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Das unerträgliche Gefühl des Eingesperrt-SeinsReisen in Zeiten der Not und GefahrInhaltsübersichtFrei - aber in Indien gefangen? Vorbereitungen zur Flucht Die Suche nach Gleichgesinnten Solidarität und Erfolg Zwei Offiziere und fünf Inder? Sattlers Rückkehr In Tibet Eine Pille gegen jedes Übel Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt Warten auf die Gunst des Schicksals Über Nepal zurück ins Lager In Lhasa Die Flucht nach Burma 3.2 Der 2. Weltkrieg 1939-1945 Flucht aus Holland Das Ende einer Bergfahrt Glück gehabt? Der Legion entkommen 3.3 Mitten im Putsch I am sailin´ ... Illegal in Palästina Kriegsdienst in Helvetia Schiffbruch und Landurlaub Alles im Lot auf´m Boot Auch Flieger müssen fliehen Noch ein Flieger auf der Flucht Flucht aus Sibirien Von China nach Amerika Von New York nach Norwegen Bei Kriegsausbruch in Feindesland Bei Kriegsausbruch im neutralen Ausland Wer konnte reisen? Strategien der Flucht Peter Aufschnaiter Ludwig "Lutz"Chicken Gustav Fruhmann Heinrich Harrer Heins von Have Werner-Otto von Hentig Arthur Heye Oskar und Anita Iden-Zeller Erich Killinger Fritz Kolb Hans "Hanne" Kopp Edmund "Ede" Krämer Hans Lobenhoffer Rolf Magener Marchese Walter-Eberhard Freiherr von Medem Hans von Meiss-Teuffen Antoni-Ferdinand Ossendowski Herbert Paidar Erich Robert Petersen Gunther Plüschow Herbert Pritzke Wolfgang Gans Edler Herr zu Putlitz Slavomir Rawitsch Philip Rosenthal Colin Ross Friedel Sattler Ludwig Schmaderer
Die Reise gleicht einem Spiel;
es ist immer Gewinn und Verlust dabei,
und meist von der unerwarteten Seite;
man empfängt mehr oder weniger, als
man hofft,
man kann ungestraft eine Weile hinschlendern,
und dann ist man wieder genötigt,
sich einen Augenblick zusammenzunehmen.
Johann Wolfgang von Goethe
4 Weltreise im Weltkrieg
Hans von Meiss-Teuffen war meines Wissens der einzige, der sich während des Zweiten Weltkrieges freiwillig auf eine Weltreise begab. Der Schweizer Meiss-Teufen macht siebzehnjährig in Berlin und später in London eine Banklehre, und hat statt des Bildes einer Frau die Karte Afrikas auf seinem Schreibtisch stehen. Sechs Jahre verharrt er in der Bank, mit zwei Urlaubswochen im Jahr. Er beschreibt sich als "kleinen, dicken, phlegmatischen Jungen". Ostern 1934 kündigt er, als ihm der Personalchef einen Urlaub nicht gewähren will, und erhält 42 Pfund ausgezahlt, sein ganzes Vermögen. Mit dem Vater einer Freundin, Lord Henry, fährt im Sommer zwei Wochen kreuz und quer durch Frankreich. Ein Leben, das ihm so gut gefällt, daß er sagt: "Nie mehr in meinem Leben werde ich in einem Büro sitzen." Afrika lockte ihn. In Brindisi, wo er eigentlich auf den Dampfer nach Griechenland wartet, kauft er spontan die "Santa Barbara", ein sechs Meter langes Fischerboot. Damit fährt er, zum Entsetzen der italienischen Fischer, über Korfu und Korinth, zunächst nach Athen und trifft dort einen "jungen Burschen im typischen Kostüm des deutschen Wandervogels - offenes Hemd, kurze Kordhose und Sandalen an den nackten Füßen ... Karl erschien wie verabredet am Samstagnachmittag mit Rucksack und daran anhängendem Kochgeschirr. Ein echter Wandervogel!". In Syros verkaufte er die "Santa Barbara" und beteiligt sich mit dem Erlös fünzigprozentig an der "Austria", einem sloopgetakelten Siebentonnenboot. Mit an Bord sind "Ein schmächtiger Bursche mit einem Menjoubärtchen, das mich sogleich gegen ihn einnahm", ein Österreicher namens Pirkhahn, "der zweite namens Antezzi, war schon ein älterer Jahrgang. ... Der dritte war ein erst achtzehnjähriger Schuljunge... Tiroler und wurde Hem genannt." Ein wenig Geld verdient er sich mit dem Schreiben von illustrierten Artikeln für Schweizer Zeitungen. In Beirut trennt er sich von den Österreichern, die "Austria" wird verkauft, er erhält 150 Pfund und kauft sich für 85 Pfund ein kleineres Boot. Am 19. Oktober 1935 betritt er illegal Palästina, gibt sich als Jude aus und arbeitet dort einen Winter lang. Im nächsten Jahr fährt er über Port Said und durch den Suez-Kanal nach Port Sudan. Dort verkauft er sein Schiff für 175 Pfund (wieder einmal ein gutes Geschäft), da es ihm für das Rote Meer als zu leicht gebaut erscheint. Auf einer arabischen Dhau fährt er die alte Handelsroute über die südarabischen Länder nach Karachi und Bombay. In Bombay kauft er sich die "Ibis", eine Fünftonnen-Ketsch mit Hilfsmotor und fährt auf die Seychellen, wo er sich als Perlentaucher versucht. Das Ergebnis deckt gerade die Kosten, und er fährt weiter nach Madagaskar. Im Hafen sinkt ihm das Schiff. Das nimmt er als Zeichen, Afrika auf dem Landweg kennenzulernen und macht sich auf den Weg in die Kupferminen von Rhodesien. Es folgten fünf schwere Monate als Verwalter der Gemüsefarm Tambowa ohne Verdienst unter der Fuchtel einer "ewig nörgelnden, unzufriedenen, bissigen, keifenden Frauensperson". Dann wird er Lastkraftwagenfahrer, Aufseher auf einer Orangenfarm, Leiter eines Straßenbaus und arbeitet in der Kupfermine als Sprengmeister. Aus der Idee, genügend Geld für eine eigene Farm zu verdienen, entwickelt sich ein gutgehendes Hotel, nebenbei florieren die Orangenplantage, der Heilkräuter- und Obstgarten, 35 Gebäude werden mit der Zeit errichtet. Da ihn das noch nicht auslastet, beginnt er zunächst Lehrfilme, dann Filme über die Kultur und das Leben der Schwarzen zu drehen. Mit drei Wochen Verspätung hört er vom Kriegsbeginn in Europa im August 1939. Im Dezember ist er auf dem Rückweg in die Schweiz. Seine Zeit als Soldat der Schweizer Armee hat nach einigen Monaten und zwei Malariaanfällen ein rasches Ende. Mehrere Monate hält er dann Vorträge vor Soldaten über seine Reisen. "Doch die Sehnsucht nach Afrika, nach meiner Farm und dem damit verbundenen Leben ließ mich erst von Konsulat zu Konsulat laufen, um zu versuchen - Krieg oder nicht Krieg -, wieder zum Luapula zurückzukehren. Überall begegnete ich dem gleichen leicht spöttischen Achselzucken: ´Lieber Mann! jetzt im Krieg?` So sinnt er auf andere Möglichkeiten, "der Flut grausigster Kriegsnachrichten" zu entfliehen, kauft sich in Cannes wieder ein Boot, die "Bonne Chance". Zwei Wochen Instandsetzungsarbeiten sind bereits investiert, als ihm die französische Polizei das Auslaufen verbietet. So heißt es diesmal mit Verlust verkaufen. Schließlich findet er im spanischen Muros, an der Atlantikküste, erneut ein Boot, eine 45 Fuß lange Jolle mit fünf "Zimmern", Kabine, Kombüse, Bad, WC, Mannschaftslogis, Vorratsraum. Nach siebenwöchigen Arbeiten sticht er im Oktober 1941 in See, Ziel: Lissabon. Schon zwei Tage später stoppt ihn ein englisches Kriegsschiff, ein Kreuzer: Nach einer Paßkontrolle darf er weitersegeln. Wieder einen Tag später besucht ihn ein deutsches U-Boot. Nach seiner Ankunft in Lissabon ist er auf der ersten Seite des "Diario de Notizias": "... der Besitzer habe schon öfters seine Reisen im eigenen Boot durchgeführt, und man dürfe es ihm nicht übelnehmen, wenn er auch in Kriegszeiten diese ungewöhnliche Art des Reisens vorzöge ... Solange seine eigenen und die Schiffspapiere in Ordnung seien, könnten ihm keine kriegführenden Mächte der Welt verwehren, die Meere zu befahren. ... Trotz dieses taktvoll-freundlichen Artikels ... wurde ich in Lissabon ... öfters spöttisch gefragt, ob ich zumindest selbst wüßte, für welche Seite ich spionierte." Auch alle finanziell hochdotierten Angebote potentieller Mitfahrer lehnt er kategorisch ab, um sich nicht in Auseinandersetzungen verwickeln zu lassen. Bis Gibraltar wird er noch von fünf englischen Schnellbooten kontrolliert. Im November 1941 ist er in Tanger und feiert seinen dreißigsten Geburtstag. Casablanca, Gran Canaria, Port Etienne (Mauretanien), Dakar, Bathurst (Gambia) heißen die weiteren Anlegehäfen. In Bathurst muß er drei Wochen bleiben, bis aus London bestätigt wird, daß Meiss-Teuffen "OK" sei. In der vierten Nacht nach dem Auslaufen aus Freetown in Sierra Leone erlitt er Schiffbruch. Mit seinem Beiboot rettet er sich an Land, kann noch seine Papiere, Geld, Wasser und Lebensmittel an sich raffen, bevor die "Ruetli 650" endgültig in der Nähe des Ufers sinkt. Mit einigen Tauchgängen holt er am nächsten Tag die wichtigsten Sachen aus dem Schiff heraus. Dann ging er zu Fuß nach Freetown: "Mit einem improvisierten Rucksack auf dem Rücken, der nur Konserven und Trinkwasser in Flaschen enthielt und der mir in der Nacht als Decke diente, begann ich den Hundertmeilenmarsch." Acht Tage lief er, elf Monate saß er in Freetown fest, dann, im März 1943 konnte er auf einem Frachter nach Kapstadt fahren. Dachte er. Denn nach zwei Tagen drehte der Frachter und fuhr stattdessen nach England. Nach einigen Tagen erfolgte ein Luftangriff, tags drauf kamen die U-Boote. Ein Treffer an der Steuerbordseite ließ den Frachter sinken, Meiss-Teuffen und einige andere retteten sich auf ein Rettungsfloß, dabei gingen auch seine letzten Habseligkeiten verloren. Aus Seenot gerettet, werden die Schiffbrüchigen nach England gebracht: Dort ist er auch als neutraler Ausländer den dortigen kriegsbedingten Arbeitspflichtgesetzen unterworfen. Er verbringt den Rest des Krieges als Lastkraftwagenfahrer und verdient genug, um sich bei Ende des Krieges wieder ein Sieben-Tonnen-Segelboot, eine 35-mm-Filmkamera, Leica und Rolleiflex, Sextant und Chronometer kaufen zu können. Als lukrativen Nebenjob hatte er das Handdrucken von Kopftüchern, Schals und Stoffen für Damenkleider begonnen. Schon seine ersten vier "Schöpfungen" waren so gut, daß sie von einer Stoffdruckfirma in Manchester angekauft wurden. "Das Hinüberwechseln vom schlechtbezahlten Chauffeur zum gutbezahlten, schöpferisch schaffenden Künstler war wohl das Eigenartigste im oftmaligen Auf und Ab meines Lebens." Er kaufte sich im Juli 1945 ein Schiff, die "Speranza", und verließ Ende August England über die Themse, als erster privater Schiffsführer nach dem Krieg, dabei Spezialkarten der Royal Navy benutzend, die die noch existierenden Minenfelder enthielten. Er hatte versprechen müssen, die Karten nach Passieren der Minenfelder sofort zu vernichten. In Lissabon überwinterte er an Bord seines Schiffes: "Am Nachmittag kamen meist Bekannte, die ihren Bekannten das Schiff zeigen wollten, und abends mußte im neu angeschafften Smoking zu einer der vielen Einladungen gegangen werden, wo alte Bestellungen [für bedruckte Tücher] abgeliefert und neue Aufträge angenommen wurden. Gesellschaftliches Leben war für mich zur Notwendigkeit geworden. ... Nach den schweren Winterregen ... drehte ich ... einen Dokumentarfilm über Kork. Mehr als eine Woche verbrachte ich in den ausgedehnten Korkwäldern im Süden Portugals." Zwei weitere Filme haben den Stierkampf und einen "Spaziergang durch Lissabon" zum Thema. Am 11. März 1946 segelte er schließlich weiter. Drei Wochen blieb er in Tanger, ebenso lange in Gibraltar, und hielt dort Vorträge über Einhandsegeln vor den englischen Offizieren und Kadetten. Den vorläufigen Abschluß seiner zwölfjährigen Vagabundenzeit auf dem Meer bildete die Überquerung des Atlantiks in der Rekordzeit von 58 Tagen über Neufundland und Neuschottland. Es schlossen sich drei Jahre in Amerika an und im April 1949 finden wir ihn in Alaska überwinternd und dieses Buch schreibend. Drei Vortragsreisen durch die USA und Deutschland folgten 1949/50. Meiss-Teuffen war unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg unterwegs, lange Zeit während des Krieges und unmittelbar nach dessen Ende wieder. Nirgends erwähnt er die Begegnung mit anderen Reisenden; das Maß der Aufmerksamkeit, das ihm unterwegs zuteil wird, läßt ihn als Reisenden einzigartig dastehen. Eine Kombination seltener Eigenschaften und Umstände war nötig, um während des Krieges zu reisen: Neben einem starken Wandertrieb gehörte dazu die Zugehörigkeit zu einer anerkannt neutralen Nation, die Freistellung von der Armee und ein hohes Maß an Selbstbestimmung bezüglich Ziel und Routenwahl, wie es wohl nur auf dem Meer möglich ist, unterstützt durch das Talent, in jeder Situation Geld zu verdienen, und sich in nahezu jedem Land in der Landessprache unterhalten zu können.
Gunther Plüschow war Offizier und bei Kriegsanfang als (einziger) Marineflieger in der damals deutschen Kolonie Tsingtau in China eingesetzt. Das Ultimatum der Japaner vom 15.8.1914 ging den Kampfhandlungen voraus. Kurz vor dem Fall der Stadt hatte Plüschow den Auftrag, das Flugzeug in Sicherheit zu bringen und sich selbst abzusetzen. Er flog, so weit er kam, und landete am 6.11.1914 auf einem Acker in der Nähe der chinesischen Stadt Hai-Dschou, ließ den Motor bei den Behörden in Sicherheit bringen und entging, obwohl auf neutralem Gebiet, selbst nur durch Flucht einer Internierung in Nanking. Damit begann sein Leben als Reisender, der sich irgendwie nach Deutschland durchzuschlagen versuchte. Freunde halfen ihm, sich als Nähmaschinenfabrikant McGarvin in Schanghai nach Amerika einzuschiffen. Bei den Kontrollen in fünf angelaufenen japanischen Häfen halfen ihm der Schiffsarzt, eine vorgetäuschte Krankheit und die luxuriöse Erste-Klasse-Umgebung - die Papiere wurden nicht kontrolliert. In Honolulu und San Francisco stürzten sich die Reporter auf ihn, seine Flucht und seine Fliegereinsätze hatten sich bereits herumgesprochen. Aber trotz ihrer Neutralität im Krieg hatten Presse und Öffentlichkeit Partei ergriffen gegen Deutschland, Plüschow bekam das zu spüren. Schwierig war es, einen Platz auf einem Schiff nach Europa zu bekommen. Das gelang ihm erst mit einem gefälschten Paß, der ihn als Schweizer ausgab, und ihm die Passage auf einem italienischen Schiff ermöglichte. Bei der Durchfahrt durch die Meerenge von Gibraltar wurden sie von Engländern kontrolliert: "Der englische Offizier ließ sich auf nichts mehr ein, er sagte bloß, es seien bereits so viel Schweizer durch Gibraltar durchgefahren, so viele gäbe es in der ganzen Welt nicht." Fünf "Schweizer", darunter auch Plüschow, wurden verhaftet und interniert, nachdem sie nicht in der Lage waren, mit einem echten Schweizer Schwyzerdütsch zu reden. Wenig später wurden alle Lagerinsassen nach England überführt. Während die Behandlung in den Überführungslagern sehr schlecht war, besserten sich die Umstände erheblich, nachdem Plüschow in das Offizierslager von Dorchester kam: freie Bewegung innerhalb aller Gebäude und des Geländes, Sportmöglichkeiten, eigene Wäscherei und Schneider; ein Streichquartett und ein Gesangverein wurden gegründet. Die Gefangenen erhielten ein Gehalt von einhundertzwanzig Mark monatlich, abzüglich sechzig Mark für Verpflegung. Die Post von Deutschland funktionierte tadellos, außerdem konnte man sich Geld und Pakete schicken lassen. Allerdings durfte man nur begrenzt nach Deutschland schreiben. Mit der Zeit packte ihn die Gefangenenkoller: "Die Krankheit der furchtbarsten Verzweiflung, der vollständigsten Hoffnungslosigkeit." Er blieb aufmerksam, sammelte Informationen und plante die Flucht mit einem Kameraden. Am 4.7.1915 meldeten sie sich krank und bei der abendlichen Musterung legten sich zwei informierte Kameraden stellvertretend für die Flüchtigen ins Bett. Nachts überkletterten sie, geschützt mit Lederhandschuhe, Ledergamaschen und Wickelgamaschen, die zwei elektrisch gesicherten Stacheldrahtzäune und eine Mauer und befanden sich (vorläufig) in Freiheit. Als wichtigste Ausrüstung hatten sie sich Rasierapparate, Nähnadeln, Kragen, Schlips und eine Kleiderbürste mitgenommen - gepflegte Menschen fallen weniger auf! So erreichten sie London, allerdings auf getrennten Wegen, doch sein Kamerad wurde noch in den ersten 24 Stunden gefaßt. Anderntags hingen überall Steckbriefe und Plüschow entschied sich für ein neues Image: Hut, Kragen, Schlips und Mantel flogen ins Wasser, die blonden Haare wurden mit Vaseline, Schuhwichse und Kohlenstaub schwarz, "die Hände sahen bald aus, als wenn sie niemals mit Wasser in Berührung gekommen wären, und zu guter Letzt wälzte ich mich auf einem Kohlenhaufen tüchtig herum, und schon war der streikende Dockarbeiter G. Mine fertig. ... Mit meiner Mütze frech im Genick, vor Schmutz starrend, die Jacke offen, den blauen Seemannssweater und als einzige Zierde den Kragenknopf zeigend, mit den Händen in den Taschen, pfeifend und spuckend und mich überall herumlümmelnd, wie ich es zu tausenden Malen in allen Hafenstädten der ganzen Welt gesehen hatte, trieb ich mich tagelang in London herum, ohne auch nur jemals den leisesten Verdacht bei irgendeinem Menschen zu erwecken, daß ich etwas anderes sei, als wonach ich aussah. Darauf beruhte mein ganzer Plan." Er übernachtete im Hafen in einem Holz- und Gerümpellager und wartete auf einen passenden Dampfer mit Ziel Holland. Das dauerte einige Tage, in der Zwischenzeit suchte er ein verlassenes Ruderboot und an anderer Stelle passende Ruder, um nachts zu einem Dampfer hinüberwricken zu können. Einmal an Bord der "Prinzeß Juliana" gelangte er so nach Vlissingen, von da aus mit dem Zug nach Deutschland. Neun Monate dauerte die Odyssee von Tsingtau nach Goch am Niederrhein. Erich Killinger verbrachte seine Ferien mit Hochtouren in den Tiroler Bergen, als ihn im Juli 1914 auf einer Berghütte der Befehl erreichte, sofort in die Marineschule Flensburg zurückzukehren. Von Danzig aus unternahm er zunächst Aufklärungsflüge über der Ostsee und später Bomberflüge - beim Flug am 6. April 1915 wurde er abgeschossen, von Kosaken gefangengenommen und über Libau und Wilna in die Festung Petersburg gebracht, bis ihm dort eröffnet wurde, daß er in die Bergwerke von Sachalin geschickt würde. Nach dreiwöchiger Eisenbahnfahrt war jedoch erst einmal im Lager Omsk die Reise beendet. Vier Wochen später ging es weiter in das Lager Nischne-Udinsk. Killinger beginnt sich Karten für eine spätere Flucht zu besorgen, und zwar auf eine sonderbare Weise: "Da bei den zu der Front abrückenden Russen viele nur widerwillig zum Militärdienst gezwungen worden waren, kamen öfters während unseres Transportes Leute zu uns an den Zug und baten um eine Bumaga, d.h. wir sollten ihnen auf einem Zettel bestätigen, daß sie gute, friedfertige Leute seien. Mit diesen Zetteln gedachten sie dann überzulaufen und sich gut Behandlung in der Gefangenschaft zu sichern. Dieser Tauschhandel stand in voller Blüte..." Killinger und seine Zimmerkameraden gaben im nächsten Lager täglich eine Lagerzeitung heraus, natürlich illegal. Gedruckt wurde mittels Leim und Gelatine auf einem Kuchenblech. Der Lagerkommandant verbat nicht nur die Zeitung, sondern unterschlug auch eine große Summe der für die Gefangenen vorgesehenen Gelder. Nachdem sich die Gefangenen beim Gouverneur beschwert hatten, bekamen sie zwar Recht, aber kein Geld, sondern wurden, um den Mantel des Vergessens über die Angelegenheit zu decken, nach Wladiwostok verlegt. Killinger beschloß, nach sechs Monaten Kriegsgefangenschaft während der Fahrt zu fliehen. An der Abzweigung bei Kaidalowskoje, kurz hinter Charbin, dort, wo sich die nördliche und die südliche Linie der Transsib trennen, sprangen er und drei Kameraden aus dem Zug. Ihre Flucht wurde sofort bemerkt, der Zug hielt, die vier liefen, was die Beine hergaben. Es war bereits September, die ersten Schneefälle machten eine Verfolgung schwieriger, außerdem bewegten sie sich in sumpfigem Gelände und konnten so entkommen. In einem Rucksack trugen sie einige bescheidene Vorräte mit sich: Brot und Wurst mußten erst im Mund aufgetaut werden, bevor man sie beißen konnte; Schnee diente als Wasserersatz und kühlte den Körper zusätzlich aus; Mäntel, Schals und Handschuhe hatten sie nicht mehr. Wege gab es nicht, Pfade mieden sie aus Angst vor unerwarteten Begegnungen. Erst als die Vorräte zu Ende gingen und der Hunger sie dazu brachte, eine Kerze zu essen, suchten sie auch abseits liegende Gehöfte auf: "Nach verschiedenen vergeblichen Versuchen, mit Gebärden unsere Wünsche darzutun, hatten wir bald herausgefunden. daß man zunächst das Vertrauen dieser Leute gewinnen mußte, was am schnellsten durch Erregung ihrer Neugier geschah. Wenn Obermaschinist L. seine schon lange verrostete Taschenuhr herauszog, die wir dann interessiert betrachteten, dann reckten sich die Hälse, und jeder schob den anderen nach vorn, um hinter dessen Rücken auch einen Blick auf diesen Zauberapparat zu erhaschen. ... und wenn erst einige Minuten verstrichen waren, dann war ein ganz Kühner uns meistens schon so nah auf den Leib gerückt, daß er mit spitzen Fingern unsere noch nie gesehenen Gegenstände berühren konnte. Jetzt schnell die Uhr eingesteckt, denn nun wollten alle anderen auch anfassen, und das mußte vermieden werden, denn der erste war doch nun ein Held in den Augen der anderen, und das mußte er bleiben. Sollte er doch jetzt von uns dadurch ausgezeichnet werden, daß wir uns gerade in seiner Hütte aufzuwärmen gedachten." Die Leute waren gutmütig und gastfreundlich, auch wenn den Flüchtenden nie ganz geheuer war bei dem, was sie aßen: "Der anfängliche Widerwille gegen die uns unbekannten Gerichte, die wir möglichst heiß aus kleinen Näpfen schlürften, war bald überwunden, denn sehen konnte man ja doch nicht, was man aß, da es keine Beleuchtung gab, und zu riechen war auch nicht viel, dafür sorgten schon der beißende Rauch des Feuers, der Geruch des Unrats auf dem Boden und nicht zuletzt die Ausdünstungen der Gastgeber. ... Wir wurden nach der größten Hütte geführt und bekamen Tee. Eigentlich ist das ja nicht der richtige Ausdruck für das Getränk, das uns da gereicht wurde, aber da das Zeug heiß und grün gefärbt war, nannten wir es eben Tee. Dann gab es in kleinen Näpfen etwas, was zunächst langen Regenwürmern glich; beim Kosten stellte sich aber, Gott sei Dank, heraus, daß es doch etwas anderes sein müsse. Was es wirklich war, weiß ich heute noch nicht; jedenfalls haben wir´s gegessen." Nach etwa vierzehn Tagen gelangten sie in eine kleine Stadt namens Mompanse und schlugen von dort den Weg nach Kirin ein, einer Stadt, die an dem Fluß Sungari liegt, etwa in der Mitte zwischen Mukden und Charbin. In Kirin angekommen, wurden sie von einem der beiden dort ansässigen Deutschen freundlich bewirtet. Dieser erzählte, daß bereits ein halbes Jahr vorher elf deutsche und österreichische Offiziere die Flucht auf der gleichen Route versucht hätten, jedoch nur vier hätten Kirin lebend erreicht und wären nun in Tientsin interniert. Auf einem Karren versteckt schaukelten Killinger und seine Kameraden in den folgenden vierzehn Tagen nach Mukden. Dort begaben sie sich zum deutschen Konsulat und erfuhren, daß ihre Flucht in sämtlichen russischen Zeitungen bekanntgegeben und Steckbriefe erlassen worden seien. Ihnen wird empfohlen, getrennt weiterzureisen. In Tientsin bieten ihm Deutsche Unterkunft und Hilfe an, so daß er sich erholen kann, dann fährt er über Nanking nach Shanghai, immer weitergereicht an dort jeweils ansässige Deutsche. Dann beginnt die Vorbereitung für die Flucht aus China: Ihm bleibt nur die Passage mit einem Schiff über Japan nach Amerika, denn sich durch Zentralasien nach Persien durchzuschlagen, ist zu aufwendig und zeitraubend; die Fahrt mit dem Schiff um Indien wiederum ausgeschlossen wegen der zahlreichen englischen Kontrollen. Killinger entscheidet sich, eine französische Identität anzunehmen: "Jetzt hieß es, sich einen französischen Paß zu besorgen; Anzüge, wenn möglich mit französischen Firmen im Futter; Koffer, denen man an ihren aufgeklebten Zetteln, wie: "Hotel du Louvre, Lyon", "Hotel de la Paix, Paris", ansah, daß sie viel in Frankreich gewesen waren. Ein paar französische Briefe, Fotografien und Zeitungen mußten ebenfalls beigebracht werden." Er verbessert sein Französisch und Englisch, läßt sich in Sprachstunden seinen Akzent austreiben, paukt die bei Seeleuten üblichen Redewendungen. Dann besorgte er sich Kataloge, Geschäftspapiere und Briefbogen einer Schweizer Maschinenfabrik. Einen abgelaufenen französischen Paß kaufte er auf dem Schwarzmarkt, den Stempel des französischen Vizekonsuls in Che-foo schnitzte ein Chinese aus Holz, die Unterschrift des Vizekonsuls wurde durchgepaust, eine passende Legende für seinen Lebenslauf und seine jetzige Reise zurechtgestrickt. Am 1. Januar 1916 verließ er mit einem japanischen Dampfer Shanghai. Während der einen Monat dauernden Passage suchte er sich mit möglichst vielen Passagieren bekanntzumachen, um in deren Reisegruppen "unterzutauchen". Doch die Fahrt nach San Francisco verläuft gefahrlos. Ein Schiff nach Europa konnte er nur in New York finden und machte sich mit der Eisenbahn auf den Weg. Wieder einmal war ein neuer Paß nötig: Wenn er sich als Franzose ausgeben würde, holten ihn die Engländer vom Schiff und schickten ihn nach Frankreich, damit er seine Militärpflicht erfüllte. Und als Schweizer? "Aber gerade als Schweizer Staatsangehöriger hatte man bei den Engländern mit einer besonders scharfen Kontrolle zu rechnen, da sich alle diejenigen, die eine fremde Sprache nicht fließend beherrschten, notgedrungen die Schweizer Staatsangehörigkeit zulegen mußten. ... Da kam mir ein erleuchtender Gedanke: ich stamme einfach aus der französischen Schweiz und spreche gar nicht Deutsch." Die französische Schweiz kannte Killinger gut aus seiner Schulzeit und war dort bei dem Geistlichen Pasteur Epars in Pension gewesen - diesen gab er nun als Vater an. Seine Lebensgeschichte plante er detailliert. Anhand einiger Nachschlagewerke und Baedeker konnte er Straßennamen und Hausnummern angeben, die stimmten. In diesem Lebenslauf war er mit sechzehn Jahren als Taugenichts durchgebrannt und zur See gefahren: "Aus alten Schiffsregistern wurden jetzt ein paar kleinere unbekanntere Handelsdampfer herausgesucht und Jeans Seefahrtszeit rekonstruiert. Das war gar nicht so einfach, denn vom Jahr 1906-1912 mußte der Verbleib meines Jean lückenlos nachgewiesen werden. Die Namen der verschiedenen Schiffe, auf denen ich Dienst haben wollte, die Reiserouten, Kapitäne, Größe und Aussehen der Dampfer, womöglich Ladung, die wir an Bord hatten, Hafenplätze, wo wir anlegten, alles mußte den Tatsachen entsprechen....". Abends läßt er sich von Freunden ins Kreuzverhör nehmen, bis er alle Angaben widerspruchsfrei beherrscht. Auch sein Äußeres trimmt er auf Matrose: "... ich brachte mir an mehreren Stellen der Finger kleine Verletzungen bei und hielt dann die Hände in Petroleum, in dem vorher rostige Eisenstücke gelegen hatten. Die Finger schwollen natürlich sofort an, und der Rost setzte sich in den Ritzen der Haut fest. Dies Verfahren wirkte vorzüglich. Nach wenigen Tagen schon hatte ich eine richtige Seemannsfaust. ... Auch mein Gebiß paßte schlecht zu einem Matrosen. Früher hatte ich einmal durch einen Sturz mit meinem Flugzeug einen Vorderzahn eingebüßt, der mir durch einen goldgefaßten Stiftzahn ersetzt worden war. Der mußte natürlich entfernt werden. Kurzerhand schlug ich ihn mir aus. Die Zahnlücke machte sich recht gut ... Verschiedene Backenzähne waren mit Goldkronen überkapselt, die mehr nach vorn gelegenen konnte man beim Sprechen leicht sehen; ich riß die goldenen Kronen ab. Die weiter rückwärts liegenden schmierte ich mit Teer ein. ... Haare und Augenbrauen wurden tüchtig mit Fett eingerieben, das zuvor mit Kohlenstaub gemischt war." Killinger trug nur amerikanische Kleidungsstücke. Das Foto einer älteren Frau wurde sachgemäß zerknittert und beschmutzt und stellte seine Mutter dar. Auf dem norwegischen Dampfer Storfjeld heuerte er an, indem er abends zuvor einen Matrosen so vollaufen ließ, daß der am nächsten Morgen nicht erwachte, während Killinger "zufällig" zur Stelle war und sich vom Kapitän nach langem Feilschen überreden ließ, mitzufahren. Es folgten vier Wochen harte Arbeit, schwerer Seegang und eine mehr als schmutzige Umgebung. Vor Erreichen der englischen Küste wurden sie von englischen Schiffen in den Hafen von Kirkwall begleitet. Dort begann die Untersuchung, vor der er sich bereits die ganze Zeit fürchtete: Die Koje wird genau untersucht und alles, was sich darin befindet; die Papiere wurden mit der Lupe studiert; im Kreuzverhör wurde der Lebenslauf überprüft. Als er das Verhör hinter sich hatte und gerade den Raum verließ, rief ihm jemand - auf Deutsch - hinterher: "Halt, Sie haben etwas vergessen." Ein beliebter Trick, auf den er aber nicht hereinfiel. In der nächsten Nacht wird er unsanft geweckt, doch Killinger reagierte nur mit den Worten "Damned! Stop it!" Viele verfallen aufwachend in ihre Muttersprache. Fast ein Jahr nach seiner Gefangennahme betrat er norwegischen Boden, fühlte sich in Sicherheit. Auf der deutschen Botschaft glaubte man ihm seine Geschichte nicht, gab ihm jedoch Geld für eine Fahrkarte nach Warnemünde. Dort angekommen, wurde er gleich verhaftet, man hielt ihn für einen russischen Spion, bis ihn ein Kamerad aus der Fliegerstaffel identifiziert. Am 6. März 1916, elf Monate nach seiner Gefangennahme, vier Monate nach seiner Flucht aus Sibirien ist er wieder zu Hause. O reiserei, du harte speis,
wie tust du mir so we im pauch!
im stro so peißen mich die leus,
die leilach sind mir viel zu rauch.
ich tumer gauch
warumb tu ich das?
Unbekannt
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