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Das unerträgliche Gefühl des Eingesperrt-Seins

Reisen in Zeiten der Not und Gefahr

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© 1996 by
Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens - AGIR
 

Inhaltsübersicht

Vorbemerkung   

Die Flucht aus Dehra-Dun   

Warum flüchten?  

Frei - aber in Indien gefangen?  

Vorbereitungen zur Flucht  

Die Suche nach Gleichgesinnten  

Solidarität und Erfolg  

Zwei Offiziere und fünf Inder?  

Sattlers Rückkehr  

In Tibet  

Eine Pille gegen jedes Übel  

Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt  

Warten auf die Gunst des Schicksals  

Über Nepal zurück ins Lager  

In Lhasa  

Die Flucht nach Burma 

Erfahrungen auf der Flucht    3.1  Der 1. Weltkrieg 1914-1918   

3.2  Der 2. Weltkrieg 1939-1945   

Flucht aus Holland  

Das Ende einer Bergfahrt  

Glück gehabt?  

Der Legion entkommen  

3.3  Mitten im Putsch  

3.4  Entkommen aus Sibirien 

Weltreise im Weltkrieg    4.1  Freiheit auf den Meeren   

I am sailin´ ...  

Illegal in Palästina  

Kriegsdienst in Helvetia  

Schiffbruch und Landurlaub  

Alles im Lot auf´m Boot  

4.2  Unfreiwillige Weltreisen   

Auch Flieger müssen fliehen  

Noch ein Flieger auf der Flucht  

Flucht aus Sibirien  

Von China nach Amerika  

Von New York nach Norwegen 

Bedingungen und Verhalten in Zwangssituationen    Selbstbestimmung und Objekt  

Bei Kriegsausbruch in Feindesland  

Bei Kriegsausbruch im neutralen Ausland  

Wer konnte reisen?  

Strategien der Flucht 

Biographien    Kurt Aram  

Peter Aufschnaiter  

Ludwig "Lutz"Chicken  

Gustav Fruhmann  

Heinrich Harrer  

Heins von Have  

Werner-Otto von Hentig  

Arthur Heye  

Oskar und Anita Iden-Zeller  

Erich Killinger  

Fritz Kolb  

Hans "Hanne" Kopp  

Edmund "Ede" Krämer  

Hans Lobenhoffer  

Rolf Magener  

Marchese  

Walter-Eberhard Freiherr von Medem  

Hans von Meiss-Teuffen  

Antoni-Ferdinand Ossendowski  

Herbert Paidar  

Erich Robert Petersen  

Gunther Plüschow  

Herbert Pritzke  

Wolfgang Gans Edler Herr zu Putlitz  

Slavomir Rawitsch  

Philip Rosenthal  

Colin Ross  

Friedel Sattler  

Ludwig Schmaderer 

Bibliographie   

  


 
 
Das Beste, was man vom Reisen nach Hause bringt,
ist die heile Haut.
persisches Sprichwort
3 Erfahrungen auf der Flucht 

3.1 Der 1. Weltkrieg 1914-1918 

Arthur Heye war seit Monaten in Afrika, gerade von einer Malaria genesen und überschritt am 27. Juli 1914 die Grenze zwischen Britisch- und Deutsch-Ostafrika auf dem Weg zum Kilimandscharo, um sich dort einige Zeit zu erholen. "Am Abend des zehnten August lag ich, in zwei Decken gehüllt, in einem Liegestuhl vor der Tür der Petershütte und steckte mir bedachtsam eine Havanna an. ... Obgleich auch meine Hände vor Kälte starr und steif waren, öffnete ich den Brief sofort ... »Sie werden hierdurch aufgefordert, sich innerhalb von drei Tagen nach Erhalt dieser Benachrichtigung bei der unterzeichneten Amtsstelle zu melden und Ihren Paß und, falls Sie Reichsdeutscher sind, Ihre Militärpapiere vorzulegen. Zu Ihrer Information wird Ihnen mitgeteilt, daß sich das Deutsche Reich und seine Kolonien seit Anfang dieses Monats mit Rußland, Frankreich, Belgien und England im Kriegszustand befindet.«" 

Für Heye, gerade neunundzwanzig Jahre alt, bedeutete das eine radikale Umwälzung seines Lebens: "...von den fünfzehn Jahren, die seit meiner Entlassung aus der Schule vergangen waren, hatte ich vierzehn im Ausland verbracht. Die beiden letzten Jahre war ich drüben in der englischen Nachbarkolonie gewesen, und von den Menschen, die ich dort kennengelernt hatte, war mir überwiegend nur Gutes widerfahren. Sie waren jetzt die Feinde meines Vaterlandes, und es wäre meine Pflicht gewesen, sie zu hassen. Aber - ich konnte und konnte ihnen gegenüber nichts anderes als Dankbarkeit empfinden, und ich fühlte abgrundtiefen Kummer über das, was nun eingetreten war." 
Nichtsdestotrotz war er am kommenden Tag Soldat, Landsturmmann bei der vierten Schützenkompanie in Tanga. Fast drei Jahre blieb er dann "auf Kriegspfaden" im Busch unterwegs, wurde am 19. April 1917 angeschossen und gefangengenommen. Im Juni 1917 befand er sich an Bord des englischen Dampfers "Windsor Castle", auf dem Weg nach Indien, und gelangt wie die meisten in ein Gefangenenlager, vermutlich Ahmednagar. Dort findet er etwa fünfhundert Deutsche, luftige Wohnbaracken, Gärten, Duschen, Sportplätze, sogar eine Musik- und Theaterhalle. Es gibt Sport-, Gesang-, Musik- und Theatervereine, einige Gefangene führen Coiffeursalons, Schuster- und Schneiderwerkstätten. In der Kantine kann man so ziemlich alles kaufen, Alkohol erhält man unter der Hand. Ein Problem ist das Geld: "Den vornehmtuenden Vertretern der großen deutschen Handels- und Baufirmen fehlte es auch offenkundig nicht an Mitteln dazu; bei uns Afrikasoldaten haperte es in dieser Hinsicht jedoch erheblich. Wir besaßen wohl ausnahmslos Löhnungsguthaben von tausenden von Rupien, aber wir besaßen kein bares Geld." 
Heye verdiente sich einiges als Konditor hinzu: "Ich stellte nur eine einzige Spezialität her: Sandtorte eins zu eins. Der Name erklärt sich aus dem Rezept: ein Pfund Mehl, ein Pfund Zucker, ein Pfund Butter und ein Dutzend Eier. Wer von diesem währschaften Erzeugnis drei Scheiben zum Frühstück aß, hatte noch am Abend keinen Hunger. Den Backofen selbst hatte ich mir aus Lehm und einem Haufen Ziegeltrümmer hinter dem Waschhaus erbaut; das Heizmaterial war das landesübliche, nämlich getrockneter Kuhdung." 

Als ihm das Geschäft vom Kommandanten wegen Feuergefahr untersagt wurde, verlegte er sich auf die Herstellung von Tamarindenmarmelade, einem allerdings wenig begehrten Produkt. "Die Einnahmen schnellten jedoch in äußerst erfreulicher Weise in die Höhe ... Eine Anzahl eingeweichter Früchte war mir in Gärung übergegangen; gerade als ich im Begriff stand, das Zeug wegzuschütten, steckte ein hoffnungslos versoffener Barackengenosse seine rote Nase schnüffelnd in den Bottich, kostete das Gebräu und fand den Geschmack so lieblich, daß er es restlos ausbecherte, wobei er immer handfestere Gesänge anstimmte. ... Der Absatz wurde aber geradezu reißend, als ich herausfand, daß bei richtiger Behandlung aus dem Zeug sogar ein schäumender Sekt entstand ..." 
Das Geschäft war beendet, als eines Nachts eine nach der anderen die unter dem Bett gestapelten und verkorkten Flaschen explosiv ihre Korken durch die Gegend jagten. Eine Geräuschkulisse wie bei einem Schußwechsel, die schnell zwei Engländer mit gefälltem Bajonett herbeilockte. 

Der findige Heye erteilt nun den Deutschen im Lager Englischunterricht, wobei er einen besonderen Wert auf vielfältige Flüche legte, die die Lagerinsassen mit den Bewachern austauschen konnten. "Monate hindurch gab ich einer Nachmittags- und einer Abendklasse von je zwanzig bis dreißig Teilnehmern Unterricht." Den Unterricht mußte er schließlich wegen seines immer schlechteren Gesundheitszustandes aufgeben, verbrachte mehrere Monate im Gefängnishospital und hielt ein ganzes Jahr lang eine Diät aus Schleimsuppen ein. 

Nach dem Kriegsende 1918 gab es lange keine Anzeichen für eine Verschiffung nach Hause, die Moral im Lager sank: "Die geistigen Interessen, die zahlreichen Bestrebungen zur Weiterbildung flauten ab, und schließlich hörte sogar die sportliche Betätigung fast völlig auf. Bei vielen machte sich stattdessen dauernde Gereiztheit und Zanksucht und eine Neigung zu alkoholischen Ausschweifungen bemerkbar, andere flüchteten sich in die sonderbarsten sektiererischen Lehren, in okkulten Hokuspokus oder einfach in schiere stumpfe Verzweiflung und Selbstaufgabe - und einige flüchteten aus dem Leben überhaupt. Denjenigen, die freiwillig gegangen waren, sollten im Laufe dieses düsteren Jahres noch viele unfreiwillig folgen. Nachdem schon eine Choleraepidemie auch unter uns mehrere Opfer gefordert hatte, fiel der schwarze Schatten der weltumspannenden Grippe auch über Indien. ... [Dann] flammte die dortzulande nie ganz verlöschende tropische Pest, die Bubonenpest, wieder auf; ihr auf dem Fuße folgten eine neue Cholerapest und dieser dann noch der Typhus." Heye ging es schlecht, obwohl er nicht unter diesen Seuchen zu leiden hatte. Er kam in das Erholungslager Ramandrugh im Süden der Provinz Madras. Dort lernte er den Ethnologen Dr. Schlesinger kennen, der im Himalaya zu ethnologischen Studien unterwegs gewesen war, und dessen Vater Inhaber eines bekannten Frankfurter Bankhauses war. Mit ihm ging er in den fünf Monaten Erholungslager auf insgesamt acht Wochen währende Forschungs- und Jagdausflüge; für zwei Rupien pro Person und Tag meldete der irische Sergeantmajor die beiden jeden Abend als anwesend. 

Erst Silvester 1919 werden alle Gefangenen Hals über Kopf nach Bombay und dort auf ein Schiff gebracht und am 24. Februar 1920 landet Heye im Hafen von Rotterdam. Heye trifft auch einen Dr. Söderland, der Redakteur bei dem Versicherungsblatt "Die Mußestunde" gewesen war und sich in ein buddhistisches Kloster auf Ceylon zurückgezogen hatte. Dort hatte man ihn ausgewiesen, obwohl er bereits mehrere Jahre unter den Mönchen lebte. Vor seiner Internierung war Heye Nachfolger auf dessen Redakteursposten und sollte über seine Reisen schreiben. 

August Hauer war Arzt und Leiter des Schlafkrankheitsbezirkes Nianza am Tanganjikasee. Im Juli 1914 begann er eine Rundreise durch seinen Distrikt; am 4. August brachte ihm ein Bote den Brief mit der Nachricht der Kriegserklärung zwischen Deutschland und Rußland. Der Einberufungsbefehl zur 9. Feldkompagnie in Usambara wartete bereits in Gitega. Dort traf er auch auf den aus dem Kongo kommenden "Abenteurer und Elefantenjäger", den Deutsch-Amerikaner Kramer. 

Bis Mitte 1917 war Hauer in den Kampfgebieten Ostafrikas eingesetzt, dann wurde er gefangengenommen und Ende November in das Gefangenenlager in Lindi gebracht. Ein Hospitalschiff brachte ihn nach siebenwöchigem Typhusleiden und abgemagert auf 45 Kilo nach Indien und dort über Karachi ins Gefangenenlager von Ahmednagar, einem der gesündesten, wenngleich äußerst heißen Plätze Südindiens. Hier waren nicht nur die deutschen Soldaten aus Ostafrika, sondern auch Zivildeutsche aus Siam und China interniert. Schon bald sah er, wie eine Gruppe Ausbrecher zurückgebracht wurde, die ein altes, den Engländern unbekanntes Kanalsystem zur Flucht benutzt hatten, sich aber durch ungeschicktes Verhalten nach etwa zehn Tagen in der Freiheit verraten hatten. 

Außerdem berichtet er von einer weiteren Flucht, die auch Heye erwähnt: "Eines Morgens fehlte jener schlagfertige Leipziger. In einem Brief, der jedem Melancholiker Ehre gemacht hätte, teilte er dem Kommandanten mit, daß die Quälereien des `schwarzen Peter´ ... ihn zum Selbstmord getrieben hätten. Während nun tagelang Busch und Höhlen vergebens durchsucht wurden, saß Herr Hahn zuversichtlich in der Bahn. Bei der Ankunft in Madras ... ward er der Polizei nur dadurch verdächtig, daß er das wenigste Gepäck von allen Reisenden trug." 

Bei Heye heißt der Flüchtige allerdings Blum und die Flucht fand aus Ramandrugh statt, im übrigen gleichen sich die Angaben. Heye traf Blum später nochmals in Deutschland und gibt zahlreiche Details an, so z. B., das Blum zu vier Jahren Militärgefängnis in Poona verurteilt wurde, diese jedoch nicht abzusitzen brauchte und zusammen mit allen anderen Anfang 1920 nach Deutschland überführt wurde. 

Am 30. Dezember 1919 wurden die internierten Deutschen zurück nach Deutschland geschickt. 

Hagenbeck lebte bereits 25 Jahre in Indien, war Importeur, Exporteur, Tierhändler, Pflanzer und nahm unter den Großkaufleuten Indiens einen der ersten Plätze ein: "meine Firma war überall in der Welt bekannt, ich besaß ausgedehnte Pflanzungen, ein prächtiges Heim, ein beträchtliches Vermögen und erfreute mich nicht nur in den Kreisen meiner Landsleute, sondern auch bei den Engländern des besten Rufes und der angenehmsten Beziehungen." Auch in Ceylon glaubte man bis zuletzt nicht an die Möglichkeit eines Krieges. Am 7. August 1914 erhielt Hagenbeck den Ausweisungsbefehl und mußte Ceylon noch am gleichen Tage verlassen, Frau, Familie, Haus, Hab und Gut bis auf einen kleinen Handkoffer zurücklassend und sich zweiter Klasse nach Batavia einschiffend, das damals holländische Kolonie war. Zusammen mit ihm waren auch acht Vergnügungsreisende aus Colombo ausgewiesen worden; vier Österreicher verließen freiwillig die Insel. Er hoffte darauf, bei Bekannten und Freunden unterzukommen, doch hatte man das Gerücht verbreitet, er sei ein Spion. Die Stimmung schlug gefährlich gegen ihn um und er beschloß die Flucht nach Deutschland. Ceylon hatte er ohne Papiere verlassen müssen, doch gelang es ihm, einem holländischen Kolonialsoldaten den Paß abzukaufen und sich als Zwischendeckspassagier einzuschiffen. Leider erkannte ihn einer der patrouillierenden Polizisten und seine Flucht fand schnell, doch folgenlos, ein Ende. 

Einige Zeit später flüchtete er zusammen mit einem Österreicher, dem ehemaligen italienischen Konsul in Colombo, in einem kleinen Küstendampfer, der nicht kontrolliert wurde, nach Sumatra. Dort erfuhr er, daß inzwischen alle anderen Ceylon-Deutschen interniert wurden. Unterkunft fand er auf deutschen Schiffen, die, überrascht durch den Krieg, untätig im Hafen der neutralen Holländer lagen. Im Laufe der Zeit knüpfte er Beziehungen an zu einem belgischen Kolonialsoldaten, der ihm einigermaßen ähnlich war: "Wir wurden handelseinig. Der Soldat, der also scheinbar abdankte, besorgte sich außer der Schiffsfahrkarte die nötigen Ausweise, die auch mit seiner amtlich abgestempelten Photographie versehen wurden. Ich erhielt nun die Papiere und das Billet und ersetzte die Photographie des Belgiers durch die meinige. ... Als ich im Schutze der Dunkelheit das Haus verließ, sah ich in meiner abgetragenen Uniform, Sandalen an den Füßen, einen Öltuchsack mit den Habseligkeiten über den Schultern, vollkommen wie ein alter, vom Tropenklima zermürbter, stark reduzierter Kolonialsoldat aus." 

Das setzte natürlich die fließende Beherrschung des Französischen voraus, ein gewisser Akzent wurde dem Belgier zugestanden. Seine Rolle spielte er überaus glaubhaft und bei den verschiedenen Revisionen durch englische Kriegsschiffe brauchte er als "armer Belgier" seine Papiere niemals zu zeigen. In Italien, damals neutral, verließ er das Schiff, suchte den Konsul auf und erhielt von ihm einen deutschen Paß. Ohne weitere Schwierigkeiten erreichte er Deutschland mit dem Zug. 

Carl Richarz, Leutnant zur See, erzählt, wie er zusammen mit 29 anderen Deutschen, Kadetten des Norddeutschen Lloyd-Schulschiffes Herzogin Cäcilie, in Chile nach Wegen sucht, nach Deutschland zu gelangen, um am Krieg teilnehmen zu können. Etwa im Oktober 1916 finanzieren sie mit Hilfe von Freunden aus Chile den Ankauf der Tinto, einer 64jährigen, hölzernen Bark mit 460 BRT (Bruttoregsitertonnen). Von November 1916 bis März 1917 sind sie unterwegs, umschiffen Kap Hoorn, durchkreuzen den Atlantik und gelangen nach 124 Tagen auf See unbehelligt nach Norwegen. 

Werner-Otto von Hentig ist von 1915 bis 1917 in geheimer Mission nach Afghanistan unterwegs, das damals, zwischen den Einflußsphären der Kriegsgegner Rußland und England liegend, geopolitisch wichtig wurde. Seine besondere Aufgabe war es, den Herrscher von Afghanistan zu besuchen und ihn den deutschen Interessen gewogen zu machen. 
Dabei war Hentig auf sich allein gestellt; seine Expedition wurde jedoch mit 250.000 Reichsmark unterstützt, von denen er letztlich in 26 Monaten 100.000 Mark ausgab und die Hinreise von zwanzig sowie die Rückreise von sechs Personen finanzierte. Nur zwei, allerdings landes- und sprachkundige Europäer nahm er von Berlin mit: den Arzt Dr. Becker, Mitglied des Garde-Jäger-Bataillons, und Walter Röhr, einen Magdeburger Kaufmann, der schon seit seinem siebzehnten Lebensjahr in Persien lebte. Sechs Afridis, Krieger von der indischen Nordgrenze, sorgten für den Schutz der Truppe, außerdem kamen einige Inder mit, darunter ein Prinz. Außerdem stoßen in Persien die Teilnehmer einer zweiten Expedition zu ihnen: sechs österreichische Offiziere sowie der deutsche Offizier Niedermayer und der Südwestafrikaner Wilhelm Paschen, schließlich einige weitere Deutsche, Perser und Ungarn. 

Getrennt reisen die Expeditionsteilnehmer am 14.April 1915 von Berlin über Wien und durch Rumänien nach Konstantinopel, dann mit der Bahn durch die Türkei, schließlich auf Booten nach Bagdad. Hentig beschreibt die aufreibende Organisation der Fahrt: "Zum Transport unsres Gepäcks hätten wir mindestens 150 Tiere, für Wacht- und Treiberpersonal wie für das Futter weitere hundert Tiere gebraucht. Die Kosten hätten sich auf annähernd zehntausend Mark belaufen. Statt dessen schaffte es der Euphrat in weniger als einem Drittel der Zeit und für etwa ein Zehntel der Kosten ... bis zur alten Kaiserstadt Bagdad hinunter." Am 1. Juni 1915 brechen sie erneut auf, ab nun begleitet von Spionen, denn sie befinden sich bereits im englischen Einfluß, nicht aber in deren Machtbereich. Mit Maultieren, Eseln, Pferden und Kamelen ziehen sie durch Persien, getrenntt, in drei Gruppen, meist auf den schwierigsten Strecken, meist durch die trockensten Wüstengegenden, da sie sich zwischen russischen und englischen Einflußsphären möglichst ungesehen hindurchschlängeln müssen. Ein Kamel kostete 2,40 Mark pro Tag, an Verpflegung nochmals 3,20 Mark, während die Menschen bereits mit 1,60 Mark verpflegt wurden. Problemlos war die Strecke von Kirmanschah nach Teheran und Isfahan, schwierig wurden die Wüstenstrecken über Najin nach Tebbes, der heißesten Stadt der Welt, wo sie am 23. Juni ankommen: Einen Monat lang sind täglich etwa sechzig Kilometer marschiert, bei sommerlicher Wüstenhitze und all den Problemen, die die Organisation einer so großen Gruppe mit sich bringt. Ohne direkte Feindberührung, jedoch oft in Hör- und Sichtweite feindlicher Patrouillen erreichen sie schließlich Afghanistan bei Doroschk und Tacht-i-Wun am 22. Juni 1915, erreichen Kabul aber erst Ende September. Zehn Monate bleiben sie in Afghanistan als Gast des Emirs und obwohl sie eine recht große Freiheit genießen, gelten sie aus Rücksicht auf die Engländer als Gefangene. In dieser Zeit geht Hentig seiner politischen und nicht näher beschriebenen Aufgabe nach, die im Wesentlichen nur darin bestehen kann, freundschaftliche Beziehungen zu fördern. Nach Abschluß seiner Tätigkeit machten sich Niedermayer und er auf den Rückweg, jedoch in östlicher Richtung und auf getrennten Wegen, vermutlich aus taktischen Erwägungen. Die üblichen Karawanenstraßen wurden von Engländern und Russen kontrolliert, so daß Hentig zusammen mit Röhr, dem Ungarn Jossip, dem Perser Afgher und dem Inder Seyed Achmed eine Route durch den Pamir wählte, durch das nicht deutlich abgegrenzte Land zwischen Rußland und Indien, das so gut wie unvermessen war, kaum Namen trug und daher Sicherheit bot. Am 21. Mai 1916 begann die Reise nach Osten. Hin und wieder begleiteten einheimische Führer die Gruppe, sonst richtete sich von Hentig nach einer Karte im Maßstab 1 zu 7,5 Millionen. Mehrfach von russischen Truppen verfolgt erreichen sie nach mörderischen Strapazen ihr Ziel Yarkent im chinesischen Turkestan. Damit war zwar relative Sicherheit erreicht - die Russen hatten auch dort noch einen großen Einfluß und überschritten oft die Grenze - doch mußten sie weitere hundertdreißig Tage durch Wüsten marschieren, zehn, zwölf Stunden täglich: "Von all der Mühsal, wie jeder einzelne dieser Tage sie brachte, kann ich heute noch nicht reden. So viele dumpfe Gedanken, wie sie dabei in ununterbrochener Wiederholung des Gehirns sich bemächtigen, soll man anderen nicht vortragen wollen. Und dann - ich würde daran verzweifeln, einen hinreichenden Begriff von einhundertdreißigmal zehn- bis zwölfstündigen Märschen geben zu könenn. Acht Tage schreitet man ja, von Hitze und Kälte getrieben, freudig fürbaß. Vier Wochen kann man es, mit einem Ziel vor Augen, noch gut aushalten. Selbst zwei Monate wären noch keine Leistung. Aber dann auch noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt zu haben, täglich weiter mit wunden Füßen, zerrissenen Händen, klaffenden Sohlen, verschlissenen Kleidern, ohne etwas Rechtes im Magen, marschieren und frieren, frieren und wieder marschieren zu müssen, auch des nachts keine Ruhe zu finden und nur immer mit wunder Seele an einer ungelösten Rechnung zu rechnen, das darf man nicht vorher schon einmal durchgemacht haben, wenn man der sprungbereiten, gierig lauernden Verzweiflung entgehen will." 
Erst am 24. Dezember 1916 ist die erste Bahnverbindung erreicht, sie betreten Mientsche. Über Honan, Tschentschou gelangen sie nach Hankau und werden vom deutschen Konsul aufgenommen. Doch drei Monate später erreicht der Krieg auch diesen Winkel der Welt: China hat die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland abgebrochen. Als Diplomat hat Hentig eingentlich freies Geleit, doch das ist Theorie: die chinesischen Beamten verzögern die Ausstellung der Reisepapiere immer wieder, die Engländer verweigern sie, die Franzosen reagieren gar nicht, die Amerikaner wollen zunächst, dann wieder nicht. Kurzum: Man sitzt fest. "Die schönen Wege, die im Anfang des Krieges noch Flüchtlingen offenstanden, über Sibirien, den Suezkanal und so weiter, waren so streng überwacht, daß ihre Benutzung, zumal ohne eine lange, gründliche Vorbereitung, nur zu sicheren Entdeckung geführt hätte. Der Krieg mit Amerika stand vor der Tür." Nach der letzten Absage handelt Hentig schnell, taucht noch abends in Shanghai unter und läßt sein Gepäck zurück, besitzt lediglich ein amerikanisches Marine-Hemd, eine Missionbars-Jacke und eine Seemannsmütze, um in möglichst unterschiedliche Rollen schlüpfen zu können, und begibt sich als blinder Passagier auf den am 1. April 1917 auslaufenden amerikanischen Dampfer Ecuador. Es gelingt ihm, zwei österreichische Offiziere zu überreden, ihn in ihrer Erster-Klasse-Kabine zu verbergen, dabei faltet er sich täglich von neun bis zwölf Uhr in einen engen Kleiderschrank. Die gefürchteten Kontrollen in Japan sind oberflächlich, die Kabinen werden gar nicht kontrolliert, doch bei der zweiten Landung, diesmal in Yokohama, werden sechs Deutsche gefunden. Bei der Landung in Honolulu verläßt er das Schiff, schwimmend, da alle Ein- und Ausgänge schwer bewacht werden, seit Amerika in den Krieg eingetreten ist. Es gelingt ihm wohl, ungesehen an Land zu kommen, doch zeigt es sich, die Kontrollen in Honolulu sehr streng sind. Schließlich stellt sich Hentig freiwillig dem Generalstaatsanwalt, bekommt ein Ticket nach Amerika und wird bei San Francisco auf der Einwandererinsel Angel Island im Hospital interniert. Auch die Österreicher und die anderen sechs Deutschen befinden sich dort in Internierung ebenso wie die Kapitäne deutscher Schiffe. "Am Tage nach meinem Einzug auf der Engels-Insel fand ein eingehendes Verhör statt. Ich wußte, daß hiervon, wenn nicht alles, so doch außerordentlich viel abhänge. Mein Plan war einfach die Fortsetzung des von mir stets auf der Reise und meist mit erstaunlichem Erfolg innegehaltenen Programms: die Wahrheit und Tatsachen für mich sprechen zu lassen und den Gegner zu fassen, sobald er sich in eine, nur durch Kombinationen gedeckte Stellung begäbe." 
Zu seiner Überraschung wird er nach einiger Zeit freigelassen, allerdings noch nicht als Diplomat anerkannt, und ständig überwacht. Doch schließlich gelingt ihm auch die Zusicherung freien Geleits. In Kanada kann er sich offiziell auf der norwegischen Halifax nach Bergen einschiffen und trifft sechsundzwanzig Monate nach seiner Abreise aus Deutschland in Norwegen ein. 

Die Art der Schilderung hebt sich angenehm von ähnlichen Publikationen aus den Kriegsjahren ab. Hentig bekennt sich als Deutscher, schildert seine Erlebnisse jedoch ohne jeden Hurra-Patriotismus. Erfahrungen, Empfindungen und Einstellungen werden meist ohne übertreibenden Zierat vorgetragen, bekennend, aber nicht mit missionarischem Eifer. Dadurch ist der schmale Band auch heute noch kurzweilig zu lesen. Vieles wird nur kurz vorgetragen, wo der Leser Lust auf mehr bekommt, das Prosaische kommt zu kurz. Hentig weist alle Eigenschaften eines Globetrotters auf, wir würden ihn heute gar als Abenteurer einstufen, doch genau das widerspricht seinem Bild: "...ich hoffe dadurch nicht in den Ruf der Abenteuerlichkeit zu kommen ...". Hentig war Adliger, Akademiker, Soldat, Diplomat. Zwar war er auch in der Wanderbewegung aktiv, doch mußte sich der Abenteurer unterordnen, Pflicht, Selbstdisziplin, Gehorsam bestimmten sein Verhalten auch fern der Heimat. Dafür spricht auch der Titel seiner 1963 veröffentlichten Biographie: "Mein Leben, eine Dienstreise." 

Ein wenig hat er diesen Zwist nach dem Ende seiner Zentralasien-Durchquerung in Hankau formuliert: "Mit den unvergessenen Erfahrungen des Menschen, der früher einmal unter Kulturverhältnissen höherer Ordnung gelebt hat, aber mit dem Gemüt des Primitiven empfand ich die Wohltat der geschützten Zimmer, den Alleinbesitz eines Raumes, das Bewußtsein, das ein zum Nomadisieren gezwungener Ackerbauer bei der Rückkehr auf den eigenen Grund und Boden haben muß. ... Ein Bedauern bleibt schließlich zurück, daß man sich nicht die Einfachheit in Lebensweise und Kleidung bewahren darf, daß man fürchten muß, durch die Mannigfaltigkeit der Kulturbedürfnisse wieder unfreier, abhängiger zu werden. Als wirklicher, recht irdischer Vorteil bleibt freilich übrig, daß man nicht jeden Morgen die gesamte Habe zu packen braucht ..." 

Ich könnte mir vorstellen, daß Hentig große Schwierigkeiten hatte, sich wieder in der deutschen Gesellschaft zu integrieren: Wo gab es dort schon den Bedarf nach Abenteuerlichkeit? Vermutlich hat er sich arrangiert, dafür spricht seine Biographie (s. dort). 

Was wunderst du dich,
daß deine Reisen dir nichts nützen,
da du dich selbst mit dir herumschleppst?
Derselbe Umstand, der dich forttrieb, verfolgt dich.
Was kann dir die Neuheit der Länder frommen?
Was das Bekanntwerden mit Städten und Gegenden?
Vergeblich ist dieses Umhertreiben.
Du fragst, warum dir diese Flucht nichts hilft?
Du fliehst mit dir selbst.
Die Last deiner Seele muß erst abgelegt werden;
eher wird dir kein Ort gefallen.
Seneca
3.2 Der 2. Weltkrieg 1939-1945 

Herbert Pritzke war Arzt und wurde 1944 nach Afrika beordert, zum Rommel-Korps. Nach seinem ersten Fluchtversuch aus englischer Gefangenschaft verlegte man ihn in das berüchtigte Lager 307 bei Fanara in der Suezkanal-Zone, ein Entkommen von dort war unmöglich. So begann er, Wadenkrämpfe zu simulieren und erreichte bald sein Ziel, die Verlegung ins Hospital nach Fayed. Er wurde an den Krampfadern operiert und kaum zu Kräften gelangt, floh er, 18 Monate nach Kriegsende. 

Ausgerüstet war er mit einem zwei Meter langen Zeltstock, der ihm mit seinen eisenbeschlagenen Spitzen als Waffe dienen sollte. Aufpassen mußte er aber auch vor den anderen Internierten: 100 Zigaretten Belohnung gab es, wenn eine Flucht verraten wurde. Gefährlich waren die "knüppelbewaffneten deutschen Lagerwachen, meist Fallschirmjäger, die für dreißig Pfennig am Tag ihre eigenen Kameraden bewachten und robuste Methoden anwandten, um den Ertappten das Heimweh aus den Knochen zu prügeln, ehe sie vom Wachsergeanten die Belohnung in Zigaretten einkassierten." Doch so lange nach Kriegsende war die Aufmerksamkeit der Wachen gering, und nur ein Zaun war zu überwinden. 

Seine Fluchtroute war ihm klar: "Ich folgte dem klassischen Fluchtweg der deutschen Kriegsgefangenen: zunächst drei Stunden in genau westlicher Richtung, um aus der britischen Kanal-Enklave herauszukommen, dann abschwenken nach Nordwesten bis an den Süßwasserkanal, der von Ismailia nach Kairo führt." Drei Tage lief er ohne Wasser, dann brach er zusammen. Beduinen fanden ihn, gaben ihm Wasser und bei den Beduinen blieb er, als sie seine Qualitäten als Arzt entdeckten. Der nur geduldete Flüchtling wurde zum Hakim Alemanni mit Ruf und Ansehen. Als solcher praktizierte er in einem Beduinenzelt, ließ sich Medikamente und Geräte aus Ismailia beschaffen und baute sich eine kleine, mobile Praxis auf. Rezepte für Patienten unterschrieb er mit "Le docteur inconnu." Als Dank für die Gastfreundschaft wurde von ihm dieUnterstützung illegaler Geschäfte erwartet und Pritzke beteiligte sich daher am Haschisch-Schmuggel. Der Diebstahl einer Kiste mit Morphium aus einem englischen Lager schlug allerdings fehl. 

Etwa ein Jahr blieb er bei den Beduinen, lernte deren Sprache, kleidete sich wie sie, paßte sich an, auch wenn es ihm hin und wieder schwerfiel: "Ich war bevorzugter Gast. `Hier ist etwas Gutes für dich, Salameh!" sagte der Onkel und hielt mir mit seinen schmutzigen Fingern ein Auge des Hammels hin. Kaum eine Situation im Krieg hatte mich soviel Todesverachtung gekostet wie das würgende Hinunterschlucken solcher Gastbrocken. ... Der Onkel jedoch, der mich ins Herz geschlossen hatte, streifte sich die Ärmel hoch, beugte sich so weit vor, daß sein Bart beinahe mit dem Gericht in Berührung kam, griff ein paarmal ein Stück Fleisch heraus und prüfte es, ob es auch gut genug war für den Gast; aber jedes Stück warf er wieder zurück, bis er endlich vom Besten das Allerbeste für mich gefunden hatte. ... Es war ein Stück Schwanzfett, mit dem ich den ganzen aufdringlichen Geruch des Fettschwanzhammels in die Nase bekam. Um den Fettklumpen gekrümmt, sah ich die unsagbar dreckige Hand, vom Fettklumpen weg rann die Brühe über den nackten haarigen Arm ... Die Natur sorgte dafür, daß ich das Schwanzfett nicht mehr zu essen brauchte und auch das Hammelauge wieder zurückbekam, nachdem es sich in meinem aufgewühlten Inneren nur eine Weile hatte umsehen dürfen." 

Erst Ende 1947 durfte er die Beduinen verlassen und ging nach Kairo. Seine Versuche, sich einen Paß und eine Fahrkarte nach Europa zu organisieren, scheiterten kläglich, er mußte erneut untertauchen und fiel in die Hände der Muslim-Bruderschaft von Hadji Khaled, die ihm eine neue Identität verschafften. 

Als Gegenleistung verpflichtete er sich als Söldner im Palästina-Krieg mit dem Einsatzort Jaffa. Weder Israelis noch Araber waren militärisch organisiert, so daß dieser Krieg eher aus Provokationen, Unruhen und Guerilla-Aktionen bestand. Ende April 1948 brach die Jaffa-Front zusammen und Pritzke floh mit zwei Kameraden nach Beirut; die Überfahrt bezahlten sie mit ihren Waffen. 

Dort erhielt er von der saudi-arabischen Regierung das Angebot, die Leitung des Krankenhauses im Gesundheitsamt von Hofuf zu übernehmen, nahm an und praktizierte bis September 1952 in Hofuf, ging dann zurück nach Beirut, ließ sich dort als Kinderarzt nieder und legte im November 1952 das libanesische Staatsexamen für Medizin ab. Erst damit wurde es ihm möglich, einen libanesischen Paß zu beantragen und erstmals seit seiner Flucht 1947 hatte er wieder gültige Papiere. Ein Besuch im heimatlichen Berlin zeigte ihm schnell, daß er dieses Leben nicht mehr führen konnte und er entschied sich erneut für Beirut: "Heute habe ich hier meine Heimat, eine schöne Heimat, Freunde und Anerkennung, Arbeit und berufliche Möglichkeiten, die ich mir in einer neuen Umgebung erst wieder erkämpfen müßte." 

Flucht aus Holland

Geld und Beziehungen machen das Leben und auch die Flucht leichter, schützen aber nicht vor Exil und Internierung. Diese Erfahrung machte Wolfgang Gans Edler Herr zu Putlitz, deutscher Botschafter in Den Haag bis zu seiner Flucht 1939. Über Nacht mußte er Holland verlassen, da es die Gestapo auf ihn abgesehen hatte. Dank hoher Freunde in der englischen Botschaft wurde er über Nacht nach England ausgeflogen. Dort wurde ihm das Leben aber nicht leicht gemacht: alte Freunde mieden ihn, neue ließen sich nicht finden. Der Haß auf die Deutschen war zu groß. Jahrelang war er an der Botschaft in Washington gewesen, doch auch dort wollte man nichts mehr von ihm wissen. Nicht einmal ein Einreisevisum in die USA erhielt er. So flüchtet er auf das damals noch britische Jamaica. Man war freundlich und er erhielt ein eigenes Haus, doch ein hoher Zaun und die Wachmannschaften machten deutlich, daß dies als Internierung anzusehen war, wenn auch auf hohem Niveau. Aus Langeweile wandte er sich an amerikanische Verleger und bot ihnen an, ein Buch zu schreiben. Der Verleger Levine sprang darauf an und verschaffte dem Herrn zu Putlitz endlich das begehrte amerikanische Visum. Damit hatte auch die Internierung ein Ende und Putlitz fand sich in New York wieder. 

Das Ende einer Bergfahrt

Friedrich Kolb und Ludwig Krenek waren mit vier englischen Freunden im Himalaja unterwegs. Am 10. September 1939 sandte ihnen ein Polizeioffizier per Bote in die Berge hinein folgende Nachricht: "Meine Herren, ich muß Sie bitten, ohne Verzögerung nach Manali zurückzukehren, um sich dort beim Polizeiinspektor zu melden. Ich ermahne Sie in Ihrem eigenen Interesse, dieser Bitte nachzukommen. Sie beugen damit der Notwendigkeit vor, Ihre Anwesenheit durch drastischere Mittel zu sichern. Sie müssen sich klar darüber sein, daß das Britische Weltreich sich im Kriege mit dem Deutschen Reich befindet, Sie daher Angehörige eines feindlichen Staates sind." Für kurze Zeit landeten beide im Militärgefängnis von Lahore, kamen dann ins Internierungslager Ahmednagar und trafen dort auf "drei Mitglieder der deutschen Nanga-Parbat-Expedition sowie zwei Bayern, die mit einem Schweizer in Sikkim gewesen waren." Einer der Bayern war ein Bäcker, der einige Jahre später nach einem Fluchtversuch von Dörflern wegen seines Geldes erschlagen wurde, vermutlich Schmaderer (s. Kap. 1). Die beiden lernten Hindustani und andere Sprachen. Später kamen sie nach Deolali, dann nach Dehra-Dun. Sie unternahmen keinen Fluchtversuch und wurden bereits 1944 entlassen, da sie außerhalb des Lagers als Lehrer tätig waren. 

Glück gehabt?

Walter-Eberhard Freiherr von Medem begab sich noch im März 1939 auf eine Weltreise: durch Italien, Äthiopien, Ostafrika, Japan, Korea, China und die Südsee ging die Fahrt. Er hielt sich am 23. August wieder in Hongkong auf, als zwei englische Kriminalbeamte mit den Worten in sein Hotelzimmer eintraten: "Ihren Paß, Sie sind verhaftet, folgen Sie zur Polizei." Eine Kontaktaufnahme mit dem deutschen Generalkonsulat wurde verhindert, jedoch konnte von Medem den Portier in der Eingangshalle noch entsprechend beauftragen. Es folgten Verhöre über seine Absichten, die von Medem mit dem Hinweis auf seine ordnungsgemäßen Papiere und seine Weltreise. konterte. Seine Papiere seien allerdings nicht zu finden, wurde ihm entgegnet. Glücklicherweise konnte er das gültige Ticket für seine bereits gebuchte Schiffspassage am nächsten Tag vorzeigen und noch ließen die Behörden mit sich handeln. "Man kann es auch Ausweisung nennen, immerhin besser, als interniert zu werden. ... Ich erkannte plötzlich, was die englische Geheimpolizei schon wußte, den bevorstehenden Kriegsausbruch!" 

Die weitere Heimreise nach Deutschland konnte nur entweder über Amerika erfolgen oder durch Sibirien, denn der Suezkanal wurde von den Engländern kontrolliert. Noch im August hatte Deutschland einen Pakt mit Rußland geschlossen und so erhielt von Medem ein Visum beim russichen Botschafter, eben weil er deutscher Offizier war. Unterwegs traf er auf andere heimreisende Deutsche: "In Harbin fanden sich fünf deutsche Männer, ein deutsches Professorenpaar, das aus Amerika kam, und die Frau eines deutschen Diplomaten zusammen ..." 

Der Legion entkommen

Philip Rosenthal war schon als Kind nach England gekommen, besaß aber noch die deutsche Staatsbürgerschaft. Er hatte sein Studium in Oxord beendet und war mit einem Freund in Frankreich unterwegs, wollte dort zunächst seine Mutter in ihrer Villa in Juan-Les-Pins besuchen, dann zu Fuß und per Anhalter durch den Balkan und die Türkei bis nach Persien. "Danach wollte ich sehen, was sich weiter ergab. Was jedoch kam, war der Krieg. Wie so viele Menschen konnten wir nicht begreifen, daß der Krieg da war; was man nie erlebt hat, kommt einem irgendwie nicht recht möglich vor." Er wollte nicht ins faschistische Deutschland zurück, in England und Frankreich war er Ausländer. So beschloß er kurzerhand, sich der Fremdenlegion anzuschließen. Doch die bot nicht das, was er sich vorgestellt hatte: Anstatt gegen das NS-Regime kämpfen zu dürfen, muß er in der Sahara Sand schaufeln. 

1940 erklärte Frankreich den Waffenstillstand. Damit fehlte ihm dann auch die letzte Perspektive. "Ich hatte nie ein Abenteuer in der Legion, bis ich versuchte, von ihr wegzukommen; aus dem einfachen Grunde, daß es kein Abenteuer ist, mehr Arbeit unter häßlicheren Bedingungen und mit weniger Lohn und weniger Anerkennung zu leisten als die meisten Arbeiter der Welt. Auch kann selbst das Kämpfen kein Abenteuer sein, wenn es zur Dauerbeschäftigung wird. Abenteuer bedeutet, aus der Routine rauszukommen, und nicht, sich in einer zu befinden, die besonders gräßlich ist." Dreimal versuchte er aus der Legion zu fliehen, erst der letzte Versuch gelang. Er hatte sich Geld gespart, einen gefälschten Urlaubsschein ausstellen, gute Zivilkleidung schneidern lassen und läßt sich am Tag seiner Flucht rasieren und maniküren - sein Plan beruhte darauf, nicht wie ein Legionär auszusehen. Über Fes, Meknes und Rabat gelangte er nach Casablanca und da jedes Hotel Ausweise verlangte, nahm er erst spät abends Quartier, trug einen falsche Namen ein und wechselte das Hotel früh am nächsten Morgen, da erst dann die Papiere zur Polizei gebracht wurden. Tagelang suchte er Möglichkeiten, außer Landes zu gelangen: Doch weder im Prostituierten-Milieu noch bei der amerikanischen Botschaft noch im Hafen bot sich eine Chance. Der amerikanische Konsul schlug ihm ernsthaft vor, nach Britisch-Gambia mit dem Fahrrad zu fahren. Dann lernte er einen entlassenen Legionär kennen und erschwindelte sich mit dessen Entlassungsschein bei der Polizei einen neuen Personalausweis auf den baskischen Namen Thomas Bartolomeo Echevarria. Die neue Identität hielt künftig allen Überprüfungen stand, nur das Land verlassen konnte er auch damit nicht. Bei einem solchen Versuch wurde er verhaftet, kam zunächst ins Gefängnis, dann ins Lager, wurde aber nicht als entlaufener Legionär erkannt. Erst im September 1942 gelang es ihm mit Hilfe von Freunden und Beziehungen, in einem kleinen Fischkutter Marokko zu verlassen und nach Gibraltar überzusetzen. 

3.3 Mitten im Putsch 

An einem ruhigen Sonntagmorgen fuhr der Engländer Bruce Chatwin mit einem afrikanischen Freund durch die Straßen von Benins Hauptstadt. Vor immer lauter werdendem Geschützfeuer flüchteten sie in Nebenstraßen. Doch Chatwin wurde für einen Söldner gehalten, da er Armeehosen trug, Menschen schlugen auf sie ein. Dann zogen ihn Polizisten aus der Menge, legten ihm Handschellen an: "Zu ihrer eigenen Sicherheit" und brachten ihn zur Wache. Seinen Freund sah er nicht mehr wieder. 

Dort ging es drunter und drüber: Zunächst beschimpfte ihn ein Unteroffizier als Söldner und nannte seinen Füllfederhalter eine getarnte Waffe. Dann schützte ihn ein Oberst einige Stunden, mußte aber bald selber fliehen, während Chatwin vom Unteroffizier wieder arrestiert wurde. Später erschien ein neuer Oberst, diesmal eine Frau. Chatwin mußte sich bis auf die Unterhose ausziehen, über den Hof gehen und sich dort mit erhobenen Händen an eine Wand stellen, das Gesicht zur Wand. Umdrehen war verboten, sprechen war verboten. Die Soldaten trieben ihr Spiel, bis er in der Mittagshitze ohnmächtig zusammenbrach. Abends erhielt er seine Kleider zurück, doch die Euroschecks fehlen. 

Ein belgischer Gefangener, der zu viele Fragen stellte, wurde zusammengeschlagen. Ein Missionsarzt, ebenfalls gefangen, erlag einem Herzschlag. Ein weiblicher Feldwebel nahm ihm die Fingerabdrücke ab, brach ihm fast den kleinen Finger und zerquetschte ihm mit dem Stiefel einen Zeh, als er vor Schmerz aufschrieh. Über Nacht wurden die neun Gefangenen in ein kleines Büro gequetscht, wer einschlief, wurde mit Tritten geweckt. Chatwins Rücken war von der Sonne verbrannt und mit Blasen übersät, der gequetschte Zeh hatte sich entzündet. 

Am nächsten Morgen kam der französische Konsul, schwitzend vor Angst und sich nur um die Ernährung der Gefangenen kümmernd. Chatwins Bitte, den englischen Konsul über seine Lage zu informieren, lehnte er ab. Mittags wurden die Franzosen auf freien Fuß gesetzt, etwas später erschien der von ihnen informierte deutsche Botschaftsrat und bewirkte auch Chatwins Freilassung. Der kramt dort einen seiner beiden versteckten Euroschecks hervor, holt sich Geld und verkriecht sich auf dem Zimmer. Irgendwann tritt ein Soldat ein und verlangt Geld, Chatwin gibt es ihm und der Soldat verabschiedet sich höflich. 

3.4 Entkommen aus Sibirien 

Kurt Aram hatte Pech: Zusammen mit seiner Frau war er auf dem Weg von Istanbul über Tiflis nach Eriwan und Wan. Er hatte den kürzeren Weg über Batum am Schwarzen Meer gewählt und befand sich in Rußland, als am 1. August 1914 Deutschland Rußland den Krieg erklärte. Während der nächsten Tage wollte niemand diese Nachricht glauben, man bestätigte sich gegenseitig, daß das doch gar nicht sein könne - auch der deutsche Konsul hatte keine offiziellen Nachrichten erhalten. Und doch - das Verhalten wurde distanzierter, die Menschen auf der Straße gingen den Deutschen aus dem Weg. Das Hotel London, in dem sich Aram befand, gehörte einer seit vielen Jahren dort lebenden Deutschen, einer Frau Richter aus Mainz. Dann wird die Kriegserklärung zwischen England und Deutschland bekannt, die Engländer ziehen aus dem Hotel aus, auch die Holländer verlassen das sinkende Schiff, distanzieren sich von der kriegerischen Nation. In ganz Rußland werden dann die Deutschen und Deutschstämmigen im Alter von 17 bis 50 Jahren interniert und Kurt Aram landet mit seiner Frau in Sibirien. Dort finden sich in erster Linie Geschäftsleute wieder, nur wenige Reisende sind darunter. Alle Kosten der Internierung, Essen und Trinken, warme Kleidung für Sibirien, sogar die zehntägige Bahnfahrt ins sibirische Gouvernement Watka haben die Gefangenen selbst zu bezahlen, wer kein Geld hat, leidet Hunger, friert, ist obdachlos. In den ersten Tagen hätte Aram noch ausreisen können, doch fehlte ihm der Paß, der noch zur Anmeldung bei der Polizei lag. Diese hatte aber wohl schon frühzeitig Order, die Pässe zurückzuhalten. Die zweite Bedingung war Geld, denn mit zunehmender Krise stiegen die Kosten für Fahrten und notwendige Bestechungen. Dennoch gelang Aram nach fünf Monaten die Ausreise mittels überlegter Tricks, Beziehungen zu bekannten Russen, Geld und der notwendigen Beherrschung des Russischen. Diese zweite Phase ist unter Reiseaspekten interessanter als die erste, da sie zeigt, unter welchen besonderen Bedingungen in Krisenzeiten eine Reise organisiert werden muß: Aram erhält nach allerlei Manipulationen einen Auslandsreisepaß für sich und seine Frau, den er fortan nicht mehr aus der Hand gibt. Baldmöglichst läßt er sich eine beglaubigte Kopie anfertigen. Außerdem versucht er trotz seines Passes möglichst wenig aufzufallen: "Reisende sind von vornherein verdächtig." Er rechnet vielmehr mit der Willkür der Behörden, die, wenn sie ihn erst einmal als "feindlichen" Deutschen erkannt haben, ihn erneut internieren. Sein Auslandspaß verschwände dann in irgendeiner Schublade. Das bedeutet für ihn, der recht gut russisch spricht, schnell zu sein und möglichst keinen Kontakt mit anderen Leuten zu haben. Also kauft er eine Fahrkarte erster Klasse, da in diesen Abteilen nur zwei Personen Platz haben, und verläßt es außer zum Umsteigen nicht. Für die mehrtägigen Bahnfahrten setzt das eine ausreichende Verpflegung voraus. Schwierig wird es in Petersburg: Dort müssen sie übernachten, da der nächste Anschlußzug erst am folgenden Tag fährt. Alle Hotels verlangen jedoch den Reisepaß und auf dem Bahnhof patrouillieren Soldaten. Glücklicherweise können sie bei einem Russen, den Aram von einer früheren Reise her kennt, unterkommen. Auf der letzten Etappe, von Petersburg nach Raumo, wird der Zug dann doch noch kontrolliert. Auch Aram und seine Frau werden gründlichst durchsucht: Leibesvisitation, ausziehen, die Sohlen werden von den Schuhen getrennt. Alles Schriftliche wird beschlagnahmt, der Baedeker ebenso wie das (leere) Notizbuch. Nur fünfzig Rubel erhalten sie pro Person zurück, der Rest wird konfisziert. Auch hier hofft er zu Recht, daß man sich seinen Paß nicht genauer ansieht, nicht sieht, daß er aus einem Lager kommt. Denn mittlerweile sind fast nur noch Ausländer im Zug; es sind zu viele, um sie alle gründlich zu kontrollieren. Die Hoffnung erfüllt sich und drei Tage nach der Abfahrt von Petersburg befinden sich beide an Bord einer schwedischen Fähre. 

Slavomir Rawitsch, Leutnant der polnischen Kavallerie, wurde nach dem Zusammenbruch der polnischen Armee am 19.11.1939 von den Russen gefangengenommen, er war gerade 24 Jahre alt. Verhöre, Einzelhaft und Folter in den Gefängnissen von Minsk, Charkow und in der Lubjanka in Moskau gingen seiner Verurteilung voraus, die für ihn fünfundzwanzig Jahren Zwangsarbeit in Sibirien vorsah. Ende November 1940 wurde er zusammen mit etwa 60 anderen Verurteilten in einen Viehwaggon gesperrt, der für 8 Pferde vorgesehen war. Es war so eng, daß sich niemand setzen kann. "Die ganze Nacht und den ganzen folgenden Tag über durften wir die Waggons nicht einmal verlassen. ... Die Männer mußten sich im Stehen entleeren. Der Gestank war unerträglich." Mitte Dezember kamen sie in Irkutsk an, 5000 Männer wurden auf einem Kartoffelfeld versammelt. Nach drei Tagen gab es Winterkleidung, dann wurden sie in einer Reihe aneinander gekettet. 1600 Kilometer Fußmarsch lagen vor ihnen. Ihr Ziel, das Lager 303 am Nordufer der Lena, etwa 350 Kilometer südlich von Irkutsk, erreichten sie nach zwei Monaten, im Februar 1941. 

Vom ersten Tag an beschäftigte sich Rawitsch mit Fluchtgedanken, suchte vorsichtig tastend nach geeigneten Fluchtkameraden und fand schließlich sechs Fluchtwillige: den Amerikaner Smith, einen Ingenieur, den man wegen Spionageverdacht zu zwanzig Jahren Arbeitslager verurteilt hatte; Eugen Zavo, einen dreißig Jahre alten Jugoslawen, der zuletzt als Buchhalter tätig gewesen war; Anastasi Kolomenos, einen blonden Hünen, 27 Jahre alt, der in Litauen einen Hof gehabt hatte; Sigmund Makowski, 37 Jahre alt und Hauptmann der polnischen Armee; Zacharius Marchinkowas, einen knapp dreißigjährigen Architekten aus Litauen und schließlich Anton Paluchowitsch, 41 Jahre alt, einen polnischen Kavallerie-Feldwebel. 

Sie entschieden sich für eine Flucht nach Süden, Richtung Mongolei und weiter zum Himalaya. Dies ist mit 1500 Kilometern zur mongolischen Grenze der zwar längste, aber auch der sicherste Weg, da wenig bevölkert und wenig kontrolliert. 

Ihre Fluchtvorbereitungen waren relativ bescheiden, da die Umstände kaum mehr zuließen: Von ihrer Tagesration (1 kg Brot) trockneten sie täglich ein Viertel auf einem Ofen; organisierten sich ein wenig Mehl und Salz, Graupen und Tabak; jeden Tag stahlen sie von den zahlreichen Pelzen, die die sowjetischen Soldaten zum Trocknen aufhängten, ein Stück, und schneiderten sich daraus warme Kleidung, Mokassins, Gürtel, Riemen, Gamaschen und Balaklawa-Fellmützen; sie konnten eine Axt erbeuten und Rawitsch schmiedete sich ein Messer aus den Resten einer gebrochenen Säge; aus Holz geschnitzte Löffel und ein einziger Aluminiumbecher bildeten das gesamte Kochgeschirr. Interessant ist ihre Methode, sich mangels Streichhölzern eine Art Feuerzeug zu basteln: "Man verwendete das schwammartige Gubkamoos, das sich von den Bäumen abreißen läßt. Zum Feueranmachen braucht man dann nur noch einen gebrochenen Nagel und ein Stück Feuerstein. Das trockene Gubka, das wir alle vorrätig bei uns hatten, entzündete sich am Funken des Feuersteins und brannte, wenn es angeblasen wurde, mit schwelender Flamme." Im April 1941 waren die Vorbereitungen abgeschlossen und in einer Nacht, als dichter Schneefall jede Sicht nahm und ihre Spuren rasch verdecken würde, entkamen die sieben über die gestaffelte Befestigungsanlage. Als besonderen Trick zogen sie ein Schaffell hinter sich her, damit sollte die Witterung der Hunde vom Menschen abgelenkt werden. 

Aus Angst vor Entdeckung liefen sie die ersten Tage nur nachts und gruben sich tags in Schneehöhlen ein. Zeitweise mußten sie in einem Meter tiefem Neuschnee spuren und erst, als sie tagsüber marschierten, erhöhten sie ihr Tagespensum auf bis zu fünfzig Kilometer. Manchmal konnten sie den kargen Speisezettel etwas aufbessern, so, als sie ein Loch in einen zugefrorenen Fluß hackten: "Das Wasser quoll als Fontäne in die Höhe und strudelte eisig um unsere Füße. Und siehe da - vier Fische, so groß wie Heringe, kamen an die Oberfläche. Aufgeregt wie Schuljungen stürzten wir uns auf unsere Beute." Ein andermal gelang es ihnen, einen sibirischen Hasen zu fangen. Rawitsch war der einzige, der sich auf Weidmannskunst und Jägerkniffe verstand, alle anderen waren Städter. Neun Tage nach ihrem Ausbruch erreichten sie die Lena, scheuen aber weiterhin die Begegnung mit Menschen: "Die wenigen Straßen, auf die wir stießen, überquerten wir nur nach eingehender vorheriger Erkundung. Manchmal sahen wir nachts in der Ferne die Lichter eines Dorfes oder einer kleinen Stadt und am Tage die Umrisse von Häusern und rauchende hohe Schornsteine. In solchen Gegenden bewegten wir uns besonders vorsichtig." Während die Wochen vergehen, schlich sich der Frühling ins Land, das Eis auf den Flüssen wurde dünner und machte oft das Durchschwimmen der Flußmitte nötig. Auf Höhe des Baikalsees schloß sich ihnen ein siebzehnjähriges polnisches Mädchen, Kristina, an, das ebenfalls ausgerissen war. 

In der zweiten Juni-Woche überschritten sie die mongolisch-russische Grenze und bewegten sich auf die Kentei-Shen-Berge zu: in sechzig Tagen hatten sie zweitausend Kilometer zurückgelegt. Weiterhin waren die Lebensmittel knapp, oft hungerten sie tagelang. Vor Verlassen der Sowjetunion gruben sie auf einem Acker einen zentner Frühkartoffel aus, manchmal fanden sie Pilze und einmal hatten sie das Glück, einen Hirsch erlegen zukönnen, der sich mit dem Geweih in der Krone eines umgestürzten Baumes verfangen hatte. 

In der besiedelten äußeren Mongolei trafen sie auf gastfreundliche Bewohner, die ihnen öfters mit Lebensmitteln aushalfen. Zunehmend wurde die Gegend karger und sandiger, ein Anzeichen für die nahende Wüste Gobi, die sie zu Fuß durchquerten, ohne eine andere Ausrüstung zu haben als bisher: ihr einziges Vorratsgefäß für Wasser bildete der Aluminiumbecher, die einzigen Lebensmittel bestanden in einer Anzahl getrockneter Fische, die am fünften Tage alle waren. Erst am siebten Tag erreichten sie halb verdurstet eine Oase und konnten doch nicht bleiben, da sie keine Lebensmittel mehr hatten. Am sechsten Tag nach Verlassen der Oase starb Kristina an Erschöpfung, am zehnten Tag starb auch Makowski, erst am dreizehnten Tag stießen sie wieder auf eine karge Quelle. Nun erst kamen sie auf die Idee, die recht häufig vorkommenden Schlangen zu fangen und zu essen. Wieder folgten acht Tage ohne Wasser, bevor sie die Berge erreichten. Drei Wochen später, Anfang Oktober, trafen sie in der Provinz Kansu wieder einen Menschen, einen Schäfer, der sie üppig bewirtete. Weiterhin blieb das Essen karg, nur alle paar Tage trafen sie auf Hirten. Straßen und Wege gab es nicht, sie gingen einfach in eine bestimmte Himmelsrichtung und versuchten, mit den Hindernissen fertig zu werden. Nach einer der vielen Nächte in den tibetischen Bergen stellten sie morgens fest, daß Marchinkowas nachts gestorben ist, ohne daß sie die Ursache erkennen konnten. Ende Januar überschritten sie irgendwo westlich von Lhasa den Brahmaputra. Auf der letzten Etappe des Weges stürzt Paluchowitsch in eine abgrundlose Schlucht. 

Zu viert begegneten sie wenige Tage später einer indischen Militärpatrouille, achtzehn Monate nach ihrem Ausbruch aus dem sibirischen Lager, und wurden nach Kalkutta gebracht. Dort bricht Rawitsch zusammen und wacht erst vier Wochen später wieder auf. Nach ihrer Genesung trennten sich die vier, Rawitsch wird zu den im Mittleren Osten kämpfenden, polnischen Truppen überstellt. 

Die Reise gleicht einem Spiel;
es ist immer Gewinn und Verlust dabei,
und meist von der unerwarteten Seite;
man empfängt mehr oder weniger, als man hofft,
man kann ungestraft eine Weile hinschlendern,
und dann ist man wieder genötigt,
sich einen Augenblick zusammenzunehmen.
Johann Wolfgang von Goethe

weiter mit Teil 4


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