert, der Sandsturm tobt, die Welad Selmani greifen an; Heye flieht auf einem Kamel, stürzt und erwacht nach Wochen, kaum genesen von Krankheit und den Folgen des Sturzes, schwach und abgezehrt. 

Bis zum nächsten Frühsommer bleibt er bei den Beduinen, vereitelt durch einen Zufall einen Mordanschlag von Senussi-Derwischen auf den Mudir von Fayoum: "eine Sache, die mir einerseits einen schweren Kolbenhieb über den Schädel, andererseits aber auch einige wertvolle Geschenke und Empfehlungen von dem dankbaren Mudir und einen wahren Heldenruhm bei den Beduinen eingetragen hatte."

Nach diesem abenteuerlichen Winter taucht er wieder als Direktor in dem Sanatorium des Dr. Finkelstein unter, die Zivilisation hat ihn wieder: "So kam es, daß ich vom Morgen bis Mitternacht aus einer atemlosen Hetze nicht herauskam und mir mein Leben in der Wüste schon nach kurzer Zeit wie ein gänzlich unglaubhafter Traum erschien." Nur drei freie Tage hat er in diesem zweiten ägyptischen Winter, ein Ausgleich bietet sich anschließend:

In 26 Tagen läuft er zu Fuß, immer am Nil entlang, von Kairo nach Assuan, rund 1000 Kilometer. Er besucht zahlreiche Sehenswürdigkeiten und zahlt nirgends Eintritt, denn als Zeitungsschreiber hat er vom "Direktor der Altertümer" in Kairo eine Freikarte erhalten. Für Abendbrot und Nachtlager sorgte in jedem Dorf die orientalische Gastfreundschaft. "In den größeren Dörfern, die ich passierte, gab´s manchmal einen armseligen Kramladen, der immerhin genug für meine bescheidenen Bedürfnisse feilbot: Brot, Schafkäse, Datteln, Apfelsinen, Halaw, das ist eine orientalische Süßigkeit, die aus Honig, Mandeln und Nüssen besteht und köstlich schmeckt, dann Kaffee und Zigaretten." In den Städten erwartet ihn sein vorausgeschickter Koffer, er erholt sich zwei, drei Tage in einem Hotel mit Bad und Barbier, dann zieht er als Tramp weiter. Ende Juni ist er in Wadi Halfa, am 6. Juli wieder in Assuan und besucht den Deutschen Neufeld, der eine Pension betrieb: "... er ist Verfasser des Buches "In den Ketten des Kalifen". Neufeld war viele Jahre hindurch Gefangener des Mahdi; in der ersten Zeit hat er monatelang jeden Sonnenaufgang mit dem Gedanken betrachtet, daß es der letzte sein könnte... [Er] erzählte mir in abendlichen Plauderstunden mancherlei aus jener stürmischen Zeit, da die wilden Scharen des falschen Propheten die Wüsten des Sudan und die Wasser des Nil rot gefärbt hatten mit dem Blut der Ungläubigen ... Es waren Geschichten voller Blut und Grauen, die ich da hörte." Seine Erlebnisse beschrieb Neufeld in einem eigenen Buch.

Mit Neufelds Hilfe ersteht er ein Kamel für 55 Pfund (= 1500 Schweizer Franken). Sein Freund Ali, ein ägyptischer Polizist aus Heluan, und ein einheimischer Führer namens Assibje begleiten ihn auf dem Weg zur südlichsten Oase von El Charge (=El Kharga) in der Libyschen Wüste, auf einem 250 Kilometer langen Ritt, davon 180 Kilometer ohne Wasser. Ein viertes Kamel trägt einen zusätzlichen Wasservorrat: "Die Tour war und blieb trotz dieser Vorsichtsmaßnahme ein gewagtes Unternehmen; mir ist erst später klar geworden, daß sie eigentlich eine unverantwortliche Tollkühnheit gewesen ist." Die Mißlichkeiten bleiben nicht aus: Dem Führer fehlt jedes Orientierungsvermögen, bereits am zweiten Tag klagt er über Durst, Hunger, Schmerzen in den Beinen, Kopfweh etc., dann versucht er sich mit dem Wasser davonzumachen, wenig später geraten sie in einen Sandsturm und überdies scheint das neuerworbene Kamel völlig überzüchtet und zu jung zu sein für solch eine Tour. Halb verdurstet erreichen sie ihr Ziel.

Erholt brechen sie sechs Tage später nach El Charge auf. Dort trifft Heye einen Berliner: "Ick bin ´n Berliner, mein Name ist Herbig. Det heeßt, so ha´ick früher mal jeheeßen, hier kennt man mir unter dem Namen Said Hamis. Ick lebe schon zweeunzwanzig Jahre uff diesem Kaff, fabriziere Schuhe und Babuschen, besitze vierzig Dattelpalmen, ´ne Herde Ziegen und keene Frau mehr. Dafür aber fünf Jöhren." Weitere 22 Tage lang begleiten sie eine Karawane nach der 450 Kilometer entfernten Oase El Farafre. Heye ist vorsichtig, da er nach seinen Auseinandersetzungen mit den Senussi im Vorjahr auf deren Abschußliste steht.

Allein ziehen sie weiter, über Ain el Wadi zur Oase Siwa, wo er bereits im Vorjahr bei Jussuf ibn Joris gewohnt hatte. Wieder schaffen sie es nur knapp, Ali konnte sich nicht mehr auf dem Kamel halten, Heye wird bewußtlos, als er die ersten berittenen Polizisten sieht. Nach zwei Tagen und drei Nächten erwachen die beiden, haben die Krisis überwunden. Da die Senussi die Bevölkerung gegen ihn aufwiegeln, verläßt er einen Tag später in Begleitung einiger Polizisten die Oase. Sie besuchen die Welad Ali, müssen jedoch nach einigen Wochen aufbrechen, da Ali schwer erkrankt ist, und begeben sich über Wadi Achdar und Bir Fuka nach Alexandria. Insgesamt hatten sie etwa siebenhundert Kilometer mit ihren Kamelen zurückgelegt.

Noch einen dritten Winter arbeitet Heye im Sanatorium, doch langsam wird ihm die Arbeit ärgerlich und widerlich. Im Mai vertauscht er den schwarzen Rock gegen den abgeschabten weißwollenen Beduinenmantel und empfiehlt sich mit einem "Salem aleik, ya sitt" aus dem Sanatorium "Sdorowje". Über das Natrontal und das Kloster Amba Bichai zieht er zum Brunnen Schech Selim. Dort begegnet er drei Derwischen; einer davon, Ibrahim der Senussi-Missionar, hatte ihm im Vorjahr den Scheitel mit dem Gewehrkolben gezogen. Mit der Pistole drohend entkommt Heye in die Nacht. Diese Feindschaft war so tief, daß das Oberhaupt der Senussi in Kufra den Stämmen der Mariut-Steppe drohte, daß jeden der Senussi-Fluch treffen würde, der Heye Gastfreundschaft gewähre. 

Um seine Freunde nicht zu gefährden, verläßt Heye die libysche Wüste, verbringt die nächsten drei Monate auf dem Weg nach Jerusalem und zurück, freilich alles mit dem Kamel. Auf der Rückreise sieht er auf dem Suez-Kanal den Ostasien-Dampfer Fürst Blücher vorbeiziehen. Ein ungewaschener Heye, nach Kamelen stinkend hier - dort der weiße Dampfer mit blitzsauberen Menschen. Heye fragt sich: "Warum zum Teufel ließ ich mir schon den dritten Sommer hindurch tagsüber Blut und Gehirn von der Sonne der Wüste ausdörren und nachts die Knochen von Eiseskälte durcheinanderschütteln? Warum gab ich Läusen und Flöhen, Wanzen und Zecken Gelegenheit, mich zu peinigen? ... Wer zwang mich denn, mir den Magen fortwährend mit dungstinkenden dürren Brotfladen, mit ranzigen Ölsardinen, versalzenem und versandetem Tee und Kaffee zu füllen? War es auf die Dauer erträglich, keine Menschen zu haben, mit dem ich auch andere Gespräche führen konnte als über Pferde und Kamele, über das mehr oder weniger bittere oder salzige Wasser des nächsten Brunnens ... Wieso mußte ich jeden Herbst diese Art von Hundeleben mit dem keinesfalls beglückenden Dasein in einem öden Sanatorium vertauschen, wo ich den ganzen Winter hindurch Ärger hatte mit einem zappeligen, knickrigen Chef und seiner bösartig-dummen Frau, mit schlecht bezahltem und behandeltem Personal, mit ebenso verkommenen wie anmaßendem russischen Saufbolden? ... Ich hatte nunmehr genug Geld auf der Bank, um mir auch einmal eine Fahrt erster Klasse leisten zu können auf solchem Dampfer, dessen Tische von Silber und Damast funkelten! ... Ich träumte davon Bücher zu lesen, Theater und Musik zu genießen, in Muße gut zu essen und zu trinken, mich sauber zu halten und anständige Wäsche und Kleider zu tragen ..."

Die wahren wandrer aber sinds die reisen
Nur um zu reisen - federleichter hauf!
Sie können nie ihr schicksal von sich weisen.
Sie wissen nicht warum und rufen: auf!
Der sonne glanz auf veilchenfarbnen meeren
Der glanz der städte wenn die sonne sinkt
Entzündete in uns ein heiß begehren
Nach einem himmel der verlockend winkt.

Charles Baudelaire, Die Reise

Im Auftrag der Redaktion (1912-1914)

Zurück in Kairo verkauft er sein Kamel, kündigt dem Sanatoriumschef, packt seinen Koffer und verabschiedet sich von seinem Freund und Lehrer, dem Choga Dawud Scherif. Erster Klasse schifft er sich auf dem italienischen Passagierdampfer Vittorio Emanuele ein. Fünf Tage später, am 12.10.1912, sitzt er in seiner Heimatstadt (Leipzig?) im Café Reichskanzler und fragt sich: "Warum in aller Welt war ich dreifachgestrichener Idiot eigentlich `heim´, in dieses trübgraue, naßkalte, trostlose Europa gekommen-?"

So sinnierend trifft er Dr. Selle, den Redakteur der "Mußestunde", den er durch die Vermittlung des Dr. Morgenstern kennengelernt hatte. Zwei Stunden und zwei Flaschen Wein später sind sie einig: Heye ist der neue Weltreisende für die Mußestunde und berichtet regelmäßig. Dafür gibt es monatlich 150 Mark, maximal 300 Mark monatliche Reisespesen und eine Fotoausrüstung. Abends sitzt er wieder im Zug, Richtung Zürich. Überflüssiges hat er einer Tante geschickt, der einzigen noch lebenden Verwandten. Erst nach sieben Jahren kehrt er zurück.

Er wandert von Zürich über Flüelen, Airolo und Chiasso nach Mailand. Dort erhält er seinen Vertrag, in Florenz die Kamera mit einem Gewicht von zehn Kilo: "Es war ein äußerst solid gearbeitetes Tropenmodell aus termitensicherem Teakholz, mit einem vorzüglichen Objektiv, doppeltem Balgauszug, auswechselbarem Balg- und Compoundverschluß, und für Platten wie auch für Filmpack eingerichtet. Dazu kamen ein ebenfalls unverwüstliches und himmelhoch ausziehbares Stativ. Sechs Doppelkassetten aus Teakholz für Platten sowie zwei für Packfilme, Vorsatz- und Teleobjektive, Gelbscheiben und Belichtungsmesser, außerdem sechs mit einem kleinen Uhrwerk betriebene Selbstauslöser vervollständigten die Ausrüstung. Und das alles steckte obendrein in unsinnig schweren Lederkästen und Futteralen. Kopfschüttelnd stand ich vor diesem Segen ..."

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