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Das unerträgliche Gefühl des Eingesperrt-SeinsReisen in Zeiten der Not und GefahrInhaltsübersichtFrei - aber in Indien gefangen? Vorbereitungen zur Flucht Die Suche nach Gleichgesinnten Solidarität und Erfolg Zwei Offiziere und fünf Inder? Sattlers Rückkehr In Tibet Eine Pille gegen jedes Übel Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt Warten auf die Gunst des Schicksals Über Nepal zurück ins Lager In Lhasa Die Flucht nach Burma 3.2 Der 2. Weltkrieg 1939-1945 Flucht aus Holland Das Ende einer Bergfahrt Glück gehabt? Der Legion entkommen 3.3 Mitten im Putsch I am sailin´ ... Illegal in Palästina Kriegsdienst in Helvetia Schiffbruch und Landurlaub Alles im Lot auf´m Boot Auch Flieger müssen fliehen Noch ein Flieger auf der Flucht Flucht aus Sibirien Von China nach Amerika Von New York nach Norwegen Bei Kriegsausbruch in Feindesland Bei Kriegsausbruch im neutralen Ausland Wer konnte reisen? Strategien der Flucht Peter Aufschnaiter Ludwig "Lutz"Chicken Gustav Fruhmann Heinrich Harrer Heins von Have Werner-Otto von Hentig Arthur Heye Oskar und Anita Iden-Zeller Erich Killinger Fritz Kolb Hans "Hanne" Kopp Edmund "Ede" Krämer Hans Lobenhoffer Rolf Magener Marchese Walter-Eberhard Freiherr von Medem Hans von Meiss-Teuffen Antoni-Ferdinand Ossendowski Herbert Paidar Erich Robert Petersen Gunther Plüschow Herbert Pritzke Wolfgang Gans Edler Herr zu Putlitz Slavomir Rawitsch Philip Rosenthal Colin Ross Friedel Sattler Ludwig Schmaderer
Alles Unglück des Menschen kommt daher,
daß er nicht ruhig in einem Zimmer
verweilen kann.
Blaise Pascal
2 Die Flucht aus Dehra-Dun
"Drei Jahre waren seit meiner Internierung vergangen, und die Erinnerung an die Außenwelt verblaßte allmählich. Man fühlte sich verlassen von aller Welt. ... Hitze, Staub, Nichtstun und Stacheldraht - diese Dinge werfen auch den Stärksten um. ...Ich hatte mit Fritz Häußer am Tage eine jener verrückten Bergtouren unternommen, die eigentlich nur den Zweck hatten, uns müde zu machen. ... Kletterpartien und Märsche bis zu sechzig Kilometer innerhalb der erlaubten Ausgangsstunden, Arbeit und Sport bis zur Erschöpfung - das waren die Mittel, die wir anwandten, um vergessen zu können. Freilich, viele fanden nicht die Kraft zu einer solchen Pferdekur. Sie lungerten Tag und Nacht herum, rührten keine Hand und schimpften auf Gott und die Welt. Ihnen erging es am schlimmsten. Einer nach dem anderen kippte um. Krankheit überfiel ihren widerstandslosen Körper, oder aber ihr Geist verwirrte sich. Erst vor drei Tagen hatte sich einer am Ausgangstor eingefunden. Er war in dem Wahn, der Krieg sei aus, hatte seine Koffer gepackt und versuchte nun dem erstaunten Posten verständlich zu machen, daß er nach Hause wollte ..." Das britische Internierungslager Dehra-Dun im Norden Indiens, in der Nähe von Mussorie, war während des Zweiten Weltkriegs Sammelplatz aller Internierten zwischen dem Irak und Hongkong. Etwa anderthalbtausend Deutsche - Zivilisten, Reisende, Auslandsdeutsche - waren dort interniert und bildeten die Mehrheit neben etwa 500 Italienern, Bulgaren, Ungarn, Rumänen und Finnen. Etliche versuchten zu fliehen, doch von den etwa siebzig bekannten Ausbruchsversuchen während des Ersten und Zweiten Weltkrieges gelangen nur sehr wenige. Sattler findet das Lager gut geführt und mit zahlreichen Annehmlichkeiten ausgestattet. Auch Kopp lobt das Lager, die Offiziere behandelten sie gut und menschlich, die Verpflegung war großartig, Schneiderei, Bügelei, Wäscherei und Schuhmacherwerkstatt standen zur Verfügung; ein Orchester spielte auf, Theater wurde gegeben, Filme gezeigt, die verschiedensten Sportarten waren möglich. Deutsche Tropenärzte leiteten ein Hospital und ein Zahnlabor. "Wir durften zweimal in der Woche Spaziergänge außerhalb des Lagers machen, hatten Unterhaltung und Sport. Zweimal wöchentlich spielte ein für uns gebautes und eingerichtetes Kino. Es gab eine große Bibliothek, die Bücher in fast allen Sprachen der Welt umfaßte. Eine Schule, Vorträge aller Art, Theater, Arbeitsräume für jeden nur erdenklichen Handwerksberuf - kurzum, wir hatten alles, was ein zivilisierter Europäer zu seiner Zufriedenheit braucht." Weswegen also fliehen? Der Drang zur Freiheit, Abenteuerlust, das intellektuelle Vergnügen, gesetzte Schranken zumindest geistig zu überwinden, der Glaube an eine offene Zukunft - viele Motive waren möglich, jenseits praktischer Erwägungen: "Wenn ich mich trotzdem mit Fluchtgedanken trug, so bedarf das keiner näheren Erläuterung: jeder, der einmal längere Zeit hinter Stacheldraht lebte, wird das verstehen. Das unerträgliche Gefühl des Eingesperrt-Seins, des nutzlosen Ausharrens in einer klimatisch so ungünstigen Zone und auch ein Körnchen Abenteuerlust waren die wichtigsten Beweggründe für meinen Plan..." Auch für Hans Kopp war die Sache klar: "Von jeher galt mir Freiheit als das Höchste. Schon als Kind begriff ich etwas von ihrem unschätzbarem Wert und fühlte mich nur dort wohl, wo ich meine eigenen Wege gehen und tun und lassen konnte, was ich wollte. Jedem Zwang verschloß ich mich oder suchte ihm zu entrinnen. Soweit ich zurückdenken kann, beseelten mich Abenteuerlust und eine unbändige Sehnsucht nach Unabhängigkeit, Wesenszüge, die denn auch mein ganzes bisheriges Leben mitbestimmten." April oder Mai eines jeden Jahres waren besonders günstig für einen Ausbruch. Doch auch jenseits des Stachelsdrahtzauns war man nicht frei: Sichere Freiheit gab es erst außerhalb des von Engländern kontrollierten Indiens, und dessen Grenzen zu überschreiten war nicht einfach: Auf zwei von drei Seiten vom Ozean umgeben, boten sich nur wenige Fluchtziele. Da war Goa, eine portugiesische Kolonie südlich von Bombay, aber Goa war eine Sackgasse - man konnte es nur mit dem Schiff verlassen. Alle Häfen rund um den Indischen Ozean wurden von den Engländern kontrolliert, jedes einlaufende Schiff durchsucht. Der Weg nach Afghanistan war durch die Sperrforts am Khyberpass blockiert, außerdem machten aufständische Afridistämme das Gebiet unsicher. Nepal war neutral, lieferte aber Asylsuchende an die Engländer aus. Im Nordwesten lagen Wüsten, im Nordosten Dschungel. So blieb nur Tibet als Fluchtziel und später Burma, als die Japaner dieses Land erobert hatten. Eine Flucht quer durch das dichtbevölkerte Indien erforderte perfekte englische Sprachkenntnisse und reichliche Geldmittel, um nicht aufzufallen. In Indien reisten Europäer mit Dienern und Trägern, so daß ein Europäer, der sein Gepäck selber trug, schnell auffiel. Und so mißlangen die meisten Fluchtversuche früher oder später, ohne daß eine aufwendige Verfolgung nötig war - die Engländer brauchten nur zu warten. Für die meisten Lagerinsassen wogen solche Überlegungen schwer genug, um jeden Gedanken an eine Flucht zu verbannen. Für andere war es dagegen ein Anreiz, sich etwas Neues auszudenken. Doch die meisten der siebzig Fluchtversuche mißlangen: "Angesichts dieser eindeutigen Sachlage war selbst der englische Lagerkommandant dazu geneigt, in einem wiederaufgebrachten Ausrücker eher einen lästigen Toren denn einen gefährlichen Verbrecher zu erblicken." Geldmangel war ein großes Problem: Heins von Have hatte wie die anderen die Erfahrung gemacht, daß Geldmangel das Risiko der Flucht erhöht, da man unterwegs handeln oder tauschen muß. Eine Art Lagergeld war außerhalb des Lagers wertlos. Indische Rupies erhielt man durch den Verkauf von Wertgegenständen an Inder oder durch Betrügereien auf Kosten der Engländer: So manches Schwein wurde an die Lagerküche geliefert, erreichte sie aber nie und wurde dennoch von den Engländern bezahlt. "Da war zunächst die Beschaffung einer möglichst großen Summe Geldes: Wir beschafften sie uns, indem wir Wein und Schnaps aus Rosinen und Melasse fabrizierten. ..." Rupies zu besitzen war verboten, doch immer kursierte eine gewisse Menge im Lager. Wer indische Banknoten besaß, versteckte oder vergrub sie. Oft machten sich dann Ameisen über die Scheine her und ließen kaum etwas übrig. Die vorsichtige Mehrheit der Lagerinsassen sympathisierte mit der risikobereiten Minderheit und unterstützte deren Ausbruchsversuche. "Es erquickt nun einmal jeden Gefangenen, wenn ein Leidensgefährte die Fesseln sprengt und durchbrennt. Die Sergeanten machen verdutzte Gesichter, wenn sie beim Durchzählen den Verlust entdecken. Die Wachen werden angeschnauzt und verfallen einem Strafgericht. Der Kommandant rast. ... So eine Flucht bringt eben Abwechslung und Spannung für alle." Andererseits wetteiferten die ausbrechenden Gruppen um den frühesten Fluchtzeitpunkt; jeder hielt seinen Ausbruchszeitpunkt geheim, denn die erste Gruppe hatte die besten Chancen. Vielleicht trug deswegen die Einigung zwischen den Gruppen um Harrer, Kopp, Aufschnaiter und Magener zum Gelingen ihrer Flucht bei. Ede Krämer, der im Vorjahr mit Kopp zusammen ausgebrochen war, erreichte diese Einigung nur unter Druck und auf Drängen Mageners, während sich alle anderen lange dagegen sträubten. Ede Krämer war ein damals in Asien bekannter und erfolgreicher Ringkämpfer, der im Lager die Ringergruppe leitete, zu der auch Hans "Hanne" Kopp gehörte. Rolf Magener beschrieb Ede Krämer: "Er besaß eine gewisse Schlüsselstellung im Lager, nicht nur als Anführer der Rabauken, sondern als Mittelpunkt aller unterirdischen Betriebsamkeit. Von ihm liefen die Fäden zur Außenwelt, da Inder und Tommies ihn gleichermaßen bewunderten; von ihm wurden auch die Lagerwerkstätten unsichtbar beherrscht, die geheimen Tips vergeben und manches Unternehmen ausgeheckt. Über die Handwerker erfuhr er frühzeitig von bevorstehenden Ausbrüchen, weil Schuster, Schneider und Schlosser bei der Anfertigung von Fluchtgerät mitwirkten." Alle aus der Fluchtgruppe, bis auf Sattler und Magener, hatten bereits einen oder mehrere Fluchtversuche hinter sich: Im Mai 1943 war Heinrich Harrer mit dem italienischen General Marchese ausgebrochen. Auch Peter Aufschnaiter und der Jesuitenpater Carl Calenberg hatten den Ausbruch gewagt, ebenso Ede Krämer und Hans "Hanne" Kopp. Kopp wird von Magener beschrieben: "Sein wuchtiger Brustkasten hatte ihm den Spitznamen `Geschwollener´ oder auch `Brust mit Beene´ eingetragen, weil seine Beine für den mächtigen Oberkörper zu schwach waren. Er war wohlgelitten, denn wohin er kam, trieb er seinen Ulk und hob mit ausgelassenen Streichen die Stimmung. Man hatte immer den Eindruck, daß er nach einem sehr schweren Gegenstand suche, um dessen Transport zu übernehmen. ... Angezogen war er auf Krawall. Mund und Herz saßen ihm auf dem rechten Fleck." Have war als Kaufmann in Batavia tätig gewesen, wurde dort von den Holländern interniert und vor der Landung der Japaner auf Java mit den anderen Deutschen aus Indonesien nach Britisch-Indien gebracht. Dabei unternahm er zusammen mit dem Hamburger Hans Peter Hülsen einen ersten Fluchtversuch, indem sie aus einem fahrenden Zug sprangen. Zunächst erfolgreich, wurden sie dennoch bald gefaßt. Ein zweiter Fluchtversuch der beiden endete kurz vor dem Erreichen der burmesischen Grenze mit dem Tod des Hamburgers. 1945 brach der deutsche Bergsteiger Ludwig Schmaderer aus dem Lager aus, gemeinsam mit seinem Kameraden Herbert Paidar. Sie gingen den gleichen Weg wie Harrer, Kopp, Aufschnaiter ein Jahr zuvor und gelangten nach Schipki. Weil Schmaderer sein Geld allzu offen zeigte, folgten ihm vier Bewohner des Ortes, schlugen ihn zusammen und warfen seine Leiche in den Fluß. Ein Tibeter, der dieses Geschehen heimlich beobachtete, brachte das Verbrechen an die Öffentlichkeit. Während einige nach mißlungenen Fluchtversuchen aufgaben (Krämer, Marchese) wollten andere daraus lernen: "Nun aber hatten wir die Pionierarbeiten geleistet, kannten die Wege und die Lebensbedingungen des Landes und waren ungleich besser in der Lage, Vorbereitungen für eine zweite Flucht zu treffen. ... Zahlreiche Partner boten sich mir an und steigerten die Angebote für meine Führung bis zu 5000 Rupien. Aber am Gelde lag mir nichts. Ich wollte bei meinem nächsten Abenteuer einzig wieder einen sportlich gut durchtrainierten, anständigen Kameraden bei mir wissen." Kopps Wahl fällt auf den Mittelstürmer Friedel Sattler, der ihm versprechen muß, sich ernsthaft vorzubereiten. Wieder fängt er an zu organisieren, legt Medikamente auf Seite und läßt sich vom Lagerarzt über deren Anwendung instruieren. Nach und nach wird die Ausrüstung aus dem Lager geschmuggelt und am Tonsfluß versteckt. Als klar wird, daß ein gemeinsamer Ausbruch für alle Vorteile bietet, plant man die Ausbruchsphase gemeinsam. "Ungelöst war noch das Problem des Herauskommens aus dem Lager. Die Flucht während eines Spazierganges schalteten wir von vornherein aus. Das hätte einen Parolebruch bedeutet, und im Falle des Nichtgelingens langjährige Haft oder Zwangsarbeit nach sich gezogen. Zunächst dachten wir daran, in der Nacht zu fliehen. Der Kommandant war für die Bewachung des Lagers nach Sonnenuntergang nicht verantwortlich, nahm daher auch eine nächtliche Flucht nicht besonders tragisch. Floh aber jemand bei Tag, gab es oft monatelang für die Internierten Ausgangsbeschränkungen und andere, fühlbare Vergeltungsmaßnahmen. Ganze Nächte beobachteten wir den Stand der Posten, ihre Gepflogenheiten und Bewegungen, ihre Ablösung und den automatischen Lichtwechsel der Scheinwerferlampen." Die Gefangenen durften auf sogenannte Paroleausflüge gehen, wenn sie zuvor einen Zettel unterschrieben, daß sie außerhalb des Lagers mit niemandem sprechen würden, keine Verkehrsmittel verwendeten und keinen Fluchtversuch unternehmen würden. Man respektierte die Fairneß der Engländer und hielt sich an das Abkommen, nutzte jedoch die Ausflüge, um zu trainieren, die Gegend für die ersten Marschtage möglichst gut kennenzulernen, um Ausrüstung herauszuschmuggeln und Depots anzulegen. Ein deutscher Arzt im Lager besorgte Arzneien, ein Handwerker fabrizierte einen langen Dolch aus einer alten Autofeder, ein Pater, der bei den Tibetern missioniert hatte, informierte über Gebräuche und Sprache der Tibeter und zeichnete Karten. Aufschnaiter und Harrer besaßen noch die Expeditionsbücher und Karten der Nanga-Parbat-Expedition und nutzten sie zur genauen Planung der Fluchtroute. Eine Gruppe bestand aus Rolf Magener und Heins von Have, eine weitere aus Peter Aufschnaiter und dem Salzburger Bruno Treipel, die dritte aus Hans "Hanne" Kopp und Friedel Sattler; Heinrich Harrer ging allein. Als Ausbruchszeit legten sie Ende April fest. Sie wollten das Lager als Reparaturkolonne verlassen. Harrer und Kopp schnitten 30 Meter Stacheldraht aus dem Zaun, wickelten ihn auf eine Rolle und stellten sich aus Bambus eine Leiter her. Ein Schneider hatte die Ausbrecher kostümiert: Magener und von Have sprachen ein ausgezeichnetes Oxford-Englisch und wurden als englische Offiziere ausstaffiert. Sie trugen eine Mischung aus entwendeten und selbstgeschneiderten Uniformteilen inklusive Offiziersstöckchen und Blaupausen des Lagers, die anderen gingen als indische Kulis. Je näher der Fluchtzeitpunkt rückte, desto größer wurden die Ängste: "Was fruchtet jetzt noch grübelndes Abwägen? Von Anfang an stand fest, daß Nachdenken über den Fluchtentschluß in Widersprüche verwickelt. Längst habe ich begriffen, daß zuweilen das Unverständige gerade deshalb getan werden muß, weil es das Vernünftige ist. Der Versuch soll entscheiden. Der entschlossene Versuch. Morgen." Während der größten Hitze und der Mittagsruhe, gegen zwei Uhr am 29. April 1944, war es soweit. "Ein letzter Blick in den Spiegel: Ein Inder, wie er leibt und lebt, sah mich an. Eine zerrissene Pyjamahose, ein schmutziges, ölbeflecktes Hemd, ein vorschriftsmäßig gebundener grau-weißer Turban, die Haut mit einer Permanganlösung braungefärbt, das Weiß der Augen durch Augentropfen bläulich getrübt und ein langer Schnurrbart, in langen Spitzen endend - das war meine vorzügliche Tarnung." Frech durchschritten zwei englische Offiziere mit fünf indischen Kulis das Lagertor, bepackt mit Leiter und Stacheldraht, Pinsel und Teertöpfen, in denen sich Teile des Gepäcks befanden. Niemand hielt sie auf. Kaum außer Sichtweite, entledigten sie sich der Tarnung und spurteten zu ihrem versteckten Gepäck. Harrer, Magener und von Have trennten sich nach kurzer Zeit. Harrer marschierte allein Richtung Tibet, Rolf Magener und Heins von Have, wollten mit der Bahn zur Burmafront und dann nach Japan. Die vier übrigen wollten gemeinsam nach Tibet: Aufschnaiter (damals bereits über vierzig) und Treipel trailten, dann folgten Kopp und Sattler. Schon auf den ersten Kilometern hatte Sattler Schwierigkeiten, sprach von einem Krampf in den Beinen. "Trotz meiner vielen Übungsmärsche vom Lager aus fehlten mir Ausdauer und der lange Atem der Bergsteiger." Kopp war da anderer Meinung: "Wie sich dann später herausstellte, war sein Versagen darauf zurückzuführen, daß er nie genügend trainiert hatte. Während wir mit schwer beladenen Rucksäcken voll Steinen die Berge hinauf- und hinuntergestiegen waren, um uns zu üben, hatte er, an einem Lagerfeuer im Tal sitzend, unseren Anstrengungen zugeschaut." Sie marschierten nur nachts. In zwei Wochen sollte der Weg zur tibetischen Grenze zurückgelegt werden, der Proviant war genau eingeteilt. Tags wurden Ausrüstung, Schuhe und Kleidung repariert und verbessert oder es wurde geschlafen, immer in der Angst, entdeckt zu werden. Die nächtlichen Märsche boten genug Gefahren: Begegnungen mit Bären, die Entdeckung, daß man sein Lager neben dem Loch einer Kobra aufgeschlagen hat, Stürze im Dunkeln an gefährlichen Hängen, Schluchtüberquerungen an einem Drahtseil hängend, das Durchwaten von Bächen auf glitschigen Felsen - alles im Dunkeln. Dörfer wurden heimlich durchquert: "Lange vorher lagen wir auf der Lauer und warteten ab, bis der letzte Schein eines Feuers oder einer Laterne verlosch. Bei solchen Gelegenheiten tauschten wir unsere benagelten Bergschuhe gegen leichte Turnschuhe aus und versäumten nie, vorher unsere Feldflaschen zu entleeren, um zu vermeiden, daß das Glucksen des Wassers einen Dorfbewohner aufweckte." Heinrich "Heini" Harrer trifft nach einigen Tagen wieder auf die anderen: "Sein unermeßlicher Ehrgeiz wollte es nicht zulassen, daß wir unter Umständen vor ihm die Grenze erreichten. So war er die beiden letzten Tage und Nächte ununterbrochen auf den Füßen gewesen. Nie mehr hat er uns ganz verzeihen können, daß wir ihm voraus waren." Harrer hatte eine andere Route nehmen wollen, sich aber verlaufen und fand erst nach Tagen zur ersten Route zurück. Sattlers Zustand verschlechterte sich, etwa eine Woche hielt er mühsam mit, war immer der Letzte. In Nelang (3410 m) bleibt er schließlich zurück. Er hat Dysenterie und leidet zunehmend an der Höhenkrankheit. Er verbarg seine Krankheit, so gut es ging, dann kümmerte sich Aufschnaiter um ihn. Fünf Tage lagerten sie dort, doch Sattler entschloß sich zur Umkehr, überließ sein Zelt, einen Teil seines Geldes und überflüssige Ausrüstung den Freunden. Kopp schilderte die Stimmung: "Die Gesichter waren verdrießlich und es schien, als ob der `Deserteur´ die anderen angesteckt habe." und "Sein Ausscheiden war zu verschmerzen, aber da er sein Geld wieder zurückbekommen mußte, gab das ein empfindliches Loch in unserer gemeinsamen Kasse." Harrer berichtete: "Sattler bekam leider einen Anfall von Bergkrankheit, er fühlte sich elend und den Strapazen nicht mehr gewachsen. Er entschloß sich zur Rückkehr, versprach aber, sich erst nach zwei Tagen zu melden, um uns nicht zu gefährden." Am 17. Mai 1944 erreichten die vier Flüchtenden den Grenzpaß Tsangtschok-La (5030 m). Die tibetischen Bevölkerung reagierte überwiegend mit Nichtbeachtung, Abweisung, Aggression. Man wollte sie nicht im Land haben, ergriff aber auch keine Maßnahmen, sie mit Gewalt abzuschieben. Zu hohen Preisen erhielten sie ranzige Butter und madiges Fleisch und erst, als sie versprachen, sich wieder Richtung Indien, nach Schangtse zu wenden, stellte ihnen der Gouverneur von Tsaparang vier Tragesel zur Verfügung und läßt sie ziehen: "Anfangs wunderten wir uns, daß man uns ohne jede Bewachung, nur in Begleitung eines Eselstreibers, wegziehen ließ. Wir kamen aber bald darauf, daß die in Tibet übliche die einfachste Überwachungsmethode der Welt ist, nämlich den Lebensmittelverkauf an Fremde nur gegen einen Erlaubnisschein zu gestatten." So landeten sie am 9. Juni wieder in Indien, diesmal am Schipki-Paß. Treipl sah sein Ziel, Japan, in immer größere Ferne rücken, hatte genug von Tibet und kehrte freiwillig ins Lager zurück. Aufschnaiter begleitete ihn ein Stück und schlug sich dann wieder nach Tibet durch, während Harrer und Kopp gemeinsam durch ein Seitental Richtung Tibet wanderten. Kopp und Krämer hatten bereits im Vorjahr ähnliche Erfahrungen gemacht. Seit Tagen waren sie schon hungrig marschiert und trafen dann auf Menschen: "Aber trotz unseres erbärmlichen Aussehens und des Hungers, der uns in den Augen geschrieben stand, ließen sie uns unbeachtet." Sie erhielten nicht einen Bissen, doch zeigte man ihnen bereitwillig den Weg zurück nach Indien. Die wochenlange Sorge um Nahrung, das Zwangsfasten und gleichzeitig lange Märsche belasteten nicht nur den Körper, sondern auch die geistige Verfassung. Kopp erinnert sich: "Zu reden gab es auch nichts mehr, wo es kaum etwas zu hoffen gab. Nur ein einziges Mal handelten wir zusammen. Das war, als dicht vor uns ein Tier, ich glaube, ein Hamster, vorüberhuschte und unter einem flachen Stein Zuflucht suchte. Wir stürzten zu der Stelle hin, hoben einen mächtigen Steinbrocken auf, schmetterten ihn mehrmals auf die Deckung unserer Beute, rissen das halbzerquetschte Tier aus der Erde und verschlangen gierig das rohe Fleisch. So seltsam das auch in den Ohren derer klingen wird, die nie erfahren haben, wohin der Hunger einen Menschen bringen kann - seit jener blutigen Mahlzeit fürchteten wir einander. Niemals in jenen grauenvollen Tagen marschierte einer vor dem anderen. Es war unerträglich, den "Feind" im Rücken zu wissen oder ihm durch Voraustritt irgendeine größere Chance einzuräumen. Schweigend taumelten wir nebeneinander her, immer auf der Lauer, das Messer griffbereit. Eine unbekannte Verwirrung bemächtigte sich unserer Gehirne. Das Zeitgefühl war erloschen, der Wahnsinn näher, als wir ahnten, und die Hoffnung auf Rettung ein Phantom." Was Wunder, daß Krämer diesmal nicht mehr mitmachen wollte. Kopp und Krämer gaben sich häufig als Ärzte aus, ebenso wie Harrer und Aufschnaiter ein Jahr später. Zur Legitimation genügte der Anblick der mitgebrachten Medikamente und Instrumente. Das Vertrauen der Bevölkerung ließ sich so rasch gewinnen, viele wollten behandelt werden. Sie erhielten kaum Geld, doch Nahrungsmittel und Unterkunft. "Besonders ein koloriertes anatomisches Bild des menschlichen Körpers erregte gewaltiges Aufsehen. Um einer Verschwendung unserer kostbaren Medizinen zu steuern, hatten wir uns selbst Mittelchen aus einem Mehlbrei bereitet, dem wir durch Atebrin und Salz Geschmack und mit Permanganat Farbe verliehen. Diesen schönen Brei rollten wir dünn aus und schnitten daraus Tabletten, die vorsichtig an der Sonne getrocknet wurden. Dann füllten wir unsere Wundertabletten in Original-Bayer-Ampullen, damit auch niemand auf den Gedanken kommen könnte, uns für Schwindler zu halten. ... Da wir kein ausgesprochenes Rheumamittel mit uns führten, kamen wir auf den Gedanken, Butter abzukochen und mit Hilfe einer Tablette Prontosil zu tönen. Die fette Soße gossen wir in eine bunte Leukoplastdose und ließen sie dort erstarren. Mit diesem Balsam massierten wir die schmerzenden Glieder kräftig. Der Erfolg war erstaunlich, denn schon nach einigen Behandlungen mit der Wundersalbe fühlten sich die Patienten bedeutend besser und bezahlten uns gern mit Butter-, Zamba- und Weizengaben." Am 24. Juni trafen Kopp und Harrer in Tibet wieder auf Aufschnaiter, doch während Kopp sich freute, war Harrer mißmutig und wollte zuerst nicht mit Aufschnaiter zusammen weiterziehen. Harrer dagegen betonte in seinem Buch, daß Aufschnaiter nicht mit ihnen weiterziehen wollte. Und obwohl sich die beiden nicht sehr zugetan sind, werden sie mehrere Jahre mehr oder weniger gemeinsam in Tibet verbringen. Bei Harrer werden Konflikte nicht thematisiert: Wo er im Landschaftlichen schwelgt, beschreibt Kopp Details im Zwischenmenschlichen. Wenn sich Harrer auf ein allgemeines "wir" zurückzieht, nennt Kopp Namen, legt den Finger auf offene Wunden, auf eigene Unzulänglichkeiten, nennt Disharmonien, Ängste und Mißgeschicke beim Namen. Harrer schönt an diesen Stellen, schweigt oder wird doppeldeutig, überspielt Mißverständnisse und Streit. Während er sagt: "...Aufschnaiter und Treipel waren etwas zurückgeblieben, Kopp und ich bildeten die Vorhut ..." , heißt das bei Kopp: "Leider war es in diesen Tagen dann und wann zu kleinen Mißhelligkeiten gekommen, so daß Harrer, als Aufschnaiter und Treipl am nächsten Morgen mit Kochen und Packen nicht rechtzeitig fertig wurden, sich dafür entschied, nicht länger auf sie zu warten." In Gartok erhielten unsere drei Reisenden erstmals einen Reisepaß für Tibet, der die einzelnen Stationen ihrer Reise auswies und für die Ausreise nach Nepal galt. Alle drei schworen, sich daran zu halten und brachen am 13. Juli auf. Mehrere Wochen waren sie nun unterwegs mit Norbu, ihrem tibetischen Begleiter und Aufpasser. Ihr Paß war gültig bis Gyabnak. Im nächsten Ort, in Tradün, wandten sie sich an den örtlichen Bönpo, den höchsten Beamten und handelten um die Erlaubnis, nach Lhasa ziehen zu dürfen. Sie erfuhren weder Ablehnung noch Zusage und durften einen Brief nach Lhasa schreiben, um ihr Anliegen vorzubringen. Sie erhielten eine Unterkunft, reichlich Lebensmittel und eine gewisse Bewegungsfreiheit. Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen Monate. Aufschnaiter hatte mittlerweile fast sein ganzes Geld verbraucht. Er kaufte sich von seinem letzten Geld einige Lastschafe und wollte mit ihnen ins Landesinnere ziehen. Doch schon in der ersten Nacht wurden bis auf eines alle von Wölfen gerissen. Als nach drei Monaten die Antwort eintraf, hatte sich Kopp bereits verabschiedet und war unterwegs nach Nepal. Harrer, der noch über genügend Geld verfügte, blieb mit dem erfahrenen und sprachkundigen Aufschnaiter zurück: "Harrer besaß jedoch bedeutend mehr als ich, und er bot mir an, gemeinsam zu wirtschaften. Ein kleines Einkommen hatten wir aus unserer ärztlichen Tätigkeit, wobei es allerdings keine sensationellen Erfolge zu verzeichnen gab." Das Schreiben gab ihnen immerhin die Erlaubnis, noch bis in den Ort Kyirong zu ziehen, nur acht Kilometer von der nepalischen Grenze entfernt. Das nutzten die beiden aus und blieben zehn Monate in Kyirong: "Einen guten Teil unserer Zeit und Energie verwendeten wir für die Beschaffung von Lebensmitteln zu optimal ausgehandelten Preisen und fürs Kochen. Ich muß sagen, daß ich eine solche Existenz gar nicht so unbefriedigend fand. Wir überlegten uns manchmal, wie wir hier einige Jahre verbringen könnten. Für jemanden, der in einer voll ausgefüllten Arbeit drinsteckt, wäre ein solches Dasein wahrscheinlich unvorstellbar gewesen und wäre als Abstieg angesehen worden, für uns jedoch war es besser, zumindest in dieser Weise zu existieren, statt über kommende Höllen brütend vor sich hinzustieren." Harrer und Aufschnaiter legten sich während ihrer Zeit in Kyirong ein Depot außerhalb des Ortes an, um für eine eventuelle Flucht im Falle einer plötzlichen Ausweisung gerüstet zu sein, denn sie wollten keinesfalls nach Nepal. Nachts stahlen sie sich, als "Tote" verkleidet, aus dem Dorf, denn die Einheimischen hatten Angst vor in der Nacht umherirrenden Gespenstern, und ergänzten ihr Depot. Kopp war die Warterei zu lang geworden. Er zog am 22. November 1944 über Mustang nach Nepal. Bis nach Pokhara kam er gut, ab dort erhielt er eine militärische Eskorte und Mitte Dezember erreichte er Kathmandu. Hier waren überall Engländer und trotz der offiziellen Neutralität Nepals wurde seinem Wunsch nach Asyl nicht entsprochen. Das entsprach einer Auslieferung. Am fünften Tag seiner Ankunft in Kathmandu empfingen ihn Maharadscha und Premierminister, bestätigten ihm aber nochmals die Ablehnung seines Asylantrages aus politischen Gründen. Am 25. Dezember wurde er wieder in Dehra-Dun eingeliefert. Im April 1945 wurde er dann zusammen mit allen, die bisher einen Ausbruchsversuch unternommen hatten, strafverlegt in das Lager Deoli, etwa neunzig Kilometer entfernt von Kotta. Alle Vergünstigungen, die es in Dehra-Dun gegeben hatte, fielen weg, eine erneute Flucht erschwert. Ende 1945 wurde das Lager aufgelöst. Nach zehn Monaten wurden Harrer und Aufschnaiter in Kyirong zur Weiterreise gedrängt; illegal brachen sie Richtung Lhasa auf. Sie erreichten Lhasa erst zwei Jahre nach ihrem Ausbruch aus dem Lager. 65 Pässe zwischen 5000 und 6000 Metern Höhe hatten sie in dieser Zeit überquert. Die eigentliche Reise und Flucht war damit abgeschlossen, denn in Tibet verbrachten Aufschnaiter und Harrer die nächsten Jahre und betrachten es als zweite Heimat. Magener und Have setzten auf Bluff und Menschenkenntnis statt auf Kondition und Ausdauer. Sie wollten, nachdem sich die ersten Aufregungen infolge ihrer Flucht gelegt hatten, als Engländer auftreten und die offiziellen Verkehrsmittel benutzen. Sie wirkten britisch, trugen Militär-Khaki, beherrschten die Sprache vorzüglich und hatten sich Soldbücher von zwei Soldaten gestohlen und präpariert. Aus englischen Gesellschaftsblättern hatten sie sich eine Legende zusammengebastelt, Namen von Truppenteilen und Offizieren auswendig gelernt. Sechs Tage versteckten sie sich in den Bergen und wagten sich dann zurück in die Ebene. 2300 Kilometer lagen vor ihnen bis nach Burma. Sie unterhielten sich ständig nur auf englisch, um gar nicht erst in einer zweiten Sprache zu denken. An ihrer Militär-Khaki-Kleidung hatten sie keine Rangabzeichen. Sie rechneten einfach damit, daß jeder annahm, sie seien vom Militär. Andererseits hätte diese Kleidung aber auch jeder Zivilist tragen können. Ebenso hielten sie es mit ihren gestohlenen Papieren: Sie würden sie gegenüber Zivilpersonen benutzen, nicht aber bei Kontrollen durch die Militärpolizei, um nach einer eventuellen Gefangennnahme nicht zusätzliche Strafen für die Benutzung militärischer Abzeichen und Papiere zu erhalten. Diese Methode funktionierte gut: mit dem Bus nach Saharanpur, mit dem Zug über Lucknow nach Kalkutta, auf der Straße, in Restaurants und Bahnhofshallen - nirgends fielen sie auf. Mit Glück rutschten sie durch eine stichprobenartige Kontrolle der Militärpolizei. Problematisch war allerdings die Übernachtung in der Großstadt: Die großen Hotels waren für Militärs reserviert; diese zu benutzen, fehlten ihnen die geeigneten Papiere. Die Hotels der Einheimischen wurden besonders intensiv von der Polizei kontrolliert, kamen also auch nicht in Frage. Schließlich landeten sie im YMCA, das zwar auch nur Inder beherbergte, aber keine Papiere verlangte. Mit dem Zug ging es weiter nach Goalanda Chat, dann mit dem Schiff nach Chandpur, alles ohne eine Kontrolle. Die erfolgte erst beim Verlassen des Schiffes: Alle Militärpersonen sollten an Bord bleiben. Have und Magener gehen selbstsicher auf die Militärpolizei zu und überzeugten diese durch Vorzeigen ihrer Zivilfahrkarten, daß sie nicht zum Militär gehörten: "Das war wieder so ein Streich nach Haves Geschmack. Er konnte dem Reiz der Lage nicht widerstehen ... Furchtlos, und ohne Nerven, mit einem unfehlbaren Instinkt für das gerade noch Mögliche, stand er immer über der Situation. Niemals habe ich ihn aufgeregt gesehen ... Hinterher sahen seine Abenteuer immer so aus, als habe er sie vorher genau durchkalkuliert." Nun stiegen sie um auf die Bahn nach Chittagong, mieteten dort einen einheimischen Führer, der sie auf seinem Sampan bis Cox´ Bazar ruderte, drei Tage und Nächte versteckt unter dessen Palmendach. Von dort schlugen sie sich nur noch des nachts durch, auf und neben den Straßen durch den Dschungel. Mehrmals liefen sie in den dunklen Nächten in Militärlager, durchquerten sie aber ohne aufzufallen. Immer wieder fanden sie sich in den gefährlichsten Lagen, vertrauten auf ihre Intuition, handelten, ohne zu planen, verließen sich auf ihr Gefühl. Zu vieles geschah zu plötzlich: Da wurden sie in der Nacht mehrfach mit einem "Stop" angerufen, hörten das Klicken der Gewehrsicherung in ihrem Rücken und gingen dennoch weiter - niemand schoß, niemand kam ihnen nach. Einen anderen Posten, der es wagte, sie nach ihren Papieren zu fragen, schüchterten sie dermaßen ein, daß der nur noch Entschuldigungen stammeln konnte. Dann wollten sie einen Ghurka-Posten umgehen, indem sie einen Hügel erkletterten. In der Mitte des Hangs lösten sich einige Felsbrocken unter ihren Füßen, der Posten guckte nach oben, die beiden winkten kräftig mit ihren Tropenhelmen, der Posten grüßte zurück und alle waren zufrieden. "Das Ungewisse, das Unbekannte war zu unserem eigentlichen Lebenselement geworden. Nirgends fanden wir sicheren Halt, nirgends eine verläßliche Größe, mit der wir rechnen konnte. Nur selten wußten wir genau, wo wir waren, und selbst dann, wenn wir eine bestimmte Örtlichkeit ausgemacht hatten, blieb uns unsere Lage in bezug auf unser Endziel unklar, denn wo dieses sich befand, konnten wir ja noch gar nicht angeben. ... Die Ereignisse waren auf wenige atemraubende Augenblicke zusammengedrängt, auf allerkleinste Zeiteinheiten, zwischen denen lange, qualvolle Pausen, große, leere Zwischenräume lagen. ... Jeder Augenblick konnte den ganzen Mann erfordern. Mit dieser Umstellung ging auch die Führung vom Verstand auf den Instinkt über; wir überließen uns unbewußten Reaktionen und Reflexbewegungen. Weil ununterbrochen neue Ereignisse auf uns einstürmten, wären wir ihnen alsbald nicht gewachsen gewesen, hätte nicht unsere eigene Natur durch einen Entlastungsmechanismus Abhilfe geschaffen. Er bestand einmal darin, daß das soeben Erlebte weit in die Vergangenheit zurückgestoßen wurde, beklemmende Eindrücke also ihre lähmende Nachwirkung verloren. ... Wir waren noch keine zwanzig Schritt an den Straßenposten vorbei, da waren sie schon aus dem Sinn und vergessen. Und zum anderen wurden wir gegen Gefahren zusehends unempfindlicher; immer gefährlichere Begebenheiten kamen uns harmlos vor ..." Ihr Weg führte sie durch Dschungel, Sümpfe, über Kanäle und Flüsse, bis sie am 31. Tag ihrer Flucht ahnungslos burmesischen Boden betraten. Japaner nahmen sie einige Kilometer hinter der Front gefangen. Die Freude, es geschafft zu haben, verflog bald, denn für die Japaner waren sie zunächst nichts anderes als englische Spione, und es dauerte Wochen, sie vom Gegenteil zu überzeugen: eine Zeit, die sie in bewachten Hütten, Gefängnis, Lager, Zuchthaus zubrachten. Diese Zeit war nicht weniger belastend als die Wochen zuvor: "Wir mußten uns daher, in dem Bewußtsein, daß das Samuraischwert noch immer über uns hing, in Lammsgeduld fassen - wir, die wir in Wahrheit keinen Funken Geduld mehr besaßen, vielmehr endlich die Früchte der Flucht genießen, uns bewegen, Leute sehen, Deutsche sprechen, kurz, wieder Menschen sein wollten." Doch weitere Wochen mit Vernehmungen im Hauptquartier der Kempetai schlossen sich an. Die Ernährung war dermaßen schlecht, daß ihnen büschelweise die Haare ausfielen, Schwerhörigkeit und Nervenschmerzen sich einstellten. Nach drei Monaten wurden sie der Presse vorgestellt, plötzlich, ohne Vorankündigung; man eröffnete ihnen, daß man ihnen nun glaubte, ohne den Umstand zu nennen, der den Gesinnungswechsel bewirkte, und schickte sie nach Tokio, endlich in die Freiheit. Leider teilt Magener nicht mit, wie sich die weitere Zukunft entwickelte. Das Beste, was man vom Reisen nach Hause
bringt,
ist die heile Haut.
persisches Sprichwort
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