AGIR > Geschichte(n)

Das unerträgliche Gefühl des Eingesperrt-Seins

Reisen in Zeiten der Not und Gefahr

Verwendung einzelner Zitate nur mit Quellenangabe AGIR. Belegexemplar erbeten.
Vervielfältigung, auch größerer Textteile, nur nach ausdrücklicher Genehmigung.
Copyright liegt auch auf der besonderen Zusammenstellung!
 
© 1996 by
Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens - AGIR
 

Inhaltsübersicht

Vorbemerkung   

Die Flucht aus Dehra-Dun   

Warum flüchten?  

Frei - aber in Indien gefangen?  

Vorbereitungen zur Flucht  

Die Suche nach Gleichgesinnten  

Solidarität und Erfolg  

Zwei Offiziere und fünf Inder?  

Sattlers Rückkehr  

In Tibet  

Eine Pille gegen jedes Übel  

Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt  

Warten auf die Gunst des Schicksals  

Über Nepal zurück ins Lager  

In Lhasa  

Die Flucht nach Burma 

Erfahrungen auf der Flucht    3.1  Der 1. Weltkrieg 1914-1918   

3.2  Der 2. Weltkrieg 1939-1945   

Flucht aus Holland  

Das Ende einer Bergfahrt  

Glück gehabt?  

Der Legion entkommen  

3.3  Mitten im Putsch  

3.4  Entkommen aus Sibirien 

Weltreise im Weltkrieg    4.1  Freiheit auf den Meeren   

I am sailin´ ...  

Illegal in Palästina  

Kriegsdienst in Helvetia  

Schiffbruch und Landurlaub  

Alles im Lot auf´m Boot  

4.2  Unfreiwillige Weltreisen   

Auch Flieger müssen fliehen  

Noch ein Flieger auf der Flucht  

Flucht aus Sibirien  

Von China nach Amerika  

Von New York nach Norwegen 

Bedingungen und Verhalten in Zwangssituationen    Selbstbestimmung und Objekt  

Bei Kriegsausbruch in Feindesland  

Bei Kriegsausbruch im neutralen Ausland  

Wer konnte reisen?  

Strategien der Flucht 

Biographien    Kurt Aram  

Peter Aufschnaiter  

Ludwig "Lutz"Chicken  

Gustav Fruhmann  

Heinrich Harrer  

Heins von Have  

Werner-Otto von Hentig  

Arthur Heye  

Oskar und Anita Iden-Zeller  

Erich Killinger  

Fritz Kolb  

Hans "Hanne" Kopp  

Edmund "Ede" Krämer  

Hans Lobenhoffer  

Rolf Magener  

Marchese  

Walter-Eberhard Freiherr von Medem  

Hans von Meiss-Teuffen  

Antoni-Ferdinand Ossendowski  

Herbert Paidar  

Erich Robert Petersen  

Gunther Plüschow  

Herbert Pritzke  

Wolfgang Gans Edler Herr zu Putlitz  

Slavomir Rawitsch  

Philip Rosenthal  

Colin Ross  

Friedel Sattler  

Ludwig Schmaderer 

Bibliographie   

  


 
 
O reiserei, du harte speis,
wie tust du mir so we im pauch!
im stro so peißen mich die leus,
die leilach sind mir viel zu rauch.
ich tumer gauch
warumb tu ich das?
Unbekannt
5 Bedingungen und Verhalten 
in Zwangssituationen 
Selbstbestimmung und Objekt

Zweimal in diesem Jahrhundert unterbrachen Kriege weltweit die Kontinuität des Gewohnten, einmal vier, dann noch einmal sechs Jahre lang, gefolgt von Jahren nur langsamer Normalisierung im Schatten der Kriege. 

Reisende bewegen sich immer außerhalb der Normalität und des Alltags, doch in den Zeiten der Not und des Krieges, finden sie sich in außergewöhnlichem Maße staatlichen Zwängen und menschlicher Willkür ausgesetzt. Extremsituationen werden zur alltäglichen Routine, zum permanenten Existenzkampf. 

"Join the army, see the world, meet another people and kill them" - dieser satirisch verfremdete Werbespruch für die US-Army aus der Zeit des Vietnamkrieges deutet Ähnlichkeiten zwischen Soldaten und Reisenden an. Beide sind unterwegs in der Welt, treffen Menschen und sehen die Welt. Survivaltechniken und Ausrüstung entstammen oft militärischer Forschung und Entwicklung. Auch Rudyard Kipling sieht solche Ähnlichkeiten (siehe Seite 4). 

Wichtiger als die unterschiedlichen Ziele ist das Maß der Selbstbestimmtheit, das Soldaten und Reisende unterscheidet. Der wirklich Reisende "kämpft" zwar mit äußeren Zwängen - er sucht sie jedoch durch Form und Stil seiner Reise selber aus und bestimmt so den Rahmen der Unwägbarkeiten und den Grad des Risikos. Seine Handlungen sind ausschließlich dem eigenen Willen und Wollen unterworfen; ob er damit sein Ziel erreicht, ist eine sekundäre Frage. Dagegen ist der Soldat nahezu ausschließlich befehlsgeleitet, ein eigener Wille unerwünscht. Und während der Reisende seine Reise jederzeit abbrechen kann, wird Desertion beim Soldaten mit dem Tode bestraft. 

Reisende werden in Kriegszeiten wie Soldaten, Gefangene, Spione behandelt (Aram, Harrer, Sattler). Reisende sind in Kriegszeiten nun einmal häufig nicht mehr selbstbestimmt, Zwänge bestimmen ihr Dasein, Unterordnung ihr Verhalten. Sie sind Befehlen unterworfen, ihre Handlungsfreiheit ist marginalisiert, die Reise nicht mehr abbrechbar, wenngleich meist beendet. 

Ein Flüchtiger wandelt auf der Grenze zwischen beiden Extremen. Have bemerkt das bereits auf der Flucht: "Erst jahrelang als Gefangener reines Objekt, das alles mit sich geschehen läßt, dann plötzlich, das Geschick an sich reißend, selbstbestimmter, eigenmächtiger Akteur! Aber welch labiles Gleichgewicht zwischen eigenem Handeln und den sich darbietenden, entgegenkommenden Situationen!" 

Andererseits wurden hin und wieder aus Soldaten Reisende, die auf sich allein gestellt eigene Entscheidungen treffen mußten. Gunther Plüschow und Erich Killinger sind nach ihrer Flucht fast ein Jahr unterwegs, Werner-Otto von Hentig reist freiwillig in geheimer Mission. Dabei kann der Eindruck des Reisens so stark sein, daß aus zwangsweise Reisenden später freiwillig Reisende wurden: Plüschow nahm seinen Abschied und war bis 1931 immer wieder auf langen Reisen, ebenso Colin Ross, der im Ersten Weltkrieg als Kriegsberichterstatter tätig war. 

Bei Kriegsausbruch in Feindesland

Anzeichen für einen bevorstehenden Krieg gab es 1914 und 1939, doch wurden sie von vielen Menschen ignoriert, aus Leichtsinn, Dummheit, Realitätsverlust oder Naivität. Ihr Alltag verlief weitgehend normal, das Säbelrasseln der Diplomaten berührte anscheinend ihr Leben nicht. Sowohl die Kriegserklärung an Rußland 1914 als auch der Einmarsch in Polen 1939 erfolgten für den überwiegenden Teil der Bevölkerung überraschend, ebenso die darauffolgende Eskalation. Wer sich dann auf Reisen im "falschen" Land befand, war plötzlich ein Feind. Kurt Aram wird verhaftet von Soldaten, mit denen er am am Abend vorher zusammen gegessen und getrunken hatte. Heinrich Harrer wird geholt, während er mit englischen Offizieren in Kalkutta gemütlich zusammensitzt und Tee trinkt. Hans Kopp trifft es auf einer irakischen Baustelle, Heins von Have während seiner Tätigkeit als Kaufmann in Batavia, Kolbe bei einer Bergtour. 

Wer sich derart unvermittelt in Feindesland wiederfand konnte mit etwas Glück, Papieren, Geld und schneller Entschlußkraft noch in neutrale Länder ausreisen. Walter-Eberhard Freiherr von Medem hat soviel Glück, als er kurz vor der Kriegserklärung Englands noch an Bord eines deutschen Dampfers kommt. John Hagenbeck empört sich über seine Ausweisung aus Ceylon, wo er schon viele Jahre lebte, doch die zurückgebliebenen Deutschen wurden entgegen aller Zusagen interniert. Nur selten gelang es Reisenden, im jeweiligen Aufenthaltsland zu bleiben und normal zu leben: Hans Helfritz war zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in Südamerika, blieb dort zwanzig Jahre und nahm die chilenische Staatsangehörigkeit an. Solches gelang am ehesten in südamerikanischen Ländern. 

Wer es nicht schaffte, sich rechtzeitig abzusetzen, dem drohte neben dem Unwillen der Bevölkerung Hausarrest, die Internierung in Gefängnis, Zuchthaus oder Konzentrationslager. Concentration camps gab es bei den Engländern bereits im Ersten Weltkrieg - allerdings waren diese nicht mit den Konzentrationslagern der Deutschen im Zweiten Weltkrieg zu vergleichen. Auch die Vichy-Regierung im besetzten Frankreich richtete Konzentrationslager ein: "In diesen Lagern ... werden gespeist, gekleidet und zu nützlicher Arbeit angehalten alle jene unerwünschten und nicht anpassungsfähigen Elemente, die sich anders nicht weiterhelfen könnten: alle jene, die sonst in die Fremdenlegion eingetreten wären, Landstreicher und Heruntergekommene, die sich verelendet in den Städten herumtrieben, potentielle Verbrecher und unerwünschte Ausländer." 

Die Lagersysteme glichen sich überall auf der Welt und machten den Internierten das Leben mal mehr, mal weniger schwer. Zunächst einmal waren es tatsächlich "Konzentrationslager": Wer sich in den englischen Kolonialgebieten Afrikas oder Asiens befand, kam mit ziemlicher Sicherheit in eines der indischen Lager, nach Ahmednagar oder Dehra-Dun, lediglich in Ägypten scheint es zusätzliche Lager der Engländer gegeben zu haben. Die Russen brachten die Internierten hinter den Ural, also nach Sibirien, dort konnte man in einem der vielen Lager zwischen Omsk und Sachalin landen, die teils Arbeitslager waren, teils mußten sich die Internierten in normalen Dörfern einquartieren. Die Franzosen waren nach dem Waffenstillstand 1942 Erfüllungsgehilfen des deutschen NS-Regimes und besaßen Lager in Marokko und Westafrika. Erwähnt wird, daß auch die Holländer Internierungslager hatten: Max Dauthendey (*25.7.1867 in Würzburg), Weltreisender und berühmter Verfasser von Erzählungen und Romanen zu Anfang dieses Jahrhunderts, starb 1918, kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs in niederländischer Internierung in Malang auf Java. Franzosen und Russen führten überwiegend Arbeitslager, die Engländer unterschieden zwischen gut geführten Lagern (z.B. Dehra-Dun), härteren und Straflagern (z.B. Deoli). Man konnte sich also durchaus verschlechtern oder verbessern. Franzosen und Engländer hatten auch Erholungslager (z.B. Ramandrugh) für solche Internierten, die schwer erkrankt waren. 

"An sich ist ja eine Flucht nichts Unanständiges, nichts , das gegen die sittlichen Gebote der Menschheit verstößt, im Gegenteil, sie gilt als ehrenhaftes Unterfangen und wird selbst vom Völkerrecht gebilligt; aber die Tatsache, daß man von den Behörden verfolgt, als außerhalb des Gesetzes stehend und vogelfrei behandelt wird, verleiht der Flucht fälschlicherweise den Charakter einer Rechtsübertretung. Und weil man wie ein Krimineller gejagt wird, nimmt man unwillkürlich einige Züge und Gewohnheiten desselben an. Man hat das immerwährend schlechte Gewissen des Missetäters und seinen Blick; es zieht einen zu denselben Stätten, welche Verbrecher unmittelbar nach der Tat zu besuchen pflegen; man freut sich diebisch darüber, wenn man jemanden hereinlegt, und verfällt der Faszination des Unerlaubten." Magener hat sicher recht und bringt die Situation auf den Punkt. Obwohl die Flucht völkerrechtlich erlaubt ist, ist der Internierte kaum in einer Situation, die es ihm erlaubt, sein Recht wahrzunehmen. Er muß fürchten von anderen Internierten verraten zu werden, weil diese eventuell unter Strafen zu leiden haben; der Zivilbevölkerung können Belohnungen für Ergreifung Flüchtiger gezahlt bzw. Sanktionen für die Unterstützung abgedroht werden. Wieder ergriffen, drohen dem Internierten zunächst vier Wochen Einzelhaft, bei Wiederholung eine Verlegung ins Straflager. Vor einer Ausübung des "Rechts auf Flucht" kann nur gewarnt werden. 

Bei Kriegsausbruch
im neutralen Ausland

Weltweit besteht nach einer Mobilmachung für jeden Deutschen die Pflicht, sich bei der nächsten deutschen Behörde zu melden, bei Konsulaten oder Botschaften. Wer seinen Wohnsitz im neutralen oder befreundeten Ausland hatte, bekam dort seinen Gestellungsbefehl zugestellt. 

Arthur Heye befand sich allein im Grenzgebiet zwischen Kenia und Tanzania, Hauer ist im Gebiet um den Tanganjikasee unterwegs, dennoch erreichen sie Boten mit dem Befehl, sich sofort bei der nächsten deutschen Behörde zu melden. Gustav Fruhmann, einen Österreicher, erreichte der Einberufungsbefehl in Südafrika: "Als Österreicher, der im Auslande lebte, hatte ich mich nämlich bei meinem Konsulat zur ärztlichen Untersuchung für den Militärdienst zu stellen und, wenn ich tauglich befunden wurde, einzurücken." Fruhmann war tauglich, gab im Februar 1899 seine Stelle auf, fuhr nach Kapstadt und schiffte sich nach Europa ein. 

Grundsätzlich galten für Deutsche im Ausland die gleichen Pflichten wie für die Deutschen im Heimatland. Zwischen allen Stühlen aber saß jemand wie Philip Rosenthal, der als Kind in den 30er Jahren mit seinen Eltern nach England emigriert war. Obwohl er immer noch die deutsche Staatsangehörigkeit besaß, kam eine Rückkehr jedoch keinesfalls in Frage. 

Reisende befanden sich in einer der drei folgenden Situationen: 

  1. Sofortige Heimreise bzw. vorher eine Kontaktaufnahme mit Konsulat oder Botschaft.
  2. Internierung in feindlichen Ländern mit der Möglichkeit, sich bestmöglich zu arrangieren oder die Flucht zu planen.
  3. Bitte um Asyl in einem neutralen Land mit dem Risiko der Ausweisung in das zuletzt bereiste Land oder das Heimatland.
Wer konnte reisen?

Bei der ersten und zweiten Situation war es mit der Freiheit des Reisens dann auf einige Zeit vorbei, in der dritten Situation war zumindest ein fremdes Land zum "Gefängnis" geworden. Nur für wehruntaugliche Bürger (z.B. Kurt Faber) und Frauen der kriegführenden Nationen bestand zumindest theoretisch die Möglichkeit zu reisen, und dann nur in befreundeten Ländern. Selbst offiziell neutrale Länder waren häufig nicht wirklich souverän in ihrer Neutralität; so wurde Kopp von Nepal an die Engländer ausgeliefert. 

Im während des Ersten Weltkriegs neutralen Amerika war die öffentliche Stimmung sehr gegen die Deutschen eingestellt, so daß man dort als deutscher Reisender auch kein leichtes Leben hatte. Colin Ross, bekannter Reiseschriftsteller und Viel-Reisender, verstand sich so gut mit den Machthabern des Dritten Reiches, daß er 1944 durch die besetzten Gebiete in Marokko, Algerien und Tunesien reiste und den Krieg als Retter heruntergekommener Gebiete feierte. Auch dies dürfte nur ein Einzelfall gewesen sein. 

Weitergehende Reisefreiheit hatten Bürger der neutralen Länder und so ist es kein Zufall, daß das einzige Beispiel eines freiwillig während des zweiten Weltkriegs Reisenden von einem Schweizer stammt (Hans von Meiss-Teuffen). Da aber auch diese Länder eine Armee unterhielten, mußte man schon wehruntauglich sein. 

Probleme der Grenzüberschreitung, der schnell wechselnden Machtverhältnisse, Willkür von Vollzugsbeamten, Devisenschwierigkeiten lassen sich am besten auf den Meeren "umschiffen". Außerhalb der Dreimeilenzone befindet man sich in internationalen Gewässern, außerhalb aller Grenzen. Und in den Hafen einlaufend, gelten die Planken des Schiffes als exterritorialer Boden. Diese Vorteile nutzte Meiss-Teuffen ebenso wie die deutschen Schiffe, die sich zu Anfang des Krieges in holländische Häfen in Asien geflüchtet hatten. 

Bei einigen der durch Krieg jahrelang von der Heimat ferngebliebenen Deutschen hatte die lange Abwesenheit den Effekt, daß sie sich nach der Heimkehr in Deutschland nicht mehr wohlfühlten: Pritzke ist nur kurz in Berlin und geht dann wieder nach Beirut, um sich dort niederzulassen; Kopp verläßt Deutschland nach knapp zwei Jahren wieder, arbeitet und wohnt im Ausland; Peter Aufschnaiter kehrt über Jahrzehnte hinweg nur zu kurzen Urlauben nach Österreich zurück. Harrer wohnt zwar in Österreich, ist aber jedes Jahr unterwegs, ähnlich halten es Ross und Plüschow. 

Strategien der Flucht

Voraussetzung ist auf Seiten des Flüchtenden zunächst einmal der unbändige Wille zu fliehen verbunden mit dem Glauben an Erfolg. Nur die wenigsten Internierten haben diesen Impetus. Als von Dehra-Dun alle bisherigen Ausbrecher in ein Straflager verlegt werden, sind dies neunzehn Männer von knapp zweitausend Internierten! Die Mehrheit fand für sich andere Lösungen. 

Rawitsch unterschiedet bei den Internierten verschiedene Typen: "Da waren zunächst die Organisationstalente, Männer, die automatisch unsere Lebensbedingungen so zu verbessern suchten, daß möglichst viele die ungewöhnlichen Strapazen überstanden. Dann gab es Kameraden - ich gehörte zu ihnen -, die dazu bestimmt schienen, nicht zu unterliegen. Und wieder andere, in denen der letzte Funke von Hoffnung fast erloschen war ... Sie starben ohne einen Laut ... Am meisten bewunderte ich die Spaßmacher. Wenn wir der Verzweiflung nahe waren, ermunterten sie uns wieder. ... Nichts konnte diese Menschen erschüttern, nichts sie zum Schweigen bringen. Ich danke ihnen noch heute für das befreiende Lachen ... das sie uns entlockten." 

Zweite Voraussetzung ist eine sehr gute körperliche und seelische Konstitution mit Reserven für lange Strapazen. Wichtig ist es, ein Ziel zu haben, das motiviert und Sicherheit bietet, das es zu erreichen lohnt. Unabdingbar sind fast immer ausreichende Geldmittel, notfalls Tauschobjekte, ausreichende Papiere, notfalls gefälscht oder gestohlen sowie die möglichst perfekte Beherrschung mindestens einer fremden Sprache, sei es die des Gegners oder die des Ziellandes. 

Mögliche Krisensituationen müssen vorher oft durchgespielt werden, Verhaltensalternativen bereitstehen, so daß schnell reagiert werden kann. Glaubwürdige Legenden, Geschichten über Woher und Wohin, Begründungen für Geldmangel, Sprachschwierigkeiten oder schlechte Kleidung müssen fertig bereitliegen. Zweifel darf beim Gegenüber gar nicht erst aufkommen. 

Der Fluchtweg richtet sich nach den Gegebenheiten der Umgebung und den eigenen Möglichkeiten unter Berücksichtigung der Erfahrungen vorheriger Ausbrecher. Hier ist der Phantasie keine Grenze gesetzt. In den ersten Fluchtstunden und -tagen sollte man, bevor die Kontrollen greifen, entweder eine so große Strecke wie möglich in öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen, oder so lange untertauchen, bis sich die erste Aufregung gelegt hat. 

Schlußendlich geht es um eine passende Ausrüstung, die einerseits die Grundbedürfnisse (Essen, Trinken, Schlafen, Wärme) befriedigt und andererseits dem Stil des Ausbruchs angepaßt ist. Plüschow hat sich für London zwei Verkleidungen ermöglicht: zuerst als gut gekleideter Gentleman, dann als heruntergekommener Dockarbeiter; Magener und von Have reisten offen in halbmilitärischer Kleidung nach Burma, Kopp und Krämer gingen als Missionare durch Indien. Alles ist möglich: nicht die Wahl der Rolle ist entscheidend, sondern die Glaubwürdigkeit, mit der sie eingenommen wird. 

In jedem Fall müssen Ausstattung, Verhalten und die Erwartungen der Umwelt fein aufeinander abgestimmt sein. Ob man sich für ein unauffälliges Mimikry, wie Magener und von Have, oder für die Ablenkung durch Auffallen, wie Kopp und Krämer, entscheidet, hängt sicher von der Persönlichkeit des Einzelnen ab. Blum soll dadurch aufgefallen sein, daß er für einen weißen Reisenden zu wenig Gepäck hatte und ohne Diener reiste. Wer nicht völlig autark ist, tut gut daran, seine Fähigkeiten zu verkaufen, um sich unterwegs die Sympathie der Bevölkerung, Lebensmittel oder Unterkunft zu erwerben. Bei den meisten Fluchten bewährte sich besonders der Beruf des Arztes, der mehr oder weniger erfolgreich auch mit geringen oder improvisierten Mitteln praktiziert werden kann. Unterkunft und Papiere sind nahezu untrennbar miteinander verbunden; wer ohne Papiere untertauchen will, kann das nur in der freien Natur oder in Bordellen oder im Untergrund. 

Selbst wenn die Flucht gelingt, befindet man sich meist noch nicht in Sicherheit: Magener und von Have benötigen einen Monat für ihre Flucht durch Indien, verbringen danach aber drei Monate in japanischen Gefängnissen, bevor sie die Japaner davon überzeugen können, daß sie tatsächlich Flüchtlinge und keine Spione sind. Killinger muß beim deutschen Konsul in Tientsin ein Verhör über sich ergehen lassen, bevor man ihm glaubt. 

Wille und Phantasie, Geld und Papiere heißt die Zauberformel. Wem es an dem einen mangelt, muß dies mit den anderen drei kompensieren. Keinem Reisenden wünsche ich es, in eine der geschilderten Situationen zu gelangen. Doch auch die meisten der in diesem Beitrag zitierten Reisenden hätten es sich nicht träumen lassen, daß sie es jemals mit Krieg, Lager, Flucht zu tun bekommen. Vielleicht ist es dies, was wir von ihnen lernen können: Das Mögliche bedenken, aber die Träume verwirklichen. 

weiter mit Teil 6


AGIR > Geschichte(n)