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Eine Geschichte der Fußreisen

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Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens - AGIR

 

Teil 2


Teil 1:

Reisen wie im Traum
Jäger und Sammler - Immer unterwegs
Nomaden - Die Weiden sind das Ziel
Die Reisen der Seßhaften
Pilgerfahrten
Fahrendes Volk
Auf der Walz
Straße als Ghetto

Teil 2:
Wissen ist Macht
Die Hexe auf dem Zaun
Wandern - Die kultivierte Fußreise

Teil 3:
Literatur

 
Wissen ist Macht

Entdeckungen mögen hin und wieder durch Einzelgänger erfolgt sein, aber als Methode zur Verbesserung der Lebensqualität kann die Reise nur im sozialen Zusammenhang Erfolg haben - Er-fahrungen müssen weitergegeben werden, müssen nachfolgenden Generationen verfügbar bleiben. Der Wust weiterzugebender Information überfordert schnell jedes Gedächtnis. Was tun?

  • Erfahrungen wurden systematisiert, denn Regeln sind kürzer als die Summe einzelner Erfahrungen (Strukturales Regelwissen: Wasser findet sich an tiefliegenden Stellen, in Höhlen, im Schatten ...).
  • Unterschiedliche Beobachtungen wurden kategorisiert (Funktionales Wissen: Wenn dieses Gewässer immer in eine Richtung fließt, ist es ein Fluß. Ein stillstehendes Gewässer, dessen anderes Ufer ich sehen kann, ist ein See. Ein Gewässer, von dem ich nur ein Ufer sehe und das salziges Wasser enthält, ist ein Meer. Wenn Flüsse breiter werden, werden sie auch flacher und sind einfacher zu durchqueren).
  • Techniken wurden vorgemacht und nachgeahmt (Technisches Können: So macht man aus einem Ziegenfell einen Wassersack.)
  • Einzelbeobachtungen wurden in Geschichten verbunden. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Handlung können Geschichten Wege beschreiben. Gefährliche Stellen werden dramatisiert, ein Held zeigt Überlebenstechniken.
  • Die Weitergabe des Wissens erfolgte regelmäßig und wurde in bestehendes Wissen eingebaut. So wurden, vielleicht jährlich, Treffen der Gruppen mit gemeinsamem Ahnen festgelegt, Rituale dienten dem Informationsaustausch, Wettbewerbe der Anwendung von Techniken.
Die Festlegung des Ritualortes, die Auswahl der Teilnehmer, die Organisation der Rituale – all dies bedurfte eines Organisators, der im Umgang mit Wissen geübt war und die Techniken zur Tradierung des Wissens beherrschte – vielleicht ein Schamane oder dessen Vorgänger? Wissen ist Macht, organisertes Wissen ist Magie.

"Alles, was wir über die Bewegung des Meeres wußten, war in den Strophen eines Liedes enthalten. Tausende von Jahren gingen wir, wohin wir wollten, und dank des Lieds fanden wir sicher zurück ... Es gab ein Lied für den Weg nach China und ein Lied für den Weg nach Japan, ein Lied für die große Insel und ein Lied für die kleinere. Sie mußte nur das Lied kennen, und sie wußte, wo sie war. Wenn sie heimkehren wollte, sang sie das Lied einfach rückwärts. ..." (Die Worte einer alten Frau, einer sibirischen Schamanka, zit. nach Chatwin S. 380).

Es hat einiges für sich, daß die ältesten Wegbeschreibungen gesungen wurden. Das Gehen ist ein rhythmischer Vorgang ebenso wie Gesang, Sprechen dagegen erfolgt abgehackt. Wer einmalist der Lauf des Flusses hörbar beschrieben. Entsprechend lassen sich Blätterrauschen, Vogelstimmen, polternde Steine wiedergeben.

Die ältesten überlieferten Dichtungen der Menschheit sind Gesänge: Ilias, Odyssee, Nibelungenlied – fahrende Sänger sorgten für ihre Verbreitung. Der skop war der weitgereiste Sänger an germanischen Königshöfen, das englische Epos widsiht besingt die weite Reise. Caesar berichtete, daß die Druiden eine große Anzahl Verse auswendig lernen, Schrift gelte als Übel. Seit zweitausend Jahren beklagen Übersetzer Homers Hexameter: sie seien für keine lebende Sprache geeignet. Die Spekulationen sind alt, daß sie auf eine nicht überlieferte Hirtensprache zurückgehen, die den Rhythmus vorzog. Einige wenige Gruppen auf der Welt verwenden heute noch melodische Nachrichtensysteme – das Jodeln in den Alpen gehört ebenso dazu wie die Pfeifsprache auf La Gomera: So kommunizieren Hirten in schwer begehbaren Gebieten. Odysseus verstopfte sich und seinen Gefährten die Ohren mit Wachs, da die Lieder der Sirenen sie vom richtigen Weg abbringen wollten.

Ob Rede oder Gesang: Die direkte Kommunikation enthält Informationen, die im Schriftlichen verlorengehen. Tonhöhe und -fall, Gesichtsausdruck und Gestik, Kostümierung und Bewegung, Weihrauch und andere Gerüche verknüpfen die übermittelte Information mit zahlreichen anderen Eindrücken, die den Informationsgehalt verstärken und ein Erinnern erleichtern.

Das Lied als Landkarte mußte Struktur und Maßstab der Landschaft enthalten, es mußte im Ein-klang mit der Natur sein, Mißklang bedeutet Verirren und Gefahr. Der Fußreisende überwindet Raum und Zeit, indem er sich selbst zum Maß aller Dinge macht: der Meter ist ein großer Schritt, die Tagesreise sein Zeitmaß, der Stand der Sonne weist die Richtung. Er schafft Wege, wo sich keine Wildwechsel oder begehbare Bodenstrukturen fanden. Mag sein, daß heutige Straßenverläufe auf Wildwechsel in germanischen Wäldern zurückgehen. Mit einer sich langsam schließenden Infrastruktur gab die Tagesreise auch den Abstand von Wirtshäusern, Unterkünften, Poststationen vor. Doch nicht jeder Ort eignete sich gut - trinkbares Wasser, guter Boden für Gemüse-, Obst-, Weingärten für die Bewirtung, Fischteiche, Schutz gegen Wetter und Feinde waren nötig. Auf den besten Flecken entlang eines alten Weges mögen so schon früh winzige Keimzellen späterer Orte entstanden sein, vielleicht über die Zwischenstationen Bauernhof, Gut, Pfalz, Burg, Kloster. Sie alle boten dem Reisenden Schutz und Versorgung und in dunklen Nächten Orientierung durch Glockengeläut und Hundegebell. Ohne Landkarten und bei oft unsicherer Wegführung konnte er sich am nächsten Morgen ausführlich über die weitere Strecke informieren.

Gastfreundschaft und Herberge verlangen Gegenseitigkeit. Der Gast muß sich ausweisen, und sei es durch das bloße Wort: Wie heißt er? Woher kommt er? Was ist sein Ziel, der Zweck der Reise? Dafür erhält er Gastrecht: Essen, Trinken, Obdach, Auskunft über den Weg. Mißbrauch gibt es auf beiden Seiten, doch ist er nicht die Regel. Eine Steigerung erfuhr das Gastrecht innerhalb informeller Gruppen: Juden boten Glaubensbrüdern Unterkunft, Meister den wandernden Gesellen, Klöster standen allen offen, Spitäler und Hospitale den Pilgern.

Die Hauptmahlzeit war üblicherweise abends (wenn es denn etwas gab) - das französische Diner bedeutete ursprünglich "entfasten": zum Abend das erste Essen des Tages einnehmen. Diese Tageseinteilung findet man noch heute bei Nomaden in arabischen und afrikanischen Ländern. Selbst Brot war nicht immer selbstverständlich, schließlich setzt es einen Backofen und Brennmaterial voraus. Üblich war roher oder gekochter Getreidebrei. Das Wort "Kumpan" entstand aus "conpagn": Der Begleiter, mit dem ich mein Brot teile.

Ein Fußwanderer geht kaum langsamer als drei, kaum schneller als sieben Stundenkilometer. Eine Tagesstrecke von 25 Kilometern ist unter normalen Umständen problemlos, bei guten Wetter- und Straßenverhältnissen, bei entsprechender Kondition sind auch 70 Tageskilometer zu schaffen. Schlamm, Regen, Schnee, Eis verzögern das Tempo ebenso wie Flußüberquerungen, Täler, Berge, Unterholz, Sandboden. Orientierungspausen und Umwege kosten viel Zeit, Unterkunft, Essen, Trinken müssen organisiert, Schuhe geflickt werden. Erholungstage sind nötig, Krankheiten fesseln ans Bett, Zöllner machen Schwierigkeiten .... Der Probleme gibt es reichlich. Eine Strecke von 1500 Kilometern bedurfte etwa zweier Monate für einen Fußreisenden.

Jahrzehntausende lang gab es keine Alternativen. Ein erstes Verkehrsmittel war das Tragetuch für die Kinder, das zweite die nachgezogene Astgabel, beladen mit Lasten, Alten, Schwachen. Daraus mag die getragene Sänfte entstanden sein. Das Tragen von "Häuptlingen" verlangt Hierarchien, die es unter Nomaden kaum in solchem Maße gab. Wo immer möglich, folgten frühe Routen den Flüssen. Wenn Sümpfe, Überschwemmungsgebiete und Auen das Verlassen des Flußlaufs erforderten, könnten treibende Baumstämme, Flöße und Einbäume (Dug-outs) flußabwärts das Reisen erleichtert haben, waren aber mit hohem Risiko verbunden: Wo kam die nächste Stromschnelle? Wer konnte schwimmen im Fall des Kenterns? Zur Flußüberquerung waren sie sicher ein geeignetes Mittel. Auch der Beruf des Fährmanns dürfte zu den ersten Berufen gezählt haben, wurde vielleicht noch vor den Zeiten der Seßhaftwerdung auf den Routen der Nomaden von Ausgestoßenen ausgeübt. Das Reisen mit dem Esel gibt es seit dem dritten Jahrtausend vor Christus, das Kamel wurde erst tausend Jahre später genutzt, zu Pferd ritt man seit etwa 1000 v. Chr. – weil es Vorteile im Kampf bot. Der Mythos des Kentauren entstand. Erste Streit- und Reisewagen tauchten in der Antike auf, erforderten aber geeignete Straßen und eine gute Infrastruktur, die im Mittelalter zusehends verfiel. Erst im 11. Jahrhundert n. Chr. dienten Wagen wieder dem Reisen und dann zunächst für Verbecher, für Kranke, Frauen, Alte.


Die Hexe auf dem Zaun

Die seßhaften Hirten bauten Zäune als Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis, zwischen Mein und Dein. Die Hexe Hagazussa sitzt auf dem Zaun: ein Bein in der Wildnis, eines in der Zivilisation. Erfolglos waren die Versuche der Inquisition, sie in die Wildnis zurückzutreiben. Unsere heutigen Reisen sind Versuche, zurück in die Wildnis zu gelangen, doch können wir den Zaun nicht mehr verlassen. Reisen ist nur noch eine schwache Referenz vor dem Wilden in uns, im Tourismus bereits pervertiert: Verzicht und Bedürfnislosigkeit waren das Kennzeichen der nomadisierenden Menschen, im heutigen Tourismus gilt das Gegenteil: Man gönnt sich ja sonst nichts! Verzicht und Reisen sind Gegensätze geworden. Wer reist, kauft Sicherheit, Risiko läßt sich einklagen. Wir können nicht mehr unschuldig reisen wie unsere Ahnen. Der frühe Mensch suchte das Andere, das Fremde, der Reisende zwischen den Seßhaften wurde zum Anderen und Fremden, fast überall. Der Mensch ist auf sich selbst zurückgeworfen.

Den Zaun zwischen Wildnis und Zivilisation findet man in jedem Menschen: gebildet durch Neugier als Trieb in die Ferne mit der Möglichkeit, die Lebensumstände zu verbessern, und durch die Angst vor dem Unbekannten, um das Vertraute zu sichern. Angst erzeugt die Ungeheuer unserer Phantasie, Neugier ermutigt zur Begegnung mit der Wirklichkeit. Beide zusammen ließen Geschichten, Sagen, Märchen, Archetypen, Poesie und Musik entstehen, aber auch Wissen, Organisation, Magie. Heutige Wissen-schaft stellt Einzelwissen in ursächliche Zusammenhänge, Schamanen begnügten sich damit, Wissen in poetische und spirituelle Zusammenhänge zu stellen. Der von den Kelten am höchsten verehrte Gott war Merkur (Lug): Beschützer der Reisenden, Erfinder aller Künste, Meister der Dichter, Förderer des Handels. Als Hermes ist er Bote der Götter, Flügel beschleunigen seinen Schritt.

Der Zaun markiert eine Grenze, ist Einfriedung: der römische Limes, die Grenze zu den Barbaren, bezeichnete Straße und Grenze, sah darin keinen Unterschied. Eine Grenze zu überschreiten, war immer schon riskant und die Seßhaften verlagerten die Grenze, den Zaun zur Wildnis, auf ihre Türschwelle, heilig, wie vordem die Straße. Wer sie ungefragt übertritt, provozierte Gewalt. Romulus gründete Rom, indem er einen Kreis pflügte, und erschlug Remus, der diese Grenze übertrat. Die ersten Bewohner Roms waren Schäfer, Verbannte und Vagabunden – alles Fußreisende.

Straßen sollen die schnellste Verbindung zwischen zwei Punkten sein – aber der frühe Fußreisende hat nur einen Punkt, sich selbst. Einen zweiten Punkt wird findet der Wanderer nur im Traum. Die Straßen der Welt sind nichts anderen als die in die Wirklichkeit geholten Versuche unserer Ahnen, ihre Träume zu leben. "Du kannst nicht auf dem Pfad gehen, bevor du nicht Pfad geworden bist." (Buddha) Gleichförmiges Reisen bringt innere Ruhe, im Einklang mit der Umwelt, im Rhythmus des eigenen Seins.

Wer sich tief in die Wildnis verirrt, ist diesem Zustand am nächsten - er muß sich verlieren, um seinen Weg gestalten zu können. Der kürzeste Weg in der Wildnis führt durch Schluchten und Wasserläufe, endet an Abbrüchen oder im Sumpf. Der kürzeste Weg ist meist ein kraftraubender, falscher. Den richtigen Weg zu kreieren, das ist die Kunst. Sie erfordert ein tiefes Verständnis der Natur und der eigenen Möglichkeiten. Ein solcher Weg sucht die Höhe, aber nicht den Gipfel, weicht Schwierigkeiten aus. Scheinbar sinnlose Kehren ermöglichen einen steten Gang. Der richtige Weg ist ein Weg der kleinsten Mühen. Die Wege der ersten Fußreisenden bestimmen noch heute die Welt des Menschen: Kreuzungen waren heilig - Wegkreuze wurden bis in die Gegenwart errichtet. Wo sich Wege kreuzten, entstanden Handelsniederlassungen, Dörfer, Städte. Wo niemand ausweichen konnte, entstanden Burgen, wurde Zoll erhoben. Ganze Länder kann beherrschen, wer die ein, zwei wichtigsten Straßen kontrolliert (Afghanistan). Die frühen Fußwege wurden Mensch und Umwelt in einem solchen Maße gerecht, daß sie oftmals kaum verändert bis heute existieren. Hier wurde der Belag ausgewechselt, dort verkürzten Brücken oder Dämme ein Stück, andernorts beseitigte man ein Hindernis. Flußläufe, Furten, Pässe, Quellen, Bodenbeschaffenheit und Höhenunterschiede bestimmten den groben Verlauf. Vier Bernsteinstraßen von zusammen etwa fünftausend Kilometern Länge durchzogen Europa in Nord-Süd-Richtung. Eine Königsstraße verband die Türkei mit Persien, Rasthäuser gab es in etwa 25 Kilometern Abstand, ideal für einen Tagesmarsch, im Gebirge nach 20 Kilometern. In drei Monaten wanderte man um 500 v. Chr. die 2500 Kilometer lange Strecke von Susa nach Ephesos zurück.


Wandern - Die kultivierte Fußreise

»Wer hat euch Wandervögeln/Die Wissenschaft geschenkt/Daß ihr auf Land und Meeren/Nie falsch den Flügel lenkt/Daß ihr die alte Palme/Im Süden wieder wählt/Daß ihr die alten Linden/Im Norden nicht verfehlt.« Diese Grabinschrift auf dem Friedhof Berlin-Dahlem soll den wanderbegeisterten Jugendlichen in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts den Namen »Wandervögel« eingebracht haben. Damals wurde das Wandern zur Mode, ein langer wirtschaftlicher Aufschwung brachte die nötige Leichtigkeit. Der Hamburger Bildhauer Alfred Pfarre sinniert 1912, nach vierwöchiger Ferienfahrt durch die Rhön und den Thüringer Wald: »Ihr habt eine Ferienfahrt gemacht als sorglose Wandervögel, nun kommt deine Reise als Handwerksbursche, vielleicht bald als Landstreicher. ... Beginne nun endlich deine Fahrt und wage mutig den bedeutsamen Schritt vom Wandervogel zum Handwerksburschen.«

Die Polizei beobachtet und kontrolliert die Handwerksburschen, das weiß Mathias Ludwig Schroeder genau: »Auf eine Fleppenkontrolle darf ich es nicht ankommen lassen, sonst bin ich verratzt, denn ich habe bereits zwei Nächte auf eigene Faust, ohne Aufenthaltsstempel, im Heu geschlafen.« Aufenthaltsstempel in Herbergen, Asylen, Arbeitsnachweise oder der Stempel: »Inhaber hat sich heute vergeblich um Arbeit bemüht« helfen der Polizei, Gesellen von Vagabunden zu unterscheiden, denn äußerlich gleichen sie sich. Sie sind arm, zu Fuß unterwegs und bemühen sich Tag für Tag um Essen und ein Bett. Sie haben Zeit, doch selten Arbeit und lassen sich das Betteln nicht verbieten. Noch unter den Heimatlosen gab es Hierarchien: »Der Speckjäger ist ein Ausbeuter der Verkommenen; ein Organisator der Bettler und Simulanten; der Wucherer des Asyls ...« Der König der Vagabunden, Gregor Gog, nennt in Trappmanns Buch »Landstraße, Kunden, Vagabunden« den Landstreicher »einen Menschen, der sinnlos umherzieht, für den das Herumtreiben eine besondere Art Trunksucht ist, was manche Forscher sogar veranlaßt, von einem Atavismus der Instinkte aus der Nomadenzeit der Menschheit zu sprechen. …Und es ist so leicht, auf die Landstraße zu gehen. Man tritt aus seiner Wohnung und wandert. Aber wie kommt man von der Landstraße wieder ab? Wenn man keine Arbeit findet, wenn man kein Zuhause mehr hat?... Jeder hier hat etwas Rauhes und Hartes an sich, doch keinem ist der Grimm angeboren; alles ist aufgelegt, aufgesetzt, von der Landstraße, von dem Elend, das sie umgibt.«

1927 waren 70.000 Menschen auf den Straßen Deutschlands unterwegs, sechs Jahre später sind es 450.000, ein Hinweis auf die wachsende Unsicherheit, meint Trappmann: »Die Auflösung der auf materielle Sicherheit gegründeten bürgerlichen Ordnung und die Lockerung aller bisher gültigen moralischen Begriffe ließen ... ein Lebensgefühl entstehen, das den Unbehausten, den Grenzgängern, Abenteurern und Vagabunden, auch bei den Intellektuellen, eine kaum mehr vorstellbare Popularität verschaffte. Jack London und B. Traven erzielten Massenauflagen. Der Tramp Charlie Chaplin, melancholischer Verlierer und Angreifer zugleich, wurde zum enthusiastisch gefeierten Volkshelden. Wanderstab und Bettelsack waren die romantische Verkleidung des erschütterten bürgerlichen Lebensgefühls, aber auch Symbol für Hoffnung und Widerstand.«

Karl Raichle, Theodor Plievier, Gregor Gog trafen sich nach dem Ersten Weltkrieg in Urach am Rande der schwäbischen Alb: »das schon vor dem Krieg ein Treffpunkt für Wanderprediger und Tippelbrüder, Lebensreformer und Naturapostel war und sich nach 1918 zum süddeutschen Zentrum der lebensreformerischen Bestrebungen entwickelte,« sagt Trappmann. Die drei bildeten den Matrosenkreis: »im Ahasver, im ewigen Juden erkannte man sich wieder. Gottsucher waren sie, namenlose Männer des dämmernden Morgens, wie Plievier 1919 in einer Selbstanzeige des neugegründeten Verlages der Zwölf schrieb.«

Gustav Brügel, Landstreicher und Schriftsteller aus Balingen bei Stuttgart, gab 1927 die erste Zeitschrift der Vagabunden, den »Kunden«, heraus; Gregor Gog übernahm nach der ersten Nummer und gründete die »Bruderschaft der Vagabunden«. Pfarrer, Dichter, Anarchisten, Maler, Träumer und Wanderprediger, Jugendbewegte und Asoziale gingen auf die Landstraße, im Kontakte mit den Berliner »Anarcho-Syndikalisten« und der »Gilde freiheitlicher Bücherfreunde«.

Kunden waren sie alle. Der altniederrheinische cunde war ein Späher und Kundschafter, er wußte mehr als andere. Begegnete man sich auf der Straße, wurde auf die Frage »Kunde?« geantwortet mit »Ken Mathes?« Nicht der Mathias ist gemeint, sondern die »Medine« (Landstraße) und bedeutet so: »Ich kenne die Landstraße«.

1928 fand der erste öffentliche Vagabundenabend in Stuttgart statt, weitere folgten in Berlin, Mannheim, Hamburg, Dortmund. Pfingsten 1929 trafen sich in Stuttgart 600 Vagabunden aus Deutschland, Österreich, Böhmen, Polen, Dänemark, Finnland, Ägypten. 1930 drehte die UFA einen Vagabundenfilm mit Gregor Gog und anderen Vagabunden. Im gleichen Jahr gab es in Deutschland acht Ausstellungen von Vagabundenkünstlern. 1933 wird Gregor Gog verhaftet, kommt in ein Konzentrationslager und flieht Ende 1933 in die Schweiz. Die Bücher der Vagabunden wurden verboten, das gesamte Archiv abtransportiert. Die folgenden zwölf Jahre genügten, um Kultur und Tradition der Vagabunden fast vollständig auszurotten.

»All sein hab und gut auf den buckel nehmen, nicht andere tragen lassen, und deshalb … reduzieren und minimieren. … gehen lernen, wie es der körper will, stundenlang, tagelang. Klug und schlau werden gegenüber hitze und kälte, regen und trockenheit, tag und nacht. Man entdeckt das licht, die großen stunden des tages und der nacht, das wasser und die furcht …« Die Freiheit des Gehen in der Wüste entdeckte und beschrieb Otl Aicher in schönen Bildern. Weit über 200 Jahre früher fand der aufklärende Denker Jean-Jacques Rousseau, Genfer und Franzose, in der Natur der Schweizer Bergwelt Weitblick und Raum für freies Denken, für seinen Traum vom erfüllten Leben. Um 1750 erwanderte er sich die Schweiz als vielleicht erster überzeugter Fußwanderer. Klima und Luft rühmend, Bergwelt und Älpler idealisierend entwarf er 1761 in seiner »La Nouvelle Héloïse« Visionen eines Arkadiens, die nachfolgende Generationen begierig aufnahmen. Die Schweiz mit ihren mühselig zu überschreitenden Pässen, bislang nur Durchreiseland, wurde zum Ziel der Bildungsbürger. Hirten erschienen sorglos, Alpen wurden zu saftigen Matten, Felshänge scheinen schützend bei Caspar David Friedrich, vereint mit malerischen Sturzbächen. Rousseaus »Retournons à la nature!« hallte bis tief in unser Jahrhundert. Wilde Wald- und Berglandschaften erhielten nun romantisierende Beinamen, die Sächsische Schweiz wurde als eine der ersten getauft. Naturgenuß, die Schweiz als Symbol für Freiheit und das Wandern als klassenlose Reiseart – das waren Ideen, die in das Saeculum der Revolutionen paßten. Fußreisen waren ein Affront gegen ständische Überzeugungen, denen rote Wangen bäurisch schienen, weiße Haut als Zeichen besseren Standes galten, frische Luft als schädlich galt und denen es unschicklich war, sich körperlich zu betätigen.

Der gesellschaftskritische Publizist und Pädagoge Afsprung wanderte 1782 durch die Schweiz und schrieb einen radikaldemokratischen Reisebericht, ihm folgten andere Poeten, wie Christoph Meiners, 1784, Gerhard Anton von Halem, 1790, Johann Gottfried Ebel, 1792, Friedrich Leopold von Stolberg, 1794, Johann Wolfgang von Goethe, 1779 und 1797. Der Reisebericht wandelte sich vom politischen zum literarischen Medium, machte die Fußreise zum Topos: so 1797 im »Gestiefelten Kater« von Ludwig Tieck, 1809 in den Wahlverwandtschaften Goethes, 1826 im Taugenichts von Eichendorff, 1835 im Lumpazivagabundus Johann Nestroys und nicht zuletzt in den Müllerliedern Schuberts.

Bedenkt man, daß zu dieser Zeit vielleicht 80% der Deutschen von der Landwirtschaft lebten und preußische Bauern noch als Leibeigene galten, daß in dieser Zeit etwa 10% der Deutschen auf den Landstraßen aus Not vagabundierend umherzogen, so ist das verträumte und romantische Ideal des Taugenichts, sein freies Sich-treiben-lassen eine Chimäre. Der deutsche Weg in eine bessere Welt führte weder in die gesellschaftliche Revolution wie in Frankreich, noch in eine industrielle Revolution wie in England, sondern auf Pegasus’ Flügel in »kleine Fluchten«, in Traum und Transzendenz. Sichtweisen änderten sich: Aussichtstürme entstanden, ein Fernrohr gehörte zur Wanderausrüstung, man suchte den Horizont zu erweitern.

Johann Seumes »Spaziergang nach Syrakus« von 1802 wird gerne als Höhepunkt jener Zeit gesehen und ist doch eigentlich ein Kontrapunkt — Seume ist Realist, kein Romantiker, empfindsam, doch nicht schwärmerisch, wandert nicht aus Mode. Zwei Jahre nach Erscheinen der »Heloise« als Sohn eines verarmten Bauern geboren, ermöglichten ihm Gönner ein theologisches Studium. Das bricht er ab, macht sich auf den Weg nach Paris, und wird gesucht: »Daß ein Student den Tag vorher, ehe er durchgeht, seine Schulden bezahlt, schien ein starker Beweis des Wahnsinns.« Hessische Werber preßten ihn in das für Nordamerika bestimmte Söldnerheer. 1783, nach zwei Jahren Amerika desertierte er. Die Fußreise, zu der er im Dezember 1801 aufbricht, ist ihm etwas Besonderes: »Meine meisten Schicksale lagen in den Verhältnissen meines Lebens; und der letzte Gang nach Sizilien war vielleicht der erste ganz freye Entschluß von einiger Bedeutung.« Im April ist er in Syrakus, besteigt Ätna und Vesuv und wandert über Paris zurück, neun Monate währt die gesamte Tour. »Ich halte den Gang für das Ehrenvollste und Selbständigste in dem Manne und bin der Meinung, daß alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge. … Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft.«

1802 wanderte Johann Gottfried Seume von Leipzig nach Syrakus, Karl Philipp Moritz schaute wandernd Frankreich und England, Goethe erwanderte sich die Schweiz - wie immer, sind die Dichter ihrer Zeit voraus. Das Erlebnis von Natur wird verknüpft mit bestimmten bürgerlich akzeptierten Sichtweisen (Spitzweg), Aussichtstürme entstehen, man erweitert den eigenen Horizont und das Fernrohr gehört zur Wanderausrüstung. Das Wandern als Fußreise ohne Not und Zwang entsteht als bildungsbürgerliche Freizeitbeschäftigung. Kulturell geschätzt wird sie erst seit der Industrialisierung des Reisens: Raum wird zum Hindernis, Zeit ist Geld, Wahrnehmungen rauschen vorbei. Neue Verkehrsmittel (Eisenbahn, Fahrrad, Auto) und verbesserte Straßen lassen die Fußreise in neuem Licht erscheinen. Gehen als unmittelbarste Form der Bewegung, ohne Vermittlung, in direkter Berührung der Umwelt, in menschgemäßem Tempo und mit ungefilterter Wahrnehmung. Gehen verändert die Wahrnehmung nur gemächlich, Reaktion ist möglich. Sich-gehen-lassen meint, das Denken ausschalten, dem Körper die Wahl der Geschwindigkeit, des Rhythmus überlassend. Wenig romantisch ist die Straße im 19. Jahrhundert allerdings für die Wanderarbeiter, das industrielle Proletariat.

Auf der anderen Seite wurde die Fußreise im Spaziergang kultiviert, doch weicht die freie Natur dem gestalteten Landschaftsgarten, der einsame Wanderer dem geselligen Bürger, die Innenschau dem Sich-Sehen-Lassen. Für die unübersichtlichen Landschaftsgärten erschienen eigene Reiseführer, die Wege zu Sitzgelegenheiten ebenso beschrieben wie Aussichten, Bäume und Sträucher. Man eignete sich Natur an, überraschend durfte sie sein, nicht aber unberechenbar. Sie zu empfinden, setzte Distanz voraus und Bildung, war also den gehobenen Ständen vorbehalten. Die Philanthropen Christian Karl André, Gotthilf Salzmann und Christoph Guthsmuths forderten und entwickelten die Leibeserziehung als kulturelle Tugend, der philanthropische Lehrer und Schriftsteller Karl Philipp Moritz überhöht diese Ideen 1785/86 literarisch in seinem Werk Anton Reiser und bereitet den Weg für Turnvater Jahn.

Der gesellschaftlichen Revolution folgte die industrielle. Auch Reisen wurde beschleunigt, die Rousseauschen Ideen verblaßten. Karl Baedeker gab 1839 seinem ersten Reiseführer, einer Rheinreise von Mainz nach Cölln, den Untertitel »Handbuch für Schnellreisende«. Mit der ersten Eisenbahnstrecken in England 1825, in Deutschland 1835 und international 1843 verkleinerte sich die Welt zusehends, wurde für weitere Schichten erschwinglich. 20 Jahre später durchzog ein Schienennetz die Alpen. Wandervereine entstanden — die Eisenbahngesellschaften förderten die Gruppenreise —die Berge rückten näher, der Alpinismus wurde modern. Der erste Alpenverein wurde 1857 in England gegründet, der österreichische 1862, der deutsche 1869. Im Alpinismus wurde die schon etwas schal gewordene Melange aus Freiheit, körperlicher Bewegung und Natur wiedergeboren. Das sportliche Interesse wuchs, der english sportsman war Vorbild. Wieder war es das gehobene Bürgertum, das sich in den Alpenvereinen fand, für Handwerker, Arbeiter und Tagelöhner war kein Platz.

Doch das Proletariat holte auf und genoß einige Jahrzehnte die abgelegten Wandermoden des Bürgertums. In Wandervereinen zogen Arbeiter am arbeitsfreien Sonntag nach einer 80-Stunden-Woche in die stadtnahe Natur, »soziales Wandern« wurde angestrebt, die Jugend von »Kneipe und Kirmes« ferngehalten, »Reisehandbücher für wandernde Arbeiter« beschrieben detaillierte Strecken. Solche Freizeit war preiswert, erholsam, entspannend. Eine Generation später gründeten Sozialdemokraten 1895 den Arbeiter-Wanderverein »Die Naturfreunde«. Bis 1923 hatte er mit 100000 Mitglieder zum deutsch-österreichischen Alpenverein aufgeschlossen, 1932 waren in 53 touristischen Wandervereinen 250.000 Mitglieder organisiert.

Der Volksschullehrer Richard Schirrmann sorgte in Altena-Nette ab 1907 für Wanderunterkünfte und schuf 1912 die erste Jugendherberge, der Förderer Dr. Graßl nennt das Ziel: »Überall soll der Wanderer ein sauberes, sicheres Heim vorfinden, das ihm das Elternhaus in der Fremde ersetzt … das ihn nicht ausbeutet, das ihn vor schlechter Gesellschaft bewahrt …«. 1932 gab es 2124 Jugendherbergen in Deutschland, die Übernachtungszahlen dieses Jahres wurden erst 1951 wieder erreicht, dann aber bis 1955 verdoppelt.

1786 wurde der Montblanc erstmals erstiegen, 1953 der Mount Everest. Die Welt der Berge ist dem Mythos und der Poesie entrungen. Nichts bleibt übrig, das zu erobern wäre. Hier noch eine Nordwand, dort eine letzte Flanke — und dann?

Es bleibt der Rückzug auf das menschliche Maß, der Verzicht auf unnötige Technik. Reinhold Messner besteigt alle Achttausender ohne Sauerstofflasche. Michael Holzach durchwandert 1980 mit seinem Hund Feldmann in sechs Monaten Deutschland, ohne Geld von Hamburg über das Ruhrgebiet nach Lindau, München und zurück, aber auch ohne Uhr, ohne Karte. »Hamse wohl was altes Brot übrig?« kommt in Bäckereien immer gut, und dann: »Ich empfinde eine Lebenstüchtigkeit, die kein noch so hohes Einkommen zu vermitteln vermag.« Einige Zeit später springt er in die Emscher, um Feldmann zu retten. Michael Holzach ertrinkt, der Hund erreicht das Ufer.

Wahres Reisen ist freiwillig und beendbar, darf Last sein und Mühe, ist jedoch weder Flucht noch Zwang. Alle Zeitalter boten ihren Ruhe- und Rastlosen legitimierte Wandermöglichkeiten. Reisende fanden ihren Weg zwischen den Polen Natur, Individuum und Gesellschaft: Spirituell Reisende, Pilger insbesondere, nutzen die äußere Reise als Mittel zur Suche nach dem Selbst oder nach Gott. Andere Reisende, Bergsteiger im Besonderen, stellen Geist und Körper auf die Probe, messen ihre Leistung und suchen ihre Grenzen in der Natur. Schließlich grenzen sich sozial Reisende, Wandervögel und Spaziergänger, Gesellen und Arbeiter, Vagabunden und Kunden, durch ihre Reisen ab oder sie zeigen ihre gesellschaftliche Zugehörigkeit.

Um 1870 entstehen die europäischen Alpenvereine, in England der erste Camping-Club. Um 1900 wird das Wandern zur Massenbewegung und Ideologie, verbunden mit Körperkultur, Volksliedern und Sagen, eine Wander- und Jugendbewegung entsteht, auch die Arbeiterbewegungen entdecken das Wandern. Die Fußreise erreicht ihren touristischen Höhepunkt. Der erste Weltkrieg, seine politische Folgen, die Weltwirtschaftskrise und ein weiterer Weltkrieg unterbrachen diese Entwicklung, begrenzten die Möglichkeiten der Fußreise und beendeten Traditionen. Im Gegenteil: Während des Dritten Reiches verbanden sich mittelalterliche Methoden mit moderner Bürokratie. Die Straßen waren wieder voll, aber nicht mit Touristen. Der Krieg gegen das fahrende Volk wurde offensiver geführt denn je: Juden, Zigeuner, Landstreicher, Arbeitslose, Kranke .... mobile Gruppen vielfältiger Herkunft traten ihren oft letzten Gang an: ins KZ, ins Arbeitslager, zur Euthanasie.

Reisen ins Unbekannte dienten als Prüfstein für individuelle und soziale Fähigkeiten. Gilgamesch, Odysseus, Ritter suchten aventiure. Buschmänner und Eskimos ließen Alte und Reiseunfähige zurück. Gilt umgekehrt: Wer reisen kann, ist gesellschaftsfähig? Bei den Nomaden war es eine Strafe allein zu reisen - den Weg nicht zu kennen, dem Schutz der Gruppe zu entsagen. Bei den Seßhaften war es eine Strafe, heimatlos zu sein, dem Reisenden die Rückkehr zu versagen. Der Reisende mußte lernen: bestehende Bindungen aller Art zu lösen, vertrautes Gebiet zu verlassen, die Orientierung zu verlieren und wiederzugewinnen, sich seiner Angst, den selbstgeschaffenen Ungeheuern zu stellen, sich zielorientiert in kleinen Gruppen zu organisieren (Karawane, Reisegruppe), Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren, sich selbst kennenzulernen und seine Fähigkeiten einzusetzen, zu improvisieren, wach zu sein in unbekannten sozialen Zusammenhängen, kurzfristig und kurzzeitig Bindungen herzustellen, zu kommunizieren und sich durchzusetzen, unabhängig Entscheidungen zu treffen und schließlich bereit sein, zurückzukehren. Ohne die Bereitschaft zurückzukehren ist der Reisende verloren, Exilist, ewig Wandernder, Ahasverus. Der Verlust der Vertrautheit ist sein sozialer Tod.

Wer zurückkehrt, beweist sich als lebenstüchtig. Wenn dann noch Wissen mitgebracht, Wahrnehmungsweisen geschärft, Fähigkeiten entwickelt wurden, profitiert die ganze Gemeinschaft. Wer aber in der Ferne bleibt, taugt nicht für die Seßhaftigkeit. Für die Zünfte mag die Walz der Prüfstein für seßhafte und zuverlässige Handwerker gewesen sein. Vielleicht ist der heutige Tourismus nichts anderes als der gesellschaftliche Reflex auf den Sinnverlust, eine Flucht in die Bewegung als Relikt ursprünglicher Mobilität?
 


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